kritzel-kratzel Feder, schreiben mag doch jeder! (1)

Am 8. Juni erscheint mein erster Roman Sitzen vier Polen im Auto.  Zwischen Vertragsabschluss und Manuskriptabgabe vergingen 18 Monate, in denen ich Gelegenheit hatte, sämtliche Mythen über das Schreiben an der Realität meiner Arbeit zerschellen zu sehen. Diesen Erkenntnisprozess möchte ich im Blog in loser Folge dokumentieren. Heute:

Stimmt es, dass jeder ein Buch in sich hat?

Mythen gehören zu den Dingen, die ich beargwöhne. Ich hoffe, nicht in Gegenverdacht zu geraten, wenn ich verrate, dass ich mit vier Jahren aus eigenem Antrieb lesen und schreiben gelernt habe. Bücher wurden von mir verehrt wie die blutverkrusteten Füße Jesu. Zwar wollte ich auch Bauarbeiter, Braut und Mutter Gottes werden, aber der Beruf des Schriftstellers schien mir von allen der natürlichste zu sein. Die einzigen Voraussetzungen waren Phantasie und das lustvolle Bedürfnis, Hirngespinste Buchstabe für Buchstabe auf Papier auszuschütten, traumdurstigen Lesern zur Nahrung. In dieser Idee ging ich auf. Bücher zu schreiben war nicht mein Lebenstraum, es war eine Gewissheit. Der Keim der Vorbestimmung erstickte 1989, als ich mit acht Jahren nach Deutschland kam. Ich schlug ein Buch auf und sein Inhalt schwieg mich an. Ich konnte mich nicht mehr ausdrücken, keine Witze machen, konnte nicht lesen, verstand nur Fragezeichen, war leer wie ein ausgerupfter Garten. Doch im Tausch gegen alles Vertraute, das ich aufgeben musste, schenkte das Leben mir eine Geschichte. Ich würde etwas zu erzählen haben, sobald ich der fremden Sprache mächtig geworden war.
Little did I know… Dass man Erinnerungen erzählen kann, macht sie noch lange nicht zu einer Geschichte, geschweige denn zu einer Geschichte, die irgendjemanden interessiert. Das war die erste Lektion, die ich lernen musste. Ein Blick auf den Buchmarkt genügt, um die weit verbreitete Auffassung, dass jeder ein Buch in sich habe, zu bestätigen. Eine eigene Lebenserfahrung muss nur ein bisschen außeralltäglich sein, um Eingang in die Belletristik zu finden. Zwei Wochen depressiv gewesen? Die Befremdung über die dunkle Seite in mir muss zum Trauma erhoben werden! Für 9,80€ dürfen auch andere von meinem Schicksal betroffen sein. Ein Freund ist gestorben? Die Jungautorin beutet ihr Tagebuch aus und nennt es einen Trauer-Roman! Wenn der Ghostwriter eines Promis uns verklickert, wie dieser mal in ein Mikro gerülpst hat, ist das auch schon genug, um als Bestseller in der Humor-Abteilung zu landen. Jede Bahnhofsbuchhandlung ist voll von banalem Blabla. Die Frage ist nur: who cares? Warum sollte mich eine ohne literarischen Anspruch formulierte Familiengeschichte interessieren, deren wesentliche plot points „Die Geburt meines Bruders“, „Tante Frida fährt Zug“ und „Papa meldet Insolvenz an“ sind? Ich wollte kein Buch schreiben, das sich nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners verkauft, sondern eines, das ich selbst gern lesen würde. Nun hört sich jeder selbst gern reden, lacht am liebsten über die eigenen Witze, findet seine Erlebnisse relevanter als die der anderen, usw. Natürlich war auch ich jahrelang überzeugt davon, eine große Geschichte in mir zu haben. Ich hatte Migrationserfahrung! Ich hatte Dinge erlebt, von denen meine deutschen Freunde nichts ahnten! Das einzige, was mich davon abhielt, ein Buch darüber zu schreiben, war die Disziplin, die es brauchte, sich an den Schreibtisch zu begeben und die Geschichte *einfach* runterzutippen, so wie man ein Gespräch transkribiert.
Von dem Moment an, wo ich mich tatsächlich hinter die Tastatur geklemmt habe, vergingen mehrere qualvolle Monate, bis ich mir selbst eingestehen musste, dass ich einen Scheiß hatte und keine Geschichte. Eine bloße Aneinanderreihung von Erinnerungen, mit Witzchen und Pointen gespickt, war einfach nicht genug. Das konnte ich niemandem zumuten. Wer war ich denn, um mit 30 Jahren eine Autobiografie zu schreiben? Alles intuitiv Erzählenswerte hatte ohnehin immer nur um wenige Momente gekreist: die Pakete aus dem Westen, die Fahrt über die Grenze, die deutsche Autobahn, der erste Supermarktbesuch. Wie sich aus diesen wenigen Erinnerungen eine Geschichte entwickelt hat, die dieser Erinnerungen gar nicht mehr bedurfte, davon wird hier unter anderem die Rede sein.  Für heute soll es genügen, dem Mythos von den Büchern in unseren Bäuchen zu widersprechen. Ein Buch in sich kann nur haben, wer die Geschichte bereits geschrieben und aufgegessen hat.  Glaubt niemandem, der euch erzählt, das Buch wäre schon drin. Es sei denn, dieser jemand ist Arzt und kann seine Behauptung mit Röntgenaufnahmen beweisen.

6 Kommentare


  1. // Antworten

    Ich glaube, dass in vielen Ereignissen eine Geschichte liegt, das Problem liegt eher darin, dass das Leben nicht den Regeln des klassischen Storytelling gehorcht und somit anders wiedergegeben werden muss. Wie das aussehen kann, zeigt z.B. das Buch von Jan-Uwe Fitz. Wenn er es nicht so stark ins Absurde geführt hätte, wäre es vielleicht keine Geschichte geworden.

    Ich für meinen Teil denke gerade über positive Ereignisse in meinem Leben nach, die ich aktiv gestaltet habe. Ich will so herausfinden, was ich gerne tue und was ich wirklich gut kann. Dies ist leider gar nicht so einfach, sondern im Gegenteil, es fällt mir sehr schwer. So kann ich das eigentlich gut nachvollziehen, was du hier geschrieben hast.


  2. // Antworten

    Liebste Tiffy,

    ich lernte bei meinem Rundumblick durch die Buchhandlungen und auch meiner damaligen Arbeit dort: es gibt für alles eine Lobby. Und genau darin liegt sowohl Segen als auch Fluch. Von meiner Seite aus sei es jedem vergönnt etwas nieder zuschreiben. Und wenn es nur „Tante Frieda fährt Zug“ ist. Wenn jemand dadurch angetrieben ist, dieses seine Geschichte zu nennen, dann vermag ich nicht zu beurteilen ob es gut oder schlecht oder unnötig ist. Gräme dich also nicht. Es fahren so viele Tante Friedas Zug. Aber jeder erzählt es anders. Jemand mag es. Jemand anderes nicht. So ist dieses Leben mit diesen Menschen.
    Ich durfte in diversen Anthologien das veröffentlichen was ich unter meiner persönlichen Lyrik empfinde und auch einen Quatschtext. Es freut mich wenn ich jemanden sagen höre „das hat mit gut gefallen“. Klar, Bauchpinseleien sind supi. Aber ebenso ist es absolut wenn jemand sagt, dass er das nicht mag. Sterb ich ja auch nicht von. Und so erinnert mich das Leben immer wieder daran, dass Menschen zum Glück verschieden sind.

    Freue mich sehr für dich und setze dein Buch auf meine Einaufsliste – denn ich mag deine Geschichte lesen. Ob es nur eine Aneinanderreihung an Momente gewesen wäre oder nicht :)

    Kussi,
    die Mutti.


  3. // Antworten

    Die meisten Menschen haben ja nicht unbedingt ein Buch in sich, sondern erstmal nur das verständliche Bedürfnis, sich der Welt mitzuteilen. Aus diesem Bedürfnis wird dann im besten Falle (sofern zeitgleich entsprechende Fertigkeiten vorhanden sind) ein für viele Menschen bereicherndes Buch, im schlechtesten Falle schier endloses egozentrisches Gequatsche. Ziemlich viele Menschen haben leider nicht gelernt, zwischen ihrem Kosmos und der Außenwelt zu unterscheiden und erleben Innen und Außen wie ein Säugling als auf magische Weise miteinander verbunden, und so können sie dann gar nicht verstehen, warum außer Oma, Grundschullehrerin und Verlobtem sich einfach niemand für ihre Welt interessieren will. Damit will ich nicht sagen, dass nicht schreiben soll, wer schreiben will. Jeder soll schreiben, unbedingt! Aber ich freue mich grundsätzlich über jeden Menschen, der sich und seine Fähigkeiten realistisch einschätzen kann.

    Auf deine Frage, ob ich selbst ein Buch schreiben würde und wenn ja, welches, kann ich ja nicht mehr im Konjunktiv antworten. Ich kann nur sagen, dass ich mich sehr früh von dem Gedanken verabschiedet habe, die Erlebnisse und Probleme, die mich besonders beschäftig(t)en, zum direkten Thema meines Schreibens machen zu wollen. Viele (und ich vielleicht auch) schaffen nicht das, was dir, wie ich finde, gelungen ist: Sich von einer selbst erlebten Geschichte so weit zu lösen, dass man sie in eine dramaturgische Form bringen kann, ohne sich wie der Schlachter der eigenen Identität zu fühlen. Ich selbst fühle mich wohler und freier und kreativer beim Schreiben, wenn die Geschichte nicht direkt auf persönlichen Erlebnissen basiert.

    Dennoch versuche ich natürlich zu erreichen (sonst wäre das Schreiben ja eine fast entfremdete Tätigkeit), dass die Dinge, die mich beschäftigen, wie ein Grundrauschen hinter dem eigentlichen Plot liegen. Ich denke mir ja nicht irgendeine Geschichte aus, sondern ich finde genau die, die mich auf Dauer verzaubert und die mich am Brennen hält, so lange, bis sie fertig erzählt ist. Diese Faszination entsteht natürlich nur, wenn die Geschichte mit mir zu tun hat. Aber wenn ich mit dem, was mich beschäftigt, auch andere beschäftigen will, dann muss ich das finden, was aus meinem individuellen Empfinden zu quetschen ist als Extrakt, der wie die Kultur in einer Petrischale Grundlage aller individuellen Auswüchse von Empfindungen ist. Wenn mir das nicht gelingt, fragt sich die Menschheit, warum sie sich meine Geschichte anhören soll. Wenn es gelingt, habe ich einen Hauch von Allgemeingültigkeit ins Individuelle gebracht und darf hoffen, dass andere meine Geschichte mögen und sich dadurch belebt, beglückt und verstanden fühlen.


    1. // Antworten

      :°) Danke für diesen wunderbaren Kommentar!
      Der Gedanke hinter Blogposts der Kategorie „Schreibkrampf“ ist eigentlich ein grundpositiver: ich möchte jeden ermutigen, zu schreiben. Absolut jeden. Erstens glaube ich, dass dem Schreiben heilende Magie innewohnt, und es gibt niemanden, dem ich diese Erfahrung nicht gönnen würde. Zweitens wünsche ich mir, dass mehr gute Bücher geschrieben werden. Und weil ich an mir selbst erlebt habe, auf wie viele Arten man ein total beschissener Autor sein kann, möchte ich dieses Wissen mit anderen Schreibenden teilen und tauschen.
      Es mag für alles eine Lobby geben, wie „die Mutti“ anmerkt, aber ich störe mich nicht an den seichten Themen oder gar Themen, die mich nicht interessieren. Was mich wütend macht ist die DREISTHEIT mancher Autoren, sich nicht im Geringsten um die Bedürfnisse des Lesers zu kümmern (selbst nicht um die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe!)und noch mehr die DREISTHEIT der Verlage, solche Erzeugnisse zu bewerben, als würden sie einem großen Publikum wahren Lesegenuss bescheren können. Als wären sie in irgendeiner Weise relevant. Obwohl ich längst weiß, dass ein Bestseller nicht gleichbedeutend mit „Weltliteratur“ ist und dieser Titel nicht einmal von echten Verkaufszahlen abhängt, fühle ich mich immer wieder VERARSCHT von dem Dreck, der da prominent in den Regalen steht und aggressiv meinen Blick auf sich lenkt. Leider bin ich meistens neugierig genug, mir eine Leseprobe runterzuladen, nur um festzustellen, dass ich eine halbe Stunde mit sogenanntem „Abizeitungsniveau“ verbracht habe. Hence the rant. :)


      1. // Antworten

        Ja, ermutige alle, sie sollen schreiben, bis die Fingerkuppen froschmäßig anschwellen! Bin gespannt auf dein nächstes „Dingsi“. :D


      2. // Antworten

        Ich hab mal im Verlag ein Manuskript auf den Tisch bekommen, in dessen Anschreiben stand: „Dieser Roman interessiert wahrscheinlich keinen. Kann ich auch verstehen.“

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