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BETREUTES LESEN (3) – “Der Schatz in der Vitrine”

27 Jul

Hello Kittens! Heute geht es um merkwürdige Sachen aus einem Kapitel, das Lesefaule sich als Hörspiel aus der roser Soundcloud laden können. Wer es noch nicht kennt, sollte unbedingt kucken!

Unsere erste Station ist die Plattenbausiedlung. Wir schreiben das Jahr 1988  in den Dreck. Während Kinder, deren Familie ein Haus besitzt, mit einer Baumschaukel und einem eigenen Sandhaufen gesegnet sind, müssen Hochhauskinder sich mit einer Teppichklopfstange zufrieden geben. Dieses Gestell gibt es an mehreren Stellen der Siedlung. Selten sieht man eine Latschen-Matrone wahrhaftig einen Teppich drauf schlagen. Die Teppichstange gehört tagsüber den Kindern, abends den Jugendlichen. Man kann sich dran lehnen, während man auf seine Verabredung wartet. Man kann darauf sitzen, daran hochklettern, runterhängen vom oberen oder mittleren Rohr, sich überschlagen, wie ein Äffchen hangeln und herumschaukeln. Wer auf der Teppichstange hockt, dem gehört nicht nur dieses Stück glatzig verbrannten Rasens, sein ist das ganze Königreich aus schmutzig-pastellfarben bröckelndem Beton. Hinter uns in der Ferne, unter dem Gewicht der glühend herabstürzenden Sonne, Stoppelfelder, aus denen purpurne Disteln ragen. Sehnsucht zerreißt mich noch heute, denke ich an die staubtrockene Romantik ästhetischer Einheitlichkeit, die von Werbeplakaten und weltlichem Müll unverdorbene Urbanität, inmitten derer Kinder mit nichts als Träumen von Cola-Dosen im Kopf von Teppichstangen baumelten. (Cola-Dosen gibt es in Polen mittlerweile an jeder Ecke, aber die Teppichstangen haben ihre Beliebtheit bei den Kindern nicht verloren!)

Wer zum ersten Mal mit dem Auto nach Polen reinfährt, wundert sich vielleicht über die Häufigkeit der Werbeschilder, auf denen „MEBLE“ steht: Möbel. Ich weiß nicht, warum es in Polen so viele Möbelherstellungsbetriebe gibt. Wenn mir diese Frage jemand beantworten kann, der tue dies umgehend! In Zeiten der „polnischen Volksrepublik“ waren Möbel jedenfalls Mangelware. In den härtesten Phasen der Wirtschaftskrise, als man für alles mehrere Stunden anstehen musste, ohne Garantie, überhaupt etwas zu bekommen, war der Ausdruck „Sie haben (Produkt x) geworfen“ üblich. Es bedeutete, dass eine Warenlieferung eingetroffen war. Manchmal war es Klopapier, ein anderes Mal Strampelhöschen, und manches, das „geworfen“ wurde, war eigentlich zu schwer, um es zu werfen. Schrankwände zum Beispiel. Als eines Tages Schrankwände geworfen worden waren, machten meine Eltern sich sofort auf den Weg.  Der Kauf lief so ab: Die Verkäuferin zeigte meinen Eltern die in Packpapier gewickelten Möbel. Als sie drängten, mehr sehen zu dürfen, riss sie ein Stück vom Papier ein. Fünf Zentimeter lackierter Spanplatte mit Maserung wurden sichtbar. „Nehmen wir!“, riefen meine Eltern im Glück ihrer Anspannung, denn die Schrankwand gehörte zu den Dingen, auf die sie schon seit Jahren „warteten“. Die Schrankwand, damals Teil jedes Wohnzimmers, heißt auf Polnisch „meblościanka“ (wörtlich übersetzt etwa „Möbel-o-Wändchen“) und gehört heute zu jeder polnischen Ostalgie-Party dazu wie ein ausgestopfter Vogel. Die Schrankwände unterschieden sich kaum voneinander. Allen gemeinsam war ein sogenannter „barek“, eine Bar zum Herausklappen. Das Zentrum der Aufmerksamkeit und der allgemeinen Verzückung war aber die Glasvitrine.

Hier stellte man alles aus, was man an Schätzen besaß: Behältnisse aus Kristall, bulgarische Holzflakons, polnische Folklore in Form kunstvoll geritzter Ostereier. Doch nichts war so wertvoll wie die Status-Symbole aus dem Westen: leere Getränkedosen und Schokoladennikoläuse. Nahezu jeder sammelte Dosen.  Zwar gab es in Polen Cola, aber in Glasflaschen und so teuer, dass so ein kleines Fläschchen für die ganze Familie reichen musste. Wenn man schon echte Cola trank, dann nicht um den Durst zu stillen, sondern „für den Geschmack“. Cola in Dosen („Lux!“) gab es sowieso nur im Touristenladen „Pewex“, für Dollars, und unbezahlbar. Im ganzen Land gab es keine Getränke in Dosen, deswegen waren sie als Sammelgegenstände auch so begehrt. In Alben hingegen sammelte man Müll: Verpackungen von Milka-Schokolade, CapriSonne-Tütchen, Wickelpapier von Maoam. Als mein Onkel uns aus Deutschland Leckereien mitbrachte, habe ich instinktiv alles “Wertvolle” ausgeschnitten: Die Orange vom Aldi-Trinkpäckchen, den Bären von der Haribo-Tüte. Diese wundersamen “Bildchen” wurden dann in einem dicken Buch gepresst. Instinktiv, weil ich im Kinderalter noch  nicht wusste, dass Andere es genauso machten.

Mindestens so berühmt wie das zerkratzte Antlitz der Mutter Gottes von Tschenstochau ist in Polen die marienförmige Weihwasserflasche aus Lourdes. Ihre abgefahrene Krone ist ein Schraubverschluss. Auch sie stand in mancher Vitrine und gehörte zu den aufregendsten Devotionalien, denen ich vor Besuchen bei meiner anderen Oma entgegenfieberte. Mein Traum war, daraus Limonade, Tee oder Milch zu trinken. Nachdem ich den unfrommen Wunsch geäußert hatte, durfte ich nicht einmal mehr mit ihr spielen. Zum Trost hing über der Tür des Betzimmers, in dem ich schlief, ein Jesus, der im Dunkeln leuchtete; eine fluoreszierende Steinschleuder als Betthupferl. Brrrrr.

So unerreichbar wie die Muttergottes waren auch Südfrüchte. In beiden Fällen war die Plastikversion ein Trost. In vielen Haushalten stand auf dem Wohnzimmertisch ein reichlich mit Obst aus Plastik gefülltes Körbchen.  Ich erinnere mich an den Obstkorb einer Großtante, aus dem ich mir bei jedem Besuch etwas aussuchen und zum Spielen ausleihen konnte. Die Banane bedeutete mir nichts. Ich verliebte mich unsterblich in eine gelbe Traube, die, von fettigen Kinderfingern bearbeitet, wie eine echte Frucht glänzen konnte. Ich wollte sie nicht mehr hergeben und versteckte sie unterm Bett, behauptend, sie wäre unauffindbar und ich könne sie nicht zurückgeben. Leider fand Oma Greta (“halb Mensch, halb Besen”) die Traube sehr bald. Die Großtante ließ mich nur noch mit ihren Schuhlöffeln spielen.

 

In der nächsten Folge: Reisen ins “Rajch”, Modemarke “Made in China” und kettenrasselnde Killer-Köter! 

 

BETREUTES LESEN (2) – “B.R.D.”

22 Jul

Im zweiten Kapitel von „Sitzen vier Polen im Auto“ erfährt Ola von einem Ort namens BRD. Das tut sie nur dem deutschen Leser zuliebe, denn in Polen sprach man von „Erefen“, in Buchstaben: RFN, was die Abkürzung für „Republika Federalna Niemiec“ ist und übersetzt nichts anderes bedeutet als „Bundesrepublik Deutschland“. Auch von „DDR“ war in Polen nie die Rede, sondern nur von „Enerde“, in Buchstaben: NRD („Niemiecka Republika Demokratyczna“). Erklärungsbedürftig bleibt nur noch die Etymologie des weder an Allemagne noch an Germany noch an Deutschland erinnernde Wort „Niemcy“. Kein Pole, der es ausspricht, denkt heute noch daran, was „niemcy“ im Mittelalter, aus dem die Bezeichnung stammt, bedeutete, nämlich „die Stummen“. Niemcy waren die, mit denen die Polen sich nicht verständigen konnten, weil diese sich einer ihnen fremden Sprache bedienten.

Das Wrack einer alten Lokomotive dient Ola als Spielplatz, Versteck und Königreich. Anders als die nachgestellten Wracks von Piratenschiffen, die man auf deutschen Abenteuerspielplätzen findet, war die Lokomotive echt und sicheres Spiel nicht garantiert. Rost, herausstehende Nägel, lockere Teile, Splitter und Scherben luden zur Selbstverletzung ein. Lokomotivenwracks waren im Polen der Achtziger kein seltener Anblick. In der Kult-Serie „Alternatywy 4“ versuchen die Bewohner eines Plattenbaus, diesen mithilfe einer alten Lokomotive zu „beheizen“. :-) Mir selbst standen am Waldrand hinterm Haus fünf Lokomotiven zur Verfügung, in denen ich gerne – allerdings stehts beaufsichtigt – spielte, bevor sie zur Wende hin nach und nach verschrottet wurden. Noch heute kann man in Polen mancherorts rostige Waggons in den Wäldern finden.

Ich wurde 1988 eingeschult, im Alter von sieben Jahren. Als Sechsjährige ging ich in die „Zerówka“, die Vorschule, die das Bindeglied zwischen Kindergarten und erster Klasse bildete. Dort haben wir bereits Buchstaben und Zahlen gelernt, hatten eine Art Naturkunde sowie Kunst- und Musikunterricht, nur dass alles im Schneidersitz und eher lockerer Spielatmosphäre stattfand. Ab der ersten Klasse musste man eine Schuluniform tragen, die „fartuszek“ (Kittelchen für die Mädchen) und „mundurek“ (Uniförmchen, Hemden für die Jungs) genannt wurde. Sie waren aus blauem bis dunkelblauem Schürzenstoff, hatten meistens einen weißen Kragen und wurden über die Kleidung geknöpft. Im Klassenzimmer wurden ferner Hausschuhe getragen, die eigens für das Tragen in der Schule gedacht waren. Ich glaube, dass man in den Pausen wieder in seine Straßenschuhe schlüpfen musste. Unsere Tornister entsprachen in Form und Ausstattung dem abgebildeten Modell. Sehr populär war das Sindbad-Motiv, oder rechts und links je ein Lederherz. Alternativen gab es kaum.  Braver Respekt vor der unbedingten Autorität der Lehrerin (Lehrer gab es kaum) war selbstverständlich, und die Leistungsanforderungen waren vergleichsweise hoch. In der ersten Klasse nahmen wir durch, was in Deutschland erst in der dritten auf dem Programm stand. Es gab auch von Anfang an Noten und Leistungsdruck. Und ein wichtiger Unterschied noch: Eine Fünf war die Bestnote, die schlechteste Note eine Zwei.

In einem polnischen Internetforum schreibt eine Frau, die 1982 ein Kind zur Welt gebracht hat, über die Zustände im Krankenhaus: „Kakerlaken krabbelten über die Wände – wir hatten Angst, das Licht auszumachen – man musste sie die ganze Zeit im Auge behalten. Wir haben Wasser gekocht, mit dem wir uns dann gewaschen haben, denn im Krankenhaus gab es kein warmes Wasser.“ Eine andere erinnert sich an ihre Geburtsaufenthalt 1986: „Die Ärzte waren übermäßig um Sauberkeit besorgt und bemüht, Mütter und Kinder zu schützen, indem sie den Familienangehörigen Besuche untersagten – die Ehemänner durften nicht für einen Augenblick hereinkommen. Diese Maßnahmen haben nichts an der Tatsache geändert, dass die Sanitäranlagen voller Schimmel und Schmutz waren und wir Ohrenkneifer und Kakerlaken in unserer Kleidung fanden. Die reinste Heuchelei!“ Die Geschichten meiner Mutter, die in polnischen Krankenhäusern drei Kinder in die Öde gepresst hat, sind keinesfalls heiterer. Als mein Bruder geboren wurde, durften mein Vater und ich tatsächlich nicht zu ihr. Aus hygienischen Gründen. Durchs Fenster warf sie Briefchen zu uns herunter, in denen sie uns bat, sie mit Essbarem zu versorgen.

Ola träumt von einem MickyMaus-Pyjama. Disney-Figuren waren jedem bekannt, doch sie begegneten einem selten. Unter dem Namen „Myszka Miki“ gab es viel Gefälschtes, unförmige Plastikmäuse auf einer Schaukel etwa, die man an den Buden vom Kirchweihfest erwerben konnte.  Immerhin wurde an Weihnachten Disneys Schneewittchen im Fernsehen ausgestrahlt, und selbst meine Mutter sah in den Sechzigern Bambi im Kino. Doch Disney blieb ein unerfüllter Kindertraum, der wachgehalten wurde vom legendären „Donald-Kaugummi“, der heute zur wehmütigen Erinnerung jedes Polen gehört. Wenn man schon einen Donald-Kaugummi ergattert hatte, zum Beispiel durch die Großzügigkeit einer Tante, kaute man ihn den ganzen Tag und manchmal über mehrere Tage hinweg. Zum Essen wurde er kurz rausgenommen und an den Tellerrand geklebt. Zum Glück lohnte sich die Anschaffung eines Donald-Kaugummis, auch wenn man die Kaumasse schließlich wegschmeißen musste, denn um ihn herum gewickelt war eine Disney-Bildergeschichte, die nicht nur durch ihre Inhalte überzeugte. Das knisternde Papier roch noch Monate nach dem Kaugummi. Es war begehrtes Sammlerobjekt und ließ sich in bedürftigen Stunden gut an die Nüstern saugen.

KEEP SHARING! 

In der nächsten Folge: Wissenswertes über Teppichstangen, Plastik-Obst, Schrankwandvitrinen und Coca-Pola!

Betreutes Lesen – Mehr Fun an der Fanta im Fiat Polski! (PREMIERE!)

18 Jul

Ich starte eine neue Serie im Blog, die sich an alle richtet, die mein Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ gelesen haben, die es gerade lesen oder die noch vorhaben, es zu tun. Das Angebot ist im Weltraum einmalig: Bis zum 1. Dezember werde ich alle fünf Tage interessante, skurrile und aufregende Background-Infos zu den einzelnen Kapiteln (derer 28!) posten. Wer sich unter einem „Aussiedlersarg“ nichts vorstellen kann, die Aldi-Brause „Flirt“ nicht kennt oder sich wundert, warum man in Polen Kaffee mit Fusseln nicht nur trank, sondern immer noch trinkt, wird hier (und parallel auf meiner geburtsreifen Autoren-Website) in reich illustrierter Weise Impressionen kredenzt bekommen. Außerdem beantworte ich alle eure Fragen! Und nun..

PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE

~*Kapitel 1 – Das Goldene Buch *~

„Mutter Gottes von Tschenstochau!“, ruft eine Frau gleich am Anfang meiner Geschichte. Gemeint ist die „Schwarze Madonna“, eine Ikone aus dem wichtigsten Wallfahrtsort Polens, die Matka Boska CzęstochowskaDie Mutter Gottes gilt als “Königin Polens”, und dieses Gnadebild ist zum Symbol der Nation geworden. Kaum ein bäuerlicher Haushalt, in dem nicht irgendwo eine Reproduktion der schwarzen Madonna hinge, und sei es nur eine Postkarte, die hinter Vitrinenglas lehnt. Charakteristisch sind die langen Kratzer auf der Wange, die die Mutter Gottes besonders tranig aus der Wäsche schauen lassen. Der Legende nach soll ein Soldat das Bild mit seinem Säbel geschändet haben, was den katholischen Kult, dessen Kern das Leiden ist, nur weiter anheizen konnte.

 

Die Katastrophe von Tschernobyl, die in den ersten Szenen des Kapitels aufgegriffen wird, habe ich lebhaft in Erinnerung, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war. Wie die Kinder in der Abbildung musste ich einige Tage nach der Explosion in der Ukraine ins “Zentrum der Gesundheit”, um die Jodlösung “Płyn Lugola” einzunehmen. Beim ersten Versuch kam mir der blutigbraune Trank wieder hoch. (Mir kam aber einiges hoch in diesen Zeiten…) Meine Eltern und ich mussten uns nochmal hinten anstellen. Die Schlange war sehr lang, schließlich mussten alle Kinder und Jugendlichen im Dorf versorgt werden. Die Maßnahme war total sinnlos, “Senf nach der Wurst” sagt man, wenn etwas viel zu spät kommt, ohnehin bestand aber für uns keine Gefahr. Die ätzende Flüssigkeit hat die Geschmacksnerven aber derart traumatisiert, dass der Tag der Einnahme sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat.

 

Wir waren Zahnpasta-Gourmets! Das erste Kapitel beginnt im Jahr 1986. In Polen herrschte Mangel an allem. Für Süßigkeiten musste man – wie für alles andere auch – stundenlang anstehen, und was man dann bekam, war ein „schokoladenähnliches Produkt“, das keinesfalls ein satirischer Begriff ist, sondern die blass auf die schlichte Verpackung gedruckte Bezeichnung war. „Echte“ Schokolade gab es nicht, von Kaubonbons und Gummibärchen ganz zu schweigen. Die bekam nur, wer Verwandte oder Freunde in “BRD” hatte, die zur Weihnachtszeit Pakete schickten. Getrieben von Sehnsucht nach Zucker entwickelten viele Kinder große Experimentierfreude. Die Protagonistin Ola ist im ersten Kapitel sechs Jahre alt und kennt schon einige alternative Leckereien. Dazu gehört Zahnpasta mit Erdbeergeschmack, die ihre Tante Selma ihr aus dem Bulgarien-Urlaub mitgebracht hat. Kaum ein Polenkind der Achtziger, das nicht auch ausländische Zahnpastawürste auf seine Zunge gedrückt hätte. Davon zeugt auch dieses Panel aus der autobiografischen graphic novel von MARZI.

 

Olas Oma Greta trinkt ihren Kaffee fusselig. Keineswegs eine weitere exzentrische Vorliebe, sondern die einzige Option neben löslichem Weizenkaffee. In den Achtzigern gab es in Polen noch keine Kaffeemaschinen. Man bereitete den Kaffee zu, indem man das entsprechend dosierte Häufchen mit kochendem Wasser übergoss. Es stürmte, es fusselte durchs Glas, dann setzte sich die dicke Schicht unten ab und der Kaffee konnte spitzmündig genossen werden. Serviert wurde der Kaffee, genau wie Tee, in den charakteristischen Allerweltsgläsern, die in Stahl- oder Plastikkörbchen mit Henkel steckten. Eine etwas wacklige Angelegenheit und man verbrannte sich immer die Finger, aber heute sind diese Gestelle „Kult“. Obwohl mit der Transformation auch die (übrigens aus Deutschland stammende) Kaffeemaschine mit Filtertechnik in Polen einzog, konnte das Modell sich nicht durchsetzen. Die meisten Leute wollten nicht einsehen, warum sie ihren Kaffee plötzlich anders trinken sollten als die Jahrzehnte davor. Deshalb bekommt man heute in vielen Cafes den sogenannten “Kaffee auf türkisch” als Standard-Kaffee, keinen gefilterten. (Wir in Deutschland lebenden Polen sagen zum Fussel-Getränk übrigens nicht “Kaffee auf türkisch” sondern “Kaffee auf polnisch”.)

 

Auf der Flucht vor der Großmutter findet Ola in einer geheimnisvollen Kellerkammer einen Quelle-Katalog, den sie im weiteren Verlauf der Geschichte ehrfurchtsvoll “Das goldene Buch” nennen wird. Tatsächlich hatten Quelle-Kataloge in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre einen gold schimmernden Umschlag, wie man hier sehen kann. Versandhauskataloge waren eine Art Botschafter zwischen Westdeutschland und Polen. Großväter, die im Krieg in die Wehrmacht eingezogen worden waren und nach dem Krieg lebenslange Freundschaften zu Deutschen pflegten, brachten hin und wieder diese Kataloge aus Deutschland mit. Mein Großvater war im Krieg verletzt worden, angeschossen am Oberarm. Er durfte fast jedes Jahr nach Deutschland ins Sanatorium fahren. Der OTTO-Katalog stand in seinem nach Nikotin riechendem Schrank neben der heiligen Schrift und einem medizinischen Nachschlagewerk. Nichts übte eine größere Faszination auf mich aus als die pastellfarben bunt gekleideten Menschen und das sonderbare Spielzeug aus edelstem Plastik.

Erfahrungen? Beiträge? Fragen? In die Kommentar-Area damit!

In der nächsten Folge: Lokomotivenwracks, Schuluniformen, Ranzenästhetik und Donald-Kaugummi!

Die Negerpuppe

24 Jun

Ich habe vor kurzem eine Mail bekommen. Der Absender entschuldigte sich im Vorfeld dafür, negative Kritik an meinem Roman äußern zu müssen, aber es gäbe da etwas, das ihm keine Ruhe lasse. In meinem Buch würde das „N-Wort“ vorkommen, und dann gleich zweimal. Ob das denn sein müsse? Dass er in Sachen N-Wort zwei und nicht fünfmal fündig wurde, verdankt er einem meiner Lektoren. Der fand das nämlich auch unschön und gemahnte zu politisch korrekter Wortwahl. Es kribbelte mich, das Tabu-Thema im Blog auszufransen.

In den Achtzigern hatte jedes polnische Kind eine “Negerpuppe”. Ihre Beliebtheit rührte wohl daher, dass sie recht billig zu produzieren war und man sie in jedem Kiosk kaufen konnte. Bewegungslos steckte sie in einem Folienbeutel, zwei schwarze Plastikschalen, so schlecht zusammengeschweißt, dass oft die Naht vom Kopf bis an den Unterleib sichtbar blieb. Der Produzent hatte der Puppe zwei blaue Äuglein reingedrückt, wie den anderen billigen Puppen auch, wen interessierte die authentische Augenfarbe, die Kinder pulten sie sowieso wieder heraus. Irgendwann lagen die Puppen löchrig im Sandkasten und wurden von Spinnen bewohnt. Farbe egal. 

Ich sehe keinen Anlass, mich zu rechtfertigen oder gar selbst zu kasteien. Meine literarische Figur ist acht Jahre alt und tauscht ihr “Negerpüppchen” gegen eine leere Haribo-Tüte. Auf Polnisch hieß so eine Puppe „Lalka Murzynek“ (Puppe Negerlein), und wie man an diesem Wort schon sieht, stammt es etymologisch nicht aus derselben Quelle wie “nigger”.

„Murzynek“ entspricht unserem „Mohr“ (von Mauren), aber wer kann sich schon was unter einer „Möhrchenpuppe“ vorstellen? Aus heutiger Sicht ist „Mohr“ natürlich auch eine rassistische Bezeichnung, aber was weiß ein Kind im Polen der 1980er Jahre über Rassismus und political correctness? Was wusste denn zur selben Zeit der durchschnittliche Deutsche darüber? Ich habe kein Sachbuch geschrieben, mein Ding ist vielleicht die Groteske, aber keineswegs die Utopie. Alles was gesagt und gedacht wird, spiegelt damalige Realitäten wider. Dem Autor die Ideologie seiner Figuren zu unterstellen ist ähnlich absurd, wie einen Schauspieler für seine Fehltritte in einer Soap zu schelten. Mehr gibt es über meine Wortwahl nicht zu sagen.

Interessanter ist da schon die Frage nach dem Rassismus der Polen in Vergangenheit und Gegenwart. Mit zurückhaltender Begeisterung stellen populäre Sachbuchautoren hierzulande fest, dass die Polen nichts von political correctness halten. Eine Randgruppe, über die man keine Witze machen dürfte, gibt es nicht, und wer postkolonialistische Kritik am beliebten Kindergedicht „Murzynek Bambo“ übt, wird bestenfalls belächelt. Linke, die so etwas lesen, quellen über vor Empörung. „Rassismus!“ lautet der vor moralischer Verachtung und Selbstgerechtigkeit triefende Vorwurf. Bei allem selbstzugeschriebenem Reflexionsvermögen wundert es bloß, dass die Geschichte des gescholtenen Polens nicht berücksichtigt wird und westliche Phänomene meinende Begriffe, die im westlichen Diskurs gebildet wurden, “Rassismus” zum Beispiel, fraglos auf eine (post-)kommunistische Gesellschaft übertragen werden.

Was man allzuschnell als Rassismus abstempeln könnte, war in Wirklichkeit Exotismus. In den grauen Betonlandschaften Polens konnte man von den „warmen Ländern“ nur träumen. Die, denen Staat und Geldnot das Reisen verwehrten, erfanden Orte wie die „Inseln Hula-Gula“, Paradiese jenseits der Landesgrenzen, wo Kokospalmen sich in den Ozean bogen und ulkig verkleidete Äffchen Südfrüchte in goldenen Schalen servierten. Soweit ich informiert war, hatten nur Märchenfiguren die Möglichkeit, nach Afrika zu reisen. Däumelinchen, auf dem Rücken einer Schwalbe, und „Koziolek Matolek“, der Ziegenbock mit dem roten Höschen.

Während wir Kinder aus Bilderbüchern von der Existenz einer rabenschwarzen Menschenrasse mit wulstigen Lippen erfuhren, deren Angehörige mit Speer in der Hand aus exotischem Gebüsch herausstierten, beklebten die Erwachsenen die Wohnzimmerwände mit Fototapeten, die ferne Ufer zeigten; ein körniger Traum, der in winzige Farbpunkte zerfiel, je näher man ihm kam. Bei all der Idealisierung war es kein Wunder, dass der „Mohrenkopf“ jedes Produkt aufwertete: Rosinen, Kakao-Kekse, Vanille-Eis.

Was hätten wir nicht alles dafür gegeben, einmal einen echten „murzyn“ zu sehen! Gut hatte es dieser Malinowski. Als Ethnologe war es ihm vergönnt, Bananenröckchen unter wild-nackten Brüsten wackeln zu sehen. Menschen, denen es gelang, einmal nach Westdeutschland zu reisen, erinnern sich heute nicht nur an die vollen Supermärkte und glatten Autobahnen, sondern auch an ihren „ersten Neger“, die Gebildeten unter ihnen daran, zum ersten Mal einen Menschen von dunkler Hautfarbe gesehen zu haben. Letztere haben vermutlich im westlichen Ausland studiert, hatten sich irgendwann an den Anblick des Dunkelhäutigen in der Bahn gewöhnt, kritische Filme und Bücher geschaut, andere Perspektiven kennengelernt. Die Polen hatten zu solchem Wissen bis 1989 keinen Zugang, weder praktisch noch theoretisch. Akademische Diskurse aus dem Westen wurden an polnischen Universitäten nicht rezipiert. Texte von sozialer Sprengkraft blieben unübersetzt, im Original konnte sie niemand lesen, man hatte in der Schule ja Russisch gelernt, nicht Englisch, nicht Französisch und schon gar nicht Deutsch. Das Wissen, das hier zu Veränderungen im Denken führen konnte, war in Polen lange Zeit blockiert. So erklärt sich der Exotismus während der sozialistischen Ära von selbst. Durch Unwissen. Mit Rassismus, der Überzeugung von der Minderwertigkeit einer Rasse und daraus resultierenden diskriminierenden Praktiken hatte dieses Phänomen wenig zu tun, nicht zuletzt, weil in Polen einfach keine Schwarzen lebten. Wer hätte sich da für wen einsetzen, wer vor wem fürchten sollen? Das Fremde und Unbekannte war so weit weg, so anders, dass man es nur als Fiktion behandeln konnte, die frei von politischem Bewusstsein war. So sehen wir in der 1984 entstandenen Kult-Serie „Alternatywy 4“ ein blackface, einen schwarz geschminkten Weißen also, der einen amerikanischen Austauschstudenten darstellen sollte. Niemand störte sich daran. Hinter dem dunkel geschminkten Gesicht steckte nicht die Absicht, sich als Weißer über Farbige lustig zu machen (wie im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre in den USA), sondern schlicht die Unmöglichkeit, einen „echten Schwarzen“ für die Rolle aufzutreiben.

 Heute sieht die Sache anders aus. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden in Polen die ersten Schwarzen gesichtet, und der Rassismus, den wir meinen, trat unleugbar in Erscheinung. Ein Beispiel ist die Beliebtheit eines TV-Witzes, bei dem ein Farbiger, meist Mitglied der Big Band auf der Bühne, auf „negerisch“ angesprochen wird und in perfektem Polnisch antwortet. Schock! Hund am Steuer! Ein Primitiver, der sich einer komplexen Sprache bedient! Ein weiteres, viel schlimmeres Beispiel ist, dass man in Polen seinem ärgsten Feind wünscht, seine Tochter möge einen Schwarzen heiraten. Das gilt als die größtmögliche Schande. Aus unserer Perspektive sind solche Phänomene schockierend, aber man darf nicht vergessen, dass sie auch mal in Deutschland „issue“ waren. So thematisiert Fassbinder 1974 in „Angst essen Seele auf“ die soziale Unerwünschtheit romantischer Verbindungen zwischen Weißen und Schwarzen, in den USA wurde die Problematik bereits 1967 in „Guess who’s coming to Dinner“ verarbeitet.

Fazit: Political Correctness ist kein Indikator für kulturelle und moralische Überlegenheit. Sie ist geschichtlich gewachsen, hier auf günstigem Boden, dort unter hemmenden Bedingungen. Alles braucht seine Zeit. Pauschale Verurteilung ist doof. Und ich kann meine Negerpuppe von damals nicht “afro-amerikanisch” oder “dunkelhäutig” nennen, zumal sie aus pechschwarzem Plastik war. Man kann die Vergangenheit nicht rückwirkend zensieren, ohne sie zu verfälschen.

kritzel-kratzel Feder, schreiben mag doch jeder! (1)

24 Mrz

Am 8. Juni erscheint mein erster Roman Sitzen vier Polen im Auto.  Zwischen Vertragsabschluss und Manuskriptabgabe vergingen 18 Monate, in denen ich Gelegenheit hatte, sämtliche Mythen über das Schreiben an der Realität meiner Arbeit zerschellen zu sehen. Diesen Erkenntnisprozess möchte ich im Blog in loser Folge dokumentieren. Heute:

Stimmt es, dass jeder ein Buch in sich hat?

Mythen gehören zu den Dingen, die ich beargwöhne. Ich hoffe, nicht in Gegenverdacht zu geraten, wenn ich verrate, dass ich mit vier Jahren aus eigenem Antrieb lesen und schreiben gelernt habe. Bücher wurden von mir verehrt wie die blutverkrusteten Füße Jesu. Zwar wollte ich auch Bauarbeiter, Braut und Mutter Gottes werden, aber der Beruf des Schriftstellers schien mir von allen der natürlichste zu sein. Die einzigen Voraussetzungen waren Phantasie und das lustvolle Bedürfnis, Hirngespinste Buchstabe für Buchstabe auf Papier auszuschütten, traumdurstigen Lesern zur Nahrung. In dieser Idee ging ich auf. Bücher zu schreiben war nicht mein Lebenstraum, es war eine Gewissheit. Der Keim der Vorbestimmung erstickte 1989, als ich mit acht Jahren nach Deutschland kam. Ich schlug ein Buch auf und sein Inhalt schwieg mich an. Ich konnte mich nicht mehr ausdrücken, keine Witze machen, konnte nicht lesen, verstand nur Fragezeichen, war leer wie ein ausgerupfter Garten. Doch im Tausch gegen alles Vertraute, das ich aufgeben musste, schenkte das Leben mir eine Geschichte. Ich würde etwas zu erzählen haben, sobald ich der fremden Sprache mächtig geworden war.
Little did I know… Dass man Erinnerungen erzählen kann, macht sie noch lange nicht zu einer Geschichte, geschweige denn zu einer Geschichte, die irgendjemanden interessiert. Das war die erste Lektion, die ich lernen musste. Ein Blick auf den Buchmarkt genügt, um die weit verbreitete Auffassung, dass jeder ein Buch in sich habe, zu bestätigen. Eine eigene Lebenserfahrung muss nur ein bisschen außeralltäglich sein, um Eingang in die Belletristik zu finden. Zwei Wochen depressiv gewesen? Die Befremdung über die dunkle Seite in mir muss zum Trauma erhoben werden! Für 9,80€ dürfen auch andere von meinem Schicksal betroffen sein. Ein Freund ist gestorben? Die Jungautorin beutet ihr Tagebuch aus und nennt es einen Trauer-Roman! Wenn der Ghostwriter eines Promis uns verklickert, wie dieser mal in ein Mikro gerülpst hat, ist das auch schon genug, um als Bestseller in der Humor-Abteilung zu landen. Jede Bahnhofsbuchhandlung ist voll von banalem Blabla. Die Frage ist nur: who cares? Warum sollte mich eine ohne literarischen Anspruch formulierte Familiengeschichte interessieren, deren wesentliche plot points „Die Geburt meines Bruders“, „Tante Frida fährt Zug“ und „Papa meldet Insolvenz an“ sind? Ich wollte kein Buch schreiben, das sich nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners verkauft, sondern eines, das ich selbst gern lesen würde. Nun hört sich jeder selbst gern reden, lacht am liebsten über die eigenen Witze, findet seine Erlebnisse relevanter als die der anderen, usw. Natürlich war auch ich jahrelang überzeugt davon, eine große Geschichte in mir zu haben. Ich hatte Migrationserfahrung! Ich hatte Dinge erlebt, von denen meine deutschen Freunde nichts ahnten! Das einzige, was mich davon abhielt, ein Buch darüber zu schreiben, war die Disziplin, die es brauchte, sich an den Schreibtisch zu begeben und die Geschichte *einfach* runterzutippen, so wie man ein Gespräch transkribiert.
Von dem Moment an, wo ich mich tatsächlich hinter die Tastatur geklemmt habe, vergingen mehrere qualvolle Monate, bis ich mir selbst eingestehen musste, dass ich einen Scheiß hatte und keine Geschichte. Eine bloße Aneinanderreihung von Erinnerungen, mit Witzchen und Pointen gespickt, war einfach nicht genug. Das konnte ich niemandem zumuten. Wer war ich denn, um mit 30 Jahren eine Autobiografie zu schreiben? Alles intuitiv Erzählenswerte hatte ohnehin immer nur um wenige Momente gekreist: die Pakete aus dem Westen, die Fahrt über die Grenze, die deutsche Autobahn, der erste Supermarktbesuch. Wie sich aus diesen wenigen Erinnerungen eine Geschichte entwickelt hat, die dieser Erinnerungen gar nicht mehr bedurfte, davon wird hier unter anderem die Rede sein.  Für heute soll es genügen, dem Mythos von den Büchern in unseren Bäuchen zu widersprechen. Ein Buch in sich kann nur haben, wer die Geschichte bereits geschrieben und aufgegessen hat.  Glaubt niemandem, der euch erzählt, das Buch wäre schon drin. Es sei denn, dieser jemand ist Arzt und kann seine Behauptung mit Röntgenaufnahmen beweisen.

Stilbrüten. Gedanken zur Sprache.

7 Nov

Wie die meisten anderen meiner Generation verbrachte ich meine Jugendjahre im Glauben, Gänsefüßchen wären kein großes Ding. Wären sie ein großes Ding, würden sie Albatrosfüßchen heißen und regelmäßig für Zwietracht in Sprachdiskursen sorgen. Nichts dergleichen. Nur selten sah ich Gänsefüßchen von der Anklagebank der Stilpäpste baumeln, geschweige denn, dass sie mein eigenes Weltschmerzzentrum je erbeben ließen. Doch ihre Störkraft sollte sich mir bald in der Gestalt einer schwerstintelligenten ukrainischen Studentin offenbaren: Wann immer sie im Seminar etwas referierte, legten ihre Lider ein Geflatter an den Tag, als würde sie Signale aus dem Jenseits empfangen, während ihre Fingerchen ununterbrochen in Ohrhöhe herumzuckten, um jedes zweite Wort mit Anführungsstrichen zu markieren. Ihre Reden versetzten mich in Angst und Schrecken; sie erinnerten mich zuweilen an die Sprechblasen des Vögelchens Woodstock. In einem vertraulichen Moment (sie trug ihr Eistütenpyjama, ich bürstete ihr das drahtige Haar) fragte ich vorsichtig, was eigentlich in ihrem Kopf vorging, wenn sie am Rednerpult stand. Da piepste sie mit süßer Vorspulstimme: „Zu viele Wörter! Zu wenig Zeit!“ Es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, einen Gedanken auszudrücken, erklärte sie, so dass man (zumindest unter Zeitdruck) nie sicher sein könne, ob man aus dem Angebot das richtige gewählt hätte. Mit den Gänsefüßchenbewegungen distanziere sie sich von den Wörtern, entschuldige sich im Voraus für sie, sollten sie nicht die ideale Passform haben. Was für ein Freak!

Einige Jahre später entdeckte ich in privater Korrespondenz, dass ich selbst und alle, mit denen ich gern kommunizierte, von Gänsefüßchen geradezu besessen waren. Kaum ein Satz, der nicht das Stigma unseres Distanzierungswillens trug. Floskeln, Euphemismen, Fachjargon, Jugendslang, Klischees: Gänsefüßchen waren unsere Tütchen für die Kothaufen der Sprache. Apostrophierte Wörter, das sind immer die Wörter der “Anderen”. Wenn ich „Unterschicht“ sage, dann meine ich, dass mir die unbequemen Konnotationen bewusst sind und man mir doch bitte wegen des Wortgebrauchs keine feindliche Gesinnung gegenüber „bildungsfernen“ ( :-] ) Menschen unterstellen soll. Apostrophiere ich allerdings eine Floskel wie „Alles Gute!“, dann meine ich paradoxerweise, dass ich es wirklich so meine. Ich distanziere mich damit von der allgemeinen Auffassung, dass Floskeln „Worthülsen“ mit verlogenem Inhalt seien, und dass ich „Worthülsen“ apostrophiere, soll wiederum zeigen, dass ich belesen genug bin, um zu erkennen, wie ausgelatscht dieser Ausdruck ist.

Es scheint, als wäre Sprache eine einzige Hinterfotze, die eine Grundparanoia notwendig macht. Nie meint sie, was sie sagt, nie sagt sie, was sie meint. Ja ist nein, gut ist schlecht, man möchte sie in die Tonne kloppen. Aber ist Eintüten von sprachlichem Unrat die Lösung? Soll Hass auf das Wort die Antwort sein? Auch in den Reihen derer, die Selbstmord mutig finden und ständig in irgendwelchen philosophischen Krisen stecken, gilt es ja als chic, die Sprache als Last zu begreifen, als ein notwendiges Übel, das uns seine eigene Ordnung aufzwingt und alle Erfahrung limitiert. Sie mögen Sprache nicht, weil man sie mit anderen teilen muss; sie bemitleiden sich dafür, sie mit einem Teil der Menschheit gemeinsam zu haben. Diesen kühnen Vorwurf wage ich deshalb, weil ich das Argument, Sprache behindere Gefühle, für totalen Quatsch halte. Sprache ermöglicht Gefühle! Wer das nicht nachvollziehen kann, sollte mal ein gutes Buch lesen. Die Erfahrung ist keineswegs begrenzt durch die paar Buchstaben, die zu ihrer Beschreibung zur Verfügung zu stehen scheinen.

„The world is but a canvas to the imagination“, schreibt Henry David Thoreau, und ich ergänze: wenn die Welt eine Leinwand ist, dann ist Sprache der Malkasten, der uns ermöglicht, anderen zu zeigen, was wir mit dieser Leinwand anstellen. Ich möchte mir Sprache als Aquarellmalkasten denken, der eine begrenzte Anzahl von Farbnäpfen enthält. Aber nur Ungeübte und Angstmolche werden die Leinwand mit einer einzigen Farbe bepinseln. Wir anderen wissen, dass es nicht die Farbe als solche ist, die Stimmungen macht. Die Wirkung einer Farbe entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen Farben, und genauso ist es mit der Sprache. Ein weiches Wort mag die Härte eines Ausdrucks mildern, eine geschickte Aufstellung auserlesener Vokabeln dem ganzen Satz eine elegante Erhabenheit verleihen, die an anderer Stelle durch eine plumpe Redewendung wieder in Frage gestellt werden kann. Die einfachste, und doch nicht einfache Art des sprachlichen Einfärbens ist die Verwendung von Synonymen. Was jedoch an Schindluder mit Synonymen getrieben wird, macht viele Leinwände, die man mir entgegen hält, zu einem unerträglichen Anblick und war letztlich auch der Auslöser für diesen Blogpost. Speziell:

• Es gruselt mich vor der Auffassung, der Gebrauch von möglichst vielen Synonymen sei ein Zeichen von Wortgewandtheit und gutem Stil. Allzu oft ist es das Gegenteil. Ich möchte keinen Liebesbrief bekommen, in dem der Verfasser erst von seinem Herzen, dann von seinem „Pumporgan“ spricht. Wortwiederholung ist nicht immer ein stilistischer Fehler!

• Von zwanghafter Suche nach Synonymen scheinen auch Schriftsteller besessen zu sein, die sich mit so simplen Verben wie „sagen“, „fragen“ und „antworten“ nicht abfinden wollen. Man muss dann solche Sachen lesen: „Bla?“, ließ sie ihre Stimme erklingen. „Na… Blabla.“, röchelte er heiser. „Ach, bla.“, trötete sie ihm entgegen, bevor er „Bla bla bla?“, durch den Flur echote. „Bla.“, murmelte sie darauf leise, aber er bellte nur: „Blaaa blabla…“.

• Ein weiteres Ärgernis stellen Archaismen (also veraltete Ausdrücke) dar, die munter als Synonym verwendet werden, wo sie nichts zu suchen haben. Wenn unsere Kanzlerin wieder jemanden „vergrämt“, oder das Volk „bräsig“ gestimmt ist, dann will ich mich vielleicht im Satiremagazin Titanic befinden, aber ganz bestimmt nicht in einem SPIEGEL-Artikel. Zugegeben fände ich das nur halb so schlimm, wenn ich die Hintergedanken der Autoren nicht immer hören würde: „Das passt hier zwar irgendwie nicht rein, aber zeugt von meinem großen Wortschatz. Und ich muss das jetzt bringen, hab ja nicht umsonst vier Stunden mit dem Wörterbuch verbracht. Außerdem: bräsig! LOL!“

• Archaismen wird automatisch unterstellt, humoristischen Wert zu haben. Bei Max Goldt mag das der Fall sein. Er nutzt sie als Element seines süffisant-onkelhaften Tons und überrascht dann auch tatsächlich mal mit einem seltenen Fund. Von Eigenwitzlachern begleitetes „frönen“, „frohlocken“, „huldigen“, „wallendes Haar“, „holde Maid“ und dergleichen sollte man jedoch nicht reproduzieren. Außer, man gehört einer sechzehnjährigen Metal-Jugend an, die vor dem LARP-Wochenende roten Wachs auf erfundene Mittelalterdokumente tröpfelt.

Warum ich in meiner Wahl der Metapher einen Aquarellfarbkasten einem Batzen Ölfarbtuben vorziehe, ist meine Überzeugung, dass Sprache trotz aller Einfärbemühungen klar bleiben sollte. Synonyme sind der Präzision wegen da, nicht für barockes Sprachgeprotze. Mit den vielen Farben und Abstufungen, die der Malkasten der Sprache offeriert, sollte man Inhalten einen distinkten Ton verleihen und nicht das Leere und Nichtssagende überpinseln. Auf Aquarellbildern ist die Skizze noch sichtbar, und genauso sollte der Gedanke unter den sich überlappenden und ineinander fließenden Farbflecken hindurchscheinen, wenn wir mit Texten überzeugen wollen. Ist der Gedanke nicht mehr sichtbar, waren alle Synonyme umsonst.

Ein Tipp noch für alle, die auf Nummer sicher gehen wollen, dass ihre Gänsefüßchen nicht als nervöser Tick, sondern als Missmut gegenüber den geäußerten Wörtern verstanden werden: es empfiehlt sich das Tragen von Fingerpuppen, da sie beim Apostrophieren „erbrechen“.