Abrahams Wrint-Kesselchen
12 Mai
24 Mrz
Die dritte >> Wrintheit mit kranken Hauptdarstellern und einer Handvoll halbsteifer Fragen.
Zum Trost dieses ästhetische Foto von einem ermordeten Fisch.
22 Feb
Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden.
Mitschrift:
Seit uns das Fell abhanden kam, pflegen wir unsere Körper. Der Mensch – nichts als Eitelkeit und Gewäsch? Schon Aristoteles wusste: Worüber man nicht gleiten kann, darüber muss man pudern. Und heute? Sind Beautyblogs und Schminkvideos tatsächlich eine Erfindung des Internets, eine Krankheit der vernetzten Zivilisation? Auf den Schwingen der Kunst reisen wir diesmal zu den Ursprüngen reflektierter Körperpflege, in das Schönheitsgemach einer geheimnisvollen Unbekannten, die uns durchs Schlüsselloch einen Blick in ihr Badezimmer gewährt.
Alt und Neu gehen im Raum eine Symbiose ein. Zwischen Bodenfliesen mit Urzeitskrebschen und handgeknüpftem Duschvorhang-Prunk bricht sich die Moderne Bahn. Die Kloschüssel, die ihre profane Funktion hinter ausgefallenen Formen verbirgt, nimmt die beliebteste Kachelfarbe der 60er Jahre vorweg und verwandelt sich bei zugeklapptem Deckel in einen Frisiersessel mit Konsole. Das Badezimmermöbel gegenüber wurde eigenmächtig und schief zusammengeschraubt. Womöglich wollte der Künstler damit die Nachwelt vor Ikea warnen. Mit seinen Pfeilern aus Deko-Geschwür verweist der Schminktisch auf die Geringschätzung des Praktischen und den Vorrang des schönen Scheins. Dieses Badezimmer ist gewiss keine Wellness-Oase, und doch finden eine ganze Frau und ihr Modehund darin Platz. Dem Tier mit der Chabo-Frisur wurde jeder Jagdinstinkt ausgetrieben. Es hat nur ein Begehren: seinem Frauchen wohlrationierte Stücke Klopapier von der Rolle zu reißen. Dabei ist der Schwanz demütig in die Leistengegend geklemmt, an seiner statt lässt der Hundling das Klopapier-Banner baumeln. Die junge Frau zollt dem kurzlebigen Tier Respekt, indem sie es mit Leopardenfell-Moden bekleidet.
Die Abgebildete ist Hedwig B. : Ein Teenager auf der Suche nach sich selbst. Seit einer Stunde wartet sie darauf, das die weiße Föhnhaube mit den rot glühenden Signallämpchen einen modischen Lockenhaufen herausspuckt. Im unteren Bereich steckt das Haar in zwei silbernen Glätt-Röhren. Die Idee, gegensätzliche Zustände einer Frisur zu kombinieren, findet sich noch heute im schwarz-blonden Haar-Gefieder von Hühnerfrauen.
Hedwigs schminkgeiles Antliz ist voller Hingabe. Sie ist bereit, für die Schönheit zu leiden. Da ist es nur recht, dass der Künstler den Rundspiegel hinter ihr blind retouchiert hat, um uns Betrachtern und ihr selbst den Anblick eines temporär wenig ansprechenden Hinterkopfes zu ersparen. Wenn wir Hedwig nach ihren Plänen für den Abend befragen wollen, bleibt das Bild jedoch seltsam stumm. Bis wir entdecken, wie raffiniert der Künstler unter nichtssagenden Bade-Laken einen Hinweis für uns versteckt hat: Es sind die Buffalos, deren klobige Plateausohlen sich unter dem Faltenwurf deutlich abzeichnen. Die Situation ist eindeutig: Hedwig geht feiern! Mit der einen Hand schreibt sie noch ein paar Tweets für unterwegs vor, mit der anderen kratzt sie schon das Blattgold von ihrer Beauty-Bibel, in Wirklichkeit ein pfiffig integrierter Lidschatten, mit dem sie Akzente für einen glamourösen Auftritt setzt.
Gleich wird Hedwig sich ihrer problematischen Kinnpartie zuwenden. Die Schere, die auf dem Schminktisch liegt, ist gottlob nur ein prophetisches Symbol für die plastische Chirurgie, die erst im 20. Jahrhundert aufkommen wird. Noch ist das Wichtigste die richtige Körperpflege. Hedwigs Routine entspricht der Anordnung der Kosmetik auf dem Schminktisch. Erst sorgt die rote Badeperle für Wonne in der Wanne. Anschließend wird die grüne Apothekentinktur gegen Mitesser aufgetragen. Und rechts, auf einem angeberischen Sockel, steht ein Parfum-Flakon. Bevor sie das Haus verlässt, wird Hedwig einige Tropfen davon in den Kniekehlen verreiben, um im Schweiße einer durchtanzten Nacht Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Wir hoffen, sie feiert schön. Bis zum nächsten Mal, in einer neuen Folge von Kunst für Menschen, die im Museum negativ auffallen.
29 Okt
Seit Anbeginn der Zeit zieht es den Menschen auf die andere Seite, will er die gottgegebene Ordnung durchbrechen und das Gegenteil dessen, was die Natur ihm beschert hat. Das Werk, das wir heute betrachten, erzählt von diesen törichten Wünschen und dem hohen Preis, den manch einer für ihre Erfüllung zahlt. Wir könnten mit einer architekturgeschichtlichen Erkundung der Stadt beginnen, würde die Straße nicht von zwei Gestalten blockiert werden, die keine Anstalten machen, ihre Interaktion für uns zu unterbrechen. Die Frau links im Bild trägt einen langen weißen Kittel, der eine Beschäftigung im sanitären Dienst nahelegt. Der Verdacht versteift sich zu einer Gewissheit, sobald wir ihrer gelben Putzhandschuhe ansichtig werden. Diese Darstellung belegt die außergewöhnliche Flexibilität mittelalterlichen Latex, der den darin steckenden Fingern erlaubte, mühelos Schattenspiel-Rehe zu formen. Die muskulösen Schultern der Frau tragen einen roter Teppich. Um das Herabgleiten des edlen Stücks beim Transport ins Nachbarhaus zu verhindern, hat sie ihn mit einem Autoscooter-Lenkrad geschickt vor der Brust fixiert. Mit einem Putzlappen als zusätzlichem Keimpuffer umfasst ihre linke Hand einen mannsgroßen Teppichklopfer. Das trockene Laub in seinen Windungen ist kein Zierrat! Es fungiert als Merkhilfe, dass die Gartenarbeit noch bevorsteht. Aber wer ist diese Frau, die so tüchtig und selbstsicher vor uns ins Bild getreten ist? Ist sie fleißige Haushälterin aus Leidenschaft? Oder eine Reinigungskraft, die ums nackte Überleben kämpft? Das Geheimnis ihrer sozialen Herkunft wird von der ungewöhnlichen Kopfbedeckung offenbart: es handelt sich dabei um eine mutierte Pistazie, die von einem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Keuschheitsgürtel eingefasst wird. Ein Kopfputz, der den Schluss nahe legt, dass sich hinter dem schäbigen Äußeren eine entlaufene Königstochter verbirgt, die in den täglichen Mühen des einfältigen Volkes Trost und Erbauung sucht.
Wenden wir uns nun ihrer Kontrahentin zu, die zu unserer rechten mit forderndem Schritt und offenem Autogramm-Buch Kontakt mit der königlichen Ausreißerin sucht. Sie trägt einen extravaganten Hut von Alexander McQueen und süße Kopfhörer aus Dackelfell. Ohne Zweifel haben wir ein Supermodel aus den unteren Gesellschaftsschichten vor uns: eine Frau, die im krassen Kontrast zur blassen Königstochter den sozialen Aufstieg sucht, indem sie ihre Attraktivität künstlich zu steigern trachtet. Neben der smaragdfarben getönten Haut weist auch eine kunstvoll geschwungene Nase auf die Tatsache operativer Eingriffe hin. Aus den aufgespritzen, lüstern rot tätowierten Lippen ragt ein Frauenfuß, der den Betrachter kokett in den verhängnisvollen Schlund leidenschaftlicher Küsse lockt. Im Kontext des Gesichtsdesigns wirken die farbigen Kontaktlinsen der Dame geradezu natürlich. Die harmonische Schönheit ist freilich kein Zufall. Wie wir hier sehr gut sehen können, war es für die Chirurgen des Mittelalters keine ungewöhnliche Praxis, vor den eigentlichen kosmetischen Eingriffen eine Testkomposition am Gesäß durchzuführen. Der ganze Körper scheint sich dem Diktat eines anorektischen Ideals gebeugt zu haben, um jeden einzelnen Knorpel der Wirbelsäule zur Geltung zu bringen. Es ist eine Wirbelsäule, in der die Ursprünge des erotischen Skoliose-Tests zu liegen scheinen. Der Preis der sozialen Mobilität findet seinen Höhepunkt in den Füßen der Frau, die nur in verstümmeltem Zustand in die winzigen Kinderballerinas passen konnten.
Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen den beiden Frauenzimmern: Die eine eitel und schrill, heruntergemagert, mit angenähten Fashion-Flügeln und Bolero-Jäckchen aus eigenem Knochenmaterial. Die andere ihre Kurven unter unförmigen Teppichen verbergend, dem Supermodel ein gleichgültiges, ja, geradezu apathisches Gesicht zuwendend. Doch die Geschichte, die uns der Künstler erzählt, ist kein Märchen über ungleiche Schwestern, es ist auch kein moralisches Lehrstück über die Gefahren der Eitelkeit und das Edle des bescheidenen Lebens. Das wichtigste narrative Element hat der Künstler auf die Nebenfiguren verlagert, die im Bildhintergrund das Geschehen definieren. Auf der Brücke, über der ein finsterer Himmel grollt, stehen drei unentschlossene Gestalten, von denen die linke sich in glotzender Haltung über das Geländer lehnt und einen primitiven Knipsapparat auf die Frauen richtet, ein Gerät, dessen Blitzautomatik so rudimentär ist, dass der Künstler auf ein aufziehendes Gewitter als technische Metapher zurückgeworfen war. Der Mann ist ein Paparazzo, der seine Moneten mit dem Ablichten ungeschminkter Adliger verdient. Ohne Bosheit können wir behaupten, dass es ihm gelungen ist, die Königstochter in einem ungünstigen Moment zu erwischen. Es ist ein Bild, das droben am königlichen Hofe und in den aufgeregten Reihen des Volkes einen Skandal auslösen wird!
Um uns jedoch nicht in einer depressiven Grundstimmung zurückzulassen, hat der Künstler augenzwinkernde Fortschrittskritik im Bild versteckt. Hinten links auf der Bank sitzt ein Mann, der auf eine archaische Version des Smartphones starrt. Obwohl er körperlich Zeuge des Geschehens ist, das oben auf der Brücke aufgezeichnet wird, zieht er es vor, die Beute der Paparazzi im Internet zu bestaunen. Sein Interesse gilt nicht dem sozialen Abstieg der Königstochter, sondern dem Getöse des medialen Ereignisses allein. Und steckt in diesem Detail nicht ein kleiner Trost für den modernen Menschen, der im Zuge von Selbst- und Fremddarstellung an der Kritik eines anonymen Pöbels zerbricht?
21 Jul
Zu allen Zeiten haben Frauen ihre Neugeborenen dem Tode übergeben. Dieses Bildnis eines anonymen Zeitzeugen erzählt eindringlich und in liebevoll gearbeiteten Details die Geschichte einer abgestumpften Mutter, die von sozialer Not getrieben ein Milchattentat am eigenen Kinde verübt. In ihrem Antlitz hat die Lebensmüdigkeit sich niedergelassen. Schlaffe Klapplider schieben sich über die trockenen Augäpfel. Die Frau beherrscht ihren tödlichen Handgriff wie den Zug einer Pistole: präzise hat sie die einsatzbereite Brust mit der giftigen Milchzubereitung zwischen Zeige- und Mittelfinger platziert. Die vor Schreck weit aufgerissenen Augen des Kindes, die unter einem Paar dynamischer Brauen aufzucken, sind hilfesuchend auf den Betrachter gerichtet. Der Milchstrahl schießt in den Mund des Kindes, verfehlt ihn jedoch knapp, und bleibt wie unnützer Speichel am Mundwinkel hängen. Eine Errettung? Sind wir die Erretter? Ist es unsere Anwesenheit, die die Aufmerksamkeit des Kindes erregt und den tödlichen Schuss aus der Mutterbrust ins Leere gehen lässt?
Nur einige der Fragen, die das Bild uns aufwirft, lassen sich beantworten. Kleidung und Kopfputz der Frau geben uns Auskunft über das Milieu aus dem sie stammt und legen die Motive ihrer schrecklichen Tat zutage. Ihr Haar ist zu kleinen strammen Zöpfen geflochten, die von einem billigen Haarreif aus Plastikperlen im Zaum gehalten werden. Die Frau hat eine Mülltüte über ihr Haupt gestülpt, die in der Pädagogischen Bulle von Papst Pius dem Dreizehnten als preiswertes und effizientes Erstickungsinstrument für unerwünschte Leibesfrüchte propagiert wird. Wir müssen davon ausgehen, dass die Frau beabsichtigt, sich nach vollstreckter Tat auf diese Weise selbst das Leben zu nehmen. Über den morbide geschmückten Kopf hat die Rabenmutter eine schwarze Decke aus indischer Massenproduktion geworfen, die sich wie ein Mantel des Schweigens über ihre verderbliche Absicht legt. In der Trauerfarbe schwingt unüberhörbar die Melancholie postnataler Depression mit. Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass die Mutter in der afroamerikanischen Sprechgesangszene sozialisiert wurde und im finsteren Ghetto zuhause ist. Unterstützt wird die These vom protzigen Hintergrund aus Zahngold, das einer Substanzanalyse zufolge aus dem Mundraum eines ermordeten Zuhälters stammt.
Noch deutlicher wird das, wenn unser Blick zum krausköpfigen Kinde hinab gleitet, das der Maler geschickt zwischen zwei leeren Eierkartons positioniert hat. Sie sind der Inbegriff des Unflats, der den ungünstigen Lebensraum markiert. Das Kind, das in die verhängnisvollen Hände seiner Mutter geworfen scheint, kleidet nur das eigene Fleisch. Die Haut weist einen eigenen Faltenwurf auf, der eigenwillig Kragen und Ärmelaufschläge formt. Das bereitgelegte Leichentuch, das den Unterleib des Kindes verdeckt, scheint wie mit dem Körper verwachsen. Eine Metapher für unentrinnbares Schicksal? In den Händen des Kindes baumelt eine Kette, die aus der Perlenreihe eines Rechenbretts gewonnen wurde. Der Künstler möchte uns damit auf die Bildungsferne einer Frau hinweisen, die mit der wunderbaren Welt der Mathematik nichts weiter anzufangen weiß als sie für eitle Zwecke zu Schmuck umzudeuten.