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Spätaussiedler Fashion-Blog

25 Mai

Cześć, Fashion-Weaklings!

Der Sommer ist da! Wem die Tante aus BRD keinen schickt, zaubert sich jetzt einen Badeanzug aus Opas altem Unterhemd. Einfach unten zum Pimmelchen knoten und dem Weitschwimmen im Baggersee steht außer den vorbeidriftenden Kackwürsten nichts mehr entgegen! Wir Spätaussiedler-Fashion-Blogger feiern dieses Jahr den schlesischen Wehrmachtspass mit einer modischen Zeitreise in die 1990er Jahre. Genießen Sie unsere Auswahl traumhafter, postkommunistischer Outfits, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind!

Die Redaktion 

 

Ein ganzes Monatsgehalt und mehr kostet so ein MickyMaus-Pyjama. Da ist es nur verständlich, dass man ihn wie einen festlichen Anzug trägt: das Hemd gehört in die Hose! Wer seiner Familie westliche Kleidung kauft, ist mit einem Fuß schon hinter der Grenze. Die traditionellen Lebkuchen-Hausschuhe mit Oblatensohle dürfen natürlich noch mit! Weil für die Ausreise gespart werden muss, bekommen die Kinder statt Kaugummi einen extra langlebigen Luftballon, dessen Zipfel sie sich zwischen die Zähne klemmen. Das sind vielleicht Blasen!  

Vater und Sohn! Das ist die graublaue Jacke in groß und in klein, das sind vier weiße Rohling-Schuhe,  die darauf warten, mit preiswertem Filzstift die Adidas-Blüte aufgemalt zu bekommen. Stolz präsentiert der Patriarch uns seinen türkischen Pullover mit erstem Ansatz von Wohlstandsbauch, während der Sprössling von den neuen Reisemöglichkeiten (siehe Hose) einwenig überfordert scheint.

Jadwiga (Wunschname “Raclette”) und Tomek (Wunschname “Ralle-Kevin”) dürfen vor einem Riesen-Urzeitkrebschen posieren. Sie sind die Gewinner der siebten Hunde-Revue Castrop-Rauxel. Jadwiga trägt eine beidseitig behinderte Wendewindjacke. Die zugehörige Windhose diente 80000 Spätaussiedlern als Notunterkunft. Tomek freut sich über sein Sweatshirt mit glühender Kaffeebohne; exklusive Ausschussware von Tchibo. 

Die modebewusste Spätaussiedlerin will auch in wärmeren Gefilden nicht auf ihren Bison-Pelz verzichten. Raffiniert täuscht sie mit einer Volumen aufschäumenden Frisur eine russische Kopfbedeckung vor. Das Schöne verbindet sich hier mit dem Notwendigen; Ohne den mächtigen Afro würde die Mutterfigur aus dem Pelzmantel schauen wie ein Stecknadelkopf aus einem Korken.

Moonwashed Jeans for brainwashed People! Die polnische Sehnsucht nach ferner Exotik schlägt sich in der Farb- und Motivwahl des Knabenhöschens nieder (Calippo-Fizz, Werbegeschenk). Im Aussiedler-Universum tragen alle Frauen hauchdünne Nylonsöckchen. Die Trendfarbe ist seit Äonen die auf den imaginären Hulla-Gulla-Inseln erworbene Bräune. Die Bedeutung des bronzefarbenen “Hauch von Nichts” kann nicht hoch genug bewertet werden: Noch heute nutzen Spätaussiedlerinnen, die das Solarium besuchen, den Gesichtsbräuner instinktiv für die Füße.

Noch mehr Aussiedler-Fashion gibt es hier!

Außerdem: Am 9.6. signiere ich Bücher in Berlins euligstem Comicladen! “Grober Unfug”! Kommt alle!

 

Eine hosenlose Frechheit

29 Nov

Immer wieder werde ich gefragt: „Wer hat in eurer Beziehung eigentlich die Hosen an?“ – „Also ich bestimmt nicht!“, rufe ich in die Mikrophone, die mir das Volksinteresse entgegenstreckt. Denn ich bin die Frau ohne Hose, und mit Hose meine ich alles, was vielförmige Rillen in die Haut „zaubert“, wie die Schlieren, die ein Molkegetränk im Glas hinterlässt, also streng genommen auch Röcke und andere gürtelbare Unterbauquetschen. Ich finde es bedauernswert, dass wir in einer Kultur leben, die das Tragen einer Hose nicht nur zum Synonym des sozialen Funktionierens macht, sondern auch zum Anzeiger einer gesunden Psyche in einem gesunden Leib, und umgekehrt: wer nur mit einem Lendenschurz bekleidet durch die eigenen vier Wände tollt, dem wird automatisch Verrücktheit oder Depression attestiert. Die zersetzenden Folgen langer Arbeitslosigkeit fasst man gerade in zeitgenössischen Serien wie „How I met your Mother“ im Bild des in Boxershorts auf der Couch schlummernden Schlendrians zusammen. Was mich angeht, drehe ich erst durch und werde depressiv, wenn äußere Umstände mich zwingen, zuhause länger als zehn Minuten in einer Hose zu verharren. Etwa wenn Amazon seine Ware in die Hände obskurer logistischer Unternehmen legt, die ankündigen, dass sie irgendwann zwischen Montag und Freitag, 8:00-18:00 Uhr liefern werden. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit wurde ich wegen der Überlastung des Liefersystems ganze drei Tage in einer Hose gefangen gehalten. Und wofür? Für nix! Die Lieferung wurde beim Nachbarn abgegeben. Abgeholt habe ich sie einige Wochen später, da sich zufällig ergab, dass ich behost in der Gegend war. Ich hege eine von Unverständnis und Mitleid gefärbte Bewunderung für alle, die in den eigenen vier Wänden etwas Anderes als Pyjama (oder vergleichbare sackartige Kleidung) tragen. Ist das bleierne Unbehagen, das die Nieten und Falten einer Jeans im Pfirsichbody eines Babys verursachen würden, dem herkömmlichen Menschen etwa schon derart zur Selbstverständlichkeit geworden? Spürt er die garstige zweite Haut nicht mehr? Ich möchte keineswegs die disziplinierende Wirkung eines Bügel-BHs oder einer strengen Zwiebelfrisur dementieren, ob man nun auswärts arbeitet oder zuhause, womöglich erfüllt die Hose für den ein oder anderen denselben Zweck – aber rund um die Uhr? Oh bitte. Mir scheint hier eine unsinnige soziale Konvention am Werke zu sein, die es im Interesse aller zu stürzen gilt!
Wie haltet ihr es mit der Hose? Streift ihr sie ab, sobald die Tür ins Schloss fällt? Oder lasst ihr euch gern von ihr knechten? Ist sie ein hoch zu haltendes Symbol für Zivilisation und funktionierende Gesellschaft oder ein längst überholtes Ärgernis? Oder wollt ihr mir erzählen, dass ihr den ganzen Tag mit Besuch rechnen müsst? Discuss!

Krieg der Kluften

29 Okt


Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden. 

Seit Anbeginn der Zeit zieht es den Menschen auf die andere Seite, will er die gottgegebene Ordnung durchbrechen und das Gegenteil dessen, was die Natur ihm beschert hat. Das Werk, das wir heute betrachten, erzählt von diesen törichten Wünschen und dem hohen Preis, den manch einer für ihre Erfüllung zahlt. Wir könnten mit einer architekturgeschichtlichen Erkundung der Stadt beginnen, würde die Straße nicht von zwei Gestalten blockiert werden, die keine Anstalten machen, ihre Interaktion für uns zu unterbrechen. Die Frau links im Bild trägt einen langen weißen Kittel, der eine Beschäftigung im sanitären Dienst nahelegt. Der Verdacht versteift sich zu einer Gewissheit, sobald wir ihrer gelben Putzhandschuhe ansichtig werden. Diese Darstellung belegt die außergewöhnliche Flexibilität mittelalterlichen Latex, der den darin steckenden Fingern erlaubte, mühelos Schattenspiel-Rehe zu formen. Die muskulösen Schultern der Frau tragen einen roter Teppich. Um das Herabgleiten des edlen Stücks beim Transport ins Nachbarhaus zu verhindern, hat sie ihn mit einem Autoscooter-Lenkrad geschickt vor der Brust fixiert. Mit einem Putzlappen als zusätzlichem Keimpuffer umfasst ihre linke Hand einen mannsgroßen Teppichklopfer. Das trockene Laub in seinen Windungen ist kein Zierrat! Es fungiert als Merkhilfe, dass die Gartenarbeit noch bevorsteht. Aber wer ist diese Frau, die so tüchtig und selbstsicher vor uns ins Bild getreten ist? Ist sie fleißige Haushälterin aus Leidenschaft? Oder eine Reinigungskraft, die ums nackte Überleben kämpft? Das Geheimnis ihrer sozialen Herkunft wird von der ungewöhnlichen Kopfbedeckung offenbart: es handelt sich dabei um eine mutierte Pistazie, die von einem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Keuschheitsgürtel eingefasst wird. Ein Kopfputz, der den Schluss nahe legt, dass sich hinter dem schäbigen Äußeren eine entlaufene Königstochter verbirgt, die in den täglichen Mühen des einfältigen Volkes Trost und Erbauung sucht.

Wenden wir uns nun ihrer Kontrahentin zu, die zu unserer rechten mit forderndem Schritt und offenem Autogramm-Buch Kontakt mit der königlichen Ausreißerin sucht. Sie trägt einen extravaganten Hut von Alexander McQueen und süße Kopfhörer aus Dackelfell. Ohne Zweifel haben wir ein Supermodel aus den unteren Gesellschaftsschichten vor uns: eine Frau, die im krassen Kontrast zur blassen Königstochter den sozialen Aufstieg sucht, indem sie ihre Attraktivität künstlich zu steigern trachtet. Neben der smaragdfarben getönten Haut weist auch eine kunstvoll geschwungene Nase auf die Tatsache operativer Eingriffe hin. Aus den aufgespritzen, lüstern rot tätowierten Lippen ragt ein Frauenfuß, der den Betrachter kokett in den verhängnisvollen Schlund leidenschaftlicher Küsse lockt. Im Kontext des Gesichtsdesigns wirken die farbigen Kontaktlinsen der Dame geradezu natürlich. Die harmonische Schönheit ist freilich kein Zufall. Wie wir hier sehr gut sehen können, war es für die Chirurgen des Mittelalters keine ungewöhnliche Praxis, vor den eigentlichen kosmetischen Eingriffen eine Testkomposition am Gesäß durchzuführen. Der ganze Körper scheint sich dem Diktat eines anorektischen Ideals gebeugt zu haben, um jeden einzelnen Knorpel der Wirbelsäule zur Geltung zu bringen. Es ist eine Wirbelsäule, in der die Ursprünge des erotischen Skoliose-Tests zu liegen scheinen. Der Preis der sozialen Mobilität findet seinen Höhepunkt in den Füßen der Frau, die nur in verstümmeltem Zustand in die winzigen Kinderballerinas passen konnten.

Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen den beiden Frauenzimmern: Die eine eitel und schrill, heruntergemagert, mit angenähten Fashion-Flügeln und Bolero-Jäckchen aus eigenem Knochenmaterial. Die andere ihre Kurven unter unförmigen Teppichen verbergend, dem Supermodel ein gleichgültiges, ja, geradezu apathisches Gesicht zuwendend. Doch die Geschichte, die uns der Künstler erzählt, ist kein Märchen über ungleiche Schwestern, es ist auch kein moralisches Lehrstück über die Gefahren der Eitelkeit und das Edle des bescheidenen Lebens. Das wichtigste narrative Element hat der Künstler auf die Nebenfiguren verlagert, die im Bildhintergrund das Geschehen definieren. Auf der Brücke, über der ein finsterer Himmel grollt, stehen drei unentschlossene Gestalten, von denen die linke sich in glotzender Haltung über das Geländer lehnt und einen primitiven Knipsapparat auf die Frauen richtet, ein Gerät, dessen Blitzautomatik so rudimentär ist, dass der Künstler auf ein aufziehendes Gewitter als technische Metapher zurückgeworfen war. Der Mann ist ein Paparazzo, der seine Moneten mit dem Ablichten ungeschminkter Adliger verdient. Ohne Bosheit können wir behaupten, dass es ihm gelungen ist, die Königstochter in einem ungünstigen Moment zu erwischen. Es ist ein Bild, das droben am königlichen Hofe und in den aufgeregten Reihen des Volkes einen Skandal auslösen wird!

Um uns jedoch nicht in einer depressiven Grundstimmung zurückzulassen, hat der Künstler augenzwinkernde Fortschrittskritik im Bild versteckt. Hinten links auf der Bank sitzt ein Mann, der auf eine archaische Version des Smartphones starrt. Obwohl er körperlich Zeuge des Geschehens ist, das oben auf der Brücke aufgezeichnet wird, zieht er es vor, die Beute der Paparazzi im Internet zu bestaunen. Sein Interesse gilt nicht dem sozialen Abstieg der Königstochter, sondern dem Getöse des medialen Ereignisses allein. Und steckt in diesem Detail nicht ein kleiner Trost für den modernen Menschen, der im Zuge von Selbst- und Fremddarstellung an der Kritik eines anonymen Pöbels zerbricht?