Smells like Teen Spirit.

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Die famose Menschette, auch bekannt als Erika Bertschinger-Eicke, hat neulich einen Riesenschwanz Sterne für ihren Tweet kassiert, der nichts anderes tut, als daran zu erinnern, dass wir alle einmal zum ersten Mal „Smells like Teen Spirit“ gehört haben. In einer Kooperation mit Wonneproppen @mitnichten, der sein Nirvana 10 Jahre nach mir erlebte, schrieb auch ich nun meine persönliche Geschichte zu diesem schwerwiegenden Song auf. Macht mit! 

Wenn es um die Erziehung der Kinder zur Selbständigkeit ging, war meinen Eltern alles zuzutrauen. Der Löwenkäfig stand immer für mich offen. Von Klassenfahrten wurde ich nicht wie die anderen Kinder mit Blumenstrauß und parfümierter Ehrenbegleitung abgeholt. Ich musste selbst zusehen, wie ich nachhause kam. Das war gut, denn wo eine Freundin von mir noch mit 16 nicht wusste, wie man Zug fährt und sich nicht mal allein in ein Büdchen getraut hat, hatte ich schon im Supermarkt Zigaretten geklaut und auf dem Feld eine Laterne ausgetreten.  Doch das war später.

1994 hat es mich jedenfalls nicht sonderlich überrascht, als meine Eltern mir eröffneten, sie hätten mich für ein Sommerferienlager in Frankreich angemeldet, das von der Arbeiter Wohlfahrt organisiert wurde. Für mich die einzige Gelegenheit, etwas zu erleben. Ich war gerade 13 geworden, das Programm in der Broschüre war jedoch für 14-17-jährige ausgeschrieben. Dass ich ein Jahr zu jung war für das Abenteuer, machte meinen Eltern noch weniger aus als mir. „Jugend“ war in Polen ein unschuldiger Begriff, man dachte nicht an Sex und Drogen, sondern an saubere Kameradschaft und Lagerfeuergitarre. Von der „Jugend“ hatten sie eine so idyllische Vorstellung, dass sie mich ohne jede Sorge allein fahren ließen. Ich würde Freundschaften fürs Leben schließen. Ach, die schönen Erinnerungen, sowas vergisst man doch niemals, nie. Und warum eigentlich jemanden mitnehmen, den man kennt, wenn man auch neue Leute kennenlernen kann? Machte das nicht den ganzen Reiz von Ferienfahrten aus?

Mit einem gut gefüllten Reiserucksack fährt mich mein Vater raus aus dem Kaff in die Stadt, in der es nicht viel, aber immerhin einen AWO-Parkplatz gibt. Dort kommt die Reisegruppe zusammen. Papa lässt mich in der Abendglut stehen, ich fühle mich in die Teilnehmer gerotzt, deren Gesichter mir alle nichts sagen. Ich trage eine geblümte Radlerhose und darüber ein T-Shirt von C&A, mit einem lustigen Hund vorne drauf. Meine Beine sind mehlbleich und wachsen wie schiefe Äste aus den gefälschten roten Chucks, aber noch habe ich kein anderes Wort als „Turnschuhe“ dafür. Ich stehe verloren da und versuche, jemanden wie mich  zu finden. Aber anscheinend bin ich die Einzige, die alleine unterwegs ist. Die Mädchen mit ihren unter bauchfreien Tops sprießenden Tittchen werfen das  lange Haar zurück und den Kopf in den Nacken. Das Samthaargummi mal fest- mal rausziehend, präsentieren sie sich den verklemmten, scheinbar desinteressierten Blicken der Jungs. Verspüre Unbehagen. Ein schmerzendes Bewusstsein darüber, nichts davon selbst zu sein. Ich sitze vorne, allein auf einem Zweier, wo ich immerhin bessere Schlafbedingungen als alle anderen habe.

Als der Bus zum ersten Mal auf einem Rastplatz hält, ist es schon dunkel. Unterwegs sind Jugendliche aus Dormagen zugestiegen, denen ich noch keine Aufmerksamkeit gewidmet habe. Wie alle anderen klettere ich aus dem Bus und suche die Toiletten auf. Als ich wiederkomme, gesenkten Blickes, die dümmlich-formlose Frisur vor mir herschaukelnd wie Pferdegeschirr, erwartet mich ein entsetzlicher Anblick: Vor dem Reisebus steht eine Gruppe von Jugendlichen, die nicht nur diametral dem Jugendbild meiner Eltern widerspricht, sondern sogar meinem eigenen, deutschen Wissen darüber, wie Jugendliche auszusehen, sich zu kleiden und zu benehmen haben. Fünf finstere Mädchen blicken mich an. Sie haben schwarze T-Shirts mit grässlichen Motiven an. Ihre Jeans sind zerrissen, was nichts Neues ist, aber mitten im Sommer tragen sie dazu klobige, schwarze Stiefel mit roten Schnürsenkeln. Die Haare sind zottelig, lang und gefärbt. Eine von ihnen heißt „Carrie“. Alle halten eine Zigarette in der Hand. Raucher!!! Im Jugendcamp! Rauchende Jugendliche! Ihr Anblick ist ein einziger Angriff auf meine Wohlerzogenheit. Panik steigt in mir auf. Mit denen sitze ich in einem Bus!?  Mit denen muss ich drei Wochen lang… ich schüttele den Gedanken ab und stieige verschüchtert zurück in den Bus. Vor Angst schlafe ich die ganze Nacht nicht, und doch gibt es am nächsten Tag ein böses Erwachen.

Da es mir nicht gelang, entsprechende Kontakte zu knüpfen, werde ich dem einzigen Zelt zugeteilt, wo noch ein Platz frei ist: es ist das Zelt mit „Carrie“ drinne, die aussieht wie John Lennon mit kirschrotem Lippenstift. Carrie und ihre rauchenden Freundinnen mit den dicken Brüsten, schweren Stiefeln, hennaroten Haaren, von vielen Lederriemchen umwickelten Unterarmen, überall haben sie Nieten klemmen, wie irgendwelche „gewalttätigen Satanisten“ , und ihre Lektüre sind „Stephen King“ und „U-Comix“, beides kenne ich nicht, beides macht mir Angst. Die zerzausten Mädchen scheinen von mir genauso wenig angetan zu sein wie ich von ihnen. Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack und schluchze hilflos in mich hinein.

Carrie fragt, ob ich mit will zum Strand und steckt eine Flasche „Wodka-Orange“ in ihren Army-Rucksack. Das ist so, als ob mich jemand fragt: „Kommst du mit, Hamster aufschlitzen?“, ich kann gar nicht glauben, dass man mir solche Fragen stellt. „Ich gehe schon mit anderen“, lüge ich und lege mir schon im Kopf die Sätze zurecht, die ich meinen Eltern schreiben werde: „Ich bin in der Hölle. Alle rauchen und trinken Alkohol. Niemand hier ist normal.“

Die „anderen“, mit denen ich angeblich zum Strand gehe, sind schon lange weg. Ich bin jetzt also allein im Zelt. Besser allein im Dunkeln, als in den Fängen dieser Raucher-Trinker-Satanisten. Kaum habe ich das gedacht, höre ich draußen stimmen. Ich luge schüchtern aus dem Zelt und erkenne an den Holztischen einen besonders hässlichen Punker, der auch zu dieser Bande von Wilden gehört. Die Seiten seines Kopfes sind ausrasiert und von kleinen Schnittnarben durchzogen. Die wenigen fettigen Haare hängen schlaff runter wie ein Hahnenkamm. Er steckt eine Kassette in den Kassettenrekorder. Erst „Gott ist tot“, oder so. Ein grauenvolles Lied, ich weiß nicht, wie man sich so etwas überhaupt anhören kann. Beim nächsten Song schrecke ich zusammen. Da brüllt einer, als würde ihm die Haut abgezogen. Garstige, böse, mürrische Musik. Ich habe keine Ahnung, dass die Stimme Kurt Cobain gehört, der sich im April das Leben genommen hat. Die Leute aus meiner Klasse sind anders drauf als die Jugendlichen aus dem Camp. Ihre Persönlichkeit drücken sie durch Markenkleidung aus; Levis, Diesel und Benetton, Nike, adidas und Replay. Ich bin über Lee noch nicht hinausgekommen, die 501 würde mich ein Jahrestaschengeld kosten. Ich höre schöne Musik wie „Sleeping Sattelite“ und „Would I lie to you“, nicht so einen Lärm. Wie gestört muss man sein, um das zu mögen?

Scheiße. Der Punker entdeckt mich. Winkt mir zu. Ich weiß, dass er mir gleich ein Messer an die Kehle halten wird, dass er mich gleich schänden wird wie ein grausames Kind einen Käfer. „Here we are now, entertain us.“ Ich habe zu viel Angst, um mich einzunässen. „Was machste denn da?“, ruft der Punker wieder. Ich stelle mich tot, „with the lights out, it’s less dangerous“. Ich schluchze in Erwartung meines baldigen Todes, “I feel stupid and contagious”, geh weg, geh weg, geh weg, “hello, hello, hello” – Der Punker ist ins Zelt gekrochen, hockt direkt neben mir. „Ey, geht’s dir nicht gut?“, fragt er. „Ist doch scheiße, hier alleine rumzuhängen, ey. Setz dich doch zu uns. Kippe?“ Ich schüttle energisch den Kopf. Der Punker packt mich am Arm. Aber es tut gar nicht weh. Ich lasse mich aus dem Zelt ziehen. Zwei Stunden später sind wir Freunde und pinseln mit roter Farbe auf ein halbiertes Laken: DEUTSCHLAND HALT’S MAUL.

Smells like teen spirit.

 

7 Kommentare




  1. // Antworten

    Danke für die Geschichte. Hat mich erfreut zu lesen. Ja, auch ich habe mal ein erstes Mal Smells Like Teen Spirit gehört. Und ich kann mich noch ziemlich gut erinnern. Das war ein ziemlich einschneidender Tag, denn an dem Tag beschloss ich, dass mein Kinderindstrument (Blockflöte) ablegen sollte und mich „richtiger“ Musik widmen möge.


  2. // Antworten

    Oh, da juckt es mich doch in den abgeknibbelten Fingerkuppen, ICH MACHE AUCH MIT (morgen). Geplante Tags für meinen Beitrag: Getreidemühle, Prokurist, Achselhaar. Ick freu mir! Deutschland halts Maul, :D!!




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