Betreutes Lesen – Mehr Fun an der Fanta im Fiat Polski! (Premiere!)

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Ich starte eine neue Serie im Blog, die sich an alle richtet, die mein Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ gelesen haben, die es gerade lesen oder die noch vorhaben, es zu tun. Das Angebot ist im Weltraum einmalig: Bis zum 1. Dezember werde ich alle fünf Tage interessante, skurrile und aufregende Background-Infos zu den einzelnen Kapiteln (derer 28!) posten. Wer sich unter einem „Aussiedlersarg“ nichts vorstellen kann, die Aldi-Brause „Flirt“ nicht kennt oder sich wundert, warum man in Polen Kaffee mit Fusseln nicht nur trank, sondern immer noch trinkt, wird hier (und parallel auf meiner geburtsreifen Autoren-Website) in reich illustrierter Weise Impressionen kredenzt bekommen. Außerdem beantworte ich alle eure Fragen! Und nun..

PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE

~*Kapitel 1 – Das Goldene Buch *~

„Mutter Gottes von Tschenstochau!“, ruft eine Frau gleich am Anfang meiner Geschichte. Gemeint ist die „Schwarze Madonna“, eine Ikone aus dem wichtigsten Wallfahrtsort Polens, die Matka Boska CzęstochowskaDie Mutter Gottes gilt als „Königin Polens“, und dieses Gnadebild ist zum Symbol der Nation geworden. Kaum ein bäuerlicher Haushalt, in dem nicht irgendwo eine Reproduktion der schwarzen Madonna hinge, und sei es nur eine Postkarte, die hinter Vitrinenglas lehnt. Charakteristisch sind die langen Kratzer auf der Wange, die die Mutter Gottes besonders tranig aus der Wäsche schauen lassen. Der Legende nach soll ein Soldat das Bild mit seinem Säbel geschändet haben, was den katholischen Kult, dessen Kern das Leiden ist, nur weiter anheizen konnte.

 

Die Katastrophe von Tschernobyl, die in den ersten Szenen des Kapitels aufgegriffen wird, habe ich lebhaft in Erinnerung, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war. Wie die Kinder in der Abbildung musste ich einige Tage nach der Explosion in der Ukraine ins „Zentrum der Gesundheit“, um die Jodlösung „Płyn Lugola“ einzunehmen. Beim ersten Versuch kam mir der blutigbraune Trank wieder hoch. (Mir kam aber einiges hoch in diesen Zeiten…) Meine Eltern und ich mussten uns nochmal hinten anstellen. Die Schlange war sehr lang, schließlich mussten alle Kinder und Jugendlichen im Dorf versorgt werden. Die Maßnahme war total sinnlos, „Senf nach der Wurst“ sagt man, wenn etwas viel zu spät kommt, ohnehin bestand aber für uns keine Gefahr. Die ätzende Flüssigkeit hat die Geschmacksnerven aber derart traumatisiert, dass der Tag der Einnahme sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat.

 

Wir waren Zahnpasta-Gourmets! Das erste Kapitel beginnt im Jahr 1986. In Polen herrschte Mangel an allem. Für Süßigkeiten musste man – wie für alles andere auch – stundenlang anstehen, und was man dann bekam, war ein „schokoladenähnliches Produkt“, das keinesfalls ein satirischer Begriff ist, sondern die blass auf die schlichte Verpackung gedruckte Bezeichnung war. „Echte“ Schokolade gab es nicht, von Kaubonbons und Gummibärchen ganz zu schweigen. Die bekam nur, wer Verwandte oder Freunde in „BRD“ hatte, die zur Weihnachtszeit Pakete schickten. Getrieben von Sehnsucht nach Zucker entwickelten viele Kinder große Experimentierfreude. Die Protagonistin Ola ist im ersten Kapitel sechs Jahre alt und kennt schon einige alternative Leckereien. Dazu gehört Zahnpasta mit Erdbeergeschmack, die ihre Tante Selma ihr aus dem Bulgarien-Urlaub mitgebracht hat. Kaum ein Polenkind der Achtziger, das nicht auch ausländische Zahnpastawürste auf seine Zunge gedrückt hätte. Davon zeugt auch dieses Panel aus der autobiografischen graphic novel von MARZI.

 

Olas Oma Greta trinkt ihren Kaffee fusselig. Keineswegs eine weitere exzentrische Vorliebe, sondern die einzige Option neben löslichem Weizenkaffee. In den Achtzigern gab es in Polen noch keine Kaffeemaschinen. Man bereitete den Kaffee zu, indem man das entsprechend dosierte Häufchen mit kochendem Wasser übergoss. Es stürmte, es fusselte durchs Glas, dann setzte sich die dicke Schicht unten ab und der Kaffee konnte spitzmündig genossen werden. Serviert wurde der Kaffee, genau wie Tee, in den charakteristischen Allerweltsgläsern, die in Stahl- oder Plastikkörbchen mit Henkel steckten. Eine etwas wacklige Angelegenheit und man verbrannte sich immer die Finger, aber heute sind diese Gestelle „Kult“. Obwohl mit der Transformation auch die (übrigens aus Deutschland stammende) Kaffeemaschine mit Filtertechnik in Polen einzog, konnte das Modell sich nicht durchsetzen. Die meisten Leute wollten nicht einsehen, warum sie ihren Kaffee plötzlich anders trinken sollten als die Jahrzehnte davor. Deshalb bekommt man heute in vielen Cafes den sogenannten „Kaffee auf türkisch“ als Standard-Kaffee, keinen gefilterten. (Wir in Deutschland lebenden Polen sagen zum Fussel-Getränk übrigens nicht „Kaffee auf türkisch“ sondern „Kaffee auf polnisch“.)

 

Auf der Flucht vor der Großmutter findet Ola in einer geheimnisvollen Kellerkammer einen Quelle-Katalog, den sie im weiteren Verlauf der Geschichte ehrfurchtsvoll „Das goldene Buch“ nennen wird. Tatsächlich hatten Quelle-Kataloge in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre einen gold schimmernden Umschlag, wie man hier sehen kann. Versandhauskataloge waren eine Art Botschafter zwischen Westdeutschland und Polen. Großväter, die im Krieg in die Wehrmacht eingezogen worden waren und nach dem Krieg lebenslange Freundschaften zu Deutschen pflegten, brachten hin und wieder diese Kataloge aus Deutschland mit. Mein Großvater war im Krieg verletzt worden, angeschossen am Oberarm. Er durfte fast jedes Jahr nach Deutschland ins Sanatorium fahren. Der OTTO-Katalog stand in seinem nach Nikotin riechendem Schrank neben der heiligen Schrift und einem medizinischen Nachschlagewerk. Nichts übte eine größere Faszination auf mich aus als die pastellfarben bunt gekleideten Menschen und das sonderbare Spielzeug aus edelstem Plastik.

Erfahrungen? Beiträge? Fragen? In die Kommentar-Area damit!

In der nächsten Folge: Lokomotivenwracks, Schuluniformen, Ranzenästhetik und Donald-Kaugummi!

10 Kommentare


  1. // Antworten

    So ein Madonnensprichwort kennt der gemeine Franke auch. Hier sagt man: „Du guggst wie die Muddergoddes fo Schmerlebach.“ Dabei bezieht man sich auf die äußerst leidend-miserabel dreinblickende gotische Maria in der Kirche des Klosters Schmerlenbach bei Hösbach. Wir können auch Gnadenbild. Guckstdu: http://www.schmerlenbach.de/typo3temp/pics/5ac8c4fe79.jpg

    Den polnischen Kaffee kenn ich übrigens auch. Meine eigene persönliche Ola hat ihn mir näher gebracht und wer bin ich, mich der polnischen Gastfreundschaft zu entziehen. Und ich mag ihn sogar. Besser als die Plörre, die ich mir hier mit der Pressstempelkanne fabriziert bekomme. Vermutlich ist das Geheimnis auch einfach nur der gute Aldi-Kaffee. LUX!

    Eine Studie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede polnischen und fränkischen Schmalzgebäcks findet sich übrigens hier. http://j.mp/pfkStudie Ich behaupte ganz frech, langsam Expertin auf dem Gebiet zu sein.


    1. // Antworten

      Köstlich, die Wasserkopf-Madonna mit ihrem geschrumpften Schoßjesulein. Danke für diese Bereicherung meiner Sammlung bemerkenswerter Kunstkuriositäten!


  2. // Antworten

    Ich bin so begeistert von dem Buch und auf diese Reihe freue ich mich schon sehr. Als 6/7-jährige Ola, die 1990 von Polen nach Deutschland zieht, habe ich so vieles beim Lesen wiedererkannt. Und was viel wichtiger ist, auch Erkenntnisse gewonnen. Ich kann mir nun erklären, warum ich nicht so gerne prahle :)
    Und dieser Post hier hat mir auch die Augen geöffnet. Zum Beispiel kenne ich das Bild der Mutter Gottes von Tschenstochau seit ich denken kann. Meine Mutter trägt es in einem kleinen Gebetsbuch überall herum. Ich dachte immer, es wäre irgendeine (von vielen) Madonnen-Darstellungen und habe sie nie mit dem Wallfahrtsort in Verbindung gebracht. Ich gebe natürlich meiner Mutter die Schuld, dass sie mir das nie deutlich gesagt hat :)
    Den Kaffe trinkt meine Mutter übrigens immer noch gern „auf polnisch“.

    Zahnpasta habe ich allerdings nie gegessen und Jod musste ich auch nie trinken (zumindest erinnere ich mich nicht daran). Allerdings ist mir schon in der Unterstufe klar geworden, dass meine Eltern was Tschernobyl angeht, nicht so die Panik geschoben haben. In der 5. Klasse erzählten nämlich meine Klassenkameraden, dass sie nach dem Unglück nicht im Garten spielen durften und auch kein Gemüse aus dem Garten mehr essen durften. Ich allerdings habe meine ganze Kindheit im Garten verbracht und auch täglich das Gemüse daraus auf den Tisch bekommen. Und in Polen war man ja doch etwas näher dran an der Explosion…


    1. // Antworten

      (Erst mal der klugscheißerische Hinweis an Alex zum Fallout nach der Explosion in Tschernobyl: Bayern war erheblich stärker belastet als Polen. Das hatte nichts mit der Nähe zur Explosion zu tun, sondern mit dem Wetter. In Bayern regnete es in den Tagen nach der Katastrophe, und die Regenwolken, so hatten Meteorologen es nachgemessen, kamen aus belasteten Luftschichten über Tschernobyl. Ebenso voll einen mitbekommen hat über das Wetter die Türkei: Von türkischem Tee wurde noch jahrelang abgeraten, weil er stark belastet war.)
      Ich war in Polen gar nicht verwundert über die Zubereitung des Kaffees: Ich dachte sofort an griechischen Mokka, den ich besonders gern mochte, weil er milder war als Filterkaffee. (Und an Cowboys, die ihren Kaffee im Kessel über dem Lagerfeuer kochten.)


      1. // Antworten

        Ist mir schon klar (heute zumindest, als 11-Jährige wurde ich beim Blick in den Atlas etwas stutzig^^).

        Außerdem ging ich im hohen Norden NRWs zur Schule und nicht in Bayern. Das Verbot hatte wirklich mehr mit der Vorsicht der Eltern zu tun. :) Mag sein, dass meine Eltern einfach den Wetterbericht geschaut haben aber sie sind (im Gegensatz zu anderen Eltern) eben auch nicht auf Nummer sicher gegangen…


    2. // Antworten

      Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich so etwas lese. :°) Es freut mich so sehr.

      Was ich so weiß, waren die Polen – zumindest in Oberschlesien – tatsächlich eher cool about Tschernobyl. Es war wie in dem Kapitel: „Wir leben in der verseuchtesten Gegend Polens, was kann uns das bisschen Radioaktivität von den Russen denn noch anhaben?“ – Ich habe danach auch weiterhin im Garten gespielt und Gemüse gegessen (bzw. erbrochen). ;)


  3. // Antworten

    Die Umstände mögen sehr verschieden gewesen sein aber manches kommt mir bekannt vor:
    – Zahnpasta hab ich mit hingebung gegessen. Es gab ja so süß schmeckende Kinderzahnpasta („Blandaxantibelagjuniorstarohayeah!“)
    – die spielzeugabteilung im quelle-katalog habe ich intensiver studiert als jedes andere druckwerk in meinem leben. sicher 70 stunden! als hätte ich die freude am spielen durch intensives anschauen. irgendwann hat mir meine mutter dann ein aufblasbares gartenmöbel-set gekauft. wartezeit 1 woche, unerträglich. dann war es da und ging noch am selben tag kaputt. Bewundern im katalog war irgendwie geiler.


  4. // Antworten

    Hej Ola,
    ich weiss nicht wann ich das letzte Mal ein Buch so schnell gelesen habe.
    Es hat so viele tolle Erinnerungen in mir hochgerufen…. Und es hat mir gezeigt, was man eigentlich als Kind für wahnsinnig tolle, ernste und wertvolle Erfahrungen gesammelt hat.
    Ich kam im Juli 1989 aus Polen im zarten Alter von 11. Lambada habe ich genauso erlebt wie in dem Buch beschrieben, aber eben von der männlichen Seite…..
    Das schöne dabei ist, das wir bis heute Freunde sind….
    Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte schon lange kein so genaues, klares und authentischeres Kopfkino, wie beim lesen dieses Buches…
    Vielen Dank dafür….


  5. // Antworten

    Wie geil! – denke ich mir. Ich bin nur 2 Jahre junger als du und alles worüber du schreibst ist mir sehr nah (Ich komme aus Polen übrigens) und bringt mich zum Lachen oder melancholischen Trennen. Ich bin hier durch die cloudette gewandert und lese gleich alles durch :) Danke! Liebe Gruesse! Bebe


  6. // Antworten

    Auch als westdeutsches Kind habe ich da so meine Erinnerungen: z. B. die süße Kinderzahnpasta, meine Mutter hat uns immer ermahnt, sie nicht zu schlucken – haben wir aber trotzdem – und das muss schon in den 60ern gewesen sein!

    Und der Kaffee, den kenne ich von unseren Bekannten vom Balkan. War schon eine besondere Erfahrung, den das erste Mal zu trinken. Mein Mann, sonst nicht so der Kaffeetrinker, genießt ihn immer richtig.

    Ich finde dieses Betreute Lesen hier eine wirklich tolle Idee und freue mich schon auf alles was da noch kommt.

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