Kick mich – Der Shitstorm um Julia Schramm
17 Sep
Den ersten Verriss von Julia Schramms Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin fand ich heute Morgen in der Süddeutschen. Wie das mit Grantelbesprechungen so ist, fühlte ich mich von den harschen Worten ganz gut unterhalten. Wenig später wurde mir ein Link zur vernichtenden SpOn-Kritik zugespielt, und die Lust am Verriss wich wachsendem Unbehagen über den “Eintopf”, der da zur Kräftigung der Niederträchtigen zusammengebraut wird. In der Einleitung wird der Kollege aus dem Kulturresort zitiert: „Ist nichts für uns“, soll er abfällig gesagt haben. Schülerzeitungsniveau wird dem Buch attestiert, ein Urteil, das Ausschluss bedeutet von allem „Ernsten“, Relevanten, von Kultur im feuilletonistischen Sinn.
Die Vertreibung aus der Sphäre des Bedeutungsschweren wird vor einer großen Öffentlichkeit inszeniert, als wäre Julia Schramm dort einmal zuhause gewesen. Dabei ist doch nicht nur anderen, sondern auch ihr selbst bekannt, dass sie ein liebes Plauderluder ist, das vielleicht allzu selbstbewusst in die Welt schüttet, was ihr Kopf gerade hergibt. Die Sau wird sozusagen von außerhalb geholt, um sie durchs eigene Dorf treiben zu können. Wer Julia Schramm aus dem Internet kennt, wird von ihrem Buch aber kaum erzählerische Finesse, philosophische Schwere oder scharfsinnige Gesellschaftsdiagnose erwartet haben. Wer sie nicht kennt, wird durch die frivole Aufmachung des Covers bestimmt nicht in die Irre geführt. Warum also diese Gehässigkeit, diese lustvolle Grausamkeit am Tritt nach unten?
Während ich darüber nachdenke, sehe ich, dass es bereits zwei Amazon-Rezensionen gibt. Mit jeweils einem Stern wird das Buch abgerichtet, und was mich daran am meisten beeindruckt, sind die Speedreading-Skills der Verfasser, die uns nur wenige Stunden nach Veröffentlichung an ihrem Hass teilhaben lassen. Inzwischen ist mir eingefallen, dass der auf Spekulationen beruhende Vorschuss von 100000 Euro in nahezu jedem Artikel über Julia Schramm, der in den letzten Wochen an mir vorbeiflog, prominent Erwähnung fand. Natürlich, der Neid. Der hohe Vorschuss ist die eigentliche Frechheit, die Provokation, die das Gerechtigkeitszentrum zum Schäumen bringt, und die Rechtfertigung für Kritik, unsachliche Kritik und asoziale Kritik unter die Gürtellinie. Wem einfach mal so viel Geld zufliegt, tut allen weh, die glauben, die ehrlichere Arbeit zu leisten. Da soll der Gesegnete zur Strafe kräftig bluten. Und ist es nicht schön, dass man im Internet Steine werfen kann, weil man in der Anonymität ohne Sünde ist? Das ist der Zauber des Shitstorms. Diese befreiende Entladung! Die Kraft, die man aus der kollektiven Empörung schöpft, diese Wut, die für einen Moment die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben betäubt.
Nicht jeder wird meinen Vorwurf auf sich sitzen lassen wollen. Schließlich muss Kritik möglich sein, die ja eine legitime und notwendige Institution ist, nicht immer ist Neid der Antrieb, überhaupt will sich jeder, der im Auftrag von Kultur und Bildung die Spreu vom Weizen trennt, nicht von niederen Beweggründen getrieben wissen. Aber diese Kritik verfehlt meiner Meinung nach ihr Ziel, wenn sie sich an der Person Julia Schramm und der Seichtheit ihres Werkes abarbeitet. Woche für Woche erscheinen schlechte Bücher. Aus den schlechtesten werden Bestseller gemacht. Wer schreibt diese schlechten Bücher? Und warum? Was fällt ihr/ihm eigentlich ein?
Die schockierende Wahrheit ist: die Idee zu einem Buch hat heutzutage selten der Autor. Der Autor kann von seiner Autorschaft regelrecht überrascht werden. Agenturen sprechen Blogger an, Menschen, die wegen irgendwas im Rampenlicht stehen, Persönlichkeiten, von denen sie sich irgendwas versprechen. „Hören Sie mal, Sie sind doch der Blogger, der Mini-Quadrocopter aus Borkenkäfern macht. Haben Sie Lust, ein Buch über Wälder und Technik zu schreiben? Wälder trenden ja schwer in letzter Zeit, und mit Technik kann man die Internetleute ködern. Also?“ – könnte man eines Tages von einer Agentur gefragt werden. Stellen wir uns vor, wir sind dieser Blogger und man hat uns soeben angeboten, ein Buch zu veröffentlichen. Ein Buch! Mit unserem Namen vorne drauf! In einem echten Verlag! Für Geld! Würden wir widerstehen können? Selbst, wenn wir genau wüssten, dass wir weder von Wäldern noch von Technik sonderlich Ahnung haben? Kann man sich ja notfalls anlesen. Will man glauben. Es geht schließlich um ein Buch. Ein eigenes Buch! Ja, der Glaube an den Glanz der Autorschaft ist genauso unausrottbar ist wie der Glaube an das Buch als Kulturgut. Die Verlage wissen das. Darum finden sie für jedes Thema einen Autor und drehen uns jeden Scheiß an, der sich im Plauderspektrum des Alltäglichen bewegt. Wir kaufen es nicht nur, weil das Format “Buch” Ansehen genießt, sondern weil wir so gerne über uns selbst lesen: wie wir Urlaub in Italien verbringen, 30 werden, Yoga machen, uns über die Bahn ärgern und eben auch Twitter nutzen. Autoren ohne literarische Ambitionen schreiben einfach auf, was wir im Rahmen unserer gewöhnlichen Existenz erleben, sie nehmen uns die Arbeit der schriftlichen Selbstreflexion ab. Das ist gefragt. Oder es wird behauptet, dass es gefragt ist. Wen solche Formen ärgern, sollte sich jedenfalls an die Verlage wenden. Sie schaffen die Stoffe, präsentieren sie, verteilen Vorschüsse, lächerlich hohe und skandalös niedrige. Der Autor fügt sich nur der Gelegenheit, die sich ihm bietet. Weil er nicht ahnt, dass es ihm gehen könnte wie Julia Schramm. Eines dürften wir gemeinsam mit ihr gelernt haben: Über Vorschüsse spricht man nicht. >:-/
Ein nachträglicher Disclaimer: Ich kenne Julia Schramm nicht persönlich, auch im Internet habe ich zu ihr keinen Kontakt. Was ich über sie weiß, ist wenig. Das Buch habe ich nicht gelesen, nicht einmal die Leseprobe, und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht so. Daher will ich meinen Text hier auf keinen Fall als Verteidigung der Autorin verstanden wissen.


Nach der Definition des Artikels ist quasi niemand mehr für irgendetwas verantwortlich: Bei einer Fernsehsendung veralbert worden? Der böse Sender ist schuld! Mieses Buch geschrieben? Aber der Verlag hat doch so viel Geld gezahlt! Schrott gebloggt? Aber die Gelegenheit bot sich an und Klicks gab es dafür auch!
Ganz ehrlich: Hier scheißt jemand in seinem Handeln auf Prinzipien, die er selbst aufstellt und politisch vertritt, weil sie populär sind (böse Content-Mafia) und nutzt die Plattform “junge, politische Partei”, um 100.000 Euro für einen Buchvertrag einzusacken, obwohl er das Urheberrecht “ekelhaft” findet. Raus kommen irgendwelche Schulkindaufsätze und Chatprotokolle, Gedanken, die die Autorin selbst gerne mal mit großen Philosophen vergleicht (wtf?). Mein Mitleid über die (sehr berechtigte) Kritik an all dem hält sich deutlich in Grenzen, alleine die Form “Shitstorm” kann man natürlich kritisieren.
Richtig, was ich kritisiere, ist die Form. Ich wollte aber in erster Linie darauf aufmerksam machen, dass in der Kritik der Neid kräftig mitrührt. Als Autorin bin ich selbst von Anfeindungen betroffen, daher besonders sensibilisiert und krawallisch gebürstet auf “Kritik”, hinter der sich pure Missgunst verbirgt.
Ein nachträglicher Disclaimer: Ich kenne Julia Schramm nicht persönlich, auch im Internet habe ich zu ihr keinen Kontakt. Was ich über sie weiß, ist wenig. Das Buch habe ich nicht gelesen, nicht einmal die Leseprobe, und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht so.
Daher will ich meinen Text hier auf keinen Fall als Verteidigung der Autorin verstanden wissen.
Ich verfolg das ja mit den Büchern von Internetmenschen. Und bei “ernsthafteren” Twitter-Autoren auch bei dir, habe ich noch nie “Neid” oder ähnliches in dem Ausmaß gesehen, im Gegenteil auch viel, viel Lob. Zu Recht, meistens.
In dem Fall hier gehts wohl wirklich eher um a) Die Person Julia Schramm, die für Geld/Aufmerksamkeit permanent ihre eigenen Ideale und wichtigen Positionen von gestern verscherbelt und sich dabei als große Denkerin inzeniert und b) darum, dass das Buch absolut grottenschlecht ist (wovon sich jeder ein Bild machen kann, der Link kursiert natürlich längst auf Twitter, wie es die Piraten fordern – freie Information, Filesharing und so, das hilft doch dem Autor ;)…).
Ich stimme normal zu, dass Geldbeträge in Deutschland vor allem immer zur Neidanstachelung genannt werden. Allerdings hat Frau Schramm auch immer gerne allgemein gegen Kapitalismus und gegen “reiche” Künstler gehetzt.
Jetzt profitiert sie von der kapitalistischen “Bekanntheitsgrad= Geld” Methode und verdient durchaus mehr als ein Künstler, der ihrer Meinung sonst doch vom Bedingungslosen Grundeinkommen leben sollte.
Sie ging teilweise sogar so weit zu sagen, dass wahre Künstler am Hungertuch nagen müssen und außerhalb der Gesellschaft stehen, um so die besten Gesellschaftskritischen Stücke zu schreiben.
Hätte sie das Buch piratenmäßig kostenlos ins Internet gestellt hätte man vielen Kritikern viel Wind aus den Segeln genommen und sie hätte fantastische Argumente in zukünftigen Urheberdebatten gehabt, so wird aber jeder Künstler auf sie zals erstes zeigen, wenn die Piraten das Copyright verädern wollen.
Wenn ein Künstler über Beteiligung am Erfolg Millionär wird habe ich keinerlei Probleme damit, wer allerdings dagegen Stimmung macht und dann selbst die Hand aufhält…
Ps: Dass das Feuilleton vor allem ein Verkaufsmarkt eitler, alter Männer ist sollte doch klar sein (die gerne mal Rezensionen bewerten nach den Verlägen für die sie schreiben und für die verhasste Kollegen schreiben). Wer ein Buch rausgibt muss aber eben auch mit inhaltlicher Kritik leben können. (Man sollte das Feuilleton aber absolut nicht ernst nehmen)
Ok. Das ist Hintergrundwissen, das ich nicht hatte. (s.o.)
nur eine bescheidene Frage: muss jede(r) jederzeit immer ein Buch schreiben? Hmmmm…..
und
muss jedes Buch gut/positiv besprochen werden? kann mal die ‘Kritikercommunity’ nicht auch geschlossen ‘verreißen’?
Jeder kann/darf selbst (nach)lesen und feststellen: stimmt oder stimmt nicht
Muss jeder ein Buch schreiben? Nein. Will jeder ein Buch schreiben? Ich denke, das wollen ziemlich viele. Und die Verlage lassen mittlerweile auch jeden schreiben, der sich selbst für mitteilenswert hält. Das ist ja das Elend. :-/
Es geht doch nicht um Glaubwürdigkeit, die hat Julia Schramm schon lange verspielt, bzw nie gehabt.
Sie hat ein schlechtes Buch geschrieben, bzw. die ersten 50 Seiten sind schlecht. Länger habe ich nicht durchgehalten. Diese 50 Seiten sind allerdings so schlimm, dass mir dazu kein Vergleich einfällt. Das Buch bekommt die Rezensionen, die es verdient und die arme Julia wird dafür ja auch nicht schlecht entschädigt.
Sie braucht sich auch nicht über die Kritik am Buchvertag beschweren. Wer mit harten Worten und extrem zugespitzt das Urheberrecht kritisiert, muss damit leben an diesen Worten gemessen zu werden. Sie hat diese krasse Zuspitzung bewusst gewählt, um Aufmerksamkeit zu erregen und sich zu profilieren. Niemand hat sie gezwungen sich als Populistin zu inszenieren und den Shitstorm hat sie selbst zu verantworten. Wasser predigen, Wein Trinken usw.
Liebe Tiffy, da muss ich widersprechen. Es geht hier einmal schlichtweg um Politik oder vielmehr wie die etablierten Medien Politik machen (statt drüber zu berichten), denn Schramm sitzt ja im Piraten-Vorstand und viel wichtiger, es geht keinesfalls um Neid: Julia Schramm hat sich seitdem sie letztes Jahr als völlig unbekannte Piraten das Spon-Interview machte selbst sowas von ins Aus geschossen. Nur soviel: sie ist die Grossmeisterin in Lügen und im Beleidigen.
Mal davon abgesehen: ich habe das Buch schon durch und es ist tatsächlich nicht nur unfassbar schlecht, es ist nicht einmal zu bewerten. Das macht ziemlich sprachlos, dass ein riesiger Verlag wie Bertelsmann so etwas veröffentlicht und mit so viel Geld bezahlt. Da mache ich mir Gedanken wie es um die literarische und kreative Welt eigentlich so steht…
Grüsse Lara
“Das macht ziemlich sprachlos, dass ein riesiger Verlag wie Bertelsmann so etwas veröffentlicht und mit so viel Geld bezahlt. Da mache ich mir Gedanken wie es um die literarische und kreative Welt eigentlich so steht…”
Und genau deswegen plädiere ich dafür, die negative Energie, die für Shitstorms draufgeht, auf die Verlage zu richten, die eben ganz großen Scheiß mit ganz großem Geld entlohnen. Und umgekehrt: denen echte Literatur / ordentliche Sachliteratur so viel wert ist, dass die guten Autoren kaum Anreiz haben, mehr davon zu schaffen.
Dass das Buch von Julia Schramm unfassbar schlecht ist, glaube ich gern. Aber darum ging es mir nicht.
Es geht nicht darum, dass Julia Geld verdient. Zu kritisieren ist aber, dass sie dafür ihre Macht und Oligopole missbraucht. DRM (Digital Restriction Management) unterdrückt andere Autoren.
Bei Kritik von fragwürdigen Geschäften gleich das Neidargument herauszuholen ist billig. Oder verhaftet die Polizei den Juwelendieb auch nur, weil sie neidisch auf seine Klunker ist?
Schalom Silentiffy,
Du hast total unrecht, finde ich.
Und ich finde, ich bin FriedensFamilien-Feminist.
Also – es wäre wunderbar, wenn vor allem Frauen ne Weile das Sagen hätten und nicht nur Sägen aushalten oder durch Schleimen sich aushalten lassen müßten.
Von A.felia bis Z.eitrafferin sind alle Talente den Stream hinuntergegangen, weil sie nicht – wie zB der technisch ganz gute Simmel – 2-20 Kritiker ganz ernst genommen haben… und mit denen sich selbst entwickelt haben.
Hey, die ganze Welt wartet auf die PiratenPartei, daß die mal KONZEPTionell was zustande bekommt – und dann kommt Ego-despotischer Dünnschiß.
Hey, die ist im #BuVo der #Piraten!!!
Und die BRÜLLT ANDERE FRAUEN NIEDER… angefangen zB bei deuxcvsix und wem immer.
Ergebnis: ein LMVB-LaVo, der als HerrentagsRunde noch ein Lacher wäre.
So einfach machen Verlage die sie kritisierenden Piraten fertig, indem Zeitrafferin und Afelia von Schirrmacher einge-faz-t werden, und jene Julia nun auch jede geistige Unschuld verloren hat.
Andersrum: der Kapitalismus killt seine Kritiker.
Mit KollateralKonsum. Zum Beispiel dieser TotenErklärung auf die von SeipenBusch und vielen anderen ehrlich begonnene Partei.
Gestern war TodesTag mit LaVo-B, Heute sang die MedienMafia dazu das TodesLied, von der sich selbst ans Kreuz Tastatur-nagelnden Julia S.
Oh – Schana Tova! Schönes Neues Jahr, salomon
“Wer sie nicht kennt, wird durch die frivole Aufmachung des Covers bestimmt nicht in die Irre geführt.”
Woher nimmst Du die Gewissheit? Das Kalkül schreit einen doch förmlich an. Und bestimmt nicht aufgrund schlechter Erfahrungen mit dieser Masche. Aber angesichts des Inhalts eine fast verständliche Verzweiflungstat.
Ist das Schrammsche Produkt nicht eher noch in Reihe zu setzen mit “Vorgängern” wie Wulff / Spitzer / Roche / Hegemann / Herman / Sarrazin usw. (“Produkt” eben im Sinne vom “Gesamtkunstwerk” aus öffentlicher Figur, deren medialer Inszenierung / Wahrnehmung, vom Inhalt dann in der Kombi mit allem eigentlich egalem Merchandise-Artikel “Buch”)
Aber diese Kritik verfehlt meiner Meinung nach ihr Ziel, wenn sie sich an der Person Julia Schramm und der Seichtheit ihres Werkes abarbeitet.
Das ist ungenau formuliert. Der Einwand träfe zu, wenn das Buch “schlecht gemacht” würde, weil man damit der Autorin in irgendeiner Form schaden oder ihre politischen Ansichten desavouieren will. Hierfür müsste man das Buch lesen und die SZ und SpOn -Besprechungen analysieren. Im Feuilleton ist es ja längst üblich, die Gesinnung der/des Autor/in mit in die Bewertung des Buches zu packen; zweifellos eine Unsitte, die im Netz noch härter durchgezogen wird.
Jetzt sind zwei schlechte Besprechungen noch kein Shitstorm. Es kann durchaus möglich sein, dass Frau Schramm ein schlechtes Buch geschrieben hat unabhängig davon, ob man Neid für ihre Vorgehensweise empfindet oder nicht. Und wenn es schlecht ist, muss man das sagen. Bisweilen prügelt sich das Feuilleton eben ein bisschen herum. Das ist nicht so neu.
Ich lese hier die dritte schlechte Besprechung?! “Dabei ist doch nicht nur anderen, sondern auch ihr selbst bekannt, dass sie ein liebes Plauderluder ist, das vielleicht allzu selbstbewusst in die Welt schüttet, was ihr Kopf gerade hergibt.” – nein, ist ihr selbst NICHT bekannt. Wird sie auch nicht begreifen, wenn sie’s hier liest…
Bei der eigenwilligen Argumentation “Die Autorin wird vom Buch überrascht” kann ich nur annehmen: Dieser Artikel ist ironisch gemeint??
Beim genannten Vorschuss wird es sich um einen sogenannten ‘nicht rückzahlbaren Vorschuss’ gehandelt haben, was bedeutet, dass es keine Verrechnung geben wird.
Sollte die Summe von 100.000 Euro stimmen, ist klar, dass bei üblichen Konditionen ein Honorar in dieser Höhe niemals eingespielt wird. Das wiederum bedeutet, dass Bertelsmann die Autorin für das Werk bezahlt hat.
Spiegel-Online fragt in genannten Artikel “Warum bloß?” Die bessere Frage wäre gewesen: “Für was eigentlich?” Eine Antwort werden wir wohl nicht bekommen. Ein ‘nicht rückzahlbarer Vorschuss’ ist jedenfalls eine Methode, jemanden für Dienstleistungen aller Art zu entlohnen.
Natürlich geht es auch um Neid. 100.000 Euro Vorschuss für ein Buch schlägt wohl keiner aus.
deinem Mangel an Rückgrat auf Andere schließen. Danke.
Ich glaube nicht, dass es Gehässigkeit ist, der (zumindest meine) Kritik motiviert. Und Neid würde ich für mich persönlich auch ausschließen (sorry, aber: 100.000 € sind viel Geld, aber abzüglich Steuern, Krankenkasse & Co ungefähr ein Jahresgehalt. Das erscheint mir als Zahl einfach nicht unrealistisch wow-so-viel-Geld genug)- dafür arbeite ich vielleicht auch mit zu vielen Leuten zusammen, die in diesen Größenordnungen verdienen und deren Output mir ebenso überbezahlt erscheint. (Und zwar ohne den unterhaltenden Schramm-Faktor. Je früher man sich abgewöhnt sich zu fragen, ob dieser oder jene die Summe X “wert ist, desto besser – es lebt sich entspannter damit.)
Aber: Das Buch ist schlecht. Und es muss erlaubt sein es schlecht zu finden, auch wenn ich nichts besseres erwartet habe. Es muss erlaubt sein, über diese unbeholfenen Schritte einer jungen Frau die Schriftstellerin spielt zu kichern, ohne sich sofort dem Vorwurf des Neids und des Gehässigen auszusetzen.
” Ja, der Glaube an den Glanz der Autorschaft ist genauso unausrottbar ist wie der Glaube an das Buch als Kulturgut.”
Vielen Dank für diesen Satz. Auch weil er den Autor ein Stückchen in den Vordergrund der Betrachtung zieht – ich finde es nämlich durchaus legitim, dies in Kritiken zu tun. Überall tönt es gerade aus den Foren, wie schlimm es wäre, dass Julia Schramm einen kostenlosen Download ihres Buchs verhindern wolle, wie bigott es sei eigenes geistiges Eigentum dann doch schützenswert zu finden und warum sie überhaupt auf diese denkbar unpiratige Weise Geld verdienen möchte. Ich frage mich eher: Warum möchte sie Autorin im klassischen Sinne sein? Warum trieft ihr gesamtes Buch vor einem Duktus, der hämisch die Offline-Dinosaurier in ihrer Rückständigkeit, ihrer Existenz als Internet-Ausdrucker und ihrer Überholtheit vorführt, wenn sie doch die erstbeste Gelegenheit ergreift, Statussymbole eben jener verhöhnten Gruppe zu erlangen?
Warum verwandelt sich die unnahbare, sexy, abgeklärte, frühreife Chloe-Arielle-Jade beim ersten Hahnenschrei dann doch wieder in Julchen aus Bonn, die “was zum ins Regal stellen” haben will – und der die Autorschaft im Blog eben nicht reicht? Autorschaft scheint auch bei Julia Schramm noch an ein greifbares, physisches Buch gebunden zu sein – und das ist für mich das eigentlich Bigotte.
In einem zweiten Schritt muss ich darüber hinaus feststellen, dass Autorschaft vor allem heisst: ein Buch mit dem eigenen Namen drauf zu haben. Autorschaft heisst bei Julia Schramm nicht, sich in jahreslanger Arbeit etwas aus der Seele zu ringen. Zu arbeiten und immer, immer, immer wieder zu verwerfen, neuzuschreiben, neu zu denken und einen Text aus sich zu destillieren. Autor zu sein heisst nicht Fleiß, Kampf, Tränen – Autor sein heisst ein Buch zu haben. Man merkt dem Text an, wie schnell er hingeschrieben wurde, wie wenig an ihm gearbeitet wurde und wie sehr er darauf getrimmt ist, in ein Buch mit rosafarbener Strip-Silhouette und schlimmer DaFont-Schrift gekippt zu werden. Hauptsache ein Buch, Hauptsache mein Name, Hauptsache zeigen, dass auch ich Autorin sein kann. Hauptsache etwas, dass ich neben die de Beauvoir stellen kann – Augenhöhe im Regal.
Jemand, der seit einiger Zeit hämisch über verknöcherte Strukturen spricht, der Wechsel und Wandel fordert, der sich avantgardistisch gibt, der sich Muschi nennt und Revolution meint, der ein Umdenken fordert – der sollte nicht so offensichtlich zeigen, wie begierig er darauf aus ist, in genau jener Welt anzukommen und ernstgenommen zu werden, die er anprangert.
Denn sonst müsste ich meinerseits Julia Schramm Neid und Gehässikeit als Motor beim Vorantreiben einer eigenen Agenda unterstellen.
Wunderschöner Kommentar. Was du über das Honorargehalt sagst, wollte ich gestern auch schreiben, aber dann wäre der Artikel aus dem Ruder gelaufen. Es ist wirklich nicht der Rede wert, wenn man weiß, wie der Hase läuft. Die Summe klingt so nach Lottogewinn, weil man alles auf einen Schlag bekommt. Mein Vorschuss war viel, viel geringer als der von J.S., trotzdem dachte ich, ich sei jetzt reich. So viel auf einmal hatte ich noch nie auf dem Konto. Trotz knochenharter Arbeit lief es dann aber doch auf ein bescheidenes Monatsgehalt hinaus.
Ich habe das Buch gestern selbst gelesen, mit dem Ergebnis, dass ich nun schreibtherapeutisch gegen die depressive Verstimmung angehen muss, die es in mir ausgelöst hat. Ich hätte den Artikel hier sicher anders geschrieben, wenn mir das Ausmaß der Beschissenheit vorher bekannt gewesen wäre. Rezension folgt.
Ach, ich liebe deinen Kommentar. Danke nochmal dafür.
ich hab mir net alle kommentare durchgelesen… bin halt ein opfer der filterblasen…
aber es geht meiner meinung nach nur bei einem kleinen teil der kritik um neid. vielmehr geht es darum dass fraeulein schramm ein bild von sich produzieren wollte, das so fern jeder realitaet (digital oder analog, am ende ist doch alles gleich) ist dass es fast schon weh tut. sie ist sich der eigenen verantwortung gegenueber der piratenpartei, einer idee oder ideologie, und den von ihr proklamierten ueberzeugungen nicht im geringsten bewusst.
dass sie sich selber mit ihrer aktion schadet ist ja eigentlich noch egal. schlimmer ist es dass sie vor allem dem ansehn und der glaubwuerdigkeit der von ihr vertretenen piraten, und allen sympathisanten der partei, schadet.
jemand der so gravierend die eigene glaubwuerdigkeit untergraebt hat in der politik nix verloren.
wer ist Julia Schramm ?
Tja, klar kam der verlag auf sie zu. Und natürlich nicht ohne grund. Da wurde nunmal jemand gesucht der dumm genug war, alle seine angeblichen werte für nen haufen kohle über bord zu werfen, und das nicht einmal zu realisieren. wer wäre da geeigneter als ein dümmliches geltungssüchtiges weibchen mit fdp-vergangenheit ?
wieso das ganze ? naja, so ein verlag ist nicht grade ein politischer freund der piraten…
Und der Shitstorm begann heftig in die Segel der Flotte der Piratenpartei zu blasen. Auch ich hab den ein oder anderen Luftstoß mit abgegeben. Neben dem meines Erachtens auch berechtigten Shitstorm ist es die Sache der Piraten und Piratinnen, darüber zu entscheiden, ob dies ein heilbarer oder unheilbarer Fehler ist. Zum Buch selber gibt es nichts weiter zu sagen außer es ist ein Buch in einem gelben Umschlag mit rosafarbener Schrift und einer Schattenfigur einer Frau darauf.
http://benbrusniak.wordpress.com/2012/09/18/die-sache-mit-dem-klickmich-buch/
Ich will auch ein Buch!
100.000 Euro – So billig wurde noch nie eine aufstrebende Partei versenkt.