Betreutes Lesen – Kapitel 6

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Im sechsten Kapitel hat Malina endlich ihren Großvater an der Angel. Aus Verlegenheit lädt Alois Dudek die Enkelin auf eine „Pommes-Schranke“ in einen Imbiss in Castrop-Rauxel ein. Als die beiden das Lokal betreten, röhrt gerade „Wind of Change“ aus den Boxen. In einer alten BRAVO habe ich den Songtext gefunden. Ich hätte „Wind of Change“ zwar spontan mit „Wind der Veränderung“ übersetzt, aber „Wind der Wende“ passt durchaus besser zu dieser gepfiffenen Hymne der Wiedervereinigung und Aussiedlerhymne schlechthin. Ich weiß noch, dass alle sich damals das Album kauften, nur um festzustellen, dass die Scorpions eine relativ harte Band waren und nicht jeder Song von ihnen auf einen Kuschelrock-Sampler gepasst hätte.

Scorpions Wind of Change

In der Imbissbude kommt es dazu, dass Alois Dudek sein Portemonnaie leert. Unter anderem fallen ein paar schlecht gedruckte Visitenkarten heraus. Die konnte man sich damals an solchen Automaten drucken lassen, die in manchen Kaufhäusern rumstanden. Die Standardmotive waren Delfin, Palme, Computer & Co. Pixel-Optik war unvermeidbar. Für diese Visitenkarten, die mit fünffarbigen Schriftzügen bedruckt waren, konnten sich allerdings nur Teenager begeistern und warum, weiß nur Gott. Die Teile waren absolut nutzlos und machten nur allerorten die Portemonnaies dick wie Stullen. Sehr beliebt waren auch Adressaufkleber. Man musste sie für viel Geld bestellen und pulte sie dann direkt von der Rolle. Sie hatten abgerundete Ecken und Buchstaben + Rand waren entweder golden oder bunt-changierend. Wer keinen Bock auf Bestellungen bei ominösen Firmen und Visitenkartenautomaten hatte, konnte auf die DATA BECKER Visitenkarten-Druckerei zurückgreifen: Hunderte von Clip Arts warteten auf CD-ROM darauf, profilierungssüchtigen Schülern zur Selbstdarstellung zu verhelfen.

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Die Bedienung im Imbiss sieht aus wie Alice Cooper, stellt Malina fest. Der „Rockmusiker“ Alice Cooper, musikalisch am ehesten bekannt für den Hit „School’s Out“ (for Summer), sah für mich immer aus wie eine 50-jährige Solariumbesitzerin aus der Kleinstadt.  Er war so eine Art Marilyn Manson der 80er und frühen 90er Jahre. Das spiegelt sich in der Wahl des weiblichen Vornamens wie in der Präferenz für Strapsmode und heftiges Make-Up.

Alice Cooper

„Keine Panik auf der Titanic!“ sagt Alois zu Malina. Der plumpe Spruch bekam durch den Hype um den Mega-Blockbuster „Titanic“ (1997) einen echten Popularisierungsschub. Für ein paar Monate gab es kein anderes Thema als diesen Film. Wer ihn nicht mindestens dreimal gesehen hatte, war offenbar kein Mädchen. Der Soundtrack (Panflöte einerseits, My heart will go on andererseits) ging ebenfalls weg wie warme Semmeln. Aber ich kenne niemanden, der sich die CD öfter als zweimal reingezogen hätte.

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Malinas Großvater will, dass Malina ihn „Aldi“ nennt. Das sei sein Spitzname. Alle coolen Leute hätten ein i hinter dem Namen. Malina denkt an Schumi und Klinsi. Korrigiert mich, wenn ich irre, aber Michael Schuhmacher und Jürgen Klinsmann sind Protagonisten einer Zeit, in der Sportler noch richtige Stars waren. Nicht nur Fußballspieler. Ich denke z.B. an Katharina Witt, die Eiskunstläuferin, oder die Schwimmerin Franziska von Almsick. Man kannte ihre Namen, ihre Gesichter, ihre Geschichten. Über Schumi haben die Ärzte sogar ein albernes Liedchen gemacht! Und Steffi Graf wurde von Jugendlichen nicht weniger angehimmelt als Madonna und Michael Jackson, wovon dieser Brief an das Dr. Sommer Team der BRAVO zeugt.

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Nach dem Essen muss Alois aka Aldi schnell an Geld kommen. Im Buch ist von „fünfzig Mark“ die Rede. Hier zur Erinnerung, wie dieses gute deutsche Geld aussah:

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Wir wussten damals schon, dass der EURO kommt und lachten uns schlapp. Weil wir uns einfach nicht vorstellen konnten, was dann aus dem „Hasse ma ne Mark?“ der Punker werden würde. Würden sie uns auf der Domplatte ein „Hasse ma nen Euro?“ entgegen schleudern? Das klang *so* absurd. Eine Zigarettenschachtel hat damals übrigens 5 DM gekostet (und zwar nach der Preiserhöhung), also nur 2,50 Euro!

Womit assoziiert ihr denn „Wind of Change“? Habt ihr noch DM-Münzen rumfliegen? Wisst ihr noch wie viel Taschengeld ihr bekommen habt? Hattet ihr auch Visitenkarten und wenn ja, was für welche? Könnt ihr euch an den Titanic-Kinobesuch noch erinnern? SHARE OR BE SQUARE!

1 Kommentar


  1. // Antworten

    Als Ferienjob habe ich damals bei der Firma (heute würde man Startup sagen) gearbeitet die als erstes Visitenkartenautomaten gebaut hat. Ich war ein bisschen enttäuscht als ich verstanden habe dass da nur ein PC und ein Tintenstrahldrucker drin steckt. Diese Firma hatte auch den ersten CD-Brenner den ich überhaupt je gesehen habe – Preis ca. 10.000 DM. Die Webseite der Firma existiert heute noch und zeigt gut wie „das Internet“ damals aussah:

    http://arbeit.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/339483x434877d/rewrite/tetron/evk.htm

    Die Data Becker Filiale war bei uns um die Ecke und war „der Aldi der Softwarebranche“ – eigentlich gab es da wirklich nur Ramsch. Das gleiche Konzept hatte die Firma boeder mit ihrer Software. Data Becker war in Düsseldorf zuerst nur ein Sub-Zweig von „Auto Becker“ wo man sich als Kind immer Ferraris und andere seltene Autos ansehen konnte.

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