Wunderbare Jahre. Streifzüge durch die Kunstgeschichte.

In der ersten Folge meiner Blog-Reihe Kunst für Menschen die im Museum unangenehm auffallen führe ich ein in ein Sujet, das uns alle betroffen machen sollte: die Volksgeißel Kindheit. Wir werden uns anschauen, wie die alten Meister und ihre Nachfolger „kleine Erwachsene“ aller Schichten und Leibesformen dargestellt haben und die betrachteten Porträts nach der Sozial- und Kulturgeschichte der abendländischen Gesellschaft befragen.

Vor einem neutralen Hintergrund aus rostigem Siff, getrockneter Spinatbrühe und Sprühblut-Flecken drängt sich dem Betrachter frontal ein unbeschwert grinsender Mensch auf, der nur anhand seiner gedrungenen Proportionen als Kind identifizierbar ist. Das Fehlen von Wimpern und lächerlichem Kopfputz definiert sein Geschlecht als männlich. Der Körper des Jungen, der in der Komposition an die Wurst-Arrangements flämischer Stilleben-Künstler erinnert, steckt in einem goldbestickten, hellroten Anzug, der in Hüfthöhe von einem gleichfarbigen Tuch gegurtet wird, von dem ein der damaligen Mode entsprechender Anhänger aus tierischen Innereien baumelt. Im unteren Bereich kräuselt sich die Jacke zu einer Art Schinken-Tütü. Mit der Hand des linken Arms, dessen Fallwinkel von der Steifheit des Ärmels bestimmt wird, formt das Kind zweimal „:<“, das Symbol für unendlichen Verdruss der Feudalherren über brachliegendes Land. Dem Daumen kommt in dieser Geste keine Bedeutung zu und gewinnt gerade dadurch Bedeutung. Die Literatur deutet ihn als Hinweis auf Überfluss. Am Ende seines rechten, zur Brust hin angewinkelten Armes quetscht die teigige Hand mit Daumen und Zeigefinder ein possierliches Vögelchen. Mit einer Gleichgültigkeit, die uns heute schockiert, präsentiert der Wonneproppen uns ein Doppelkinn, das zu besorgten Spekulationen über die Zukunft seines Körperbewusstseins verleitet. Das Porträt ist nicht nur das Dokument fehlender Empathie für die Tiere in Feld und Flur, es informiert uns gleichsam über die Ursprünge einer Praxis, die wir aus dem Atelier unserer Fotografen kennen: das Weisen auf ein imaginäres Vögelchen. Damals drückte man den genuin ungeduldigen Kindern, um sie zum stillen Posieren zu animieren, einen Vogel in die Hand. Konnte das Porträt vom Maler ohne Wischeffekte vollendet werden, durfte das Kind den Vogel verspeisen. Es ist der ungebrochene Glanz der Augen, das lustvoll geöffnete Maul mit den ausfahrenden Zähnchen, das uns eindrücklich die Effektivität eines solchen „Appetizers“ vorführt. Im Zuge der Aufklärung verschwand diese barbarische Sitte und lebt heute lediglich als ideologisch ausgehöhlte Tradition der Andeutung weiter. Wieder was gelernt!

Wenden wir uns nun einem Familienporträt zu, aus dem ich ein sonderbares Kind zur besseren Anschauung ausgeschnitten habe. Aus dem detailliert gezeichneten Gesicht blickt uns unverwandt der ulkige Tod an.

Der abgebildete Junge wendet den Blick vom Betrachter ab. Sein apathisches Starren auf einen undefinierten Punkt im Raum zeugt davon, dass er sich des unseren mitnichten bewusst ist. Sein Gesicht trägt die Züge einer verlebten Ente, die Rauschmitteln und Prostitution zum Opfer gefallen ist. Das Gewicht der schattigen Augenringe zieht auch die Mundwinkel in die Tiefe. Geradezu spürbar wird der leise Schmerz der unteren Schleimhäute, die der Junge mit den Zähnen in seinen lustfreien Mundraum zieht. Der Junge trägt eine zeitgenössische Plastikperücke, wie sie heute von der japanischen Fetischszene auf Glatzen gesetzt wird. Wir dürfen dem Künstler eine ironische Absicht unterstellen, wenn wir behaupten, dass die elegante Steifheit der Perücke und das tranige Gesicht den uralten Konflikt zwischen inszenierter Fassade und innerem Aufbegehren beschwören. Dürfen wir den jungen Mann dafür verurteilen, dass seine Miene uns verdrießlich stimmt? Sollten wir uns nicht vielmehr fragen, welche gesellschaftlichen Konfigurationen diesen unglücklichen Menschen hervorgebracht haben? Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir, dass der Junge dem inzestuösen Adel angehört. Aus seinem Hals wachsen zwei lange Finger, die ihm bis auf die Schulter herabhängen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass der „Scherz“, den die Natur ihm gespielt hat, die Ursache seines Leidens ist. Doch vergleichen wir das Porträt mit zeitgenössischen Darstellungen des Haschisch-Konsums, entdecken wir erstaunliche Parallelen. Mit dem Geheimnis müssen wir indes leben. Den Künstler können wir heute leider nicht mehr befragen.

Nun zum einem Bild, das nur die Leser sehen können, die mindestens 18 Jahre alt sind oder so tun als ob. Die kindliche Neugier an Sexualität ist nur wenig in der repräsentativen Kunst des Adels thematisiert worden. Einige der seltenen, äußerst subtilen Darstellungen sind uns aber erhalten geblieben und entfalten noch heute ihre subversive Kraft.

Vor einer nachlässig drapierten Kulisse aus hartem Stoff, die sich wie eine Masse von erkaltender Lava in den Bildraum ergießt, haben sich zwei Mädchen in weißen Kleidern eingefunden, deren Ärmel fetten Seidenraupen nachempfunden sind. Der Stoff des Hintergrunds ist ein uraltes Symbol für die Abwesenheit elterlicher Fürsorge und tatsächlich – man kann es drehen und wenden, die Eltern der Kinder sind nicht im Bilde, und das können wir getrost auch im übertragenen Sinne geltend machen. Das ältere der beiden Mädchen hält einen sich unwirsch gebärenden Hund an den Hinterbeinen hoch und zieht sie auseinander. Die Lippen des Mädchens sind amateurhaft geschminkt und in ihren Augen blitzt eine lüsterne Bosheit auf, die vom schwarzen MickyMaus-Hut aus Gefiederteilen unterstrichen wird. Das jüngere Mädchen hat es sich auf dem Hochsitz bequem gemacht und blickt verklärt-träumerisch in die Ferne wie eine Grisette in Erwartung tollkühner Liebesabenteuer. In der linken Hand hält sie einen einsatzbereiten Dildo, in der rechten ein heute nicht mehr gebräuchliches Spielzeug vom Markt für Ehe-Hygiene. Es steht außer Zweifel, dass die Mädchen sich eigenmächtig an der Schlafzimmerschublade der abwesenden Eltern bedient haben. Unschwer zu erraten, welche Handlung hier im Begriff ist, sich zu entfalten und wir wollen dieser indiskreten Frage beschämt ausweichen, indem wir diesen Exkurs beenden und mit all der frischen Miss-Bildung im Kopf das Browserfensterl schließen.

13 Kommentare


  1. // Antworten

    Oh mein Gott. Danke. Das beantwortet meine Fragen ein bisschen. Ich freue mich auf die nächsten Teile! :‘) *GRINSPOPINS*

    Und danke dafür, dass du mich daran erinnert hast, dass ich als Kind einmal einen toten Vogel verbrannt und verspeist habe. {O.ö}

    Das Kind mit der japanischen Fetischperücke hat sich in mein Herz gebrannt. Dieser sehnsüchtige Blick mit den Lippen in den unbestimmbaren Tod berührt mich zutiefst, denn genauso schaue ich auch, wenn ich starken Durst nach etwas verspüre. Manchmal sehe ich Frauen, die ihre frischgepressten Fleischklumpen stillen, und mich überkommt dieses starke Durstgefühl nach einer Brust, an der ich saugen kann. Ähem.

    Und diese inzestuösen Masturbationsschwestern schockieren mich wie die Pornofilm-CD, die ich damals mit zehn Jahren tief im Aktenordnerschrank entdeckte. … Sind Mädchen denn schon in diesem zartes, man möchte sagen, kindlich-zerbrechlichem Alter so erfahren in Sachen versauter Erwachsenenschubladen und Sexualstimulationsgegenständen? WTF, das macht mich grinsen. Mir erzählte mal ein Mädchen davon, wie eine Freundin einer Freundin einer Freundin … einen Labello für die Befriedigung ihrer inneren Muschi verwendet haben soll. Nach diesem Tag konnte ich nie wieder einen Labello benutzen und keine Lippe mehr ansehen, ohne an blutverschmierte Labellonas zu denken, mit denen sich die Mädchen wie billige Puppen schminkten. Aber dieses Bild da oben… der Penis, der Noppen zu haben scheint und dieses männliche Hündchen…

    OMG, was muss ich grinsen wie ein kleines Delphinbaby…


    1. // Antworten

      Too much Information!, möchte man brüllen, doch sind wir Connaisseure und unser Intellekt legitimiert die Auseinandersetzung mit Niederem, denn unsere Moral bleibt von der Auseinandersetzung mit Lüsten unberührt, das zumindest möchten wir der Welt glaubhaft machen. Diese Blog-Reihe, ich merke es bei jedem Satz den ich schreibe, läutet das Zeitalter des Scheißelaberns ein und ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich das begrüße.
      Nun muss ich jedoch darauf hinweisen, dass die Bezeichnung „Masturbationsschwestern“ unangebracht ist, zumindest harmonisiert sie nicht mit meiner Interpretation der Situation die sich eher zwischen Hund und Gegenstand aufspannt. Mir scheint, die Mädchen experimentieren mit Tieren, so wie manche in diesem Alter vielleicht mit Puppen experimentieren (in meinem Buch wird das Thema übrigens anekdotisch aufgegriffen). Über alles weitere reden wir in einem Jahr. :)


  2. // Antworten

    Die unschuldigen Jungfern schauen gar wissbegierig. Ob es anatomische Kenntnisse, kosmetische Fähigkeiten oder sonstwas sind, ist ihnen gleichgültig, das sagt ihr BLick.
    Sie würdigen nicht einmal die alchemistische Zaubermaschine am Stuhl eines Blickes, die das Kleid in einen Tubus saugt und als fleischigen Tentakel wieder ausspuckt. Vielleicht entstand der Hund ja auf die selbe Weise, man weiß es nicht. Immerhin fehlt dem zweiten Kind-dings eine Kopfbedeckung.
    Und irgendwie will man das Bild nie so genau angesehen haben :/


  3. // Antworten

    verkaufen sie mir ihre klatsche?
    p.s. <3



  4. // Antworten

    Also Tiffchen, Du bist ja wirklich krank. Du musst dringend mal zum Arzt. Du bist doch sonst nicht so. Was hast Du denn nur? Du bist ja nicht mehr ganz dicht. Du hast ja nicht mehr alle Sammeltassen in der Vitrine. Das sag ich Deinen Eltern, dann ist Schluss mit Marburg, dem Internet und diesen ganzen Verrückten dort. Solche Leute wie Du gehören doch in tiefste Verlies geschmissen. Hast Du schon mal Kafkas »In der Strafkolonie« gelesen? Wir sehen uns um Circus Maximus.
    Kurzum: i love you!


  5. // Antworten

    Gibt es das Genre „Ekelporno“ schon?



  6. // Antworten

    Sich unwirsch gebärdend, nicht gebärend.


  7. // Antworten

    Ich danke so sehr für diesen Text, ich habe mich endlos amüsiert. Kann man sich endlos amüsieren? Ich weiß es nicht,… DANKE!

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