Es ist nicht alles Neid, was grantelt.

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Als Reaktion auf meine letzten beiden Blogartikel erreichten mich Einsendungen, in denen bemängelt wurde, dass ich nicht auf den Unterschied zwischen Neid und Kritik eingehe. Menschen, die sich in ihrer Rolle als Disser der Durchschnittlichkeit gefallen, wollten ihre edle Gesinnung nicht als moralisch verwerfliche Haltung dargestellt wissen. Es gab auch Stimmen, die Neid negierten, besonders den eigenen, und dem Neidvorwurf durch den Vorwurf einer rhetorischen Keule begegneten.

Was hat es mit der Neid-Keule auf sich? Gibt es sie wirklich? Und wem schlägt sie den Schädel ein?

Jeder, der sich schon einmal mit dem Wesen von Konflikten befasst hat, weiß, welche große Rolle die Egos der Streithähnchen darin spielen. Wenn unser Selbstbild angegriffen wird, sind wir betrübt, wir werden sauer, wir geraten aus dem Gleichgewicht. In jedem Angriff liegt eine Verletzungsgefahr, darum liegt es nahe, die Bedrohung abzuwehren, um die positive Sicht auf sich selbst aufrechtzuerhalten. Wird der Ball aber zurückgeschlagen, entsteht eine Dynamik, in der beide Akteure gleichzeitig Angreifer und Angegriffene sind.

Ein Beispiel:

Enrico liebt Casting-Shows, ist im Chor aktiv und bewundert das Gesangstalent seiner Freundin Susi. „Komm schon, mach beim DSDS-Casting mit!“ feuert er sie an. Als Susi überraschend in den Recall kommt, wird Enrico ganz komisch zumute. Dass Susi es schafft, damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Er hatte sie die ganze Zeit ermuntert, weil er selbst keinen Mut hatte, weil er teilhaben wollte an dem Abenteuer, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Ach, hätte er bloß mitgemacht! Vielleicht wäre er jetzt an Susis Stelle. Schließlich kann er singen wie Justin Timerblake. Aber seit Susis Erfolg kann Enrico nicht ruhig schlafen. Nur Verlierer nehmen eine Chance nicht wahr, denkt er, aber ich bin kein Verlierer.
„Wie fandst du es?“ fragt Susi, nachdem Enrico ihren Recall-Auftritt gesehen hat.  „Geht so“, sagt Enrico. „Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum du weiter bist. Eigentlich hast du echt scheiße gesungen.“ Susi, die tagein, tagaus ihre Nummer geübt hat, ist tief verletzt. Nicht gut gesungen? Sie? Und das muss sie sich von ihrem besten Freund sagen lassen? Warum ist er gemein zu ihr, statt sich für sie zu freuen?  „Du bist doch nur neidisch!“ kläfft Susi.  Enrico weiß, dass Neid kein Kompliment für sein ohnehin schon angeknackstes Ego ist. Neidisch sein, das bedeutet, seine Unterlegenheit zugeben. „Klar, würd ich auch sagen, wenn ich nicht singen könnte!“ wehrt er sich. Singen ist Susis Leben. Damit trifft Enrico sie härter, als sie ihn mit ihrem Neidvorwurf getroffen hat.

Beide fühlen sich als Opfer eines Angriffs, beide sind sich sicher, sich nur verteidigt zu haben. Enrico hat Susi angegriffen, um den Angriff abzuwehren, die ihr Erfolg für sein Selbstbewusstsein darstellte. Daraufhin hat Susi sich gewehrt, indem sie Enrico Neid vorgeworfen hat. Enricos einzige Möglichkeit, sein Selbstbild zu schützen, bestand darin, sich selbst zu immunisieren – mit dem Vorwurf, Neid sei Susis moralische Keule.

Wir sehen, dass das Anprangern der „moralischen Keule“ auch nur eine Waffe im Krieg der Egos ist.

Und wenn Susi nun wirklich nicht so toll gesungen hat? War es da nicht Enricos gutes Recht, ja, nicht sogar seine Pflicht, ihre Performance zu kritisieren? Er könnte Susi bei Gelegenheit vorwerfen, sie könne keine Kritik vertragen. Das würde ihr das Maul doch ein für alle Mal stopfen.

Aber so einfach ist es nicht. „Kritisieren“ kommt von unterscheiden, trennen. Kriterien bilden den Maßstab, den man anlegt, um den Wert oder Unwert einer Sache abzuwägen. Wer kritisieren will, ohne sich Neid vorwerfen zu lassen, muss deutlich machen, welche Kriterien seinem Tadel zugrunde liegen. Das kann durchaus der eigene Geschmack sein. Einer ungebildeten Truller, die zugibt, auf leichte Lektüre zu stehen, nehme ich ab, dass sie Elfriede Jelinek zum Kotzen findet und nicht etwa neidisch ist, wenn sie ihre Enttäuschung über den Fehlgriff auf Amazon kundgibt. Ihre Meinung nehme ich ernster als das hochgestochene Geschwurbel von einem, der vernichtend urteilt, ohne seine Kriterien sichtbar zu machen.

Zum Schluss sei noch eine Frage aufgeworfen: Ist es Neid, wenn uns der Erfolg Anderer wundert? Hierzu eine persönliche Anekdote von unerhörter Aktualität. Zeitlebens hatte ich keine Beziehung zu „schlechten Büchern“. Weil ich wusste, dass sie mir kein Vergnügen bereiten, hielt ich mich von ihnen fern. Bis ich selbst ein Buch schreiben musste. Ich entwickelte in dieser Zeit ein ungesundes Interesse an Büchern, die viel beworben, und deshalb viel gelesen werden, Büchern, die uns mit aggressiv greller Farbgestaltung aus den Schaufenstern heraus anspringen. Plötzlich wollte ich es doch genauer wissen: Was sind das für Sachen, die erfolgreich sind? Ich begann, mir jeden Tag Leseproben herunterzuladen. Und es kam mir hoch. So viel Schrott. So viel Durchfall. Plattes, Abgeschmacktes, Langweiliges, Dummes. DAS DURFTE DOCH WOHL NICHT WAHR SEIN!!!! Auf der Amazon-Seite interessierten mich nur noch die Ein-Stern-Bewertungen. Ich ertappte mich beim „Endlich sagt’s mal einer!“-denken. Der Hals schwoll mir an, der Magen rumorte. In mancher Leseprobennacht raste mir der Puls. Herabgezogen von der schaurigen Lust an der Verderbtheit der Kultur war an Schlaf nicht zu denken. Schließlich kaufte ich mir sogar die Bücher, deren Leseproben mir so viel Beschissenheit versprachen. Ich wurde süchtig nach Beschissenheit. Tausende von Verrissen hätte ich am liebsten geschrieben, aus meinem genervten Kopf herunter, ach, wäre ich nur einer von diesen Amazon-Rezensenten, die nichts Besseres zu tun haben. Hätte mir in meinem Zorn auf den Bestsellerschrott jemand gesagt, ich wäre neidisch, ich hätte empört aufgelacht. Neidisch? Worauf denn bitte? Auf miesen Stil? Mageren Wortschatz? Oberflächliche Themen? Platte Witze? Nee, oder? Und doch musste doch was im Busch sein, dass ich mir täglich diese Folter antat, während Bände großartiger Literatur auf der Leseliste vergeblich darauf warteten, von mir in die Hand genommen zu werden. Wenn bspw. diese erfolgreichen Frauenromane mich so null interessierten, und ich so offensichtlich nicht die Zielgruppe dafür war, warum ignorierte ich sie nicht einfach?

Neid kann eben auch das Bedauern darüber sein, dass man nicht über die Mittel verfügt, seinen Status zu verbessern. Denn diese Mittel sind nicht nur materieller Natur (Geld, Besitz) oder geistiger (Talente), es geht auch um kulturelle, soziale Mittel, Kontakte, den Zugang zu bestimmten Systemen. Immer steckt Angst um die eigene Existenz dahinter: Kann ich in einem System überleben, in dem die „falschen“ Leute an der Macht sind? Kann ich mit guten Büchern erfolgreich sein, wenn Menschen schlechte lesen wollen? Klug wäre, zu überlegen, wie man dem Falschen das Richtige unterjubelt. Leider tendieren wir eher zur Selbstzerfleischung. Es ist keine angenehme Erkenntnis: Neid schadet uns auch, wenn wir ihm den Mantel der Kritik überstülpen.

9 Kommentare


  1. // Antworten

    der neid ist die aufrichtigste form der anerkennung. (wilhelm busch)


    1. // Antworten

      Und jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag. (Charlie Chaplin)


  2. // Antworten

    Dafür ist Kunst nicht gedacht sich einem System anzupassen, was einem jede Kraft zum schöpfen nimmt. Für mehr Künstler die sagen: „Am Arsch muss ich, ich muss gar nichts.“
    Kompromisse müssen schon genug gemacht werden in dieser Gesellschaft, wenn die Kunst ihre Freiheit verliert, sind wir alle verloren. Und sich anzupassen um die Massen zu erreichen … Da will ich erst gar nicht drüber nachdenken.
    Dagegen ist nichts gegen kommerziellen Erfolg zu sagen. Davor sollte man keine Angst haben. Zu wissen, wer meine Zielgruppe ist und diese gezielt ansprechen, dagegen ist auch nichts zu sagen. Aber die Diktatur der Angepassten, darauf kann man wortwörtlich scheißen.

    Liebe Grüße,
    Sonia -> (nicht von Neid befreit, wie jeder. Und einem Ego das ich jeden Tag selber in den Arsch trete.)


  3. // Antworten

    Hinter jeder Frau im Nerz steht eine andere, die darüber witzelt, wo sie ihn her hat.
    —— Inge Meysel


  4. // Antworten

    das war genau die passende antwort ;-)
    nein , aber jetzt mal im ernst, im netz passiert es mir immer öfter, dass ich mit der tatsache konfrontiert bin, aus einem unüberschaubaren blogleseangebot, das „wichtigste“ auswählen zu müssen. deine worte sind schön, aber ich habe das gefühl, dass das thema neid bei dir ein bisschen überstrapaziert wird. ich, mit meinem durchschnittlichen erfahrungsspektrum habe bisher neid noch nie kennengelernt. weder an mir selber, noch dass andere auf mich neidisch gewesen wären. obwohl ich in einer branche arbeite, in welcher eine ordentliche portion neid zur grundausstattung gehört. vielleicht hatte ich einfach nur zu wenig erfolg. neid ensteht jedenfalls bei vielen sozusagen reflexartig, wenn sie eine unverhältnismäßigkeit spüren. meine erfahrung ist jedenfalls die, dass besonders ehrgeizige leute sich öfters neidattacken ausgeliefert sehen, wahrscheinlich weil die, in dieser hinsicht weniger begabten, sich sozusagen „von natur aus“ benachteiligt und vielleicht sogar gekränkt fühlen. und weil eine kompensation dieser unschönen erfahrung durch das internet immer einfacher geworden ist, landen eben die entsprechenden kommentare auf den bekannten plattformen. das internet hat unter anderem, die bisweilen irritierende eigenart, als eine art vergrößerungsglas zu wirken. die negativen folgen kennen wir alle.
    wer öffentlichkeit sucht , sollte robust gebaut sein. ist man das nicht, ist es besser im elfenbeinturm bleiben. da ist’s eh meist angenehmer.


  5. // Antworten

    p.s.: mit „genau die richtige antwort“ war das chaplin zitat gemeint. nur, damit keine verwirrung aufkommt.


  6. // Antworten

    Folgende Variation dazu:
    Neid ist ein großartiger Begriff wenn es um Selbsbetrachtung geht. Ausgehend vom miesepetrigen Gefühl verweist es auf die Möglichkeit des Gönnens um sich besser zu fühlen. Abgesehen von der geläufigen Leugnung negativer Selbszuschreibungen, läßt sich Neid gut an einem Selbst beobachten. Ein psychologischer Begriff, im Grunde. Darum auch gern als Waffe benutzt.

    Geht es aber um die Beschreibung menschlicher Beziehungen ist Neid nicht zu gebrauchen. Die Motive gleiben unklar und werden von vornherein als minderwertig beurteilt. Die Folge/Interaktion kommt gar nicht in dem Begriff vor. Und zum blöden Schluss fällt alles auf eine Person, wo es doch immer mindestens 2 braucht wenn etwas zum Beobachten da sein soll.


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