Es ist nicht alles Neid, was grantelt.
6 Mai
Als Reaktion auf meine letzten beiden Blogartikel erreichten mich Einsendungen, in denen bemängelt wurde, dass ich nicht auf den Unterschied zwischen Neid und Kritik eingehe. Menschen, die sich in ihrer Rolle als Disser der Durchschnittlichkeit gefallen, wollten ihre edle Gesinnung nicht als moralisch verwerfliche Haltung dargestellt wissen. Es gab auch Stimmen, die Neid negierten, besonders den eigenen, und dem Neidvorwurf durch den Vorwurf einer rhetorischen Keule begegneten.
Was hat es mit der Neid-Keule auf sich? Gibt es sie wirklich? Und wem schlägt sie den Schädel ein?
Jeder, der sich schon einmal mit dem Wesen von Konflikten befasst hat, weiß, welche große Rolle die Egos der Streithähnchen darin spielen. Wenn unser Selbstbild angegriffen wird, sind wir betrübt, wir werden sauer, wir geraten aus dem Gleichgewicht. In jedem Angriff liegt eine Verletzungsgefahr, darum liegt es nahe, die Bedrohung abzuwehren, um die positive Sicht auf sich selbst aufrechtzuerhalten. Wird der Ball aber zurückgeschlagen, entsteht eine Dynamik, in der beide Akteure gleichzeitig Angreifer und Angegriffene sind.
Ein Beispiel:
Enrico liebt Casting-Shows, ist im Chor aktiv und bewundert das Gesangstalent seiner Freundin Susi. „Komm schon, mach beim DSDS-Casting mit!“ feuert er sie an. Als Susi überraschend in den Recall kommt, wird Enrico ganz komisch zumute. Dass Susi es schafft, damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Er hatte sie die ganze Zeit ermuntert, weil er selbst keinen Mut hatte, weil er teilhaben wollte an dem Abenteuer, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Ach, hätte er bloß mitgemacht! Vielleicht wäre er jetzt an Susis Stelle. Schließlich kann er singen wie Justin Timerblake. Aber seit Susis Erfolg kann Enrico nicht ruhig schlafen. Nur Verlierer nehmen eine Chance nicht wahr, denkt er, aber ich bin kein Verlierer.
„Wie fandst du es?“ fragt Susi, nachdem Enrico ihren Recall-Auftritt gesehen hat. „Geht so“, sagt Enrico. „Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum du weiter bist. Eigentlich hast du echt scheiße gesungen.“ Susi, die tagein, tagaus ihre Nummer geübt hat, ist tief verletzt. Nicht gut gesungen? Sie? Und das muss sie sich von ihrem besten Freund sagen lassen? Warum ist er gemein zu ihr, statt sich für sie zu freuen? „Du bist doch nur neidisch!“ kläfft Susi. Enrico weiß, dass Neid kein Kompliment für sein ohnehin schon angeknackstes Ego ist. Neidisch sein, das bedeutet, seine Unterlegenheit zugeben. „Klar, würd ich auch sagen, wenn ich nicht singen könnte!“ wehrt er sich. Singen ist Susis Leben. Damit trifft Enrico sie härter, als sie ihn mit ihrem Neidvorwurf getroffen hat.
Beide fühlen sich als Opfer eines Angriffs, beide sind sich sicher, sich nur verteidigt zu haben. Enrico hat Susi angegriffen, um den Angriff abzuwehren, die ihr Erfolg für sein Selbstbewusstsein darstellte. Daraufhin hat Susi sich gewehrt, indem sie Enrico Neid vorgeworfen hat. Enricos einzige Möglichkeit, sein Selbstbild zu schützen, bestand darin, sich selbst zu immunisieren – mit dem Vorwurf, Neid sei Susis moralische Keule.
Wir sehen, dass das Anprangern der „moralischen Keule“ auch nur eine Waffe im Krieg der Egos ist.
Und wenn Susi nun wirklich nicht so toll gesungen hat? War es da nicht Enricos gutes Recht, ja, nicht sogar seine Pflicht, ihre Performance zu kritisieren? Er könnte Susi bei Gelegenheit vorwerfen, sie könne keine Kritik vertragen. Das würde ihr das Maul doch ein für alle Mal stopfen.
Aber so einfach ist es nicht. „Kritisieren“ kommt von unterscheiden, trennen. Kriterien bilden den Maßstab, den man anlegt, um den Wert oder Unwert einer Sache abzuwägen. Wer kritisieren will, ohne sich Neid vorwerfen zu lassen, muss deutlich machen, welche Kriterien seinem Tadel zugrunde liegen. Das kann durchaus der eigene Geschmack sein. Einer ungebildeten Truller, die zugibt, auf leichte Lektüre zu stehen, nehme ich ab, dass sie Elfriede Jelinek zum Kotzen findet und nicht etwa neidisch ist, wenn sie ihre Enttäuschung über den Fehlgriff auf Amazon kundgibt. Ihre Meinung nehme ich ernster als das hochgestochene Geschwurbel von einem, der vernichtend urteilt, ohne seine Kriterien sichtbar zu machen.
Zum Schluss sei noch eine Frage aufgeworfen: Ist es Neid, wenn uns der Erfolg Anderer wundert? Hierzu eine persönliche Anekdote von unerhörter Aktualität. Zeitlebens hatte ich keine Beziehung zu „schlechten Büchern“. Weil ich wusste, dass sie mir kein Vergnügen bereiten, hielt ich mich von ihnen fern. Bis ich selbst ein Buch schreiben musste. Ich entwickelte in dieser Zeit ein ungesundes Interesse an Büchern, die viel beworben, und deshalb viel gelesen werden, Büchern, die uns mit aggressiv greller Farbgestaltung aus den Schaufenstern heraus anspringen. Plötzlich wollte ich es doch genauer wissen: Was sind das für Sachen, die erfolgreich sind? Ich begann, mir jeden Tag Leseproben herunterzuladen. Und es kam mir hoch. So viel Schrott. So viel Durchfall. Plattes, Abgeschmacktes, Langweiliges, Dummes. DAS DURFTE DOCH WOHL NICHT WAHR SEIN!!!! Auf der Amazon-Seite interessierten mich nur noch die Ein-Stern-Bewertungen. Ich ertappte mich beim „Endlich sagt’s mal einer!“-denken. Der Hals schwoll mir an, der Magen rumorte. In mancher Leseprobennacht raste mir der Puls. Herabgezogen von der schaurigen Lust an der Verderbtheit der Kultur war an Schlaf nicht zu denken. Schließlich kaufte ich mir sogar die Bücher, deren Leseproben mir so viel Beschissenheit versprachen. Ich wurde süchtig nach Beschissenheit. Tausende von Verrissen hätte ich am liebsten geschrieben, aus meinem genervten Kopf herunter, ach, wäre ich nur einer von diesen Amazon-Rezensenten, die nichts Besseres zu tun haben. Hätte mir in meinem Zorn auf den Bestsellerschrott jemand gesagt, ich wäre neidisch, ich hätte empört aufgelacht. Neidisch? Worauf denn bitte? Auf miesen Stil? Mageren Wortschatz? Oberflächliche Themen? Platte Witze? Nee, oder? Und doch musste doch was im Busch sein, dass ich mir täglich diese Folter antat, während Bände großartiger Literatur auf der Leseliste vergeblich darauf warteten, von mir in die Hand genommen zu werden. Wenn bspw. diese erfolgreichen Frauenromane mich so null interessierten, und ich so offensichtlich nicht die Zielgruppe dafür war, warum ignorierte ich sie nicht einfach?
Neid kann eben auch das Bedauern darüber sein, dass man nicht über die Mittel verfügt, seinen Status zu verbessern. Denn diese Mittel sind nicht nur materieller Natur (Geld, Besitz) oder geistiger (Talente), es geht auch um kulturelle, soziale Mittel, Kontakte, den Zugang zu bestimmten Systemen. Immer steckt Angst um die eigene Existenz dahinter: Kann ich in einem System überleben, in dem die „falschen“ Leute an der Macht sind? Kann ich mit guten Büchern erfolgreich sein, wenn Menschen schlechte lesen wollen? Klug wäre, zu überlegen, wie man dem Falschen das Richtige unterjubelt. Leider tendieren wir eher zur Selbstzerfleischung. Es ist keine angenehme Erkenntnis: Neid schadet uns auch, wenn wir ihm den Mantel der Kritik überstülpen.








