Das Geheimnis des papiernen Türchens

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Meine erste Begegnung mit einem Adventskalender hatte ich am 24. Dezember 1988. Ich fand ihn unter dem Weihnachtsbaum, das heißt, unter dem Rohr, von dem ein paar mit grüner Fledderfolie umwickelte Drähte abstanden. Mein Onkel, der als Musiker der schlesischen Philharmonie das seltene Glück hatte, hin und wieder ins westliche Ausland reisen zu dürfen, war gerade aus Deutschland zurückgekommen. Die Rückkehr eines Verwandten aus dem Westen war immer ein „Mega-Event“, zu dessen Ritualen der schamanische Tanz um die Ananas und das berauschende Schnuppern an wellenförmiger Fa-Seife gehörte. Unter einem Berg von Gummibärchen, Puddingtüten, Trinkpäckchen und Streuselröhrchen lag diesmal eine große Papptafel, die auf den ersten Blick wie ein sehr schönes Weihnachtsbild aussah. In einer funkelnden Schneelandschaft tollten Kinder mit rosa Bäckchen vor einem reich geschmückten Tannenbaum herum und in den Fenstern kleiner Häuschen glühte familiäre Geborgenheit. Aber was war das? Auf den Bildern waren ja Zahlen! Nicht von links nach rechts, von oben nach unten, sondern total durcheinander! Und gedruckt waren sie auf Kästchen, die aussahen, als könnte man sie aufbrechen. Warum aber sollte man ein so schönes Bild kaputtmachen? Und was rappelte denn da so? Ich wandte mich in der Verwirrung an meinen Onkel, der mir erklärte, dass die Deutschen ihre Schokolade manchmal umständlich verpackten, nur damit es schöner aussähe. Ich solle einfach mal ein Türchen öffnen und mir ein Stück herausnehmen. Vorsichtig brach ich also ein Türchen auf, und fand ein glockenförmiges Schokoladenstück. Ein weiteres Türchen brachte einen Beachball zutage. Ich war begeistert. Hinter jedem Türchen steckte etwas Anderes! Obwohl meine Eltern mich gebeten hatten, nicht alles auf einmal zu essen, verputzte ich die Schokoladenstücke im Nu. Die Türchen drückte ich wieder herein. Wie schön doch das Bild war! Wir hängten es im Flur auf, wo es bis zur Ausreise 1989 das Auge aller erfreute.

„Hääääää?“, fragen sich nun die Ein- bis Dreifaltigen unter meinen Lesern. „In Polen kannte man Adventskalender nicht!??“ und die Antwort, die man erwarten könnte, wäre: „Nja, wat willse machen, Ostblock, ne? Wir hatten ja nix.“, aber die Wahrheit ist viel aufregender. Wie manch andere Tradition, die mittlerweile als universell-weihnachtlich gilt und in den meisten Ländern christlicher Prägung selbstverständlich ist, ist der Adventskalender eine deutsche, allzudeutsche Erfindung. Das hat er mit Weihnachtsmärkten, Adventskränzen, und sogar dem Brauch gemein, einander zu beschenken. Und so hat es sich zugetragen: Die Idee, dass man doch die Tage bis Weihnachten zum Spaß abzählen könnte, entstand gegen 1800 im deutsch-protestantischem Milieu. Zunächst zündete man einfach jeden Tag eine Kerze an oder strich die verbleibenden Tage auf einem Täfelchen weg. Ab 1850 sind Adventskalender bezeugt, die Kinder sich selbst zeichneten. Das blieb so lange eine beliebte vorweihnachtliche Beschäftigung, bis der Unternehmer Gerhard Lang 1908 eine kommerzielle Version des Adventskalenders auf den Markt brachte. Dabei handelte es sich um ein Stück Karton, zu dem 24 kleine Illustrationen gehörten. Diese konnten, angefangen am Tage des ersten Advent (nicht: 1. Dezember), an die entsprechende leere Stelle geklebt werden. Weil es aber unpraktisch war, jedes Jahr aufs Neue eine andere Anzahl von „Stickern“ zu produzieren, wurde die Tradition geboren, einfach jedes Jahr von 1 bis 24 zu zählen. Bereits 1920 wurden von demselben Gerhard Lang Adventskalender produziert, die Türchen hatten, hinter denen man sich von den kleinen Illustrationen überraschen lassen konnte. Sie wurden bekannt als „Münchner Adventskalender“ und verbreiteten sich von da an über Europa, bis sie irgendwann auch in den USA zu boomen begannen. Die Sache mit der Schokolade kam erst in den 1950ern dazu und war eine Weiterentwicklung der Amerikaner.

Der Adventskalender ist also sehr deutsch, und interessanterweise ist es auch die große Zeitspanne, die man mit „Weihnachtsstimmung“ zu füllen trachtet. Im Laufe meiner polnischen Kindheit bin ich nur einmal mit einer Art Äquivalent zum Adventskalender in Berührung gekommen, und zwar in der Form sogenannter „Jesushemdchen“ aus weißem Papier, die man im Religionsunterricht (im Pfarrhaus, wo alle Lehrenden Nonnen waren) basteln musste. Den Eltern der Kinder wurde aufgetragen, jeden Tag ein rotes oder ein schwarzes Herz auf das Hemdchen zu malen, je nachdem, ob man artig oder unartig gewesen ist. Am Verhältnis der Herzen zueinander konnten die Eltern dann ablesen, wie sehr das Kind beschert werden sollte. Ziemlich sinnlos, da die generelle Armut im Land es kaum jemandem erlaubte, sich groß über Geschenke Gedanken zu machen. Jedenfalls haben die Jesushemdchen meiner Erinnerung nach nicht groß dazu beigetragen, „Weihnachtsstimmung“ zu schaffen. Achja, und einmal, da saßen 24 Kinder im Studio von Domowe Przedszkole (eine Mischung aus Sendung mit der Maus und Kinderspielshow), aber nur die, deren Eltern politische Opportunisten waren, bekamen einen vorweihnachtlichen Berliner in die Hand gedrückt. Die Moderatorin kündete an, in einem von ihnen sei eine Überraschung versteckt. Ich starrte gebannt auf den Bildschirm. Was würde im Milchzahnmäulchen des glücklichen Kindes knirschen? Ein kleines Auto? Ein aufziehbarer Puppenschuh? „Ich hab es!“, rief ein Junge, und hielt die Überraschung in die Höh. Und, was war’s? Eine Mandel.

Als meine Familie nach Deutschland kam und wir mit den hiesigen Sitten und Gebräuchen in Kontakt kamen, verstörte es uns, dass es schon im November überall so weihnachtlich brummte. Dass man Dinge, die in der Heimat einzig diesen drei Tagen vorbehalten waren, hier schon Wochen vorher aus der Kiste zog. Für uns war das nicht unbedingt etwas Positives, denn es führte dazu, dass die tatsächlichen Weihnachtstage ihre Besonderheit verloren. Wenn die Weihnachtsbäume wochenlang blinken, sind sie an Heiligabend schon langweilig geworden, ihr Zauber ist verflogen.
Deutsch ist also nicht nur der Adventskalender sondern auch die „Weihnachtsstimmung“, die schon Wochen im Voraus geschaffen wird (und damit meine ich nicht den kommerziellen Aspekt, eher jene protestantischen Erscheinungen wie den Adventskranz, sowie Plätzchen backen, Weihnachtsgeschichten lesen und dergleichen, dazu in kommendem Blogartikel mehr.).

Hier, einen hab ich noch! Der Adventskalender teilt etwas mit einem anderen deutschen Brauch, dem Maibaum: wenn man keinen bekommt, fühlt man sich ungeliebt und hässlich. Ich zum Beispiel. Solang ich hier lebe, keinen Maibaum von rechtsradikalen Dorfjugendlichen gepflanzt bekommen, keine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen erhalten, keine Überraschungsparty zum Geburtstag, und kein „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?“ in Form eines selbstgebastelten Adventskalenders. Ich habe allerdings auch selbst noch nie jemandem einen gebastelt und reiße mich auch nicht darum. Vielleicht, weil ich es obszön finde, kleinen Pipifatz in Säckchen aus Filz zu fummeln, vielleicht, weil ich Leonardo-Glas-Sammlerinnen verachte, und damit alles, was sie in Erregung versetzt. Aber hauptsächlich, weil ich mit dieser Tradition nicht aufgewachsen bin. Ich bin zu spät gekommen, der Adventskalender war nicht mit meinen Kindheitserinnerungen verbunden, nicht mit der Sentimentalität meines Umfelds aufgeladen, die Anstrengung, die man auf sich nehmen musste, um einen Adventskalender zu basteln, wurde nicht ideell belohnt. Mit anderen Worten; nix kapiert und weiß Gott besseres zu tun gehabt. Und wie steht ihr zu diesem Brauch, mein lieber Bub, meine liebe Chiquita? Erzählt mir ALLES!!!!

Eure besinnliche Zimt-Kastagnette

20 Kommentare


  1. // Antworten

    Meine Mitbewohnerin meinte: „Du bist die erste Person, die ich kenne, die sich selbst einen Adventskalender macht!“

    Ich dachte: Aber das ist doch das Selbstverständlichste auf der Welt! – Die Dinge, mit denen einem als man klein war die Eltern erfreut haben, muss man sich selbst machen, wenn man erwachsen ist.


    1. // Antworten

      Das ist keine dumme Idee. Ich habe mir soeben einen Bienenpullover bestellt und baue mir nun ein Heimkarussell, das mich darin durch die Luft wirbelt. >:-(


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    Für mich gehört der Adventskalender dazu. Bis heute ist er für mich selbstverständlich dazu. Selbst gemacht habe ich ihn vielleicht in der Schule. Sonst war er halt ein Geschenk von meinen Eltern an mich und meinen Bruder.

    Es gab eine Zeit, da gab es abwechselt für meinen Bruder und mich am Adventskalender ein kleines Teil für ein Lego-Spielzeug, welches dann am 24. komplett war. So viel zum Thema „Selbermachen“.


    1. // Antworten

      Das ist ja lieb. Und wie viele Variationen da möglich sind! Dino-Knochen-Kalender! Ziegelsteinkalender „Hühnerstall“! Chemie-Kalender „(S)-N-Methyl-1-phenyl-propan-2-amin“! Der große Obstsalat-Kalender mit Sahnehäubchen in Drüse 24!


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    Für mich durfte es nur der Standard-Adventskalender sein, aus Papppapier, Knabberplastik und schokoladeähnlicher Füllung. Diese Kalender wurden meist schon Mitte November gekauft, damit man nicht am ersten Dezember im Lidl oder Edeka stand und keine Adventskalender mehr da waren. Garstig keifende Vollberufsmütter, die anderen Eltern ihre Adventskalender wegkaufen, sind supermarkttypisches Klientel und sorgen alljährlich bei Supermarkt-Angestellten für Schweißausbrüche und graue Haare. Spräche man einen Supermarkt-Direktor auf schon im November leergekaufte Adventskalender-Boxen an, würde dieser die Hände falten, besonnen in den milden Regen hinausschauen und fast unhörbar „Ja, ja, solche Eltern gibt es…“ murmeln.

    Zurück zu meinem Kalender. Bis zum ersten Dezember wurde er unter allerhöchster Geheimhaltung irgendwo im Haus versteckt. Meist war das Versteck allerdings äußerst berechenbar(die Orte, wo das Kind nie suchen würde, sind meist die Orte, wo das Kind zuerst und allergenauestens nachschaut, zum Beispiel miefige Bügelzimmer, Kleiderschrank der Eltern oder Regale voller alter Reisekataloge über Dänemark). Ich fand den Kalender meist also schon Ende November, doch da ich nie sonderlich adventsgeil war, wartete ich keusch, fromm und brav bis auf den 1. Dezember.

    Der 1. Dezember wurde zum Morgen der Wahrheit. In der Küche, direkt unter dem Volksbank-Kalender, hing der neue, schokoladige Kalender. Die pausbäckigen Papp-Kinder, die sich mit rosa-weißem Schnee lachend bewarfen, während der Weihnachtsmann sich im Hintergrund mit jovialem Pfeifenraucher-Schmunzeln in den Kamin schwabbelte, waren meist die Motive.

    Die Schokolade schmeckte nach nichts. Das gehörte zum Ritual, dass sie nach nichts schmeckte. Pädagogisch interessierten Eltern, die ihren Kindern „mal wieder ein gutes Kinderbuch“ oder „die Apfelsine, denn es muss ja nicht nur Schoko sein!“ schenken, werfe ich vernichtende Blicke zu. Adventskalender müssen mit Schokolade gefüllt sein, die nach nichts schmeckt und so alt ist, dass sie schon am Rande grau fasert. Weich darf sie auch nicht sein. Harte Zähne durch harte Adventskalenderschoki! So muss es durch dieses Land tönen!

    Die letzte Schokolade (meist der Weihnachtsmann, in der noch fader schmeckenden Kirchengemeinde-Variante das Christkind oder ein Engel) wurde fast nie am 24. Dezember gefuttert, schließlich musste man da „Michel aus Lönneberga“ (ZDF) sehen oder den „Weihnachtsbaum“ (Wohnzimmer) schmücken. Meist wurde die Schokolade erst am 27. Dezember, dem ödesten Tag des Jahres, verzehrt. Da war alles schon vorüber. Die Schokolade war inzwischen so alt geworden, dass sie in dunkelbraun-graue Einzelteilchen verproffte. Spräche man einen Schokoladenfabrik-Direktor auf vor Alterschwäche grau-proffende Schokolade an, würde dieser die Hände falten, besonnen in den milden Regen hinausschauen und fast unhörbar „Ja, ja, solche Schokolade gibt es…“ murmeln.


    1. // Antworten

      „…pausbäckigen Papp-Kinder, die sich mit rosa-weißem Schnee lachend bewarfen, während der Weihnachtsmann sich im Hintergrund mit jovialem Pfeifenraucher-Schmunzeln in den Kamin schwabbelte“ <3 <3 <3 <3 <3

      Ich wünschte du wärst christlicher Kolumnist und würdest dich bei Gelegenheit zum Thema JustinBiber-Kalender äußern. Gern auch die Problematik ansprechen, wenn der eigene Sohn so einen haben möchte. Grund zur Sorge? Anlass zur Anmeldung im Bekehrungscamp? Gesellschaftsdiagnose "Johannes-Apokalypse naht"?


    1. // Antworten

      Leonardo ist ja leider nicht nur „Frauen“, sondern eine ganze IDEOLOGIE. :°(°°°


  4. // Antworten

    LOL. Mein Kommentar dazu: ich hatte auch erst ein Jahr später nach meiner Ankunft einen Adventskalender. Also nicht ich, sondern meine Schwester und ich. Natürlich mussten wir uns den teilen. Ich die geraden und sie die ungeraden Zahlen. Die 24 wurde aber, um uns am Leben zu halten, geteilt, weil sie auch so groß war. Für mich hat der Advendskalender aber nicht so einen großen Reiz wie mein selbstgebastelter Geburtstagskalender. Dieser fing am 1.Juni an und endete am 20. Juni und einmal ging er ein Jahr lang.


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    Noch eine Sache: Zur ersten Weihnachtsfeier in der Unterstufe mussten alle Mädchen mit ihrer Mutter was Weihnachtliches mitbringen. Ich hatte meiner Mutter zu spät bescheid gesagt und somit blieb keine Zeit um die 10-schichtige Torte zu backen, wie es in der Ukraine ein Statusmerkmal ist (je mehr Schichten, umso höher die Hausfraufähigkeiten und -fertigkeiten). Wir wussten auch sonst nicht was die deutschen Kinder so essen und Mutter hatte die rettende Idee: Wir haben einen Adventskalender aufgerissen und die Förmchen mit Schokoladenkuvertüre gefüllt und in ein Döschen getan. Wollte niemand essen :'(.


  6. // Antworten

    @Pigeons: <3 <3 <3

    Ohne die kreischsüße, fettig-unaromatische, aber total liebe "Adventskalenderschokolade" wäre mein Metabolismus nicht der, der er heute ist. Ich verdanke ihm viel, dem geduldigen, gutmütigen Onkel "Adventskalender", z.B. das Wissen, dass man unrechtes Handeln nicht einfach durch Wiederverschließen eines Papptürchens ungeschehen macht. Denn merke: DIE PERFORATION WIRD DICH VERRATEN!


  7. // Antworten

    PS: Große Sache: DDR-Schokoladendrops. Die Drops sahen aus wie die, die unser Hund bekam, wenn er nichts Besseres verdient hatte! Und: Die Schokolade war WEISS, aber es war keine WEISSE Schokolade, das Produkt enthielt Kakao. Oder Kakaosurrogatextrakt. Ah, okay „Weiß“ klärt mich gerade darüber auf, dass die Drops keineswegs „weiß“ waren, sondern eine Farbe hatten – die sich aber weder in CMYK noch in RGB korrekt managen lässt. Ich würde sagen, sie waren „FAHL“.


    1. // Antworten

      OMG. Drops as in filmrollendosenförmige Lutschpastillen, Drops as in Regentropfen pitscheplatsche Feder, Wasser mag doch jeder, oder Drops as in Kuhfladendrops, mit so nem kleinen Zwirbel, der nach oben abgeht? Ich erinnere mich nämlich DUNKEL an Urlaube in der polnischen Hohen Tatra, wo immer jede Menge Touristen aus der DDR zugegen waren, die uns armen Polenkinder mit ihrem Süßkram versorgten. Darunter befanden sich die von dir beschriebenen (oder dazu von mir vorgestellten, vgl. Kuhfladen) „Drops“, sowohl helle als auch dunkle habe ich in Erinnerung. Sie mögen auch einem kleinen platten Strudel nachempfunden gewesen sein. Ich schnabulierte sie mit Dankbarkeit, denn unsere Schokolade war auch nicht besser.
      PS: ROFL!


    2. // Antworten

      Meinst du den weißen Überzug? Den haben die ukrainischen/russischen Süßigkeiten IMMER!


  8. // Antworten

    Es waren exakt die Kuhfladendrops!!!!!!!!!!! Ich glaube mich an eine blaue Schachtel aus staubig riechender Wabbelpappe zu erinnern.



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