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Betreutes Lesen (9) – “Tag des Herrn”: Die Polen und der liebe Gott

1 Dez

Iberraschunck!!! Mein betreutes Lach- und Sachprogramm ist wieder da! Leser von „Sitzen vier Polen im Auto“ erfahren wieder Kapitel für Kapitel, welche schrecklichen Wahrheiten hinter der Textwand lauern. Heute ein Thema, an das jeder denkt, wenn er an Polen denkt: Der Katholizismus. Im neunten Kapitel besucht die polnische Familie zum ersten Mal eine deutsche Sonntagsmesse und es ist ein größerer Kulturschock als Wohlhabende in zerrissenen Jeans: „Papa drückte die Klinke herunter, und wir erschraken beinahe, als keine Wand aus schwitzenden Rücken uns zurückdrängte. War die Kirche etwa so geräumig, dass alle Gläubigen hineinpassten? Im nächsten Moment stellten wir fest, dass kaum jemand da war. Die Kirche war so spärlich gefüllt, dass manche Bänke komplett leer standen, und wo sie besetzt waren, da reckten kleine ergraute Menschlein ihre Schildkrötenköpfe nach uns, als wären wir die ersten Besucher seit Hunderten von Jahren.“

1989, als wir Polen verließen, war der Besuch der Sonntagsmesse weniger Muss als eine Selbstverständlichkeit. Dieser Teil der Woche war aber viel mehr als Ausdruck von Frömmigkeit. Der Kirchhof war ein Treffpunkt für Familien, Nachbarn, Freunde und Schulkameraden. Hier wurden Kontakte geknüpft, gepflegt und gestaltet. Das Kirchenschiff war ein Catwalk, auf dem man seine beste Kleidung präsentieren konnte, hohe Absätze klackten, damenhafte Duftwolken zogen durch die Gänge. Die Kirche bildete auch das Zentrum sozialer Kontrolle. Wenn einer mal fehlte, fiel das allen anderen auf. „Sie war nicht in der Kirche…“ war ein Satz wie „Ich habe gehört, dass sie Drogen nimmt.“ Es ging also darum, Präsenz zu zeigen. Jeder Messebesuch war auch eine Bestätigung an die Gemeinde, dass man Teil von ihr war und nicht ausgeschlossen werden wollte. Die sozialen Funktionen des Kirchenbesuchs in ländlichen Gegenden mit kleinen Ortschaften, wie sie in Polen nun einmal dominieren, müssen bedacht werden, bevor man leichtfertig von der befremdenden Frömmigkeit der Polen spricht. Obwohl es natürlich auch an Frommen, Ultras und Fundis nicht fehlt.

Meine Erziehung war aus heutiger und westlich-aufgeklärter Sicht eine religiöse Indoktrination, was ich freilich überhaupt nicht als schlimm empfand, weil andere Kinder (meistens von ihren Großmüttern) genauso erzogen wurden und die Alternative, an andere Götter oder gar an keinen Gott zu glauben, nicht zur Verfügung stand. Die folgende Zeichnung stammt von meinem dreijährigen Ich (Mutters Zitate-Kalender, 1984):

Links ein Kreuz, das unmissverständlich klar macht, dass es sich bei dem quietschfidelen Baby unten nicht um Däumelinchen in der Nusschale sondern das kleine Jesulein in der Krippe handelt, das schwungvoll von Maria begrüßt wird, während eine zeitgenössische Nonne das Geschehen gutheißt. Auf der rechten Seite der polnische Prinzessinnentraum, der schon von den Jüngsten gehegt wurde: Im weißen Kommunionskleid aus majestätischer Spitze und langer Kerze in der Hand zum Altar zu schreiten, einen Rosenkranz um den Hals, wie Marilyns Diamanten des Mädchens bester Freund.

Es fiel mir nicht schwer, ein frommes Kind zu sein. Jesus trug Matte wie die Hair Metal Typen auf den Postern der älteren Schwester meiner Freundin. Damit war Jesus eindeutig hot! Aus seinem Herzen kamen Laserstrahlen wie aus dem Schwert von He-Man. Und wer wollte nicht sein wie Maria? Sie war die wahre Königin des Universums, ihre Kronen waren noch prächtiger als die der Prinzessinnen in russischen Märchenfilmen. Sanft und wallend fiel das Gewand über den schlanken Körper der Jungfrau, und wo sie sich den Kindern zeigte, glitzerten Zaubersterne am Himmel. Auch die kirchlichen Feste waren berauschend. Die Enthüllung der Muttergottes der sieben Schmerzen, symbolisiert von sieben Schwertern, die ihr königliches, rotes Herz durchbohrten. Fronleichnam, wenn die Frauen Blumenteppiche vor ihren Häusern legten und Mädchen in chinesischen Puffärmel-Kleidern aus ihren Körbchen bunte Blüten hinter sich warfen. Die Christmette, für die eine 500 Jahre alte Schrotholzkirche geöffnet wurde. Sogar das gemeinsame Beten des Rosenkranzes mit der Oma und ihren Freundinnen bei Kerzenschein hatte etwas unwiderstehlich Anziehendes, wie eine Geisterbeschwörung. 

Natürlich war nicht alles rosig und funkelnd. Man drohte mir auch mit ewigen Qualen, fiesen Teufeln, Schmerzen die so groß sind, dass man sie sich nicht vorstellen kann. Riesige Kessel, in denen man gekocht wird, rasselnde Ketten, bohrende Stacheln, Mistgabeln, die ins Fleisch pieken. Aber vor alledem musste ich mich nicht fürchten, denn ich war ein gutes, ein braves, ein gläubiges Kind. Von den vielen kleinen Sünden, die sich nicht vermeiden ließen, würde ich im Fegefeuer schon ordentlich gereinigt werden. Ich stellte mir Zinkbadewannen vor, in denen statt Schwämmen kleine Igel darauf warten, zur Säuberung eingesetzt zu werden. Nach der Waschung würde ich in den Himmel kommen, ein regenbogenfarbenes Reich, wo Tiere miteinander plauschen, statt sich gegenseitig zu fressen und man alle Menschen wieder trifft, mit denen man sein Leben verbracht hat, auch den toten Großvater. Das klang alles in allem nach einem guten Deal.

In Deutschland hielt man es mit der Religion anders, das merkte ich schnell. Meine Klassenkameraden sammelten keine Andachtsbildchen, sondern Panini-Sticker. Nicht ein Kreuz gehörte in jedes Kinderzimmer, sondern eine Tigerente. Für den Religionsunterricht wurde die Klasse in “katholisch” und “evangelisch” geteilt. Die Kirchen beider Konfessionen entbehrten mit ihrer modernen Architektur und von Gold und Ornamenten befreiten Ausstattung jedoch aller Sinnlichkeit. Die Messen gefielen mir nicht mehr, auch wenn ich hier auf weichen Polstern statt splittrigen Bänken knien durfte. Die Orgel klang düster und bedrückend, nach Trauer und Tod. Jesus war kein Rocker mehr, sondern eine geschundene Leiche, die wegabstrahiert werden musste. Als ich dann feststellte, dass ich in der Sonntagsmesse der einzige Mensch unter 60 war, ging der Glaube allmählich flöten. Wenn man hier weder Freunde treffen noch eine Show erleben konnte, was war der Sinn? Meine Gebete kamen sowieso nicht bei Gott an. Wo blieb mein Barbie-Traummobil? Warum ließen sich meine Eltern nicht breitschlagen, mit uns nach Disneyland zu fahren? Andere Kinder gingen nie in die Kirche und doch hatten sie alles. Wir waren kaum ein Jahr in Deutschland und ich hatte mich völlig vom Katholizismus meiner Kindheit entfremdet.

Diese Geschichte soll illustrieren, dass Religiosität aus weit mehr besteht als dem persönlichen Glauben an Gott. Sie hängt davon ab, was andere glauben oder woran sie zu glauben behaupten, und ob die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft existenziell wichtig ist oder nicht. Was verbindet eine Gesellschaft mit Religion? Sind es Trauer, Horror, Rückschritt, Repression, pathologische Vernebelung des Geistes? Oder ist Religion sozialer Kitt, der Grund, Sinn stiftende Feste zu feiern, vielleicht auch eine Flucht aus dem Grau in eine farbenfrohe Sakralästhetik? Viel  hängt von solchen nicht-religiösen Faktoren ab, ob sich jemand einen überzeugten Katholik nennt oder nicht.

Entgegen dem Klischee sind die heutigen Polen keineswegs Freunde der Kirche. Sie mögen es nicht, dass sie sich in die Politik einmischt, in die Erziehung der Kinder oder das Eheleben. Sie sehen es nicht mehr als Pflicht an, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Trotzdem ist Polen noch weit davon entfernt, stolz auf die Entfremdung vom Glauben zu sein. In einer Erstfassung meines Manuskripts schlug ich bezüglich Glaube und Religion etwas härtere Töne an. Meine Familie, das Sittlichkeitslektorat, riet mir dringend davon ab, wenn ich nicht den Zorn polnischer Leser auf mich ziehen wolle. Ich habe mich lange geweigert, der Bitte nachzukommen, es erschien mir kein bisschen unangemessen, Protagonistin Ola vom Glauben abfallen zu lassen. So weit sollten die Polen schon sein, dass sie mit den Zweifeln eines Kindes an der Existenz Gottes zurechtkämen. Da der Druck auf mich aber nicht nachließ, recherchierte ich das Thema auf polnischen Freidenker-Websites. Mich interessierte, wie polnische Atheisten sich ihrer Umwelt präsentieren,  in wieweit sie öffentlich zu ihren Überzeugungen stehen und diese in aufklärerischer Manier vertreten. 

Die Beiträge, die oftmals von Universitätsprofessoren stammen, haben mich überrascht. Allerorten wird zu einem vorsichtigen, vor allem rücksichtsvollen Umgang mit dem Glauben Anderer geraten. Auch wenn man Religion nicht mit seinem Intellekt vereinbaren könne, sei es wichtig und klug, Andere in ihrem Glauben nicht zu irritieren. Das ist eine ganz andere Haltung, als ich sie aus Deutschland kenne, wo der organisierte Atheismus in einer Aggressivität auftritt, die meines Erachtens moralisch nicht mehr vertretbar ist. Die polnischen Intellektuellen wissen, dass man Religion nicht abschafft, indem man sie angreift. Sie muss sich selbst reduzieren, im Fluss gesellschaftlichen Wandels.

Hier lebende Polen: Wie haltet ihr es mit der Religion? Hat sie sich verändert? Wenn ja, wie stark? Gibt es einen Identitätskonflikt, wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt oder umgekehrt? Deutsche! Wart ihr schon mal in Polen und habt die Religiosität dort erlebt? Wie hat sie auf euch gewirkt? Ich freue mich über eure “Einsendungen”!

(*Unteres Foto: Die betörende Schrotholzkirche aus meinem Heimatort, Baujahr 1666)

BETREUTES LESEN (8) – “Dojczland” (1/2)

31 Aug

Hallo Freunde und Verwirrte. Es geht wieder los! Für Neueinsteiger: „Betreutes Lesen“ ist eine Art Sekundärliteratur zu meinem Roman „Sitzen vier Polen im Auto“. Kapitel für Kapitel wähle ich alle paar Tage Themen aus, die ich „en blogue“ näher beleuchte, erläutere und bebildere, als das im Rahmen des Buches je möglich gewesen wäre. Der Gewinn? Vor allem Einblicke in die Popkultur des Ostblocks und die Köpfe der Menschen im sozialistischen System! Auf geht’s! (Eine klickbare Übersicht über die bisherigen Beiträge gibt es hier.)

Der senfgelbe Winzling hat es über die Grenze geschafft. Ola und ihre Familie sind endlich bei Onkel Marek aufgeschlagen, der ihnen sein „Dojczland“ zeigen will. Es ist Samstag, und Marek weiß, was Ola aus den Latschen kippen lassen wird: Das Kinderprogramm am Vormittag – Zeichentrickfilme auf allen Kanälen! Das hatte es in Polen nicht gegeben. Nicht an Samstagen und schon gar nicht so viele bajki am Stück. Bajki bedeutet „Märchen“ (pl.), wird aber als Synonym für Zeichentrickfilme, Stop-Motion-Filme und dergleichen Formate für Kinder verwendet. Es lief eine bajka pro Tag, und zwar als zehnminütige dobranocka (Gutesnächtchen), also ein visuelles Betthupferl für die Kleinen vor dem Schlafengehen. Das konnte “Bolek i Lolek” oder eine Folge des DDR-schen Sandmännchens sein („Opachen, liebes Opachen, wir wollen noch nicht schlafen“). Eine sehr beliebte polnische Produktion war „Miś Uszatek“. Auch heute noch herzzerreißend süß: “Miś Colargol“ (polnisch-französisch) – unbedingt ansehen!

Daneben gab es an Sonntagabenden den westlichen 20-Minüter. “Die Schlümpfe” (Smerfy) waren ein Riesenhit, und zurecht, die Synchronisation mit professionellen Schauspielern war phantastisch, mit der deutschen nicht zu vergleichen. “He-Man” lief bei uns auch, es war sogar meine Lieblingsserie. Aber eine bajka nach der anderen, und das an einem Samstagvormittag, wo von jedem polnischen Kind erwartet wurde, dass es den Eltern gleich nach dem Aufstehen beim Hausputz half, das war absolut neu und aufregend!

Doch die Verwunderung hört bei der Zeichentrickschleife nicht auf. Die Episoden werden unterbrochen von etwas, das Ola in hilfloser Unwissenheit als „animierten Quelle-Katalog“ bezeichnet: Werbung. Natürlich war diese kapitalistische Wettbewerbsmaßnahme im kommunistischen Polen kaum verbreitet. Zucker war Zucker, Joghurt war Joghurt, Rock war Rock. Marken gab es, aber nicht im uns bekannten Sinn. Neben dem Schokoladenfabrikanten „Wedel“ etwa gab es keinen anderen. Im Fernsehen sah man hin und wieder „Reklame“, in der Dinge des alltäglichen Bedarfs genau dann beworben wurden, wenn sie knapp oder nicht vorhanden waren. Kein Fleisch beim Metzger? Ja, aber wenigstens in der Reklame! Es war interessant, zu beobachten, wie sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Werbebranche in Polen zu entwickeln begann. Es gab keine ausgebildeten Werbeleute im Land, keine Generation von Mad Men, die gewusst hätten, wie Marktforschung geht. Zunächst wurden also blauäugig Werbeclips aus dem Westen importiert. Nicht besonders erfolgreich. Niemand konnte sich mit einer Frau identifizieren, die ein luxuriöses Bad von der Größe eines Wohnzimmers putzte. Ein männlicher Waschmittelvertreter, der eine Hausfrau belehren wollte, konnte nur zum Gespött werden. Durch Westimporte wurde an den Werten der polnischen Gesellschaft vorbeigeworben. Das sieht heute, über 20 Jahre später, natürlich anders aus. Die liebevolle Mutter-Kind-Beziehung ist ein häufiges, polentypisches Werbemotiv. Hier eine besonders amüsant-misslungene polnische Werbung aus der Zeit des Umbruchs. LOL!!!

Als die Familie nach einer langen Reise mit ungewissem Ausgang in Dojczland ankommt, begrüßt Onkel Marek sie mit Pizza, einem Gericht, von dem sie noch nie etwas gehört haben. Marek erzählt, dass die Deutschen nichts auf ihre Nationalküche gäben, viel lieber würden sie Italienisch und Chinesisch essen. Auch darunter kann Ola sich nichts vorstellen. Warum? Weil Deutschland diese kulinarische Vielfalt seinen Gastarbeitern und anderen Zugezogenen aus aller Welt zu verdanken hat. Polen ist ja eher ein Auswanderungs- als ein Einwanderungsland, und so waren fremdländische Gerichte innerhalb der Landesgrenzen nicht bekannt. Hinzu kommt noch eine entscheidende Sache: “Essen gehen” ist eine kulturelle Praxis, die in einem armen Land nicht erlernt werden kann. Restaurantbesuche kannte ich als Kind nur in der Form von Hochzeit oder Leichenschmaus. Das waren Ausnahmesituationen. Es galt als unvernünftig, außerhalb zu essen. Warum sollte man das tun? Warum sollte man für Essen mehr bezahlen, als für die selbstgezüchteten Kartoffeln und das selbstgeschlachtete Huhn mit Gemüse aus dem eigenen Garten? Der Gedanke, “Essen gehen” als Freizeitaktivität zu begreifen, lag den meisten Menschen fern. Ab 1990 schossen dann Fast-Food-Filialen aus dem Boden. Nach der Sonntagsmesse war es für die Kinder das Größte, wenn die Eltern sie zu McDonalds nahmen, auf eine Tüte Pommes, die angesichts der niedrigen Löhne ein absoluter Luxus war.  Zum Abschluss ein Zitat aus Zwölf Stationen von Tomasz Rózycki, in dem es um den Einzug von Fastfood in Polen geht:

(…) So aß man hier das Mahl der Armen, der Piroggen Fastenmahl, während ganz Polen weit und breit längst anders aß, erlesener und gesünder; um Himmelswillen reichere und bessere Delikatessen, Wurst vom Grill zum Beispiel, gründlich verkohlt mit Hilfe von Benzin, das auf die Holzkohle gegossen wurde, damit die Flamme ordentlich lodert; später kamen in den Restaurants die weichen und süßen Pommes an die Macht, zubereitet aus welken Kartoffeln, denen dieses Gericht seinen scheußlichen Beigeschmack verdankte; erwähnen wollen wir schließlich auch die berühmte Baguette überbacken, Königin der Busbahnhöfe, die sich im Plastikbeutel jederzeit erhitzen lässt; und noch die Hotdogs aus mehliger Brühwurst; und die Pizza á la Polska, eine an die heimischen Verhältnisse adaptierte Version der italienischen Pizza, ohne Tomaten, ohne Käse, ohne Oliven, ohne Kräuter und Knoblauch; und schließlich der vollendete Hamburger, ein Wunderwerk aus prachtvoll gedunsener Semmel, ohne Zusatz von Mehl hergestellt; gestopft mit einer Mehrweg-Einlage aus gemahlenem Übersee-Vieh, frei von freien Radikalen und Rinderwahn, auch wenn Form und Ausdruck der Semmel das Gegenteil nahelegten. Zum Nachspülen Fanta, Sprite oder Cola: Wunder der Technik, phantastische Getränke, nach deren Genuss enorme Lebhaftigkeit Körper und Geist erfasste, verdoppelte Energie den Schädel durchtobte wie eine leere große Halle, auf der Suche nach dem Ausgang, und, war er endlich gefunden, in Form eines Gas-Geysirs aus der Nase entwich, (…)

In der nächsten Folge: anständige Kleidung, spinatgrüne Wegweiser, sozialistische Folterschaukeln und Flachdachtristesse!

BETREUTES LESEN (7) – “Der Fluch der Klo-Hexe”

13 Aug

Das siebte Kapitel ist das letzte, das in Polen spielt. Olas Familie schleicht sich im Morgendunst aus dem Kastenhaus, zwängt alle Glieder, Graupenwürste und Gepäckstücke in den kleinen Fiat und macht sich auf den Weg hinter die Grenze, nach Westdeutschland, „wo Gummibärchen an Sträuchern wuchsen und die Straßen mit weißer Schokolade gepflastert waren.“ Was ist das Aufregendste an einer solchen Reise? Unser Gedärm findet: Die polnischen Straßen! Ihr katastrophaler Zustand ist vielzitiert und legendär. Viele Wege blieben ungeteert oder waren so verkratert, dass man sich im Auto an den Sitz krallen musste, wenn man sich keine Prellungen zuziehen wollte. Bürgersteige trainierten die Balance-Kraft unserer Füßchen mit wackligen Platten, tiefen Rissen und Stolperklumpen. Der Weg nach Deutschland führte durch eine öde Kiefernlandschaft über die „autostrada“. Die Betonplatten, aus denen sie bestand, waren alt, schief geflickt und unterschiedlich tief gesunken. Wir nannten die Strecke „Waschmaschine“, denn es schleuderte einen darauf so durch, dass man taube Finger bekam. (Betonplatten siehe Abbildungen der Grenze weiter unten)

An einer Raststätte begegnen unsere Helden einer alten Frau, die Ola an die “baba jaga” erinnert. Bei diesem Wesen handelt es sich um eine slawische Hexe, die vor allem aus russischen Märchen bekannt ist. Gemeinhin stellt man sie sich als hässliche, warzige alte Frau vor, die Böses im Sinn hat. So weit, so Hänsel und Gretel. Das Sonderbare ist ihre Behausung. Die baba jaga wohnt nämlich in einer Hütte auf Hühnerfüßen. Durch die Lüfte reist sie nicht auf einem Besen, sondern in einem Mörser. Im Polnischen wird “baba jaga” übrigens als Synonym für “Hexe” verwendet. Selbst eine typisch amerikanische Hexe mit spitzem Hut kann man baba jaga nennen. Weitere Bezeichnungen sind “wiedźma” (eine polnische Hexe, die in knorrigen Weiden lebt) und “czarownica” (Magierin).

Es gibt bestimmte Schlüsselerlebnisse, Kernerinnerungen, die alle Aussiedler gemeinsam haben. Fragt man sie, welcher Moment sich besonders in ihre Netzhäute gebrannt hat, sagen sie mit leuchtenden Augen: “Die Fahrt über die Grenze!” Das ist bei mir nicht anders. Ich kann mich noch genau erinnern, wie hell es war unter dem Wellblechdach, und wie viel heller die Scheinwerfer strahlten, als wir erst die Grenze zur RFN/BRD überquerten! Die Fahrt selbst empfand ich wie das Intro von Knight Rider. Ein einziger Rausch, dem goldenen Sonnenuntergang entgegen. Ich las neulich ein sehr gutes Buch. Es trägt den Titel Die undankbare Fremde, die Migrationserlebnisse werden aus der Sicht einer Heranwachsenden aus der Tschechoslowakei geschildert. Die Erzählung beginnt so:

Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. “Wie viel Licht!”, rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.

Auf dem Weg zu Onkel Marek trifft die Familie auf das Ehepaar Ogórek. Wegen einem Defekt am Fiat müssen Ola und ihre Mutter in ihrem Auto mitfahren, das den maluch am Abschleppseil bis an die Grenze schleift. Dorota Ogórkowa erzählt von ihren beiden Kindern. Sie heißen Isaura und Bajtek und Ola ist ganz aus dem Häuschen, dass die Mutter ihrer Tochter den Namen “des größten Fernsehstars aller Zeiten” gegeben hat. “Die Sklavin Isaura” war eine brasilianische Telenovela, die in den Achtzigern ganz Polen in Atem hielt. Im Buch heißt es, die Chirurgen ließen mitten in der Operation das Skalpell fallen, um sich den fiebernden Krankenschwestern im Fernsehzimmer anzuschließen. Die Serie wurde von absolut jedem geschaut. Selbst von mir, einer Fünfjährigen, die keine Ahnung hatte worum es ging, aber Isauras Frisuren immer wunderschön fand. Eines Tages kamen die beiden Hauptdarsteller zu Besuch in das Land, wo ihnen größere Verehrung zukam als in ihrer Heimat. Eine regelrechte “beatlemania” brach aus! Hausfrauen reisten aus ganz Polen in Warschau an, um Leoncio und Isaura winkender Hand und feuchten Auges begrüßen zu können!

Und nun zum Sohnemann der Ogóreks. Angesichts seines Alters von 9-10 Jahren ist es unwahrscheinlich, dass in seiner Geburtsurkunde tatsächlich “Bajtek” steht, denkbarer ist, dass er in Wirklichkeit “Bartek” heißt und die Eltern ihn im Scherz “Bajtek” nennen. Bajtek ist eine polnische Computerzeitschrift gewesen, an die ich mich bestens erinnere. Sie hat unsere ersten Gehversuche mit Atari und dem C64 begleitet und explizit Kindern und Jugendlichen (!) das Programmieren nahe gebracht. Als die Zeitschrift, die anfangs nur Beilage eines Jugendmagazins war, auch bei Erwachsenen zum Hit avancierte, hat man sie als eigenständiges Magazin herausgebracht. Trotz eines relativ hohen Preises wurde sie rege gekauft! Einmal rief die Redaktion eine Aktion aus, die meinen fiktiven Bajtek inspiriert hat: Alle, dir ihr männliches Neugeborenes “Bajtek” nannten und dies via Geburtsurkunde beweisen konnten, bekamen einen C64 geschenkt. Wer könnte für solche Aufrufe anfälliger sein als die opportunistischen Ogóreks? (Es mangelte tatsächlich auch nicht an Eltern, die ihre Töchter Isaura nannten.)

In der nächsten Folge: Haarsträubende Abenteuer in Deutschland! 

 

BETREUTES LESEN (6) – “Das Vermächtnis des senfgelben Winzlings”

7 Aug

Im sechsten Kapitel beklagen Olas Eltern die „alte Armut“ – ein feststehender Ausdruck, den man in Polen normalerweise auf die Frage „Wie geht es dir?“ entgegnet. Aber in den 1980ern war das nicht einfach nur eine Floskel. Es war das Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen. Legendär geworden und von keiner Volksrepublik-Komödie unthematisiert geblieben sind die absurd langen Warteschlangen vor den Läden. Man bezahlte mit Rationsmarken und war auf Tauschgeschäfte angewiesen. Klopapier gegen Zigaretten, Babybrei gegen Wurst. Es gab schwerwiegende Versorgungsengpässe, beispielhaft für die Misere ist das Bild der leeren Metzgerhaken (mehr dazu in Folge 12).

Als Onkel Marek 1988 versucht, die Familie zu einer Ausreise zu überreden, hat die Krise schon einen anderen Namen: Inflation. Es wird wieder mit Geld bezahlt, man steht nicht mehr stundenlang Schlange, in den Geschäften fehlt es an nichts. Aber das Geld verliert täglich an Wert, die Preise steigen ins Unermessliche. So viele Nullen auf den Scheinen! Jeder ist Millionär! Alles ist da, aber wer kann es sich leisten? Ein simples Nachthemd kostet plötzlich ein Monatsgehalt. Die meisten von denen, die jetzt auswandern, sind Wirtschaftsflüchtlinge, die den Glauben an eine Besserung der Verhältnisse endgültig verloren haben. Trotzdem ist die Erfahrung von Armut im sozialistischen Polen eine ganz andere als in kapitalistischen Gesellschaften. Es war ja nicht so, dass es Arm und Reich gegeben hätte. Alle hatten gleich viel, beziehungsweise gleich wenig. Aus der Not erwuchs eine ungeheure Erfindungsgabe, Improvisationskunst, gestalterisches Geschick, und Kinder hatten die Chance, eine blühende Phantasie zu entwickeln. Unsere Mangelerfahrung ging nicht mit Selbstwertverlust einher, weil es niemanden gab, der auf uns herabschauen konnte, oder in dessen Schatten wir uns hätten minderwertig fühlen können. Bei aller Knappheit von Spielsachen und Spezereien war meine Kindheit – und die vieler anderer Kinder meiner Generation – im Rückblick eine überaus glückliche.

Auf dem Tisch, unter dem Ola das Gespräch der Erwachsenen belauscht, wird Żurek gelöffelt: eine saure Mehlsuppe aus vergorenem Roggenschrot. Da die Zubereitung aufwendig ist und Tage in Anspruch nimmt, gab es in jedem Dorf Żurek-Frauen, die bei sich zuhause fertig gegorenen Żurek in Gläsern verkauften.  Nun war im Glas aber noch lange nicht die fertige Suppe drin. Was nicht fehlen darf, sind die Kartoffeln. Das können entweder Kartoffelwürfel sein, oder gestampfte Kartoffeln, mit denen man den Tellerboden auskleidet. Das macht das Süppchen behaglich dick. Wer will, kann ein ganzes Würstchen reinlegen, ansonsten wird auch dieses in Scheiben geschnitten und in die Suppe geworfen. Die Polen haben übrigens eine Vorliebe für saure Suppen. Genauso populär wie Żurek ist Gurkensuppe. Beide Suppen gibt es in Polen auch als Tütensuppe von Knorr. Mein Tipp: Żurek nur kosten, wenn er hausgemacht ist. Gurkensuppe von Knorr schmeckt lecker, wenn man ein Schnäbelchen Sahne hineinploppen lässt. Guten Appetit!

Mein Buch hat eine Bauchbinde, liebe Kindler. Darauf kann man einen Auszug aus dem Inhalt lesen: “Ein Fiat Polski, den der Volksmund liebevoll maluch nannte – Winzling – war ein lächerlich kleines Auto, das man durch Schieben zum Laufen brachte und dessen Bremsen am besten funktionierten, wenn man es sanft gegen einen Baum fuhr.“ Ich freue mich, dass ich mir das mit dem Schieben nicht selbst ausdenken musste. Dem Auto lag nämlich eine Gebrauchsanweisung bei, in der diese Methode ausdrücklich empfohlen wurde. Der Fiat 126p war bis zur Wende das Fahrzeug, das polnische Straßen fast konkurrenzlos dominierte. Neben dem Oval mit dem Landeskennzeichen PL klebte oft ein Kreis mit Ahornblatt auf der Heckscheibe. Der Sticker stand für “Fahranfänger” und ging nie wieder ab. Die unbeliebteste Fiat-Farbe soll grün gewesen sein, da Störche den Winzling mit einem Frosch verwechseln konnten. Auch rot war als Farbe nicht optimal, zu groß die Ähnlichkeit mit einem Briefkasten. Sonst aber ein super Auto, allein schon weil es keinen Parkplatz benötigte. Man konnte es sich einfach unter den Arm klemmen. Gewaschen wurde er in der Badewanne. Und wie wurden die Reifen aufgepumpt? Durch kurzes Hineinniesen!

Vor der Ausreise nach Deutschland kauft Olas Mutter MickyMaus-Jogginganzüge für die Kinder, die in ihrer phantastischen Pastellfarbigkeit selbst für die Sonntagsmesse zu schade sind. Erworben hat sie die Anzüge im „Pewex“, dem einzigen Ort, wo westliche Sachen verkauft werden dürfen – aber nur an die, die in Besitz von „Grünen“ sind (Dollars), also Touristen und alle, die sich als solche ausgeben. Die Pewex-Läden sind kleine bunte Bonbonschachteln im Grau der kommunistischen Städte. Hier gibt es westliche Zigaretten, Coca-Cola in Dosen, westliche Alkoholika, Milka-Schokolade, Haribo Goldbären, Lego und waschechte Barbies mit knickbaren Beinen. Frauen, die was auf sich halten, tragen die Pewex-Plastiktüte mit dem Schmetterling-Logo wie eine Tasche von Luis Vuitton. Aber zurück zu den pastellfarbenen Jogginganzügen. Woher die Vorstellung, dass dies die Kleidung ist, die man als Kind im Westen trägt? Die Antwort gibt ein italienischer Kinderchor namens „Piccolo Coro dell’Antoniano“, der zwischen 1987 und 1989 zahlreiche Auftritte im polnischen Fernsehen hatte – manchmal in pastellfarbenen Jogginganzügen. Im angehängten Video tragen die Kinder leider nur bunte Sweatshirts, dafür ist der Song repräsentativ für Schmackes und Lebensfreude, mit denen sie sich in die Herzen von Groß und Klein trällerten.

In der nächsten Folge: Klo-Hexen, Grenzerfahrungen, und Städte, die “Ausfahrt” heißen!

BETREUTES LESEN (5) – “Der silberne Stern”

2 Aug

Im fünften Kapitel weihnachtet es sehr. “Seit dem frühen Morgen drangen die herrlichsten Düfte aus der Küche und zogen verheißungsvoll durch alle Räume des Hauses. Es roch nach geschmorten Pilzen, nach Nüssen, getrockneten Pflaumen, nach Kokosflocken und geriebenem Mohn.” Was an keiner Stelle erwähnt wird, sind die “opłatki” genannten  Oblaten, die fester Bestandteil des polnischen Weihnachtsmahls sind. Kaufen kann man das geweihte Esspapier mit imprägnierten Niederkunftsmotiven in der Kirche, auch in Deutschland werden sie im Rahmen polnischer Messen feilgeboten. Wir erhalten bis heute unsere Oblaten von Oma mit der Post, in einer aufklappbaren Weihnachtskarte. Die Oblaten werden vor dem Essen gebrochen und mit der ganzen Familie geteilt. Aus dem geriebenem Mohn werden übrigens “Makówki” hergestellt, ein schlesisches Mohngericht mit in Milch eingeweichtem Zwieback, das es ausschließlich zu Weihnachten gibt. Und der Karpfen ist am 24. Dezember absolutes Muss. Man kauft ihn lebend und lässt ihn in der Badewanne schwimmen, bevor man ihm den Kopf abhackt. >:-(

Das folgende Foto aus meinem Privatarchiv dokumentiert eine typische Bescherung bei Leuten, die Kontakte zum Westen haben. Unter dem Weihnachtsbaum sieht es aus, als hätte jemand nen Einkaufswagen ausgekippt. Zu erkennen sind: Haribo Erdbeeren, Puddingtütchen, Backmischungen mit Orangeat und Zitronat, Bohnenkaffee, eine Dose Mandarinen, Nussschokolade… Wie man sieht, galten westliche Lebensmittel als vollwertige Geschenke, und die kleine Ola hinter dem anonymisierenden Puppenkopf schaut nicht minder ehrfürchtig in die Kamera. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit kamen die Pakete aus Deutschland an. In den meisten Fällen waren sie bereits von Zollbeamten geplündert worden, deren Kinder schließlich auch naschen wollten. Deshalb war es nicht selten, dass im Paket nur noch Rosinen, Kokos und Mandeln übrig waren, die HARIBO-Tüten, von denen im beigefügten Brief die Rede war, suchte man dazwischen vergebens.

 

In “Der silberne Stern” gelingt es Onkel Marek, Oma Greta mit einem Körbchen voll westlicher Kosmetik zu erweichen. Es darf vermutet werden, dass mindestens  Fa-Seife dabei war, denn das wellenförmig geformte Stück “Luxuskosmetik” war in Polen heiß begehrt und zum Händewaschen viel zu schade.
 Stattdessen legte man es in die Wäscheschublade. So konnte es als Alternative zu Motten-Kugeln für  träumerisch stimmenden Unterhosengeruch sorgen. Joanna Bator beschreibt in ihren grandiosen Roman Sandberg auch die Kulturpraxis, leere Kosmetikbehältnisse quasi-museal auf der Badewanne auszustellen.Übrigens war ein Duft besonders beliebt bei Shampoos, Seifen, Badeölen & Co: Grüner Apfel.

Für die Männer gab es weder Backzutaten noch Kosmetik unterm Weihnachtsbaum, sondern Technik! Olas Vater bekommt einen wahrlich faszinierenden Gegenstand von Onkel Marek geschenkt: Eine digitale Armbanduhr mit eingebautem Taschenrechner! Was Technik betrifft, war Polen bei weitem nicht so rückständig, wie man sich das aufgrund von “Deutsche Welle Polen” immer vorstellt. Zwar gab es in den Achtzigern in vielen Haushalten noch Schwarzweißfernseher, aber nicht, weil es keine “in Farbä und bunt” gegeben hätte, sondern weil man es sich schlicht nicht leisten konnte. Dass es nur zwei Programme gab, ist eine andere Sache, die allerdings auch nicht zu Fehlschlüssen verleiten sollte. Das Programm war geprägt von Kunst und Kultur, eine Art osteuropäisches, von politischer Propaganda erstaunlich unverseuchtes arte. Wir besaßen auch einen Atari und einen C64, einen Drucker und einen Videorekorder (Papa was a Rolling Nerd).  Diese Dinge gab es in Polen – mit etwas Geschick und den richtigen Kontakten – durchaus zu kaufen.

In der nächsten Folge: Abenteuer Wirtschaftskrise, Suppe aus gemahlenem Roggenschrot, alles über den Fiat 126p und MickyMaus-Jogginganzüge! 

 

 

BETREUTES LESEN (4) – “Aufbruch”

31 Jul

Polen rühmt sich seines „goldenen Herbstes“ wie New England seines „Indian Summer“. Der Wald steht in flammenden Farben, als Ola im vierten Kapitel beschließt, ein Wanderbündel zu schnüren und sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen „BeErDe“ zu machen. Der polnische Herbst gehört zu den wenigen Dingen, die mir in Deutschland wahrhaftig fehlen; dass die gefallenen Blätter bunt sind, und nicht bloß gelb, dass sie nicht gleich unter der Sohle zerbröseln, sondern aufgelesen und liebkost werden wollen. Die Buntheit der Landschaft rührt daher, dass es in Polen überwiegend Mischwälder gibt, keine Monokulturen. Man hat also Laub- und Nadelgewächse auf einem Haufen und kann sich am bunten Zusammenspiel der Vielfalt erfreuen. Birken, die als Nationalbaum der Polen gelten (wie in Deutschland die Eiche) verstärken durch ihre leuchtend weiße Borke den Glanz der herbstlichen Landschaft. Häufiger als in Deutschland ist auch der Anblick von Vogelbeerbäumen. Früher haben wir uns Ketten und Armbänder daraus gebastelt, indem wir mit einer Nadel einen Faden durch die getrockneten Beeren zogen. Natürlich war es auch Tradition, Kastanien- und Eichelmännchen zu bauen.

Ola wird von einem Polizisten aufgehalten. Die polnische Bezeichnung für diesen Beruf war nicht „policjant“, sondern „milicjant“. Ich habe dennoch den Ausdruck „Polizei“ gebraucht, da man sich hier unter „Miliz“ etwas anderes vorstellt als einen kugelrunden Torfkopf, der aufpasst, dass Kinder nicht die Schule schwänzen. Der Polizist war in den sozialistischen Jahrzehnten eine beliebte Zielscheibe für Spott und Hohn. Es gibt unzählige Witze, die sich auf Inkompetenz und Dummheit der Gesetzeshüter beziehen. In der Kult-Komödie „Miś” (Bärchen) von 1981 wird die Absurdität ihres Waltens vorgeführt. In der ersten Szene stellt eine Gruppe von Polizisten mitten in der Pampa Fassaden auf. Sie simulieren „bebautes Gebiet“, um von den Durchfahrenden Gebühren kassieren zu können. Die ersten zwei Minuten des beigefügten Clips zeigen, wie mit der Skepsis der Passierenden umgegangen wird. Das ist natürlich eine Satire, aber eine so treffende, dass der Film fast verboten wurde.  Ich habe deutsche Untertitel angeschraubt.

Oma Greta besitzt ein kleines, flaches Döschen, das eine stark riechende Salbe beinhaltet. Weltweit ist dieses chinesische Produkt unter dem Namen “tiger balm” bekannt. Die knallrote Salbendose erfreute sich einer ungeheuren Beliebtheit. Das lag mitunter an der Exotik des Produkts, das “Made in China” war. In meiner Kindheit habe ich gelernt, dass “Made in China” für Hochwertiges steht. Kinderaugen glänzten, wenn die Mama “chińskie kredki” (Buntstifte) ergattert hatte. Vorne drauf ein wunderbares Mädchengesicht im Mangastil, schrille Buntheit aus einer anderen Welt, wo die Buchstaben selbst wie kleine Zeichnungen aussahen. “Chińksie gumki” waren die Radiergummis, die so gut rochen, dass jeder wusste, wie sie schmeckten. Und “chińskie sukienki” waren Kleider, die mit Silberfäden bestickt waren und zauberhaft geraffte Puffärmelchen hatten, die in der Sonntagsmesse wie pastellfarbene Wölkchen schwebten. “Made in China” war “Made in Heaven”.

Made in Plattenbausiedlung waren polnische Mischlingswelpen, Nachkommen der Strolche und Schrebergärtensusis. Immer wieder verkündeten Freundinnen, sie hätten “Hündchen zu verschenken”. Auch ich hatte einen solchen Hund bekommen. Wie 50% aller Kinderhunde hieß meiner “Nuka”, die andere Hälfte hieß “Dżeki”. Dżeki und Nuka waren zwei Bären aus der japanischen Anime-Serie, die auf Deutsch unter dem Namen “Jackie und Jill – Die Bärenkinder vom Berg Tarak” bekannt ist. Wie lebte es sich als Hund in Polen? Ich mag gar nicht darüber schreiben. Auf dem Lande war es eigentlich unüblich, Hunde als Kuscheltiere zu betrachten. Einen Hund ließ man nicht ins Haus. Er wurde draußen in einem Zwinger angekettet, man fütterte ihn mit Resten vom menschlichen Mahl und sein Job bestand darin, Haus und Hof zu bewachen. Wer immer wann immer am Zaun vorbeiging (oder fuhr), wurde wild von schnappenden Kiefern angekläfft, die mit den Ketten rasselten und am Gitter rüttelten. Es war schrecklich.

 

In der nächsten Folge:  Esspapier mit dem Antlitz Mariä, Karpfen in der Badewanne, Mercedes-Wahn und Digitalarmbanduhren mit eingebautem Taschenrechner!

 

BETREUTES LESEN (3) – “Der Schatz in der Vitrine”

27 Jul

Hello Kittens! Heute geht es um merkwürdige Sachen aus einem Kapitel, das Lesefaule sich als Hörspiel aus der roser Soundcloud laden können. Wer es noch nicht kennt, sollte unbedingt kucken!

Unsere erste Station ist die Plattenbausiedlung. Wir schreiben das Jahr 1988  in den Dreck. Während Kinder, deren Familie ein Haus besitzt, mit einer Baumschaukel und einem eigenen Sandhaufen gesegnet sind, müssen Hochhauskinder sich mit einer Teppichklopfstange zufrieden geben. Dieses Gestell gibt es an mehreren Stellen der Siedlung. Selten sieht man eine Latschen-Matrone wahrhaftig einen Teppich drauf schlagen. Die Teppichstange gehört tagsüber den Kindern, abends den Jugendlichen. Man kann sich dran lehnen, während man auf seine Verabredung wartet. Man kann darauf sitzen, daran hochklettern, runterhängen vom oberen oder mittleren Rohr, sich überschlagen, wie ein Äffchen hangeln und herumschaukeln. Wer auf der Teppichstange hockt, dem gehört nicht nur dieses Stück glatzig verbrannten Rasens, sein ist das ganze Königreich aus schmutzig-pastellfarben bröckelndem Beton. Hinter uns in der Ferne, unter dem Gewicht der glühend herabstürzenden Sonne, Stoppelfelder, aus denen purpurne Disteln ragen. Sehnsucht zerreißt mich noch heute, denke ich an die staubtrockene Romantik ästhetischer Einheitlichkeit, die von Werbeplakaten und weltlichem Müll unverdorbene Urbanität, inmitten derer Kinder mit nichts als Träumen von Cola-Dosen im Kopf von Teppichstangen baumelten. (Cola-Dosen gibt es in Polen mittlerweile an jeder Ecke, aber die Teppichstangen haben ihre Beliebtheit bei den Kindern nicht verloren!)

Wer zum ersten Mal mit dem Auto nach Polen reinfährt, wundert sich vielleicht über die Häufigkeit der Werbeschilder, auf denen „MEBLE“ steht: Möbel. Ich weiß nicht, warum es in Polen so viele Möbelherstellungsbetriebe gibt. Wenn mir diese Frage jemand beantworten kann, der tue dies umgehend! In Zeiten der „polnischen Volksrepublik“ waren Möbel jedenfalls Mangelware. In den härtesten Phasen der Wirtschaftskrise, als man für alles mehrere Stunden anstehen musste, ohne Garantie, überhaupt etwas zu bekommen, war der Ausdruck „Sie haben (Produkt x) geworfen“ üblich. Es bedeutete, dass eine Warenlieferung eingetroffen war. Manchmal war es Klopapier, ein anderes Mal Strampelhöschen, und manches, das „geworfen“ wurde, war eigentlich zu schwer, um es zu werfen. Schrankwände zum Beispiel. Als eines Tages Schrankwände geworfen worden waren, machten meine Eltern sich sofort auf den Weg.  Der Kauf lief so ab: Die Verkäuferin zeigte meinen Eltern die in Packpapier gewickelten Möbel. Als sie drängten, mehr sehen zu dürfen, riss sie ein Stück vom Papier ein. Fünf Zentimeter lackierter Spanplatte mit Maserung wurden sichtbar. „Nehmen wir!“, riefen meine Eltern im Glück ihrer Anspannung, denn die Schrankwand gehörte zu den Dingen, auf die sie schon seit Jahren „warteten“. Die Schrankwand, damals Teil jedes Wohnzimmers, heißt auf Polnisch „meblościanka“ (wörtlich übersetzt etwa „Möbel-o-Wändchen“) und gehört heute zu jeder polnischen Ostalgie-Party dazu wie ein ausgestopfter Vogel. Die Schrankwände unterschieden sich kaum voneinander. Allen gemeinsam war ein sogenannter „barek“, eine Bar zum Herausklappen. Das Zentrum der Aufmerksamkeit und der allgemeinen Verzückung war aber die Glasvitrine.

Hier stellte man alles aus, was man an Schätzen besaß: Behältnisse aus Kristall, bulgarische Holzflakons, polnische Folklore in Form kunstvoll geritzter Ostereier. Doch nichts war so wertvoll wie die Status-Symbole aus dem Westen: leere Getränkedosen und Schokoladennikoläuse. Nahezu jeder sammelte Dosen.  Zwar gab es in Polen Cola, aber in Glasflaschen und so teuer, dass so ein kleines Fläschchen für die ganze Familie reichen musste. Wenn man schon echte Cola trank, dann nicht um den Durst zu stillen, sondern „für den Geschmack“. Cola in Dosen („Lux!“) gab es sowieso nur im Touristenladen „Pewex“, für Dollars, und unbezahlbar. Im ganzen Land gab es keine Getränke in Dosen, deswegen waren sie als Sammelgegenstände auch so begehrt. In Alben hingegen sammelte man Müll: Verpackungen von Milka-Schokolade, CapriSonne-Tütchen, Wickelpapier von Maoam. Als mein Onkel uns aus Deutschland Leckereien mitbrachte, habe ich instinktiv alles “Wertvolle” ausgeschnitten: Die Orange vom Aldi-Trinkpäckchen, den Bären von der Haribo-Tüte. Diese wundersamen “Bildchen” wurden dann in einem dicken Buch gepresst. Instinktiv, weil ich im Kinderalter noch  nicht wusste, dass Andere es genauso machten.

Mindestens so berühmt wie das zerkratzte Antlitz der Mutter Gottes von Tschenstochau ist in Polen die marienförmige Weihwasserflasche aus Lourdes. Ihre abgefahrene Krone ist ein Schraubverschluss. Auch sie stand in mancher Vitrine und gehörte zu den aufregendsten Devotionalien, denen ich vor Besuchen bei meiner anderen Oma entgegenfieberte. Mein Traum war, daraus Limonade, Tee oder Milch zu trinken. Nachdem ich den unfrommen Wunsch geäußert hatte, durfte ich nicht einmal mehr mit ihr spielen. Zum Trost hing über der Tür des Betzimmers, in dem ich schlief, ein Jesus, der im Dunkeln leuchtete; eine fluoreszierende Steinschleuder als Betthupferl. Brrrrr.

So unerreichbar wie die Muttergottes waren auch Südfrüchte. In beiden Fällen war die Plastikversion ein Trost. In vielen Haushalten stand auf dem Wohnzimmertisch ein reichlich mit Obst aus Plastik gefülltes Körbchen.  Ich erinnere mich an den Obstkorb einer Großtante, aus dem ich mir bei jedem Besuch etwas aussuchen und zum Spielen ausleihen konnte. Die Banane bedeutete mir nichts. Ich verliebte mich unsterblich in eine gelbe Traube, die, von fettigen Kinderfingern bearbeitet, wie eine echte Frucht glänzen konnte. Ich wollte sie nicht mehr hergeben und versteckte sie unterm Bett, behauptend, sie wäre unauffindbar und ich könne sie nicht zurückgeben. Leider fand Oma Greta (“halb Mensch, halb Besen”) die Traube sehr bald. Die Großtante ließ mich nur noch mit ihren Schuhlöffeln spielen.

 

In der nächsten Folge: Reisen ins “Rajch”, Modemarke “Made in China” und kettenrasselnde Killer-Köter! 

 

BETREUTES LESEN (2) – “B.R.D.”

22 Jul

Im zweiten Kapitel von „Sitzen vier Polen im Auto“ erfährt Ola von einem Ort namens BRD. Das tut sie nur dem deutschen Leser zuliebe, denn in Polen sprach man von „Erefen“, in Buchstaben: RFN, was die Abkürzung für „Republika Federalna Niemiec“ ist und übersetzt nichts anderes bedeutet als „Bundesrepublik Deutschland“. Auch von „DDR“ war in Polen nie die Rede, sondern nur von „Enerde“, in Buchstaben: NRD („Niemiecka Republika Demokratyczna“). Erklärungsbedürftig bleibt nur noch die Etymologie des weder an Allemagne noch an Germany noch an Deutschland erinnernde Wort „Niemcy“. Kein Pole, der es ausspricht, denkt heute noch daran, was „niemcy“ im Mittelalter, aus dem die Bezeichnung stammt, bedeutete, nämlich „die Stummen“. Niemcy waren die, mit denen die Polen sich nicht verständigen konnten, weil diese sich einer ihnen fremden Sprache bedienten.

Das Wrack einer alten Lokomotive dient Ola als Spielplatz, Versteck und Königreich. Anders als die nachgestellten Wracks von Piratenschiffen, die man auf deutschen Abenteuerspielplätzen findet, war die Lokomotive echt und sicheres Spiel nicht garantiert. Rost, herausstehende Nägel, lockere Teile, Splitter und Scherben luden zur Selbstverletzung ein. Lokomotivenwracks waren im Polen der Achtziger kein seltener Anblick. In der Kult-Serie „Alternatywy 4“ versuchen die Bewohner eines Plattenbaus, diesen mithilfe einer alten Lokomotive zu „beheizen“. :-) Mir selbst standen am Waldrand hinterm Haus fünf Lokomotiven zur Verfügung, in denen ich gerne – allerdings stehts beaufsichtigt – spielte, bevor sie zur Wende hin nach und nach verschrottet wurden. Noch heute kann man in Polen mancherorts rostige Waggons in den Wäldern finden.

Ich wurde 1988 eingeschult, im Alter von sieben Jahren. Als Sechsjährige ging ich in die „Zerówka“, die Vorschule, die das Bindeglied zwischen Kindergarten und erster Klasse bildete. Dort haben wir bereits Buchstaben und Zahlen gelernt, hatten eine Art Naturkunde sowie Kunst- und Musikunterricht, nur dass alles im Schneidersitz und eher lockerer Spielatmosphäre stattfand. Ab der ersten Klasse musste man eine Schuluniform tragen, die „fartuszek“ (Kittelchen für die Mädchen) und „mundurek“ (Uniförmchen, Hemden für die Jungs) genannt wurde. Sie waren aus blauem bis dunkelblauem Schürzenstoff, hatten meistens einen weißen Kragen und wurden über die Kleidung geknöpft. Im Klassenzimmer wurden ferner Hausschuhe getragen, die eigens für das Tragen in der Schule gedacht waren. Ich glaube, dass man in den Pausen wieder in seine Straßenschuhe schlüpfen musste. Unsere Tornister entsprachen in Form und Ausstattung dem abgebildeten Modell. Sehr populär war das Sindbad-Motiv, oder rechts und links je ein Lederherz. Alternativen gab es kaum.  Braver Respekt vor der unbedingten Autorität der Lehrerin (Lehrer gab es kaum) war selbstverständlich, und die Leistungsanforderungen waren vergleichsweise hoch. In der ersten Klasse nahmen wir durch, was in Deutschland erst in der dritten auf dem Programm stand. Es gab auch von Anfang an Noten und Leistungsdruck. Und ein wichtiger Unterschied noch: Eine Fünf war die Bestnote, die schlechteste Note eine Zwei.

In einem polnischen Internetforum schreibt eine Frau, die 1982 ein Kind zur Welt gebracht hat, über die Zustände im Krankenhaus: „Kakerlaken krabbelten über die Wände – wir hatten Angst, das Licht auszumachen – man musste sie die ganze Zeit im Auge behalten. Wir haben Wasser gekocht, mit dem wir uns dann gewaschen haben, denn im Krankenhaus gab es kein warmes Wasser.“ Eine andere erinnert sich an ihre Geburtsaufenthalt 1986: „Die Ärzte waren übermäßig um Sauberkeit besorgt und bemüht, Mütter und Kinder zu schützen, indem sie den Familienangehörigen Besuche untersagten – die Ehemänner durften nicht für einen Augenblick hereinkommen. Diese Maßnahmen haben nichts an der Tatsache geändert, dass die Sanitäranlagen voller Schimmel und Schmutz waren und wir Ohrenkneifer und Kakerlaken in unserer Kleidung fanden. Die reinste Heuchelei!“ Die Geschichten meiner Mutter, die in polnischen Krankenhäusern drei Kinder in die Öde gepresst hat, sind keinesfalls heiterer. Als mein Bruder geboren wurde, durften mein Vater und ich tatsächlich nicht zu ihr. Aus hygienischen Gründen. Durchs Fenster warf sie Briefchen zu uns herunter, in denen sie uns bat, sie mit Essbarem zu versorgen.

Ola träumt von einem MickyMaus-Pyjama. Disney-Figuren waren jedem bekannt, doch sie begegneten einem selten. Unter dem Namen „Myszka Miki“ gab es viel Gefälschtes, unförmige Plastikmäuse auf einer Schaukel etwa, die man an den Buden vom Kirchweihfest erwerben konnte.  Immerhin wurde an Weihnachten Disneys Schneewittchen im Fernsehen ausgestrahlt, und selbst meine Mutter sah in den Sechzigern Bambi im Kino. Doch Disney blieb ein unerfüllter Kindertraum, der wachgehalten wurde vom legendären „Donald-Kaugummi“, der heute zur wehmütigen Erinnerung jedes Polen gehört. Wenn man schon einen Donald-Kaugummi ergattert hatte, zum Beispiel durch die Großzügigkeit einer Tante, kaute man ihn den ganzen Tag und manchmal über mehrere Tage hinweg. Zum Essen wurde er kurz rausgenommen und an den Tellerrand geklebt. Zum Glück lohnte sich die Anschaffung eines Donald-Kaugummis, auch wenn man die Kaumasse schließlich wegschmeißen musste, denn um ihn herum gewickelt war eine Disney-Bildergeschichte, die nicht nur durch ihre Inhalte überzeugte. Das knisternde Papier roch noch Monate nach dem Kaugummi. Es war begehrtes Sammlerobjekt und ließ sich in bedürftigen Stunden gut an die Nüstern saugen.

KEEP SHARING! 

In der nächsten Folge: Wissenswertes über Teppichstangen, Plastik-Obst, Schrankwandvitrinen und Coca-Pola!

Betreutes Lesen – Mehr Fun an der Fanta im Fiat Polski! (PREMIERE!)

18 Jul

Ich starte eine neue Serie im Blog, die sich an alle richtet, die mein Buch „Sitzen vier Polen im Auto“ gelesen haben, die es gerade lesen oder die noch vorhaben, es zu tun. Das Angebot ist im Weltraum einmalig: Bis zum 1. Dezember werde ich alle fünf Tage interessante, skurrile und aufregende Background-Infos zu den einzelnen Kapiteln (derer 28!) posten. Wer sich unter einem „Aussiedlersarg“ nichts vorstellen kann, die Aldi-Brause „Flirt“ nicht kennt oder sich wundert, warum man in Polen Kaffee mit Fusseln nicht nur trank, sondern immer noch trinkt, wird hier (und parallel auf meiner geburtsreifen Autoren-Website) in reich illustrierter Weise Impressionen kredenzt bekommen. Außerdem beantworte ich alle eure Fragen! Und nun..

PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE * * * PREMIERE

~*Kapitel 1 – Das Goldene Buch *~

„Mutter Gottes von Tschenstochau!“, ruft eine Frau gleich am Anfang meiner Geschichte. Gemeint ist die „Schwarze Madonna“, eine Ikone aus dem wichtigsten Wallfahrtsort Polens, die Matka Boska CzęstochowskaDie Mutter Gottes gilt als “Königin Polens”, und dieses Gnadebild ist zum Symbol der Nation geworden. Kaum ein bäuerlicher Haushalt, in dem nicht irgendwo eine Reproduktion der schwarzen Madonna hinge, und sei es nur eine Postkarte, die hinter Vitrinenglas lehnt. Charakteristisch sind die langen Kratzer auf der Wange, die die Mutter Gottes besonders tranig aus der Wäsche schauen lassen. Der Legende nach soll ein Soldat das Bild mit seinem Säbel geschändet haben, was den katholischen Kult, dessen Kern das Leiden ist, nur weiter anheizen konnte.

 

Die Katastrophe von Tschernobyl, die in den ersten Szenen des Kapitels aufgegriffen wird, habe ich lebhaft in Erinnerung, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war. Wie die Kinder in der Abbildung musste ich einige Tage nach der Explosion in der Ukraine ins “Zentrum der Gesundheit”, um die Jodlösung “Płyn Lugola” einzunehmen. Beim ersten Versuch kam mir der blutigbraune Trank wieder hoch. (Mir kam aber einiges hoch in diesen Zeiten…) Meine Eltern und ich mussten uns nochmal hinten anstellen. Die Schlange war sehr lang, schließlich mussten alle Kinder und Jugendlichen im Dorf versorgt werden. Die Maßnahme war total sinnlos, “Senf nach der Wurst” sagt man, wenn etwas viel zu spät kommt, ohnehin bestand aber für uns keine Gefahr. Die ätzende Flüssigkeit hat die Geschmacksnerven aber derart traumatisiert, dass der Tag der Einnahme sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat.

 

Wir waren Zahnpasta-Gourmets! Das erste Kapitel beginnt im Jahr 1986. In Polen herrschte Mangel an allem. Für Süßigkeiten musste man – wie für alles andere auch – stundenlang anstehen, und was man dann bekam, war ein „schokoladenähnliches Produkt“, das keinesfalls ein satirischer Begriff ist, sondern die blass auf die schlichte Verpackung gedruckte Bezeichnung war. „Echte“ Schokolade gab es nicht, von Kaubonbons und Gummibärchen ganz zu schweigen. Die bekam nur, wer Verwandte oder Freunde in “BRD” hatte, die zur Weihnachtszeit Pakete schickten. Getrieben von Sehnsucht nach Zucker entwickelten viele Kinder große Experimentierfreude. Die Protagonistin Ola ist im ersten Kapitel sechs Jahre alt und kennt schon einige alternative Leckereien. Dazu gehört Zahnpasta mit Erdbeergeschmack, die ihre Tante Selma ihr aus dem Bulgarien-Urlaub mitgebracht hat. Kaum ein Polenkind der Achtziger, das nicht auch ausländische Zahnpastawürste auf seine Zunge gedrückt hätte. Davon zeugt auch dieses Panel aus der autobiografischen graphic novel von MARZI.

 

Olas Oma Greta trinkt ihren Kaffee fusselig. Keineswegs eine weitere exzentrische Vorliebe, sondern die einzige Option neben löslichem Weizenkaffee. In den Achtzigern gab es in Polen noch keine Kaffeemaschinen. Man bereitete den Kaffee zu, indem man das entsprechend dosierte Häufchen mit kochendem Wasser übergoss. Es stürmte, es fusselte durchs Glas, dann setzte sich die dicke Schicht unten ab und der Kaffee konnte spitzmündig genossen werden. Serviert wurde der Kaffee, genau wie Tee, in den charakteristischen Allerweltsgläsern, die in Stahl- oder Plastikkörbchen mit Henkel steckten. Eine etwas wacklige Angelegenheit und man verbrannte sich immer die Finger, aber heute sind diese Gestelle „Kult“. Obwohl mit der Transformation auch die (übrigens aus Deutschland stammende) Kaffeemaschine mit Filtertechnik in Polen einzog, konnte das Modell sich nicht durchsetzen. Die meisten Leute wollten nicht einsehen, warum sie ihren Kaffee plötzlich anders trinken sollten als die Jahrzehnte davor. Deshalb bekommt man heute in vielen Cafes den sogenannten “Kaffee auf türkisch” als Standard-Kaffee, keinen gefilterten. (Wir in Deutschland lebenden Polen sagen zum Fussel-Getränk übrigens nicht “Kaffee auf türkisch” sondern “Kaffee auf polnisch”.)

 

Auf der Flucht vor der Großmutter findet Ola in einer geheimnisvollen Kellerkammer einen Quelle-Katalog, den sie im weiteren Verlauf der Geschichte ehrfurchtsvoll “Das goldene Buch” nennen wird. Tatsächlich hatten Quelle-Kataloge in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre einen gold schimmernden Umschlag, wie man hier sehen kann. Versandhauskataloge waren eine Art Botschafter zwischen Westdeutschland und Polen. Großväter, die im Krieg in die Wehrmacht eingezogen worden waren und nach dem Krieg lebenslange Freundschaften zu Deutschen pflegten, brachten hin und wieder diese Kataloge aus Deutschland mit. Mein Großvater war im Krieg verletzt worden, angeschossen am Oberarm. Er durfte fast jedes Jahr nach Deutschland ins Sanatorium fahren. Der OTTO-Katalog stand in seinem nach Nikotin riechendem Schrank neben der heiligen Schrift und einem medizinischen Nachschlagewerk. Nichts übte eine größere Faszination auf mich aus als die pastellfarben bunt gekleideten Menschen und das sonderbare Spielzeug aus edelstem Plastik.

Erfahrungen? Beiträge? Fragen? In die Kommentar-Area damit!

In der nächsten Folge: Lokomotivenwracks, Schuluniformen, Ranzenästhetik und Donald-Kaugummi!

Die Negerpuppe

24 Jun

Ich habe vor kurzem eine Mail bekommen. Der Absender entschuldigte sich im Vorfeld dafür, negative Kritik an meinem Roman äußern zu müssen, aber es gäbe da etwas, das ihm keine Ruhe lasse. In meinem Buch würde das „N-Wort“ vorkommen, und dann gleich zweimal. Ob das denn sein müsse? Dass er in Sachen N-Wort zwei und nicht fünfmal fündig wurde, verdankt er einem meiner Lektoren. Der fand das nämlich auch unschön und gemahnte zu politisch korrekter Wortwahl. Es kribbelte mich, das Tabu-Thema im Blog auszufransen.

In den Achtzigern hatte jedes polnische Kind eine “Negerpuppe”. Ihre Beliebtheit rührte wohl daher, dass sie recht billig zu produzieren war und man sie in jedem Kiosk kaufen konnte. Bewegungslos steckte sie in einem Folienbeutel, zwei schwarze Plastikschalen, so schlecht zusammengeschweißt, dass oft die Naht vom Kopf bis an den Unterleib sichtbar blieb. Der Produzent hatte der Puppe zwei blaue Äuglein reingedrückt, wie den anderen billigen Puppen auch, wen interessierte die authentische Augenfarbe, die Kinder pulten sie sowieso wieder heraus. Irgendwann lagen die Puppen löchrig im Sandkasten und wurden von Spinnen bewohnt. Farbe egal. 

Ich sehe keinen Anlass, mich zu rechtfertigen oder gar selbst zu kasteien. Meine literarische Figur ist acht Jahre alt und tauscht ihr “Negerpüppchen” gegen eine leere Haribo-Tüte. Auf Polnisch hieß so eine Puppe „Lalka Murzynek“ (Puppe Negerlein), und wie man an diesem Wort schon sieht, stammt es etymologisch nicht aus derselben Quelle wie “nigger”.

„Murzynek“ entspricht unserem „Mohr“ (von Mauren), aber wer kann sich schon was unter einer „Möhrchenpuppe“ vorstellen? Aus heutiger Sicht ist „Mohr“ natürlich auch eine rassistische Bezeichnung, aber was weiß ein Kind im Polen der 1980er Jahre über Rassismus und political correctness? Was wusste denn zur selben Zeit der durchschnittliche Deutsche darüber? Ich habe kein Sachbuch geschrieben, mein Ding ist vielleicht die Groteske, aber keineswegs die Utopie. Alles was gesagt und gedacht wird, spiegelt damalige Realitäten wider. Dem Autor die Ideologie seiner Figuren zu unterstellen ist ähnlich absurd, wie einen Schauspieler für seine Fehltritte in einer Soap zu schelten. Mehr gibt es über meine Wortwahl nicht zu sagen.

Interessanter ist da schon die Frage nach dem Rassismus der Polen in Vergangenheit und Gegenwart. Mit zurückhaltender Begeisterung stellen populäre Sachbuchautoren hierzulande fest, dass die Polen nichts von political correctness halten. Eine Randgruppe, über die man keine Witze machen dürfte, gibt es nicht, und wer postkolonialistische Kritik am beliebten Kindergedicht „Murzynek Bambo“ übt, wird bestenfalls belächelt. Linke, die so etwas lesen, quellen über vor Empörung. „Rassismus!“ lautet der vor moralischer Verachtung und Selbstgerechtigkeit triefende Vorwurf. Bei allem selbstzugeschriebenem Reflexionsvermögen wundert es bloß, dass die Geschichte des gescholtenen Polens nicht berücksichtigt wird und westliche Phänomene meinende Begriffe, die im westlichen Diskurs gebildet wurden, “Rassismus” zum Beispiel, fraglos auf eine (post-)kommunistische Gesellschaft übertragen werden.

Was man allzuschnell als Rassismus abstempeln könnte, war in Wirklichkeit Exotismus. In den grauen Betonlandschaften Polens konnte man von den „warmen Ländern“ nur träumen. Die, denen Staat und Geldnot das Reisen verwehrten, erfanden Orte wie die „Inseln Hula-Gula“, Paradiese jenseits der Landesgrenzen, wo Kokospalmen sich in den Ozean bogen und ulkig verkleidete Äffchen Südfrüchte in goldenen Schalen servierten. Soweit ich informiert war, hatten nur Märchenfiguren die Möglichkeit, nach Afrika zu reisen. Däumelinchen, auf dem Rücken einer Schwalbe, und „Koziolek Matolek“, der Ziegenbock mit dem roten Höschen.

Während wir Kinder aus Bilderbüchern von der Existenz einer rabenschwarzen Menschenrasse mit wulstigen Lippen erfuhren, deren Angehörige mit Speer in der Hand aus exotischem Gebüsch herausstierten, beklebten die Erwachsenen die Wohnzimmerwände mit Fototapeten, die ferne Ufer zeigten; ein körniger Traum, der in winzige Farbpunkte zerfiel, je näher man ihm kam. Bei all der Idealisierung war es kein Wunder, dass der „Mohrenkopf“ jedes Produkt aufwertete: Rosinen, Kakao-Kekse, Vanille-Eis.

Was hätten wir nicht alles dafür gegeben, einmal einen echten „murzyn“ zu sehen! Gut hatte es dieser Malinowski. Als Ethnologe war es ihm vergönnt, Bananenröckchen unter wild-nackten Brüsten wackeln zu sehen. Menschen, denen es gelang, einmal nach Westdeutschland zu reisen, erinnern sich heute nicht nur an die vollen Supermärkte und glatten Autobahnen, sondern auch an ihren „ersten Neger“, die Gebildeten unter ihnen daran, zum ersten Mal einen Menschen von dunkler Hautfarbe gesehen zu haben. Letztere haben vermutlich im westlichen Ausland studiert, hatten sich irgendwann an den Anblick des Dunkelhäutigen in der Bahn gewöhnt, kritische Filme und Bücher geschaut, andere Perspektiven kennengelernt. Die Polen hatten zu solchem Wissen bis 1989 keinen Zugang, weder praktisch noch theoretisch. Akademische Diskurse aus dem Westen wurden an polnischen Universitäten nicht rezipiert. Texte von sozialer Sprengkraft blieben unübersetzt, im Original konnte sie niemand lesen, man hatte in der Schule ja Russisch gelernt, nicht Englisch, nicht Französisch und schon gar nicht Deutsch. Das Wissen, das hier zu Veränderungen im Denken führen konnte, war in Polen lange Zeit blockiert. So erklärt sich der Exotismus während der sozialistischen Ära von selbst. Durch Unwissen. Mit Rassismus, der Überzeugung von der Minderwertigkeit einer Rasse und daraus resultierenden diskriminierenden Praktiken hatte dieses Phänomen wenig zu tun, nicht zuletzt, weil in Polen einfach keine Schwarzen lebten. Wer hätte sich da für wen einsetzen, wer vor wem fürchten sollen? Das Fremde und Unbekannte war so weit weg, so anders, dass man es nur als Fiktion behandeln konnte, die frei von politischem Bewusstsein war. So sehen wir in der 1984 entstandenen Kult-Serie „Alternatywy 4“ ein blackface, einen schwarz geschminkten Weißen also, der einen amerikanischen Austauschstudenten darstellen sollte. Niemand störte sich daran. Hinter dem dunkel geschminkten Gesicht steckte nicht die Absicht, sich als Weißer über Farbige lustig zu machen (wie im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre in den USA), sondern schlicht die Unmöglichkeit, einen „echten Schwarzen“ für die Rolle aufzutreiben.

 Heute sieht die Sache anders aus. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden in Polen die ersten Schwarzen gesichtet, und der Rassismus, den wir meinen, trat unleugbar in Erscheinung. Ein Beispiel ist die Beliebtheit eines TV-Witzes, bei dem ein Farbiger, meist Mitglied der Big Band auf der Bühne, auf „negerisch“ angesprochen wird und in perfektem Polnisch antwortet. Schock! Hund am Steuer! Ein Primitiver, der sich einer komplexen Sprache bedient! Ein weiteres, viel schlimmeres Beispiel ist, dass man in Polen seinem ärgsten Feind wünscht, seine Tochter möge einen Schwarzen heiraten. Das gilt als die größtmögliche Schande. Aus unserer Perspektive sind solche Phänomene schockierend, aber man darf nicht vergessen, dass sie auch mal in Deutschland „issue“ waren. So thematisiert Fassbinder 1974 in „Angst essen Seele auf“ die soziale Unerwünschtheit romantischer Verbindungen zwischen Weißen und Schwarzen, in den USA wurde die Problematik bereits 1967 in „Guess who’s coming to Dinner“ verarbeitet.

Fazit: Political Correctness ist kein Indikator für kulturelle und moralische Überlegenheit. Sie ist geschichtlich gewachsen, hier auf günstigem Boden, dort unter hemmenden Bedingungen. Alles braucht seine Zeit. Pauschale Verurteilung ist doof. Und ich kann meine Negerpuppe von damals nicht “afro-amerikanisch” oder “dunkelhäutig” nennen, zumal sie aus pechschwarzem Plastik war. Man kann die Vergangenheit nicht rückwirkend zensieren, ohne sie zu verfälschen.