Krieg der Kluften
29 Okt
Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden.
Seit Anbeginn der Zeit zieht es den Menschen auf die andere Seite, will er die gottgegebene Ordnung durchbrechen und das Gegenteil dessen, was die Natur ihm beschert hat. Das Werk, das wir heute betrachten, erzählt von diesen törichten Wünschen und dem hohen Preis, den manch einer für ihre Erfüllung zahlt. Wir könnten mit einer architekturgeschichtlichen Erkundung der Stadt beginnen, würde die Straße nicht von zwei Gestalten blockiert werden, die keine Anstalten machen, ihre Interaktion für uns zu unterbrechen. Die Frau links im Bild trägt einen langen weißen Kittel, der eine Beschäftigung im sanitären Dienst nahelegt. Der Verdacht versteift sich zu einer Gewissheit, sobald wir ihrer gelben Putzhandschuhe ansichtig werden. Diese Darstellung belegt die außergewöhnliche Flexibilität mittelalterlichen Latex, der den darin steckenden Fingern erlaubte, mühelos Schattenspiel-Rehe zu formen. Die muskulösen Schultern der Frau tragen einen roter Teppich. Um das Herabgleiten des edlen Stücks beim Transport ins Nachbarhaus zu verhindern, hat sie ihn mit einem Autoscooter-Lenkrad geschickt vor der Brust fixiert. Mit einem Putzlappen als zusätzlichem Keimpuffer umfasst ihre linke Hand einen mannsgroßen Teppichklopfer. Das trockene Laub in seinen Windungen ist kein Zierrat! Es fungiert als Merkhilfe, dass die Gartenarbeit noch bevorsteht. Aber wer ist diese Frau, die so tüchtig und selbstsicher vor uns ins Bild getreten ist? Ist sie fleißige Haushälterin aus Leidenschaft? Oder eine Reinigungskraft, die ums nackte Überleben kämpft? Das Geheimnis ihrer sozialen Herkunft wird von der ungewöhnlichen Kopfbedeckung offenbart: es handelt sich dabei um eine mutierte Pistazie, die von einem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Keuschheitsgürtel eingefasst wird. Ein Kopfputz, der den Schluss nahe legt, dass sich hinter dem schäbigen Äußeren eine entlaufene Königstochter verbirgt, die in den täglichen Mühen des einfältigen Volkes Trost und Erbauung sucht.
Wenden wir uns nun ihrer Kontrahentin zu, die zu unserer rechten mit forderndem Schritt und offenem Autogramm-Buch Kontakt mit der königlichen Ausreißerin sucht. Sie trägt einen extravaganten Hut von Alexander McQueen und süße Kopfhörer aus Dackelfell. Ohne Zweifel haben wir ein Supermodel aus den unteren Gesellschaftsschichten vor uns: eine Frau, die im krassen Kontrast zur blassen Königstochter den sozialen Aufstieg sucht, indem sie ihre Attraktivität künstlich zu steigern trachtet. Neben der smaragdfarben getönten Haut weist auch eine kunstvoll geschwungene Nase auf die Tatsache operativer Eingriffe hin. Aus den aufgespritzen, lüstern rot tätowierten Lippen ragt ein Frauenfuß, der den Betrachter kokett in den verhängnisvollen Schlund leidenschaftlicher Küsse lockt. Im Kontext des Gesichtsdesigns wirken die farbigen Kontaktlinsen der Dame geradezu natürlich. Die harmonische Schönheit ist freilich kein Zufall. Wie wir hier sehr gut sehen können, war es für die Chirurgen des Mittelalters keine ungewöhnliche Praxis, vor den eigentlichen kosmetischen Eingriffen eine Testkomposition am Gesäß durchzuführen. Der ganze Körper scheint sich dem Diktat eines anorektischen Ideals gebeugt zu haben, um jeden einzelnen Knorpel der Wirbelsäule zur Geltung zu bringen. Es ist eine Wirbelsäule, in der die Ursprünge des erotischen Skoliose-Tests zu liegen scheinen. Der Preis der sozialen Mobilität findet seinen Höhepunkt in den Füßen der Frau, die nur in verstümmeltem Zustand in die winzigen Kinderballerinas passen konnten.
Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen den beiden Frauenzimmern: Die eine eitel und schrill, heruntergemagert, mit angenähten Fashion-Flügeln und Bolero-Jäckchen aus eigenem Knochenmaterial. Die andere ihre Kurven unter unförmigen Teppichen verbergend, dem Supermodel ein gleichgültiges, ja, geradezu apathisches Gesicht zuwendend. Doch die Geschichte, die uns der Künstler erzählt, ist kein Märchen über ungleiche Schwestern, es ist auch kein moralisches Lehrstück über die Gefahren der Eitelkeit und das Edle des bescheidenen Lebens. Das wichtigste narrative Element hat der Künstler auf die Nebenfiguren verlagert, die im Bildhintergrund das Geschehen definieren. Auf der Brücke, über der ein finsterer Himmel grollt, stehen drei unentschlossene Gestalten, von denen die linke sich in glotzender Haltung über das Geländer lehnt und einen primitiven Knipsapparat auf die Frauen richtet, ein Gerät, dessen Blitzautomatik so rudimentär ist, dass der Künstler auf ein aufziehendes Gewitter als technische Metapher zurückgeworfen war. Der Mann ist ein Paparazzo, der seine Moneten mit dem Ablichten ungeschminkter Adliger verdient. Ohne Bosheit können wir behaupten, dass es ihm gelungen ist, die Königstochter in einem ungünstigen Moment zu erwischen. Es ist ein Bild, das droben am königlichen Hofe und in den aufgeregten Reihen des Volkes einen Skandal auslösen wird!
Um uns jedoch nicht in einer depressiven Grundstimmung zurückzulassen, hat der Künstler augenzwinkernde Fortschrittskritik im Bild versteckt. Hinten links auf der Bank sitzt ein Mann, der auf eine archaische Version des Smartphones starrt. Obwohl er körperlich Zeuge des Geschehens ist, das oben auf der Brücke aufgezeichnet wird, zieht er es vor, die Beute der Paparazzi im Internet zu bestaunen. Sein Interesse gilt nicht dem sozialen Abstieg der Königstochter, sondern dem Getöse des medialen Ereignisses allein. Und steckt in diesem Detail nicht ein kleiner Trost für den modernen Menschen, der im Zuge von Selbst- und Fremddarstellung an der Kritik eines anonymen Pöbels zerbricht?


