Die Negerpuppe

24 Jun

Ich habe vor kurzem eine Mail bekommen. Der Absender entschuldigte sich im Vorfeld dafür, negative Kritik an meinem Roman äußern zu müssen, aber es gäbe da etwas, das ihm keine Ruhe lasse. In meinem Buch würde das „N-Wort“ vorkommen, und dann gleich zweimal. Ob das denn sein müsse? Dass er in Sachen N-Wort zwei und nicht fünfmal fündig wurde, verdankt er einem meiner Lektoren. Der fand das nämlich auch unschön und gemahnte zu politisch korrekter Wortwahl. Es kribbelte mich, das Tabu-Thema im Blog auszufransen.

In den Achtzigern hatte jedes polnische Kind eine “Negerpuppe”. Ihre Beliebtheit rührte wohl daher, dass sie recht billig zu produzieren war und man sie in jedem Kiosk kaufen konnte. Bewegungslos steckte sie in einem Folienbeutel, zwei schwarze Plastikschalen, so schlecht zusammengeschweißt, dass oft die Naht vom Kopf bis an den Unterleib sichtbar blieb. Der Produzent hatte der Puppe zwei blaue Äuglein reingedrückt, wie den anderen billigen Puppen auch, wen interessierte die authentische Augenfarbe, die Kinder pulten sie sowieso wieder heraus. Irgendwann lagen die Puppen löchrig im Sandkasten und wurden von Spinnen bewohnt. Farbe egal. 

Ich sehe keinen Anlass, mich zu rechtfertigen oder gar selbst zu kasteien. Meine literarische Figur ist acht Jahre alt und tauscht ihr “Negerpüppchen” gegen eine leere Haribo-Tüte. Auf Polnisch hieß so eine Puppe „Lalka Murzynek“ (Puppe Negerlein), und wie man an diesem Wort schon sieht, stammt es etymologisch nicht aus derselben Quelle wie “nigger”.

„Murzynek“ entspricht unserem „Mohr“ (von Mauren), aber wer kann sich schon was unter einer „Möhrchenpuppe“ vorstellen? Aus heutiger Sicht ist „Mohr“ natürlich auch eine rassistische Bezeichnung, aber was weiß ein Kind im Polen der 1980er Jahre über Rassismus und political correctness? Was wusste denn zur selben Zeit der durchschnittliche Deutsche darüber? Ich habe kein Sachbuch geschrieben, mein Ding ist vielleicht die Groteske, aber keineswegs die Utopie. Alles was gesagt und gedacht wird, spiegelt damalige Realitäten wider. Dem Autor die Ideologie seiner Figuren zu unterstellen ist ähnlich absurd, wie einen Schauspieler für seine Fehltritte in einer Soap zu schelten. Mehr gibt es über meine Wortwahl nicht zu sagen.

Interessanter ist da schon die Frage nach dem Rassismus der Polen in Vergangenheit und Gegenwart. Mit zurückhaltender Begeisterung stellen populäre Sachbuchautoren hierzulande fest, dass die Polen nichts von political correctness halten. Eine Randgruppe, über die man keine Witze machen dürfte, gibt es nicht, und wer postkolonialistische Kritik am beliebten Kindergedicht „Murzynek Bambo“ übt, wird bestenfalls belächelt. Linke, die so etwas lesen, quellen über vor Empörung. „Rassismus!“ lautet der vor moralischer Verachtung und Selbstgerechtigkeit triefende Vorwurf. Bei allem selbstzugeschriebenem Reflexionsvermögen wundert es bloß, dass die Geschichte des gescholtenen Polens nicht berücksichtigt wird und westliche Phänomene meinende Begriffe, die im westlichen Diskurs gebildet wurden, “Rassismus” zum Beispiel, fraglos auf eine (post-)kommunistische Gesellschaft übertragen werden.

Was man allzuschnell als Rassismus abstempeln könnte, war in Wirklichkeit Exotismus. In den grauen Betonlandschaften Polens konnte man von den „warmen Ländern“ nur träumen. Die, denen Staat und Geldnot das Reisen verwehrten, erfanden Orte wie die „Inseln Hula-Gula“, Paradiese jenseits der Landesgrenzen, wo Kokospalmen sich in den Ozean bogen und ulkig verkleidete Äffchen Südfrüchte in goldenen Schalen servierten. Soweit ich informiert war, hatten nur Märchenfiguren die Möglichkeit, nach Afrika zu reisen. Däumelinchen, auf dem Rücken einer Schwalbe, und „Koziolek Matolek“, der Ziegenbock mit dem roten Höschen.

Während wir Kinder aus Bilderbüchern von der Existenz einer rabenschwarzen Menschenrasse mit wulstigen Lippen erfuhren, deren Angehörige mit Speer in der Hand aus exotischem Gebüsch herausstierten, beklebten die Erwachsenen die Wohnzimmerwände mit Fototapeten, die ferne Ufer zeigten; ein körniger Traum, der in winzige Farbpunkte zerfiel, je näher man ihm kam. Bei all der Idealisierung war es kein Wunder, dass der „Mohrenkopf“ jedes Produkt aufwertete: Rosinen, Kakao-Kekse, Vanille-Eis.

Was hätten wir nicht alles dafür gegeben, einmal einen echten „murzyn“ zu sehen! Gut hatte es dieser Malinowski. Als Ethnologe war es ihm vergönnt, Bananenröckchen unter wild-nackten Brüsten wackeln zu sehen. Menschen, denen es gelang, einmal nach Westdeutschland zu reisen, erinnern sich heute nicht nur an die vollen Supermärkte und glatten Autobahnen, sondern auch an ihren „ersten Neger“, die Gebildeten unter ihnen daran, zum ersten Mal einen Menschen von dunkler Hautfarbe gesehen zu haben. Letztere haben vermutlich im westlichen Ausland studiert, hatten sich irgendwann an den Anblick des Dunkelhäutigen in der Bahn gewöhnt, kritische Filme und Bücher geschaut, andere Perspektiven kennengelernt. Die Polen hatten zu solchem Wissen bis 1989 keinen Zugang, weder praktisch noch theoretisch. Akademische Diskurse aus dem Westen wurden an polnischen Universitäten nicht rezipiert. Texte von sozialer Sprengkraft blieben unübersetzt, im Original konnte sie niemand lesen, man hatte in der Schule ja Russisch gelernt, nicht Englisch, nicht Französisch und schon gar nicht Deutsch. Das Wissen, das hier zu Veränderungen im Denken führen konnte, war in Polen lange Zeit blockiert. So erklärt sich der Exotismus während der sozialistischen Ära von selbst. Durch Unwissen. Mit Rassismus, der Überzeugung von der Minderwertigkeit einer Rasse und daraus resultierenden diskriminierenden Praktiken hatte dieses Phänomen wenig zu tun, nicht zuletzt, weil in Polen einfach keine Schwarzen lebten. Wer hätte sich da für wen einsetzen, wer vor wem fürchten sollen? Das Fremde und Unbekannte war so weit weg, so anders, dass man es nur als Fiktion behandeln konnte, die frei von politischem Bewusstsein war. So sehen wir in der 1984 entstandenen Kult-Serie „Alternatywy 4“ ein blackface, einen schwarz geschminkten Weißen also, der einen amerikanischen Austauschstudenten darstellen sollte. Niemand störte sich daran. Hinter dem dunkel geschminkten Gesicht steckte nicht die Absicht, sich als Weißer über Farbige lustig zu machen (wie im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre in den USA), sondern schlicht die Unmöglichkeit, einen „echten Schwarzen“ für die Rolle aufzutreiben.

 Heute sieht die Sache anders aus. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden in Polen die ersten Schwarzen gesichtet, und der Rassismus, den wir meinen, trat unleugbar in Erscheinung. Ein Beispiel ist die Beliebtheit eines TV-Witzes, bei dem ein Farbiger, meist Mitglied der Big Band auf der Bühne, auf „negerisch“ angesprochen wird und in perfektem Polnisch antwortet. Schock! Hund am Steuer! Ein Primitiver, der sich einer komplexen Sprache bedient! Ein weiteres, viel schlimmeres Beispiel ist, dass man in Polen seinem ärgsten Feind wünscht, seine Tochter möge einen Schwarzen heiraten. Das gilt als die größtmögliche Schande. Aus unserer Perspektive sind solche Phänomene schockierend, aber man darf nicht vergessen, dass sie auch mal in Deutschland „issue“ waren. So thematisiert Fassbinder 1974 in „Angst essen Seele auf“ die soziale Unerwünschtheit romantischer Verbindungen zwischen Weißen und Schwarzen, in den USA wurde die Problematik bereits 1967 in „Guess who’s coming to Dinner“ verarbeitet.

Fazit: Political Correctness ist kein Indikator für kulturelle und moralische Überlegenheit. Sie ist geschichtlich gewachsen, hier auf günstigem Boden, dort unter hemmenden Bedingungen. Alles braucht seine Zeit. Pauschale Verurteilung ist doof. Und ich kann meine Negerpuppe von damals nicht “afro-amerikanisch” oder “dunkelhäutig” nennen, zumal sie aus pechschwarzem Plastik war. Man kann die Vergangenheit nicht rückwirkend zensieren, ohne sie zu verfälschen.

21 Reaktionen auf “Die Negerpuppe”

  1. Pillepalle 24. Juni 2012 bei 19:16 #

    Fräulein Lantzsch, Kasse 4 bitte, Fräulein Lantzsch bitte!

    (Traurig, dass Du Dich überhaupt so wortreich rechtfertigen musst. Toll, dass aus der Not trotzdem wieder ein lesenswerter Text entstanden ist.)

  2. Lara 24. Juni 2012 bei 20:39 #

    Achja, das hatten wir vor kuzem doch mit der Kuttner. Ich sehe das so wie Du und, ganz wichtig, es kommt drauf an wer was aus welchem Grund sagt: wenn wie Du oder Sarah Kuttner eine Buchautorin der Popliteratur und/oder Twitterin so etwas sagt, ist doch klar was gemeint ist. Würde ein Politiker, Künstler, Schriftsteller oder Philosoph “Neger” sagen, wäre es etwas anderes. Also, kein Grund für Rechtfertigungen ;) Grüsse Lara

  3. Zarti 24. Juni 2012 bei 23:10 #

    Die Problematik der empfindlichen Gemüter hatte ich neulich auch in einem Artikel über, wie bereits in den Kommentaren angesprochen, eine Lesung von Kuttner. Sie berichtet auch über die Negerpuppe und ein Mann im Publikum fühlte sich davon offensichtlich so sehr angegriffen, dass er die Polizei rief. (Und dann gab es noch anderes Tamtam und Vorwürfe, aber das tut hier nichts zur Sache. Alleine, dass man deswegen die Polizei ruft, finde ich sehr überzogen.)
    Man sollte einfach deutlich unterscheiden, in welchem Zusammenhang der Begriff “Neger” fällt. Deutet jemand, ganz Klischee, mit Nazi-Tattoo auf einen Schwarzen (ich lernte von einem Afroamerikaner, dass sie nichts gegen den Begriff “Schwarze” hätten, obwohl natürlich empfindliche Seelen hier wieder anmerken können, dass manche Menschen offensichtlich auf ihre Hautfarbe reduziert werden) und nennt ihn voll Abscheu “Neger!” sehe ich da weitaus mehr Problematik, als wenn man, zurückblickend auf seine Kindheit, von Negerpuppen erzählt. Ich sehe auch keinen Sinn dahinter, dass Leute, die damit aufgewachsen sind, sich selbst zensieren sollen, nur weil ein Trend daraus entstanden ist, bei jeder, nicht astreichen Äußerung ein “Oh!” auszustoßen und zu dramatisieren. Ähnliches erlebe ich im Moment sogar in meiner Familie: Meine Mutter hat ihrer Enkelin eine Negerpuppe geschenkt, die einst meiner Schwester gehörte und die auch damit aufgewachsen ist. Meine Mutter schert sich natürlich nicht viel um die aktuellen Diskussionen – sie nennt die Puppe schlichtweg “Negerpuppe”. Meine Nichte, zwei Jahre alt, plappert das natürlich munter nach, während ihre Mutter davon weniger begeistert ist. In der Öffentlichkeit vermeidet sie, dass meine Mutter die Kleine auf die Puppe anspricht. Was sollen die Leute denn auch von der Familie denken, wenn ein zweijähriges Mädchen fröhlich “Negerpuppe! Negerpuppe!” schreit. Oh weh, am Ende sind wir Nazis, die die Sklaverei zurückwollen und wissen nichts davon. Nein, manchmal kann man echt empfindlich sein. (Ich wuchs in Bayern ja auch mit dem Begriff “Negerkuss” auf … aber das ist ein anderes Thema.) Vor allem in der Literatur haben solche Diskussionen nichts zu finden. Ich kann derartiges Tam-Tam nicht nachvollziehen und würde mir wünschen, man würde viel mehr gegen den richtigen Rassismus vorgehen, als allerlei Bücher nach dem bösen N-Wort durchzublättern.

  4. Thies 25. Juni 2012 bei 10:25 #

    Dazu passt dann auch das hier: http://dermachtdieworte.blogspot.de/2011/01/nigger-raus.html

    • silenttiffy 25. Juni 2012 bei 10:50 #

      Ja, das mit Huckleberry Finn ist eins meiner liebsten Beispiele und macht mich regelmäßig furchtbar zornig.

      Aber HAHAHAHAHAAH!!!! @ Bloglink! Großartig. Werde nicht mehr aufhören können, nach passenden Titel-Alternativen zu suchen!
      Schneewittchen und die 7 vertikal herausgeforderten, hahahaha!

  5. ihdl 25. Juni 2012 bei 12:39 #

    ich bin beim lesen deines romanes auch über die stellen gestolpert. ich finde die frage, ob das n-wort literarisch angebracht ist, wenn es im historischen kontext der figuren, in ihrem alltag, “normal” war, nicht so einfach, wie die feixenden kommentare hier und im fall kuttner den anschein machen und habe überlegt, wie ich damit umgehen würde.

    bei älteren werken (huck finn, pippi langstrumpf) kommt es meiner meinung nach an, wie das buch kontextualisiert wird. beide figuren sind ja widerständige junge helden und werden auch heute so rezipiert, trotz der gehörigen portion rassismus, die ihre geschichten transportieren. ich finde es wichtig, das zu benennen und den leser_innen heute auch deutlich zu machen. das bedeutet aber etwas anderes als den orginaltext umzuschreiben und damit das problem der rassistischen benennung umgehen zu wollen.
    eine ähnliche strategie hätte auch in deinem text funktionieren können. die puppe als “afro-amerikanisch” zu bezeichnen wäre unsinnig und falsch. den rassistischen begriff durch einen nebensatz, eine fußnote oder im schlusskommentar (den dein buch ja ohnehin enthält und der ja auch etwas über deine position als autorin verrät) zu kontextualisieren und problematisieren wäre möglich gewesen. der begriff hätte dann auch nicht ausgeschrieben werden müssen.

    mit dem wissen, dass deine leser ja nicht mit der naivität des 8-jährigen mädchens gesegnet sind, sondern dass es sich dabei um deutschsprachige leser_innen ab 2012 mit und ohne migrationsgeschichte und mit und ohne rassismuserfahrung handelt, wäre das eine mögliche poltische strategie gewesen. denn es geht meiner ansicht nach darum die reproduktion rassistischer sprache und bilder, auch in scheinbar harmlosen texten, zu unterbrechen, weil diese entmenschlichend sind.

    beim lesen deines blogposts hatte ich den eindruck, dass du davon ausgehst, dass rassismus nur dann am werke sein kann, wenn schwarze/poc anwesend ist. weißsein bleibt darin die unmarkierte kategorie. diese annahme zu dekonstruieren, darum geht es in der der kritischen weißseinsforschung. wir sind als weiße subjekte durch weißsein konstituiert, auch wenn es keine people of color in der nachbarschaft gibt, die direkt rassistisch diskriminiert werden.

    ich fand dein buch unter anderem auch deshalb so lesenswert, weil es mich zum nachdenken über whiteness und otherness angeregt hat.
    nämlich zum einen mit der frage, welche funktion exotismus einnimmt: mein exotismus gegenüber spätaussiedler_innen (der ein teil meines lesegenusses ausgemacht hat) und dem von dir beschriebenen habitus sowie der exotismus, den die protagonistin auf den kapitalistischen westen projeziert und dessen verwobenheit mit einem kolonialistischen exotismus (im westen gibt es die wahren der großen weiten welt).
    zum anderen bezüglich der frage, wer auf welche form von integration durch assimilation setzen kann. da fand ich es ganz interessant, wie du die figuren der türkischen mitschülerin und der anderen spätaussiedlerin in der klasse mit ihrer mutter einsetzt (habe gerade den originaltext nicht zur hand um die namen nachzuschlagen).

    zum exotimus wäre noch zu fragen, wie du die verbindung zwischen beiden siehst? man muss sich doch fragen, warum der exotismus sofort in rassismus umschlägt, sobald people of color nicht mehr nur als repräsentationen auf konsumgütern vorkommen. ich denke, dass exotismus und rassismus hier ganz eng verwoben sind, in dem der exotismus das andere an seinen platz verweist (es ist begehrenswert und reizvoll, aber es darf nicht “zu uns” kommen).

    ich hoffe, dass ich deutlich machen konnte, dass die kritik auf etwas anderes abzielt als das darstellen einer “moralischen überlegenheit”. meines erachtens geht es um ein nachdenken über die verantwortung weißer autor_innenschaft.

    • Gregor Keuschnig 25. Juni 2012 bei 14:32 #

      den rassistischen begriff durch einen nebensatz, eine fußnote oder im schlusskommentar (den dein buch ja ohnehin enthält und der ja auch etwas über deine position als autorin verrät) zu kontextualisieren und problematisieren wäre möglich gewesen. der begriff hätte dann auch nicht ausgeschrieben werden müssen.
      Das ist der Anfang vom Ende des Begriffs des sogenannten “mündigen Lesers”, der mit allen nur halbwegs (oder dann vollwegs) schwierigen Begriffen mit Fuß-, End- oder sonstigen Haltungsnoten kujoniert werden muss. Letztlich dienen solche Versicherungen nur der eigenen Wohlgefälligkeit. Man stelle sich Romane wie “Lolita” oder “Der Idiot” mit entsprechenden Bemerkungen vor. Womöglich gleich mit Glossar der “bösen” Begriffe und Distanzierung. (Zum Ausgleich der revolutionären Gestus schreibt man dann alles in Kleinbuchstaben.)

      Das ist alles derart lächerlich, dass man eigentlich keine Worte hierüber verlieren sollte. Warum dann nicht gleich ein Wahrheitsministerium? Man stelle sich die Arbeitsplatzbeschaffung bisher arbeitsloser Germanistiker vor, die die ganze Literatur auf den jeweils aktuellen Korrektheitsduktus übertragen.

      • durst 25. Juni 2012 bei 14:35 #

        +1(00)

      • Kiki 25. Juni 2012 bei 18:39 #

        +1

      • Thies 3. Juli 2012 bei 09:37 #

        “mit dem wissen, dass deine leser ja nicht mit der naivität des 8-jährigen mädchens gesegnet sind, sondern dass es sich dabei um deutschsprachige leser_innen ab 2012 mit und ohne migrationsgeschichte und mit und ohne rassismuserfahrung handelt, wäre das eine mögliche poltische strategie gewesen. denn es geht meiner ansicht nach darum die reproduktion rassistischer sprache und bilder, auch in scheinbar harmlosen texten, zu unterbrechen, weil diese entmenschlichend sind.”
        Mit dem Wissen, dass die Leser eben nicht naive 8-Jährige sind, bin ich schwer dagegen, jede Pointe, jeden Hintersinn und jeden noch so möglicherweise missverständlichen Hinter- und Nebensinn erklärt zu bekommen bzw. zu erklären. Wenn ein Text mir das denken abnimmt, dann will ich ihn nicht lesen.

    • HansMartin 2. Juli 2012 bei 13:36 #

      Exotismus is ja ne witzige Wortschöpfung. Die aber verdammt schnell zum Ärgernis wird, wenn man sie 10 mal ganz schnell nacheinander sag.
      Das geläufige und damit richtige Wort lautet: Exotik.

  6. Huck 25. Juni 2012 bei 23:18 #

    Der historische Huck Finn war natürlich ein Rassist erster Kajüte, da lässt uns die Geschichte keinen Freiraum.
    Neger ist vom Konzept her schon eine derart absurde Bezeichnung für einen Menschen im Besitz einer eher stark pigmentierten Hautfarbe, dass ich große Lust verspüre ständig Neger vor mich hin und her zu singen. Neger!!! Gäbe es wenigstens ein adäquates Pendant für die blassen Kreaturen auf dieser schnöden Welt, okay, aber so…
    Diese schwere Entscheidung, niemanden zu verletzen, nicht als Rassist dazustehen, politisch immer alles fein zu machen für Leute die auch von Speakerinnen schreiben, das ist indes nicht einfach. Wenn man seinen Kinder rechtzeitig, sobald Sie über Raff verfügen, den Begriff erklart und deutlich macht, wie töricht und (achtung aufgepasst) spastisch das Wort ist, dann ist schon mal ein Schrittchen getan.
    Und vielleicht… Neger… als ich klein war, dachte ich immer es heißt ‘Negerschnitzel’ weil doch die Soße zum Schnitzel braun ist. Man hat mich rechtzeitig vor meinem Eintritt in die SPD im Jahre 1983 aufgeklärt und ich habe mich fortan entschieden Respekt vor Menschen… usw… Neger ist aber auch wirklich ein lustiges Wort. Adorno, die Sau, der hat auch immer Negermusik gesagt, brecht ihm die Beine!!! Nun also das nächste Negergate? Empörte empört Euch!

    • Thies 12. Juli 2012 bei 11:33 #

      “Negerschnitzel”
      Wow, was für ein Verhörer.
      Aber was ist mit dem Zigenerschnitzel?
      Heißt das jetzt bzw., darf das überhaupt noch irgendwie heißen?

      Ich zitiere Alexandra (http://www.youtube.com/watch?v=3-GftsnDuyw) :
      “Zigeunerschnitzel, Zigeunerschnitzel,
      wo bist du geblieben…”

  7. Steffi 25. Juni 2012 bei 23:35 #

    Ich hatte auch eine Negerpuppe. Ich hatte sie sehr gern.

  8. bartmeise 26. Juni 2012 bei 15:10 #

    Oh Gott, hat dieser Artikel wirklich schon gereicht, um @silenttiffy mit Sarah Kuttner in einem Topf zu werfen à la “Was gesagt werden muss”!?

    Ich muss zugeben, dass auch ich beim Lesen über die polnische Puppe in question gestolpert bin. Hätte Ola nicht einen Nebensatz zur Absurdität der zwei eingetüteten, blauäugigen Plastikhälften verlieren können?

    Ich finde auch nicht, dass es hier um ein Tabu geht. Es gibt 1000 Artikel und Videos von People of Colour, die erklären, warum es scheiße ist, das sog. N-Wort zu benutzen. Daher sehe ich keinen Grund, sich zu rechtfertigen, warum man es es Weiße_r doch benutzen will oder auf die Benutzung zu bestehen.
    Wenn Ola es im von antirasstischer Bildung abgeschnittenen Polen der 1980er Jahre sagt – gut, aber muss es denn wirklich so – von der Erzählerin – unkommentiert im Buch stehen? Andere Dinge werden auch erklärt.

    Die Zeilen über den Rassismus in Polen, der sich als scheinbar harmloser “Exotismus” äußert, finde ich sehr interessant. Es erklärt manches, aber ich hätte mir eine kritischere Haltung von der Autorin gewünscht.

    • christoph 26. Juni 2012 bei 19:25 #

      Bartmeise, die Autorin ist vermutlich (ebenso wie ich) darüber erstaunt tatsächlich den Ignoranten erklären zu müssen, dass die Worte Neger und Mohr, ebenso wie ein sehr simples Afrika-Bild im Polen der 80′er (übrigens auch in Ostdeutschland, oh Schreck!) der Alltag waren. Wie blauäugig seid ihr denn bitte? Zu der Zeit, dort, hat niemand von People of Color gesprochen. Das sollte jawohl auch jedem klar sein.

      Und wenn die Erkenntnis dann eingesunken ist, machen wir uns an die nächste: Auch heute gibt es in Deutschland mit Sicherheit mehr Leute, die Neger sagen statt PoC. Es sind auch nicht alles Rassisten. People of Color ist in dem Zusammenhang sowieso das allerdümmste Wort. Polen kannten ja PoC, wie zB Zigeuner, deren Diskriminierung normal war. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14340718.html)

      Das einzig kritische an dem ganzen Schwachfug ist hier die gleichsetzung von PoC mit Schwarz, was ja so gar nicht im Sinne des Erfinders ist.

    • christoph 26. Juni 2012 bei 19:26 #

      Und noch ein Zusatz:
      “Das N-wort” ist Nigger (englisch: Nigger.). Nicht Neger (englisch: Negro.) Großer unterschied.

    • thegurkenkaiser 3. Juli 2012 bei 18:09 #

      schließe mich Bartmeise und ihdl an. der punkt ist ja, dass ein wort, das damals “normal” war und heute rassistisch ist, damals auch rassistisch war, den es waren ganz normal rassistische zeiten. deshalb hätte ich mir einen reflexiveren, verkrampfteren umgang gewünscht. ihdl bringt das ganz gut auf den punkt.

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