Betreutes Lesen – Kapitel 1

Wilkommen beim Betreuten Lesen zum 90s-Panorama-Roman Minigolf Paradiso. Was es genau damit auf sich hat, steht hier.

Die Protagonistin der Geschichte ist die 16-jährige Malina, die überzeugt ist, unsichtbar zu sein. Die Leute aus ihrer Klasse könnten sich ihren Namen nicht merken, doch die Namen ausgestorbener Dinosaurier wüssten sie noch im Schlaf! Was uns zum ersten Erinnerungsstop führt:  DINO-WAHN!

Es begann 1993 mit einem bebenden Wasserglas.

Die Rede ist von Jurassic Park, dem Urwald-Schocker von Steven Spielberg. Im Kino war der Film erst ab 12 Jahren, was manchen unerschrockenen 11-jährigen nicht vom Besuch abhielt und erst recht nicht, auf dem Schulhof die Gore-Stellen zu spoilern. Für Zartbesaitete und kleinere Kinder gab es gottlob Alternativen. Etwa die hyperrealistische Disney-Serie Die Dinos, ein wöchentliches Ereignis für die ganze Familie. Das Machwerk schenkte unserer Generation mindestens zwei supernervige geflügelte Worte: „Bin dahaaaa! Wer nooohoooch?“ Und natürlich den Klassiker von Baby Dino: „Nicht die Mama!

Bald wurde im Fernsehen für Dinosaurier!-Hefte geworben. Ausgabe 1 war ausgestattet mit einer 3D-Brille, mit der man die Dinos nackt sehen konnte. Ach nee, das war was anderes. Die in der Grundschule populäre Vorstellung, dass 3D-Brillen Nacktbrillen seien, hielt sich nicht so lange. Zurück zu unseren Urzeit-Freunden: Der Preis von 90 Pfennig war natürlich nur ein Köder. Ausgabe 2, wie alle folgenden Ausgaben, kostete bereits 4 Mark, was ziemlich viel Geld war für ein recht dünnes Heft, das sensationslüsterne Kinder mit den bekanntesten Fleisch- und Pflanzenfressern bekannt machte. Als Gimmick klebten in jedem Heft Plastik-Skelettteile mit Glow-in-the-Dark-Feauture, aus denen man sich nach dem Kauf viel zu vieler Hefte ein komplettes T-Rex-Skelett bauen konnte. Der krönende Abschluss der Serie waren zwei grüne Dino-Hartschalen, mit denen man das Skelett dann verkleiden konnte. Echt Leute, hättet ihr lieber für ein BMX-Rad gespart …

Dinoheft Ausgabe1

Doch der Aufstieg der Dinos kam vor ihrem Fall. Last time I checked, lagen sie im DDR-Freizeitpark „Plänterwald“ rum und weckten Sprengbegehrlichkeiten. :(

Umgestürzte Dinos im Berliner Plänterwald.

Malina liebt tote Dinge. Für Dinos hat sie jedenfalls mehr übrig als für das wilde Teenagerleben. Am letzten Schultag hängt sie auf dem Friedhof rum, während ihre Mitschüler den Ferienbeginn im Freibad „mit Arschbomben und Bum Bum“ feiern. Bum Bum-Eis, nach Art eines Kandis-Apfels mit einer frivol roten Kruste überzogen, barg einen Stiel mit Kaugummifüllung. Den Kaugummi musste man jedoch mühsam aus dem blauen Plastikhalm pulen. Der hatte zwar eine Perforation, aber 1) war der Kaugummi meist noch gefroren, als das Eis schon aufgezehrt war, und 2) klebte das Zeug an den Fingern, was natürlich im Freibad halb so tragisch war. Mit einer reinigenden Arschbombe ins Becken war das Problem gelöst. Und wo wir schon bei Eis sind… Erinnert sich noch jemand an diese whacke Werbung für die Novität Blizz?

BumBum

In der Kleinstadt, meint Malina, seien Dönerläden so selten wie die weißen Tiger von  Siegfried und Roy. Tatsächlich war der Döner für die 90s das, was der Thai-Imbiss für die Nuller Jahre war: ein Exote auf dem Weg zur Alltäglichkeit. In Grevenbroich, dem authentischen Ort meiner Jugend, gab es – wenn ich mich recht entsinne – nur Italiener und Griechen. In der zentralen Gyros-Verkauffstelle kaufte ich mir hin und wieder nach der Schule eine „türkische Pizza“. Die Worte Lahmacun und Dürüm waren gänzlich unbekannt. Anders als Siegfried und Roy – Modern Talking der Zauberszene -, die waren scheinbar ganz nah. Dem Phantasialand in Brühl bei Köln hatten die grinsenden Dompteure Anfang der 90er Jahre zwei weiße Tiger geschenkt und waren seither das schillernde Aushängeschild des Freizeitparks.

LasVegasSiegfriedRoy

Als größter Michael Jackson Fan aller Zeiten (der ich zwischen 1987 und 1992 war) fiel ich aus allen Wolken, als ein mir zuvor nicht bekannter Song des King of Pop während dieses Zauberacts von Siegfried und Roy ertönte. Das müsst ihr euch anhören!
(
Beachtenswertes Video auch unter dem Gender-Aspekt)

Malina erinnert sich an eine Zeit Anfang der 90er, als sie einen Jeansrock mit regenbogenfarbenem Lambada-Schriftzug trug. Sie führt den schlechten Geschmack auf ihre polnische Herkunft zurück, dabei war sie modisch in bester Gesellschaft. Mit allerlei Schwachsinn (Bärchen!) bedruckte Jeans waren richtig hip. Eine Zeit lang gesellten sich zu den bunten Aufdrucken auch kleine Klöppelelemente, bunte Strasssteine und Nieten hinzu. Problematisch wurde es erst, als die Mode ausgestanden war und von einem neuen Trend erlöst wurde: der Marken-Jeans. Für einen Teenager gab es praktisch keine Alternative zur Levis 501. Das Label an der Arschtasche hatte rot zu sein, der Preis lag bei ca. 160 Mark. Wer sich für die um 50 Mark günstigere Version mit dem orangefarbenen Label entschieden hatte, war uncool und verriet durch seine Ahnungslosigkeit, dass er die Statussteigerung, die mit der 501 einherging, nicht verdiente. Sicher, es gab auch noch andere Markenjeans. Wrangler zum Beispiel. Oder Lee. Aber diese Marken wurden mitunter von C&A geführt —> uncool hoch zwölf.

Jeansoutfit

Auf einem Grabstein liegt ein abgebrochener Mercedes-Stern herum. Ich war niemals Zeuge, wie jemand einen abgebrochen hätte und kannte auch niemanden, der sich damit brüstete. Das stand jedoch im Missverhältnis zu der Anzahl der Leute, die einen abgebrochenen Mercedesstern an ihrem Army-Rucksack baumeln hatten. Dabei handelte es sich nicht nur um die klassischen Punks, sondern auch sogenannte „Skatepunks“. Neben dem Abbrechen von Mercedes-Sternen waren noch andere Formen des Vandalismus populär. Die richtig Harten zogen sich nachts die Kapuze über die Rübe und tigerten mit der Spraydose los. Meine Freunde und ich praktizierten mit Vorliebe das „Laternen austreten“. Natürlich nur auf Feldwegen, wo die Möglichkeit, erwischt zu werden, gleich null war, und natürlich nur nachts. Ich persönlich war Weltmeisterin im kunstvollen Bemalen von Tischen und Klotüren.

Letztes Thema dieses Beitrags: Die Kulturpraxis des Briefeschreibens. Malina hat nämlich eine ganz besondere Brieffreundschaft, über die ich hier nichts verraten möchte. In meiner eigenen Jugend gab es drei Sorten von Briefen: Die vermittelte Brieffreundschaft (über lange Entfernungen), die privaten Briefchen, die man einander in der Klasse zuschob und das Briefbuch zwischen besten Freundinnen.

Briefe schreiben

Meine erste Brieffreundschaft war Susanne aus Burg auf Fehmarn. Susanne und ich lernten uns mit 10 über einen Brieffreunde-Vermittlungsdienst der Micky Maus kennen. Meistens teilten wir einander Zeugnisnoten mit (Sie so: „In Mathe habe ich eine 1, in Deutsch habe ich eine 1, in Englisch habe ich eine 1, in Musik habe ich eine 1, in Erdkunde eine 2…“ Und ich so: „In Mathe habe ich eine 5, in Deutsch habe ich eine 3, in Englisch habe eine 4, in Erdkunde eine 5…“) Normalerweise schlossen diese Berichte ab mit „… und jetzt weiß ich nicht mehr was ich schreiben soll. Ciao, *Phantasie-Name*. Dabei verdient das „Ciao“ eine genauere Betrachtung. Der untere Bogen des C wurde nämlich nach rechts so verlängert, dass er das ganze Wort schwungvoll unterstrich. Wenn der Punkt über dem i auch noch wie ein auf dem Kopf stehender Hundehaufen aussah („Herz“), war die Schlussfloskel perfekt. Und jetzt weiß ich nicht mehr was ich schreiben soll also sag ich einfach mal

Ciao, bis zum nächsten Mal!

Eure ~*Alessa*~

PS: Welches war eigentlich euer Lieblingsdinosaurier? Was für Eissorten gab es bei euch im Freibad? Ab wann gab es Döner in eurer Stadt? Möchtet ihr mir Fotos von euren geilsten Jeansoutfits schicken? Habt ihr schon mal einen Mercedes-Stern abgebrochen? (Mir könnt ihr’s ja sagen.)

10 Kommentare


  1. // Antworten

    Die Antworten würden so lang werden, ich muss einen Blogpost daraus basteln. Lediglich Stichworte kann ich schon mal verraten.

    Lieblingsdinosaurier: Ornithomimus.
    Eissorten im Freibad: Irrelevant, es gab Würstchen mit getoastetem Weißbrot.
    Erster Döner der Stadt: Weiß ich nicht, muss aber während der Schulzeit gewesen sein.
    Geilstes Jeansoutfit: Besaß ich nicht.
    Mercedes-Stern: Niemals nicht! Aber Lampen austreten war auch bei uns hoch im Kurs.


  2. // Antworten

    Anne, machen wir wieder eine Bloggerwurst wie damals beim Pferdemädchen-Memorandum!


  3. // Antworten

    Ach, ich musste so herrlich lachen bei diesem Beitrag. Ich wurde zwar erst 1990 entkorkt, kenne aber alles beschriebene aus meinen Erinnerungen. Etwa weiß ich noch, wie ich bei meinem damaligen besten Freund den „verbotenen Film“ (gemeint war immer Jurassic Park) auf VHS gesehen habe. Draußen war es schon dunkel und es regnete in Strömen und die Eltern waren nicht da. Auf dem Heimweg hatte ich unfassbare Angst – aber wer gesteht sich das mit 7 schon gern ein :-D Der Film hatte seinerzeit aber eine solche magische Auswirkung auf mich, dass ich damals alle bekannten Saurierarten und ihre Spezifika auswendig gelernt habe und bei dem Brettspiel „Welt der Wunder“ kaum eine Dinosaurierfrage falsch beantwortet habe. (Warum ich jetzt Historiker und Soziologe geworden bin, frage ich mich auch gerade).

    Lieblingsdinosaurier: Deinonychus (wobei ich, wenn es ihn schon damals gegeben hätte, den Spinosaurus gewählt hätte)
    Eissorten im Freibad: Calippo Cola
    Erster Döner der Stadt: Soweit ich mich erinnere war das erst gegen Ende der 90er, obwohl Berlin gar nicht weit entfernt war …
    Geilstes Jeansoutfit: Gab es bei mir nicht – da man mit Jeanshosen einfach nicht Fußball spielen oder Klettern konnte.
    Mercedes-Stern: Das habe ich nicht gemacht. Dafür habe ich jeden anderen Unfug gemacht.

    … werde mir dann jetzt mal dein Buch kaufen.


    1. // Antworten

      Ha ha, der verbotene Film! Das war in meiner Generation noch „Dirty Dancing“ (wegen der zwei Sekunden, wo der nackte Arsch von Patrick Swayze zu sehen war). Und apropos Geschichte studieren: Da mir das Wort „Jura“ erstmalig im Dinosaurier-Zusammenhang unterkam, habe ich jahrelang gedacht, dass Menschen, die Jura studieren, später „was mit Dinos“ machen müssten. ;-))


  4. // Antworten

    Danke danke danke für die Zeitreise!
    Lieblingsdinosaurier: Brachiosaurus.
    Eissorten im Freibad: Bum Bum, deren Kaugummis irgendwann komplett die Bodenplatten mit neuer Anti-Rutsch-Beschichtung versehen hatten; Beach (das „wahre“ Calippo Cola)
    Erster Döner der Stadt: Muss in den ganz frühen 2000ern gewesen sein. Wir waren so begeistert, dass wir eine Haltestelle früher aus dem Bus ausgestiegen sind, um diese Attraktion zu genießen.
    Geilstes Jeansoutfit: Eine kurze Latzhose mit so einem wuscheligen, langhaarigen grau-weißen Hund auf dem Oberschenkel (diese Hunde hat man in den 90ern überall gesehen, wo sind die eigentlich hin?). Dass man bei Latzhosen unbedingt einen Latz latz-ziv runterhängen lässt, brauch ich sicher nicht zu erwähnen.
    Mercedes Stern: Irgendwann hatte ich mal einen in meinem Rucksack gefunden. Wer der Abbrecher war, weiß ich bis heute nicht. Zu schüchtern um ihn zu tragen, war ich auch. Akribisch selbstgemalte Anarchiezeichen auf dem Schulranzen mussten reichen.

    Ich bin ein wenig erleichtert, dass auch in anderen Regionen traditionell Laternen ausgetreten wurden. Ich hatte meine erste Begegnung damit auf der Konfirmandenfreizeit. Solche Veranstaltungen sind doch eigentlich nur dazu da, um seine Religionsverdrossenheit mit möglichst bescheueteren Aktionen zu unterstreichen, oder? Schließlich soll doch keiner denken, man lasse sich aus freien Stücken konfirmieren und nicht wegen des Geldes oder des ersten eigenen Computers.


    1. // Antworten

      :°)°° Haha! Danke für den wuscheligen Hund, jetzt wo du’s sagst, kann ich mich auch wieder an diese Geschöpfe erinnern! Kurze Latzhosen triggern böse Erinnerungen an die awkwardesten Jahre meines Lebens. Die standen mir wie 100% aller 90s Klamotten nämlich überhaupt nicht. Aber Tic Tac Toe trugen sie, TLC trugen sie… Und natürlich East 17!



  5. // Antworten

    1993? Mit der Jugend langsam durch. Seit vier Jahren mit dem Studium fertig. Seit vier Jahren erster Job und in einer Großstadt lebend. Gerade damit beschäftigt einen neuen Job zu suchen, weil der erste Job mehr als nervte. Stress mit der Freundin.

    Lieblingsdinosaurier? Keinen. Kino und Jurassic Park ja, aber für den DIno-Wahn war ich schon zu alt.

    Was für Eissorten gab es bei euch im Freibad: Eis? Nee. Pommes mit Ketchup.

    Ab wann gab es Döner in eurer Stadt? Gab es in der Großstadt schon als ich hinzog. Zuhause hatte man nicht mal was von gehört. Da war ein McD Drive-In der Gipfel der modernen Zeiten.

    Möchtet ihr mir Fotos von euren geilsten Jeansoutfits schicken? Nein, möchte ich nicht :-). 501 trug man unter den Kollegen sowieso nicht. Als Computerfuzzi hatte man ein schwarzes T-Shirt zu tragen und wie ein Penner auszusehen. C&A Jeans reichten.

    Habt ihr schon mal einen Mercedes-Stern abgebrochen? Nein, zu jung für die 68er Proteste, zu alt für diese 90er Mode.

    Sprayen? Laternen austreten? He, ich war froh wenn ich nachts in der Großstadt an an einem Stück nach Hause kam. Einer der negativen Aspekte wenn man versuchte jede Kneipe und jeden Club in der Umgebung auszutesten.


  6. // Antworten

    Oh man, was ich mich jetzt ärgere, meine guten alten Dino-Hefte, damals als ich „groß“ war, verschenkt zu haben oder anderweitig losgeworden zu sein (so genau weiß ich das gar nicht mehr). Allein bei dem Cover bekomme ich schon Lust, darin wieder rum zublättern. Danke für diese Erinnerung, auch wenn ich den Leucht-Dino aus Urlaubsgründen (oder so) nie fertig bekommen habe. Ich weiß nicht mal mehr meinen Lieblingsdino. Heute ist es aber der Spinosaurus, der sich aufgrund Holgis Interview mit Nizar Ibrahim in meinen Geist geschlichen hat :D

    Ansonsten: das Laterne-Austreten war bei uns der Trick mit dem Anleuchten einer bestimmten Laterne mit der Taschenlampe, so dass alle Lampen des Straßenzugs glaubten, es sei schon wieder Tag, und aus gingen.
    Der beste Dönermann der Welt war im Nachbardorf. Geopolitsch gesehen befand sich dieser jedoch noch auf dem Grund und Boden unseres Dorfes, nämlich Lembeck am Rande des Potts, weswegen wir nun einen Dönermann hatten und die anderen nicht!

    Freibad? Lieber zum Dorfitaliener. Vanille!

    Zur Mode kann ich nix sagen …

    Ach, sehr sehr geil! Danke für dieses tolle erste Kapitel :D

    Gruß und Kuss, dein Michalius


  7. // Antworten

    Herrlich! Ich habe jetzt richtig herzhaft lachen müssen! Danke für diesen Beitrag! Ich habe erst ein Kapitel deines Buches gelesen und kann mich selbst an wenig aus den 90ern erinnern… bei mir kommt immer dieser „Aha-Effekt“, wenn jemand etwas erzählt. 501 trug ich nie… die passten mir nicht. Aber es gab ja auch andere Modell der gleichen Marke, so dass ich das rote Schildchen dann trotzdem am Po trug :-p Dinos gingen an mir eher vorbei, so dass ich keinen Lieblingsdino nennen kann. Und Mercedes-Sterne habe ich auch nicht abgebrochen… bei uns wurden aber nicht nur die abgebrochen sondern auch die VW-Zeichen aus dem Kühlergrill gemurkst. Und Lampenaustreten kenne ich gar nicht :-/ Ich freue mich auf jeden Fall jetzt noch mehr auf dein Buch!

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