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Wie ich wegen Ada Blitzkrieg anfing zu trinken

17 Dez

It was a dark and stormy night. Seit ich 2005 in Marburg aufgeschlagen und mit den Worten „Hier bleibt niemand lange allein!“ begrüßt worden war, hatte ich das Haus nur zum Studieren verlassen, und mit Studieren meine ich Soziologie, und mit Soziologie meine ich gekrümmte Typen mit Hundefrisuren, vor deren Kapitalismuskritik mir grauste, war Coca-Cola doch wie eine Mutter für mich. Das Leben war also recht trostlos, obwohl ich 2009 von glücklichen Umständen mein erstes uneheliches Smartphone empfing. Die Freude an der Vogelstimmen-App war nur von kurzer Dauer, dafür hatte ich nun hier und dort lose Kontakte zur virtuellen Welt. Ich war gerade dabei, mir aus dem Aschenbecher was Schnelles zu zaubern, als eine junge Frau namens @brainqueen ihren Besuch in der Stadt ankündigte. Aus Langeweile aneinander gingen wir in ein Café.

„Kennst du eigentlich…“ zwitscherte sie lieblich, „Bäng-Po-weh-weh-weh-weh? Ich weiß nicht wie man das ausspricht.“

„Qué?“ Ich schwitzte, war total überfordert.

„Bängpoooooh…weh! Auf Twitter! Die Alte ist so krank! SO KRANK!!!“

In Kreisen, die mich akzeptierten, bedeutete das damals so viel wie „super“. @brainqueen patschte mit ihrem E.T.-iPhone-Finger auf dem Display herum und präsentierte mir die Twitterin, an deren verraucht-dumpfen Blick aus überdimensionaler Honecker-Brille ich mich noch heute erinnere wie andere Leute an ihre Koordinaten am 11. September. Wieder in der Sicherheit meiner kahlen Wände näherte ich mich vorsichtig den Tweets der verschrobenen Krokette – nur um feuchter Augen festzustellen, dass sie wirklich “krank” war. Diese junge Frau aus Berlin war nicht Teil einer Prenzelberger Hausbau-Gemeinschaft, sondern träumte davon, in einem ausgeweideten Wal ein Spielcasino zu eröffnen. Ein zur Hälfte schwarz angemalter Rettich gereichte ihr zur FreeWilly-Actionfigur. Sie genoss es, mit Straßenschuhen im Bett zu sitzen. Die Dinge in ihrem Fokus triggerten mich ins Reich meiner zugeschütteten Phantasie. Noch am selben Abend wanderte ich seltsam lebensdurstig zur Tanke und kaufte mir mein erstes Dosenbier.

Was mich an @bangpowwww am meisten begeisterte: Sie war originell. Nicht wie die Leute, die sich gern als Charlotte Roche von VIVA2 verkleiden. Nicht wie die Penner, die jeden Blogeintrag mit „Eigentlich…“ beginnen. Sondern wirklich so herausstechend eigen, dass @mogelpony, der folgenswerteste Twitterer Deutschlands, die Feststellung machte, @bangpowwww sei vielmehr ein Genre.

2012, kurz vor Weltuntergang, hat Ada Blitzkrieg (bürgerlicher Name) ihren ersten Roman veröffentlicht. DACKELKRIEG:Rouladen und Rap.

Wäre die Johannes-Apokalypse heute entstanden, Adas dicht bewachsener Schädel wäre der Schauplatz, und darin wimmelte es von ihren Missgeburten: Von mannshohen weißen Dobermännern, muskelbepackten Glatthaarspacken, Fischen mit geilen Blasemündern und 1,85 m großen Wellensittichen. Die Hure von Babylon trüge allerlei Köpfe, z.B die von Mutter, den Kiosk-Frauen und Dr. Best inkl. „Schwingkopf“. Ajaja, Coco Jambo. Selbst ich will auf diese Party! Ansonsten geht es um eine Jugend in den 90ern, die so mitreißend, skurril und skandalös erzählt wird, dass man es nicht wagt, auch nur einen Satz zu überspringen. Und obwohl jedes einzelne Kapitel Gag-Dichte-mäßig sättigt, wollte ich mich dringend überfressen und verschlang das Ding am Stück. dackelblitz-400-0

Ada schrieb das Buch ohne Verlag und veröffentlicht es als E-Book bei Amazon. Meine Erfahrung ist, dass diese Publikationsform nur wenigen gut bekommt. Die Texte sind zu schlecht für einen Verlag und werden nicht gerade dadurch aufgewertet, dass der Autor Comic Sans Terif als Titelfont wählt. Bei Ada ist es umgekehrt. Sie ist zu gut für einen Verlag. Denn die Verlage setzen in Sachen Unterhaltung auf „Bewährtes“, also Abgedroschenes, Altbekanntes, Durchschnittliches, im besten Fall ist der Stoff „ähnlich wie…“ oder passt in ein bestimmtes Segment, oder wird eben entsprechend passend gemacht. Das könnte sehr traurig sein, gäbe es nicht Menschen, die so mutig sind wie Ada und ihren zauberhaften Rotz trotzdem raushauen im Vertrauen, dass die Leser nicht so langweilig sind wie die Statistiktorten der Marktforschung und genau das schätzen, was ich als ihr herausstechendstes Markenzeichen empfinde: ihre Unvergleichbarkeit. Das Buch kostet 3,99€ und es macht schon wegen des fairen Preises Spaß, es zu laden. Probiert es aus!

BETREUTES LESEN (7) – “Der Fluch der Klo-Hexe”

13 Aug

Das siebte Kapitel ist das letzte, das in Polen spielt. Olas Familie schleicht sich im Morgendunst aus dem Kastenhaus, zwängt alle Glieder, Graupenwürste und Gepäckstücke in den kleinen Fiat und macht sich auf den Weg hinter die Grenze, nach Westdeutschland, „wo Gummibärchen an Sträuchern wuchsen und die Straßen mit weißer Schokolade gepflastert waren.“ Was ist das Aufregendste an einer solchen Reise? Unser Gedärm findet: Die polnischen Straßen! Ihr katastrophaler Zustand ist vielzitiert und legendär. Viele Wege blieben ungeteert oder waren so verkratert, dass man sich im Auto an den Sitz krallen musste, wenn man sich keine Prellungen zuziehen wollte. Bürgersteige trainierten die Balance-Kraft unserer Füßchen mit wackligen Platten, tiefen Rissen und Stolperklumpen. Der Weg nach Deutschland führte durch eine öde Kiefernlandschaft über die „autostrada“. Die Betonplatten, aus denen sie bestand, waren alt, schief geflickt und unterschiedlich tief gesunken. Wir nannten die Strecke „Waschmaschine“, denn es schleuderte einen darauf so durch, dass man taube Finger bekam. (Betonplatten siehe Abbildungen der Grenze weiter unten)

An einer Raststätte begegnen unsere Helden einer alten Frau, die Ola an die “baba jaga” erinnert. Bei diesem Wesen handelt es sich um eine slawische Hexe, die vor allem aus russischen Märchen bekannt ist. Gemeinhin stellt man sie sich als hässliche, warzige alte Frau vor, die Böses im Sinn hat. So weit, so Hänsel und Gretel. Das Sonderbare ist ihre Behausung. Die baba jaga wohnt nämlich in einer Hütte auf Hühnerfüßen. Durch die Lüfte reist sie nicht auf einem Besen, sondern in einem Mörser. Im Polnischen wird “baba jaga” übrigens als Synonym für “Hexe” verwendet. Selbst eine typisch amerikanische Hexe mit spitzem Hut kann man baba jaga nennen. Weitere Bezeichnungen sind “wiedźma” (eine polnische Hexe, die in knorrigen Weiden lebt) und “czarownica” (Magierin).

Es gibt bestimmte Schlüsselerlebnisse, Kernerinnerungen, die alle Aussiedler gemeinsam haben. Fragt man sie, welcher Moment sich besonders in ihre Netzhäute gebrannt hat, sagen sie mit leuchtenden Augen: “Die Fahrt über die Grenze!” Das ist bei mir nicht anders. Ich kann mich noch genau erinnern, wie hell es war unter dem Wellblechdach, und wie viel heller die Scheinwerfer strahlten, als wir erst die Grenze zur RFN/BRD überquerten! Die Fahrt selbst empfand ich wie das Intro von Knight Rider. Ein einziger Rausch, dem goldenen Sonnenuntergang entgegen. Ich las neulich ein sehr gutes Buch. Es trägt den Titel Die undankbare Fremde, die Migrationserlebnisse werden aus der Sicht einer Heranwachsenden aus der Tschechoslowakei geschildert. Die Erzählung beginnt so:

Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. “Wie viel Licht!”, rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.

Auf dem Weg zu Onkel Marek trifft die Familie auf das Ehepaar Ogórek. Wegen einem Defekt am Fiat müssen Ola und ihre Mutter in ihrem Auto mitfahren, das den maluch am Abschleppseil bis an die Grenze schleift. Dorota Ogórkowa erzählt von ihren beiden Kindern. Sie heißen Isaura und Bajtek und Ola ist ganz aus dem Häuschen, dass die Mutter ihrer Tochter den Namen “des größten Fernsehstars aller Zeiten” gegeben hat. “Die Sklavin Isaura” war eine brasilianische Telenovela, die in den Achtzigern ganz Polen in Atem hielt. Im Buch heißt es, die Chirurgen ließen mitten in der Operation das Skalpell fallen, um sich den fiebernden Krankenschwestern im Fernsehzimmer anzuschließen. Die Serie wurde von absolut jedem geschaut. Selbst von mir, einer Fünfjährigen, die keine Ahnung hatte worum es ging, aber Isauras Frisuren immer wunderschön fand. Eines Tages kamen die beiden Hauptdarsteller zu Besuch in das Land, wo ihnen größere Verehrung zukam als in ihrer Heimat. Eine regelrechte “beatlemania” brach aus! Hausfrauen reisten aus ganz Polen in Warschau an, um Leoncio und Isaura winkender Hand und feuchten Auges begrüßen zu können!

Und nun zum Sohnemann der Ogóreks. Angesichts seines Alters von 9-10 Jahren ist es unwahrscheinlich, dass in seiner Geburtsurkunde tatsächlich “Bajtek” steht, denkbarer ist, dass er in Wirklichkeit “Bartek” heißt und die Eltern ihn im Scherz “Bajtek” nennen. Bajtek ist eine polnische Computerzeitschrift gewesen, an die ich mich bestens erinnere. Sie hat unsere ersten Gehversuche mit Atari und dem C64 begleitet und explizit Kindern und Jugendlichen (!) das Programmieren nahe gebracht. Als die Zeitschrift, die anfangs nur Beilage eines Jugendmagazins war, auch bei Erwachsenen zum Hit avancierte, hat man sie als eigenständiges Magazin herausgebracht. Trotz eines relativ hohen Preises wurde sie rege gekauft! Einmal rief die Redaktion eine Aktion aus, die meinen fiktiven Bajtek inspiriert hat: Alle, dir ihr männliches Neugeborenes “Bajtek” nannten und dies via Geburtsurkunde beweisen konnten, bekamen einen C64 geschenkt. Wer könnte für solche Aufrufe anfälliger sein als die opportunistischen Ogóreks? (Es mangelte tatsächlich auch nicht an Eltern, die ihre Töchter Isaura nannten.)

In der nächsten Folge: Haarsträubende Abenteuer in Deutschland! 

 

BRD – Ein polnischer Traum. Zwei Löffelchen Hörspiel zum seltsamen Buch.

14 Mai

Noch 25 Tage!


 


Und so geht es weiter!

Stilbrüten. Gedanken zur Sprache.

7 Nov

Wie die meisten anderen meiner Generation verbrachte ich meine Jugendjahre im Glauben, Gänsefüßchen wären kein großes Ding. Wären sie ein großes Ding, würden sie Albatrosfüßchen heißen und regelmäßig für Zwietracht in Sprachdiskursen sorgen. Nichts dergleichen. Nur selten sah ich Gänsefüßchen von der Anklagebank der Stilpäpste baumeln, geschweige denn, dass sie mein eigenes Weltschmerzzentrum je erbeben ließen. Doch ihre Störkraft sollte sich mir bald in der Gestalt einer schwerstintelligenten ukrainischen Studentin offenbaren: Wann immer sie im Seminar etwas referierte, legten ihre Lider ein Geflatter an den Tag, als würde sie Signale aus dem Jenseits empfangen, während ihre Fingerchen ununterbrochen in Ohrhöhe herumzuckten, um jedes zweite Wort mit Anführungsstrichen zu markieren. Ihre Reden versetzten mich in Angst und Schrecken; sie erinnerten mich zuweilen an die Sprechblasen des Vögelchens Woodstock. In einem vertraulichen Moment (sie trug ihr Eistütenpyjama, ich bürstete ihr das drahtige Haar) fragte ich vorsichtig, was eigentlich in ihrem Kopf vorging, wenn sie am Rednerpult stand. Da piepste sie mit süßer Vorspulstimme: „Zu viele Wörter! Zu wenig Zeit!“ Es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, einen Gedanken auszudrücken, erklärte sie, so dass man (zumindest unter Zeitdruck) nie sicher sein könne, ob man aus dem Angebot das richtige gewählt hätte. Mit den Gänsefüßchenbewegungen distanziere sie sich von den Wörtern, entschuldige sich im Voraus für sie, sollten sie nicht die ideale Passform haben. Was für ein Freak!

Einige Jahre später entdeckte ich in privater Korrespondenz, dass ich selbst und alle, mit denen ich gern kommunizierte, von Gänsefüßchen geradezu besessen waren. Kaum ein Satz, der nicht das Stigma unseres Distanzierungswillens trug. Floskeln, Euphemismen, Fachjargon, Jugendslang, Klischees: Gänsefüßchen waren unsere Tütchen für die Kothaufen der Sprache. Apostrophierte Wörter, das sind immer die Wörter der “Anderen”. Wenn ich „Unterschicht“ sage, dann meine ich, dass mir die unbequemen Konnotationen bewusst sind und man mir doch bitte wegen des Wortgebrauchs keine feindliche Gesinnung gegenüber „bildungsfernen“ ( :-] ) Menschen unterstellen soll. Apostrophiere ich allerdings eine Floskel wie „Alles Gute!“, dann meine ich paradoxerweise, dass ich es wirklich so meine. Ich distanziere mich damit von der allgemeinen Auffassung, dass Floskeln „Worthülsen“ mit verlogenem Inhalt seien, und dass ich „Worthülsen“ apostrophiere, soll wiederum zeigen, dass ich belesen genug bin, um zu erkennen, wie ausgelatscht dieser Ausdruck ist.

Es scheint, als wäre Sprache eine einzige Hinterfotze, die eine Grundparanoia notwendig macht. Nie meint sie, was sie sagt, nie sagt sie, was sie meint. Ja ist nein, gut ist schlecht, man möchte sie in die Tonne kloppen. Aber ist Eintüten von sprachlichem Unrat die Lösung? Soll Hass auf das Wort die Antwort sein? Auch in den Reihen derer, die Selbstmord mutig finden und ständig in irgendwelchen philosophischen Krisen stecken, gilt es ja als chic, die Sprache als Last zu begreifen, als ein notwendiges Übel, das uns seine eigene Ordnung aufzwingt und alle Erfahrung limitiert. Sie mögen Sprache nicht, weil man sie mit anderen teilen muss; sie bemitleiden sich dafür, sie mit einem Teil der Menschheit gemeinsam zu haben. Diesen kühnen Vorwurf wage ich deshalb, weil ich das Argument, Sprache behindere Gefühle, für totalen Quatsch halte. Sprache ermöglicht Gefühle! Wer das nicht nachvollziehen kann, sollte mal ein gutes Buch lesen. Die Erfahrung ist keineswegs begrenzt durch die paar Buchstaben, die zu ihrer Beschreibung zur Verfügung zu stehen scheinen.

„The world is but a canvas to the imagination“, schreibt Henry David Thoreau, und ich ergänze: wenn die Welt eine Leinwand ist, dann ist Sprache der Malkasten, der uns ermöglicht, anderen zu zeigen, was wir mit dieser Leinwand anstellen. Ich möchte mir Sprache als Aquarellmalkasten denken, der eine begrenzte Anzahl von Farbnäpfen enthält. Aber nur Ungeübte und Angstmolche werden die Leinwand mit einer einzigen Farbe bepinseln. Wir anderen wissen, dass es nicht die Farbe als solche ist, die Stimmungen macht. Die Wirkung einer Farbe entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen Farben, und genauso ist es mit der Sprache. Ein weiches Wort mag die Härte eines Ausdrucks mildern, eine geschickte Aufstellung auserlesener Vokabeln dem ganzen Satz eine elegante Erhabenheit verleihen, die an anderer Stelle durch eine plumpe Redewendung wieder in Frage gestellt werden kann. Die einfachste, und doch nicht einfache Art des sprachlichen Einfärbens ist die Verwendung von Synonymen. Was jedoch an Schindluder mit Synonymen getrieben wird, macht viele Leinwände, die man mir entgegen hält, zu einem unerträglichen Anblick und war letztlich auch der Auslöser für diesen Blogpost. Speziell:

• Es gruselt mich vor der Auffassung, der Gebrauch von möglichst vielen Synonymen sei ein Zeichen von Wortgewandtheit und gutem Stil. Allzu oft ist es das Gegenteil. Ich möchte keinen Liebesbrief bekommen, in dem der Verfasser erst von seinem Herzen, dann von seinem „Pumporgan“ spricht. Wortwiederholung ist nicht immer ein stilistischer Fehler!

• Von zwanghafter Suche nach Synonymen scheinen auch Schriftsteller besessen zu sein, die sich mit so simplen Verben wie „sagen“, „fragen“ und „antworten“ nicht abfinden wollen. Man muss dann solche Sachen lesen: „Bla?“, ließ sie ihre Stimme erklingen. „Na… Blabla.“, röchelte er heiser. „Ach, bla.“, trötete sie ihm entgegen, bevor er „Bla bla bla?“, durch den Flur echote. „Bla.“, murmelte sie darauf leise, aber er bellte nur: „Blaaa blabla…“.

• Ein weiteres Ärgernis stellen Archaismen (also veraltete Ausdrücke) dar, die munter als Synonym verwendet werden, wo sie nichts zu suchen haben. Wenn unsere Kanzlerin wieder jemanden „vergrämt“, oder das Volk „bräsig“ gestimmt ist, dann will ich mich vielleicht im Satiremagazin Titanic befinden, aber ganz bestimmt nicht in einem SPIEGEL-Artikel. Zugegeben fände ich das nur halb so schlimm, wenn ich die Hintergedanken der Autoren nicht immer hören würde: „Das passt hier zwar irgendwie nicht rein, aber zeugt von meinem großen Wortschatz. Und ich muss das jetzt bringen, hab ja nicht umsonst vier Stunden mit dem Wörterbuch verbracht. Außerdem: bräsig! LOL!“

• Archaismen wird automatisch unterstellt, humoristischen Wert zu haben. Bei Max Goldt mag das der Fall sein. Er nutzt sie als Element seines süffisant-onkelhaften Tons und überrascht dann auch tatsächlich mal mit einem seltenen Fund. Von Eigenwitzlachern begleitetes „frönen“, „frohlocken“, „huldigen“, „wallendes Haar“, „holde Maid“ und dergleichen sollte man jedoch nicht reproduzieren. Außer, man gehört einer sechzehnjährigen Metal-Jugend an, die vor dem LARP-Wochenende roten Wachs auf erfundene Mittelalterdokumente tröpfelt.

Warum ich in meiner Wahl der Metapher einen Aquarellfarbkasten einem Batzen Ölfarbtuben vorziehe, ist meine Überzeugung, dass Sprache trotz aller Einfärbemühungen klar bleiben sollte. Synonyme sind der Präzision wegen da, nicht für barockes Sprachgeprotze. Mit den vielen Farben und Abstufungen, die der Malkasten der Sprache offeriert, sollte man Inhalten einen distinkten Ton verleihen und nicht das Leere und Nichtssagende überpinseln. Auf Aquarellbildern ist die Skizze noch sichtbar, und genauso sollte der Gedanke unter den sich überlappenden und ineinander fließenden Farbflecken hindurchscheinen, wenn wir mit Texten überzeugen wollen. Ist der Gedanke nicht mehr sichtbar, waren alle Synonyme umsonst.

Ein Tipp noch für alle, die auf Nummer sicher gehen wollen, dass ihre Gänsefüßchen nicht als nervöser Tick, sondern als Missmut gegenüber den geäußerten Wörtern verstanden werden: es empfiehlt sich das Tragen von Fingerpuppen, da sie beim Apostrophieren „erbrechen“.