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Ein warmer Fluss – Erinnerungen an Menschen und Twitter

20 Apr

In meiner Nähe gibt es einen künstlichen Teich. Er liegt zwischen Neubauten mitten im Grünen und bietet viele saubere Sitzgelegenheiten. Der Ort ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Ich bin auch gerne dort; allein, beobachtend und innerlich zerrissen. Wenn ich nah ans Ufer trete, sehe ich Bewegungen unter der Oberfläche, nur mein Spiegelbild rührt sich nicht. Manchmal, wenn mein Blick länger auf den Jugendlichen verweilt, fühle ich die Anwesenheit von etwas Vertrautem. Es ist so nah, dass ich es riechen kann. Eine Erinnerung, deren Intensität die Sinne verwirrt. Ich habe den Geschmack dieser unwiederbringlichen Zeit im Mund, als Freundschaft etwas Selbstverständliches war, und Kommunikation ohne große Anstrengung passierte.

Es war 1996 und ich war kein Kind mehr, was so viel bedeutet, dass mein MickyMaus Abo nicht verlängert wurde.  Als polnische Migrantin in Deutschland sehnte ich mich nach einem sicheren Ort zwischen den beiden Welten, in denen ich mich zwangsläufig bewegte. Die Tugenden und Ideale der einen waren die Laster und das Unerwünschte der anderen. Wofür ich in der einen Welt gelobt wurde, dafür wurde ich in der anderen bestraft. Es musste einen Zwischenraum geben, wo es erlaubt war, die Widersprüche der Sozialisation zu überwinden. Diesen Ort fand ich hinter Turnhallen, Schwimmbädern und Supermärkten, auf Hintertreppen und im wilden Gestrüpp. Nach der Schule traf ich dort meine beste Freundin. Tag für Tag, die Kippen immer in der verwaschenen Innentasche der Jeansjacke von Levis. Ein entwurzelter Baumstamm war für uns die Welt. Ein Baumstamm hinter dem Schwimmbad, am Fluss, im Gebüsch. Wir führten ein kleinkariertes Buch über unsere Gedanken, das wir einander täglich zum Lesen überreichten. Die Seiten waren so eng beschrieben, dass zwei bis drei Buchstaben in ein Kästchen passten. Wir füllten den ganzen Raum mit uns aus. Wir schrieben, wie wir redeten: ausufernd und überbordend, ohne Angst vor Begrenzungen. Mit jeder Zigarette sog ich das selbstbestimmte Leben ein, auf das ich zu Hause, wo Unverheirateten keine Privatsphäre zustand, nicht das Recht hatte. Heim gingen wir erst, wenn die Schachtel leergepafft war. Vor dem Schlafengehen bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor, indem ich das Buch unserer Freundschaft erneut füllte. Dabei war meine Freundin, aus rechtlichen Gründen nenne ich sie Marzena, ganz anders als ich. Sie konnte sich Naturlocken um den Finger wickeln, ich hatte nur dünne Fäden am Kopf. Alles an ihrem knochigen Körper sah „heiß“ aus, während ich in denselben Klamotten, im Spiegel der geteilten Umkleidekabine, eine einzige Mangelerscheinung war. Marzena hatte engstehende kleine Augen, eine spitze Nase, ein etwas zu stark hervortretendes Kinn. Die Zähne sehr ebenmäßig und gerade, Zeichen eines willensstarken, durchsetzungsfähigen Bisses. Und jede Woche eine andere Männerhand unter dem T-Shirt, in der Hose, immer andere Zungen im Mund. Im Park, im Kino, in den Schultoiletten an leeren Nachmittagen, in unserem Buch nahm sie mich mit. Bildschirmfoto 2013-04-20 um 20.22.56

Meine Augen waren groß, aber dadurch nicht ausdrucksstark, dafür bekam die Nase einen immer ausdrucksstärkeren Höcker. Und meine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hat später ein Klassenkamerad in einem Gedicht für mich gut zusammengefasst: „She loves guys with long hair / but for them she‘s only air.“  Die Freundschaft zu Marzena zog mich im selben Maß runter, wie sie mich aufzubauen vermochte. Aber unterm Strich wollte ich tot sein.

Ich wusste nie, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Meine Eltern sind von Natur aus keine Netzwerker, die große Parties veranstalten oder besuchen würden. Selbst wenn sie es wären: In Deutschland stand der Zähler sozialen Kapitals erst einmal auf Null. Und daraus folgte die Unsichtbarkeit, ein gesellschaftlicher Nicht-Status. Das dorfgemeinschaftliche Man-kennt-sich verlieh den Einheimischen und Alteingesessenen eine Selbstverständlichkeit, die wir als eingewanderte Familie nie haben würden und die ich, obwohl mit größerem Integrationspotenzial gesegnet als meine Eltern, auch nicht ohne Weiteres würde erreichen können. Wie denn auch? Dabeisein war nicht alles. Man brauchte eine Daseinsberechtigung. Und die hatte man aufgrund von drei Generationen Schützenverein und einem Reihenhaus in „guter Gegend“. Dementsprechend fehl am Platz fühlte ich mich auf Gartenparties und Übernachtungsbesuchen, auch wenn ich durchaus willkommen war. Hätte man mir sonst ein Yakult auf den Frühstücksteller gestellt?

Die neunte und zehnte Klasse habe ich irgendwie überlebt. Dann kam die Oberstufe. Von einem Tag auf den anderen wurden Gewissheiten umgeblasen. Als die Schulklassen aufgelöst wurden, um zu einer Stufe zu verschmelzen, erwies sich alles, was ich über die Unmöglichkeit von Zugehörigkeit gedacht hatte, als überdramatischer Teenager-Blödsinn. Vorher war jede andere Klasse ein anonymes, monströses Wesen, jeweils zusammengesetzt aus einer einzigen Menschensorte. Klasse A brachte nur Muttersöhnchen und brave Mädchen hervor, die nie aus ihren Kindercordhosen herauswachsen würden. In Klasse B schienen alle über 1,80 zu sein. Klasse C war die eigene und damit die einzige, die aus Individuen bestand, und in Klasse D waren die ganzen Asis mit Baseball-Jacken drin, frühreif und Bandenmitglieder. Nun, da alle zusammen in einen Topf geworfen worden waren und jedes Fach in anderer Konstellation stattfand, verpuffte alles, was man übereinander zu wissen meinte, im anbandelnden Schulhof-Geschnatter. Von den Real- und Gesamtschulen kamen Schönheiten mit grünen Augen, Kopftuchmädchen, frisch geschlüpfte Schwule und literaturbegeisterte Jungs mit dreistelligem IQ. Es kamen neue Lehrer, die nicht wussten, dass ich „aus Polen komme“ und mir eine Wertschätzung entgegen brachten, die ich nicht gewohnt war. Keine amüsierten, in ihrer Ignoranz bemerkenswert wissenden Klassenlehrerblicke mehr, die mich zum Dummkopf abrichteten und einen Mangel an Selbstbewusstsein für das Fehlen von Persönlichkeit hielten. Kein Erröten mehr, wenn ich etwas gefragt wurde. Ich trug das Herz am rechten Fleck, es rutschte mir weder in die Hose noch kam es mir pochend hoch. In den Pausen stand man cliquen- und klassenlos in der Raucherecke, teilte seine Zigaretten mit den Älteren wie mit den Neuen, und fragte sich unentwegt, wie einem diese wunderbaren Menschen, mit denen man jetzt leicht und locker ins Gespräch kam, nur so lange hatten entgehen können.

Ich weiß noch, wie der Gesang der Bäume sich in diesen wenigen Monaten veränderte. Am Anfang waren es graue Säulen, die so viel größer waren als ich. Ihre Äste unerreichbar, die Kronen rauschten bedrohlich, während der Wind mich in die Schule trieb. Als wir alle auf einmal begannen, uns dem Neuen und Anderen zu öffnen, hat das eine Stimmung geschaffen, die mich in einen anderen Daseinszustand versetzte. Die Bäume raschelten nicht mehr, als würden sie mich scheuchen, husch husch,was hast du hier zu suchen, lauf! Das Wogen der Äste hatte so viel Zärtlichkeit wie eine Hand, die einem über das Gesicht streicht. Die Bäume spendeten Schatten, die Blätter filterten das Licht, in dem ich gewärmt war, von dem ich umhüllt war wie von einer schützenden Decke. Nach einer durchgemachten Party, kurz vor den Sommerferien, schlief ich unter so einem Blätterdach, auf einer Brücke, die von der einen zur anderen Schule führte. Eigentlich war es nur ein hölzerner Steg über einen plätschernden Bach. Ich lag zwischen meinen neuen Freunden und ihren Rucksäcken. Wir verschliefen die ersten Stunden Bio-Chemie mit einer paradiesischen Gleichgültigkeit. Andere mögen uns mit verwunderten Blicken gestreift haben, aber wir rückten nur näher zusammen und berührten einander. An den Händen, an den Haaren. Alles war ein warmer Fluss, der mich trug, ein Leben auf Beruhigungstablette. Kein Kampf mehr, keine Flucht, nur ein selbstverständliches Fließen mit dem Strom guter Gefühle.

Denke ich heute daran zurück, kommen mir Tränen, die herrühren von der Erfahrung des Guten, das man zu lange entbehrte. Das erste Jahr in der Oberstufe war ein himmlischer Zustand, eine surreale Utopie. Ich hatte keine Gelegenheit, diese Empfindung zu entzaubern. Bald musste ich in eine andere Stadt ziehen.Meine Schlafträume führen mich immer wieder in diese Zeit und an diesen Ort und zu diesen Menschen zurück. Durch die saftgrünen Wipfel der Bäume falle ich aus meinem einsamen Leben in ihre offenen Hände. Ich spüre den festen Griff des Mädchens, das mich auffing, als ich betrunken war. Sehe das Funkeln in ihren Augen, weil ich „Wonderwall“ spielen konnte auf meiner Gitarre. Ich drücke mich an die Jungs in ihren Slipknot-Hoodies, schnuppere ihr Rasierwasser, rieche die Veränderung, das plötzliche Vertrauen zwischen uns.

Wenn ich aus diesen Träumen erwache, bin ich Kate Winslet neben der sinkenden Titanic, der die Hand des Geliebten entgleitet, bevor ihn die schwarze Tiefe verschlingt. Nur, kaum dass ich anfange zu knatschen und von der Frage erdolcht werde, wann ich denn das letzte Mal diese Art der Verbundenheit gespürt habe, kommt mir eine realtiv junge Erinnerung in den Sinn, und das ist mein Leben mit Twitter.

Zumindest am Anfang war dieser Kult der Twitter-Enthusiasten all das, was der Neubeginn in der Oberstufe verhieß: Neue Chancen für alle! Offenheit für alle! Liebe für alle! Wehmütig denke ich an die Twitter-Parties im kleinen Kreis (100-200 Leute) zurück, wo man sich nicht erst groß kennen lernen musste, weil man jeden bereits als „Idee“ kannte – und liebte. Der Vater dieser Parties war Huck Haas, “der erste Mensch auf Twitter” (Neueß Conversationslexicon). Da war die bezaubernde Muserine mit ihrem Emo-Witz, und Sir Schlenzalot trug wirklich Schlangenhosen! Man berührte, umarmte, küsste und liebkoste seine Vorstellungen von den „Charakteren“, die zugegen waren. Was nicht zur Idee passte, trotz aller Verschiedenheit durch das Menschsein verbunden zu sein, haben wir ausgeblendet. Nicht weil wir dumm waren, sondern weil wir es konnten. Es war eine Form der Großzügigkeit, ein Vorschuss an Vertrauen, der eine größere emotionale Ausdrucksfreiheit ermöglichte. Und das erzeugte eine Wärme im Bauch, dass man meinte, in einer Broschüre der Zeugen Jehovas zu sein.

Warum also sitze ich heute trübselig am Teich und trauere um meine Jugendjahre, wenn ich mich vor nicht allzu langer Zeit ähnlich gut aufgehoben gefühlt habe? Warum bedeutet „Twitter-Party“ nicht mehr Liebe, sondern Angstschweißen und Stress?

Vermutlich wäre es mir in der Oberstufe damals, wenn ich in dieser Stadt hätte bleiben können, ähnlich ergangen wie mit “Menschen bei Twitter”. Ein Budenzauber, egal von welcher Art,  kann oft von einem einzigen Kleingeist zunichte gemacht werden. Es gibt Neider, denen die Harmonie nicht passt und Menschen, die ihre Dummheit nicht für sich behalten können. Und auch wenn niemand den Miesepetern in ihrem Hass so recht folgen mag, ertappt man sich früher oder später bei Gedanken wie: „Wenn die da hingeht, geh ich da nicht hin.“ oder: „Ich geh nur hin, damit die nicht hingeht“, etc. und schon ist man wieder 14 und dümpelt in der Brühe emotionalen Elends. Danke, Party-Pooper! Die Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass es nahezu unmöglich ist, einem Twitter-User ein Geheimnis anzuvertrauen. Er wird es mit hundertprozentiger Sicherheit ausplaudern, und das ohne jeden bösen Willen. Die Offenheit, die am Anfang jeder Twitter-Begegnung steht, verführt dazu, sich gegenseitig kleine Geheimnisse und pikanten Gossip anzuvertrauen. Man meint, sich sehr gut zu kennen, schließlich trifft man sich öfter in der Timeline, als man seinem Partner in der Küche begegnet, da schaltet man automatisch in einen Dunkelmunkelmodus. Genauso leicht fällt es, die anvertrauten Geheimnisse auszuplaudern, denn so gut kennt man sich dann doch wieder nicht, dass man das nicht bringen könnte, so die Rationalisierung. Und was Internetbekanntschaft X mir über Internetbekanntschaft Y erzählt hat, kann ich doch auch den Anderen verraten, ohne dass es mir moralisch auf dem Magen liegt. „Ist ja nur Internet.“

Was machen aus den Erfahrungen mit Menschen und Twitter? Ist es naiv, an Offenheit und Liebe zu glauben, an Liebe durch Offenheit? Führt alles zu Enttäuschung und Schmerz? Sollte man den raren Augenblick einfach gedankenlos umarmen, weil die Momente, in denen alle nicht anders können, als OFFEN drauf zu sein, so selten sind?

Nach Menschen und Profilen habe ich mir jedenfalls wieder eine neue Glücksquelle erschlossen: die Tiere. Ich könnt sie alle so knuddeln!!!! For now.

Mal sehen…

Und abermals krähte die Wrintheit

24 Mrz

Die dritte >> Wrintheit mit kranken Hauptdarstellern und einer Handvoll halbsteifer Fragen.

Zum Trost dieses ästhetische Foto von einem ermordeten Fisch.

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Wie ich wegen Ada Blitzkrieg anfing zu trinken

17 Dez

It was a dark and stormy night. Seit ich 2005 in Marburg aufgeschlagen und mit den Worten „Hier bleibt niemand lange allein!“ begrüßt worden war, hatte ich das Haus nur zum Studieren verlassen, und mit Studieren meine ich Soziologie, und mit Soziologie meine ich gekrümmte Typen mit Hundefrisuren, vor deren Kapitalismuskritik mir grauste, war Coca-Cola doch wie eine Mutter für mich. Das Leben war also recht trostlos, obwohl ich 2009 von glücklichen Umständen mein erstes uneheliches Smartphone empfing. Die Freude an der Vogelstimmen-App war nur von kurzer Dauer, dafür hatte ich nun hier und dort lose Kontakte zur virtuellen Welt. Ich war gerade dabei, mir aus dem Aschenbecher was Schnelles zu zaubern, als eine junge Frau namens @brainqueen ihren Besuch in der Stadt ankündigte. Aus Langeweile aneinander gingen wir in ein Café.

„Kennst du eigentlich…“ zwitscherte sie lieblich, „Bäng-Po-weh-weh-weh-weh? Ich weiß nicht wie man das ausspricht.“

„Qué?“ Ich schwitzte, war total überfordert.

„Bängpoooooh…weh! Auf Twitter! Die Alte ist so krank! SO KRANK!!!“

In Kreisen, die mich akzeptierten, bedeutete das damals so viel wie „super“. @brainqueen patschte mit ihrem E.T.-iPhone-Finger auf dem Display herum und präsentierte mir die Twitterin, an deren verraucht-dumpfen Blick aus überdimensionaler Honecker-Brille ich mich noch heute erinnere wie andere Leute an ihre Koordinaten am 11. September. Wieder in der Sicherheit meiner kahlen Wände näherte ich mich vorsichtig den Tweets der verschrobenen Krokette – nur um feuchter Augen festzustellen, dass sie wirklich “krank” war. Diese junge Frau aus Berlin war nicht Teil einer Prenzelberger Hausbau-Gemeinschaft, sondern träumte davon, in einem ausgeweideten Wal ein Spielcasino zu eröffnen. Ein zur Hälfte schwarz angemalter Rettich gereichte ihr zur FreeWilly-Actionfigur. Sie genoss es, mit Straßenschuhen im Bett zu sitzen. Die Dinge in ihrem Fokus triggerten mich ins Reich meiner zugeschütteten Phantasie. Noch am selben Abend wanderte ich seltsam lebensdurstig zur Tanke und kaufte mir mein erstes Dosenbier.

Was mich an @bangpowwww am meisten begeisterte: Sie war originell. Nicht wie die Leute, die sich gern als Charlotte Roche von VIVA2 verkleiden. Nicht wie die Penner, die jeden Blogeintrag mit „Eigentlich…“ beginnen. Sondern wirklich so herausstechend eigen, dass @mogelpony, der folgenswerteste Twitterer Deutschlands, die Feststellung machte, @bangpowwww sei vielmehr ein Genre.

2012, kurz vor Weltuntergang, hat Ada Blitzkrieg (bürgerlicher Name) ihren ersten Roman veröffentlicht. DACKELKRIEG:Rouladen und Rap.

Wäre die Johannes-Apokalypse heute entstanden, Adas dicht bewachsener Schädel wäre der Schauplatz, und darin wimmelte es von ihren Missgeburten: Von mannshohen weißen Dobermännern, muskelbepackten Glatthaarspacken, Fischen mit geilen Blasemündern und 1,85 m großen Wellensittichen. Die Hure von Babylon trüge allerlei Köpfe, z.B die von Mutter, den Kiosk-Frauen und Dr. Best inkl. „Schwingkopf“. Ajaja, Coco Jambo. Selbst ich will auf diese Party! Ansonsten geht es um eine Jugend in den 90ern, die so mitreißend, skurril und skandalös erzählt wird, dass man es nicht wagt, auch nur einen Satz zu überspringen. Und obwohl jedes einzelne Kapitel Gag-Dichte-mäßig sättigt, wollte ich mich dringend überfressen und verschlang das Ding am Stück. dackelblitz-400-0

Ada schrieb das Buch ohne Verlag und veröffentlicht es als E-Book bei Amazon. Meine Erfahrung ist, dass diese Publikationsform nur wenigen gut bekommt. Die Texte sind zu schlecht für einen Verlag und werden nicht gerade dadurch aufgewertet, dass der Autor Comic Sans Terif als Titelfont wählt. Bei Ada ist es umgekehrt. Sie ist zu gut für einen Verlag. Denn die Verlage setzen in Sachen Unterhaltung auf „Bewährtes“, also Abgedroschenes, Altbekanntes, Durchschnittliches, im besten Fall ist der Stoff „ähnlich wie…“ oder passt in ein bestimmtes Segment, oder wird eben entsprechend passend gemacht. Das könnte sehr traurig sein, gäbe es nicht Menschen, die so mutig sind wie Ada und ihren zauberhaften Rotz trotzdem raushauen im Vertrauen, dass die Leser nicht so langweilig sind wie die Statistiktorten der Marktforschung und genau das schätzen, was ich als ihr herausstechendstes Markenzeichen empfinde: ihre Unvergleichbarkeit. Das Buch kostet 3,99€ und es macht schon wegen des fairen Preises Spaß, es zu laden. Probiert es aus!

Smells like Teen Spirit.

7 Jun

Die famose Menschette, auch bekannt als Erika Bertschinger-Eicke, hat neulich einen Riesenschwanz Sterne für ihren Tweet kassiert, der nichts anderes tut, als daran zu erinnern, dass wir alle einmal zum ersten Mal „Smells like Teen Spirit“ gehört haben. In einer Kooperation mit Wonneproppen @mitnichten, der sein Nirvana 10 Jahre nach mir erlebte, schrieb auch ich nun meine persönliche Geschichte zu diesem schwerwiegenden Song auf. Macht mit! 

Wenn es um die Erziehung der Kinder zur Selbständigkeit ging, war meinen Eltern alles zuzutrauen. Der Löwenkäfig stand immer für mich offen. Von Klassenfahrten wurde ich nicht wie die anderen Kinder mit Blumenstrauß und parfümierter Ehrenbegleitung abgeholt. Ich musste selbst zusehen, wie ich nachhause kam. Das war gut, denn wo eine Freundin von mir noch mit 16 nicht wusste, wie man Zug fährt und sich nicht mal allein in ein Büdchen getraut hat, hatte ich schon im Supermarkt Zigaretten geklaut und auf dem Feld eine Laterne ausgetreten.  Doch das war später.

1994 hat es mich jedenfalls nicht sonderlich überrascht, als meine Eltern mir eröffneten, sie hätten mich für ein Sommerferienlager in Frankreich angemeldet, das von der Arbeiter Wohlfahrt organisiert wurde. Für mich die einzige Gelegenheit, etwas zu erleben. Ich war gerade 13 geworden, das Programm in der Broschüre war jedoch für 14-17-jährige ausgeschrieben. Dass ich ein Jahr zu jung war für das Abenteuer, machte meinen Eltern noch weniger aus als mir. „Jugend“ war in Polen ein unschuldiger Begriff, man dachte nicht an Sex und Drogen, sondern an saubere Kameradschaft und Lagerfeuergitarre. Von der „Jugend“ hatten sie eine so idyllische Vorstellung, dass sie mich ohne jede Sorge allein fahren ließen. Ich würde Freundschaften fürs Leben schließen. Ach, die schönen Erinnerungen, sowas vergisst man doch niemals, nie. Und warum eigentlich jemanden mitnehmen, den man kennt, wenn man auch neue Leute kennenlernen kann? Machte das nicht den ganzen Reiz von Ferienfahrten aus?

Mit einem gut gefüllten Reiserucksack fährt mich mein Vater raus aus dem Kaff in die Stadt, in der es nicht viel, aber immerhin einen AWO-Parkplatz gibt. Dort kommt die Reisegruppe zusammen. Papa lässt mich in der Abendglut stehen, ich fühle mich in die Teilnehmer gerotzt, deren Gesichter mir alle nichts sagen. Ich trage eine geblümte Radlerhose und darüber ein T-Shirt von C&A, mit einem lustigen Hund vorne drauf. Meine Beine sind mehlbleich und wachsen wie schiefe Äste aus den gefälschten roten Chucks, aber noch habe ich kein anderes Wort als „Turnschuhe“ dafür. Ich stehe verloren da und versuche, jemanden wie mich  zu finden. Aber anscheinend bin ich die Einzige, die alleine unterwegs ist. Die Mädchen mit ihren unter bauchfreien Tops sprießenden Tittchen werfen das  lange Haar zurück und den Kopf in den Nacken. Das Samthaargummi mal fest- mal rausziehend, präsentieren sie sich den verklemmten, scheinbar desinteressierten Blicken der Jungs. Verspüre Unbehagen. Ein schmerzendes Bewusstsein darüber, nichts davon selbst zu sein. Ich sitze vorne, allein auf einem Zweier, wo ich immerhin bessere Schlafbedingungen als alle anderen habe.

Als der Bus zum ersten Mal auf einem Rastplatz hält, ist es schon dunkel. Unterwegs sind Jugendliche aus Dormagen zugestiegen, denen ich noch keine Aufmerksamkeit gewidmet habe. Wie alle anderen klettere ich aus dem Bus und suche die Toiletten auf. Als ich wiederkomme, gesenkten Blickes, die dümmlich-formlose Frisur vor mir herschaukelnd wie Pferdegeschirr, erwartet mich ein entsetzlicher Anblick: Vor dem Reisebus steht eine Gruppe von Jugendlichen, die nicht nur diametral dem Jugendbild meiner Eltern widerspricht, sondern sogar meinem eigenen, deutschen Wissen darüber, wie Jugendliche auszusehen, sich zu kleiden und zu benehmen haben. Fünf finstere Mädchen blicken mich an. Sie haben schwarze T-Shirts mit grässlichen Motiven an. Ihre Jeans sind zerrissen, was nichts Neues ist, aber mitten im Sommer tragen sie dazu klobige, schwarze Stiefel mit roten Schnürsenkeln. Die Haare sind zottelig, lang und gefärbt. Eine von ihnen heißt „Carrie“. Alle halten eine Zigarette in der Hand. Raucher!!! Im Jugendcamp! Rauchende Jugendliche! Ihr Anblick ist ein einziger Angriff auf meine Wohlerzogenheit. Panik steigt in mir auf. Mit denen sitze ich in einem Bus!?  Mit denen muss ich drei Wochen lang… ich schüttele den Gedanken ab und stieige verschüchtert zurück in den Bus. Vor Angst schlafe ich die ganze Nacht nicht, und doch gibt es am nächsten Tag ein böses Erwachen.

Da es mir nicht gelang, entsprechende Kontakte zu knüpfen, werde ich dem einzigen Zelt zugeteilt, wo noch ein Platz frei ist: es ist das Zelt mit „Carrie“ drinne, die aussieht wie John Lennon mit kirschrotem Lippenstift. Carrie und ihre rauchenden Freundinnen mit den dicken Brüsten, schweren Stiefeln, hennaroten Haaren, von vielen Lederriemchen umwickelten Unterarmen, überall haben sie Nieten klemmen, wie irgendwelche „gewalttätigen Satanisten“ , und ihre Lektüre sind „Stephen King“ und „U-Comix“, beides kenne ich nicht, beides macht mir Angst. Die zerzausten Mädchen scheinen von mir genauso wenig angetan zu sein wie ich von ihnen. Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack und schluchze hilflos in mich hinein.

Carrie fragt, ob ich mit will zum Strand und steckt eine Flasche „Wodka-Orange“ in ihren Army-Rucksack. Das ist so, als ob mich jemand fragt: „Kommst du mit, Hamster aufschlitzen?“, ich kann gar nicht glauben, dass man mir solche Fragen stellt. „Ich gehe schon mit anderen“, lüge ich und lege mir schon im Kopf die Sätze zurecht, die ich meinen Eltern schreiben werde: „Ich bin in der Hölle. Alle rauchen und trinken Alkohol. Niemand hier ist normal.“

Die „anderen“, mit denen ich angeblich zum Strand gehe, sind schon lange weg. Ich bin jetzt also allein im Zelt. Besser allein im Dunkeln, als in den Fängen dieser Raucher-Trinker-Satanisten. Kaum habe ich das gedacht, höre ich draußen stimmen. Ich luge schüchtern aus dem Zelt und erkenne an den Holztischen einen besonders hässlichen Punker, der auch zu dieser Bande von Wilden gehört. Die Seiten seines Kopfes sind ausrasiert und von kleinen Schnittnarben durchzogen. Die wenigen fettigen Haare hängen schlaff runter wie ein Hahnenkamm. Er steckt eine Kassette in den Kassettenrekorder. Erst „Gott ist tot“, oder so. Ein grauenvolles Lied, ich weiß nicht, wie man sich so etwas überhaupt anhören kann. Beim nächsten Song schrecke ich zusammen. Da brüllt einer, als würde ihm die Haut abgezogen. Garstige, böse, mürrische Musik. Ich habe keine Ahnung, dass die Stimme Kurt Cobain gehört, der sich im April das Leben genommen hat. Die Leute aus meiner Klasse sind anders drauf als die Jugendlichen aus dem Camp. Ihre Persönlichkeit drücken sie durch Markenkleidung aus; Levis, Diesel und Benetton, Nike, adidas und Replay. Ich bin über Lee noch nicht hinausgekommen, die 501 würde mich ein Jahrestaschengeld kosten. Ich höre schöne Musik wie „Sleeping Sattelite“ und „Would I lie to you“, nicht so einen Lärm. Wie gestört muss man sein, um das zu mögen?

Scheiße. Der Punker entdeckt mich. Winkt mir zu. Ich weiß, dass er mir gleich ein Messer an die Kehle halten wird, dass er mich gleich schänden wird wie ein grausames Kind einen Käfer. “Here we are now, entertain us.” Ich habe zu viel Angst, um mich einzunässen. „Was machste denn da?“, ruft der Punker wieder. Ich stelle mich tot, „with the lights out, it’s less dangerous“. Ich schluchze in Erwartung meines baldigen Todes, “I feel stupid and contagious”, geh weg, geh weg, geh weg, “hello, hello, hello” – Der Punker ist ins Zelt gekrochen, hockt direkt neben mir. „Ey, geht’s dir nicht gut?“, fragt er. „Ist doch scheiße, hier alleine rumzuhängen, ey. Setz dich doch zu uns. Kippe?“ Ich schüttle energisch den Kopf. Der Punker packt mich am Arm. Aber es tut gar nicht weh. Ich lasse mich aus dem Zelt ziehen. Zwei Stunden später sind wir Freunde und pinseln mit roter Farbe auf ein halbiertes Laken: DEUTSCHLAND HALT’S MAUL.

Smells like teen spirit.