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Abrahams Wrint-Kesselchen

12 Mai

Dies ist der Junge.

Abb.: Militärischer Einsatz von Todesquallen!
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Afghanischer Wrint-Hund

28 Apr

Bei Holger liegt wieder eine neue Sendung.

Hier steht der Napf für eure Spenden. Mit jedem Klick äußert ihr Respekt für die abgebildete Hundesorte.

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Dieses Tier wurde Kolorationsopfer einer Asi-Friseuse. Ihr Name: Natur. >:-(

Ein warmer Fluss – Erinnerungen an Menschen und Twitter

20 Apr

In meiner Nähe gibt es einen künstlichen Teich. Er liegt zwischen Neubauten mitten im Grünen und bietet viele saubere Sitzgelegenheiten. Der Ort ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Ich bin auch gerne dort; allein, beobachtend und innerlich zerrissen. Wenn ich nah ans Ufer trete, sehe ich Bewegungen unter der Oberfläche, nur mein Spiegelbild rührt sich nicht. Manchmal, wenn mein Blick länger auf den Jugendlichen verweilt, fühle ich die Anwesenheit von etwas Vertrautem. Es ist so nah, dass ich es riechen kann. Eine Erinnerung, deren Intensität die Sinne verwirrt. Ich habe den Geschmack dieser unwiederbringlichen Zeit im Mund, als Freundschaft etwas Selbstverständliches war, und Kommunikation ohne große Anstrengung passierte.

Es war 1996 und ich war kein Kind mehr, was so viel bedeutet, dass mein MickyMaus Abo nicht verlängert wurde.  Als polnische Migrantin in Deutschland sehnte ich mich nach einem sicheren Ort zwischen den beiden Welten, in denen ich mich zwangsläufig bewegte. Die Tugenden und Ideale der einen waren die Laster und das Unerwünschte der anderen. Wofür ich in der einen Welt gelobt wurde, dafür wurde ich in der anderen bestraft. Es musste einen Zwischenraum geben, wo es erlaubt war, die Widersprüche der Sozialisation zu überwinden. Diesen Ort fand ich hinter Turnhallen, Schwimmbädern und Supermärkten, auf Hintertreppen und im wilden Gestrüpp. Nach der Schule traf ich dort meine beste Freundin. Tag für Tag, die Kippen immer in der verwaschenen Innentasche der Jeansjacke von Levis. Ein entwurzelter Baumstamm war für uns die Welt. Ein Baumstamm hinter dem Schwimmbad, am Fluss, im Gebüsch. Wir führten ein kleinkariertes Buch über unsere Gedanken, das wir einander täglich zum Lesen überreichten. Die Seiten waren so eng beschrieben, dass zwei bis drei Buchstaben in ein Kästchen passten. Wir füllten den ganzen Raum mit uns aus. Wir schrieben, wie wir redeten: ausufernd und überbordend, ohne Angst vor Begrenzungen. Mit jeder Zigarette sog ich das selbstbestimmte Leben ein, auf das ich zu Hause, wo Unverheirateten keine Privatsphäre zustand, nicht das Recht hatte. Heim gingen wir erst, wenn die Schachtel leergepafft war. Vor dem Schlafengehen bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor, indem ich das Buch unserer Freundschaft erneut füllte. Dabei war meine Freundin, aus rechtlichen Gründen nenne ich sie Marzena, ganz anders als ich. Sie konnte sich Naturlocken um den Finger wickeln, ich hatte nur dünne Fäden am Kopf. Alles an ihrem knochigen Körper sah „heiß“ aus, während ich in denselben Klamotten, im Spiegel der geteilten Umkleidekabine, eine einzige Mangelerscheinung war. Marzena hatte engstehende kleine Augen, eine spitze Nase, ein etwas zu stark hervortretendes Kinn. Die Zähne sehr ebenmäßig und gerade, Zeichen eines willensstarken, durchsetzungsfähigen Bisses. Und jede Woche eine andere Männerhand unter dem T-Shirt, in der Hose, immer andere Zungen im Mund. Im Park, im Kino, in den Schultoiletten an leeren Nachmittagen, in unserem Buch nahm sie mich mit. Bildschirmfoto 2013-04-20 um 20.22.56

Meine Augen waren groß, aber dadurch nicht ausdrucksstark, dafür bekam die Nase einen immer ausdrucksstärkeren Höcker. Und meine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hat später ein Klassenkamerad in einem Gedicht für mich gut zusammengefasst: „She loves guys with long hair / but for them she‘s only air.“  Die Freundschaft zu Marzena zog mich im selben Maß runter, wie sie mich aufzubauen vermochte. Aber unterm Strich wollte ich tot sein.

Ich wusste nie, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Meine Eltern sind von Natur aus keine Netzwerker, die große Parties veranstalten oder besuchen würden. Selbst wenn sie es wären: In Deutschland stand der Zähler sozialen Kapitals erst einmal auf Null. Und daraus folgte die Unsichtbarkeit, ein gesellschaftlicher Nicht-Status. Das dorfgemeinschaftliche Man-kennt-sich verlieh den Einheimischen und Alteingesessenen eine Selbstverständlichkeit, die wir als eingewanderte Familie nie haben würden und die ich, obwohl mit größerem Integrationspotenzial gesegnet als meine Eltern, auch nicht ohne Weiteres würde erreichen können. Wie denn auch? Dabeisein war nicht alles. Man brauchte eine Daseinsberechtigung. Und die hatte man aufgrund von drei Generationen Schützenverein und einem Reihenhaus in „guter Gegend“. Dementsprechend fehl am Platz fühlte ich mich auf Gartenparties und Übernachtungsbesuchen, auch wenn ich durchaus willkommen war. Hätte man mir sonst ein Yakult auf den Frühstücksteller gestellt?

Die neunte und zehnte Klasse habe ich irgendwie überlebt. Dann kam die Oberstufe. Von einem Tag auf den anderen wurden Gewissheiten umgeblasen. Als die Schulklassen aufgelöst wurden, um zu einer Stufe zu verschmelzen, erwies sich alles, was ich über die Unmöglichkeit von Zugehörigkeit gedacht hatte, als überdramatischer Teenager-Blödsinn. Vorher war jede andere Klasse ein anonymes, monströses Wesen, jeweils zusammengesetzt aus einer einzigen Menschensorte. Klasse A brachte nur Muttersöhnchen und brave Mädchen hervor, die nie aus ihren Kindercordhosen herauswachsen würden. In Klasse B schienen alle über 1,80 zu sein. Klasse C war die eigene und damit die einzige, die aus Individuen bestand, und in Klasse D waren die ganzen Asis mit Baseball-Jacken drin, frühreif und Bandenmitglieder. Nun, da alle zusammen in einen Topf geworfen worden waren und jedes Fach in anderer Konstellation stattfand, verpuffte alles, was man übereinander zu wissen meinte, im anbandelnden Schulhof-Geschnatter. Von den Real- und Gesamtschulen kamen Schönheiten mit grünen Augen, Kopftuchmädchen, frisch geschlüpfte Schwule und literaturbegeisterte Jungs mit dreistelligem IQ. Es kamen neue Lehrer, die nicht wussten, dass ich „aus Polen komme“ und mir eine Wertschätzung entgegen brachten, die ich nicht gewohnt war. Keine amüsierten, in ihrer Ignoranz bemerkenswert wissenden Klassenlehrerblicke mehr, die mich zum Dummkopf abrichteten und einen Mangel an Selbstbewusstsein für das Fehlen von Persönlichkeit hielten. Kein Erröten mehr, wenn ich etwas gefragt wurde. Ich trug das Herz am rechten Fleck, es rutschte mir weder in die Hose noch kam es mir pochend hoch. In den Pausen stand man cliquen- und klassenlos in der Raucherecke, teilte seine Zigaretten mit den Älteren wie mit den Neuen, und fragte sich unentwegt, wie einem diese wunderbaren Menschen, mit denen man jetzt leicht und locker ins Gespräch kam, nur so lange hatten entgehen können.

Ich weiß noch, wie der Gesang der Bäume sich in diesen wenigen Monaten veränderte. Am Anfang waren es graue Säulen, die so viel größer waren als ich. Ihre Äste unerreichbar, die Kronen rauschten bedrohlich, während der Wind mich in die Schule trieb. Als wir alle auf einmal begannen, uns dem Neuen und Anderen zu öffnen, hat das eine Stimmung geschaffen, die mich in einen anderen Daseinszustand versetzte. Die Bäume raschelten nicht mehr, als würden sie mich scheuchen, husch husch,was hast du hier zu suchen, lauf! Das Wogen der Äste hatte so viel Zärtlichkeit wie eine Hand, die einem über das Gesicht streicht. Die Bäume spendeten Schatten, die Blätter filterten das Licht, in dem ich gewärmt war, von dem ich umhüllt war wie von einer schützenden Decke. Nach einer durchgemachten Party, kurz vor den Sommerferien, schlief ich unter so einem Blätterdach, auf einer Brücke, die von der einen zur anderen Schule führte. Eigentlich war es nur ein hölzerner Steg über einen plätschernden Bach. Ich lag zwischen meinen neuen Freunden und ihren Rucksäcken. Wir verschliefen die ersten Stunden Bio-Chemie mit einer paradiesischen Gleichgültigkeit. Andere mögen uns mit verwunderten Blicken gestreift haben, aber wir rückten nur näher zusammen und berührten einander. An den Händen, an den Haaren. Alles war ein warmer Fluss, der mich trug, ein Leben auf Beruhigungstablette. Kein Kampf mehr, keine Flucht, nur ein selbstverständliches Fließen mit dem Strom guter Gefühle.

Denke ich heute daran zurück, kommen mir Tränen, die herrühren von der Erfahrung des Guten, das man zu lange entbehrte. Das erste Jahr in der Oberstufe war ein himmlischer Zustand, eine surreale Utopie. Ich hatte keine Gelegenheit, diese Empfindung zu entzaubern. Bald musste ich in eine andere Stadt ziehen.Meine Schlafträume führen mich immer wieder in diese Zeit und an diesen Ort und zu diesen Menschen zurück. Durch die saftgrünen Wipfel der Bäume falle ich aus meinem einsamen Leben in ihre offenen Hände. Ich spüre den festen Griff des Mädchens, das mich auffing, als ich betrunken war. Sehe das Funkeln in ihren Augen, weil ich „Wonderwall“ spielen konnte auf meiner Gitarre. Ich drücke mich an die Jungs in ihren Slipknot-Hoodies, schnuppere ihr Rasierwasser, rieche die Veränderung, das plötzliche Vertrauen zwischen uns.

Wenn ich aus diesen Träumen erwache, bin ich Kate Winslet neben der sinkenden Titanic, der die Hand des Geliebten entgleitet, bevor ihn die schwarze Tiefe verschlingt. Nur, kaum dass ich anfange zu knatschen und von der Frage erdolcht werde, wann ich denn das letzte Mal diese Art der Verbundenheit gespürt habe, kommt mir eine realtiv junge Erinnerung in den Sinn, und das ist mein Leben mit Twitter.

Zumindest am Anfang war dieser Kult der Twitter-Enthusiasten all das, was der Neubeginn in der Oberstufe verhieß: Neue Chancen für alle! Offenheit für alle! Liebe für alle! Wehmütig denke ich an die Twitter-Parties im kleinen Kreis (100-200 Leute) zurück, wo man sich nicht erst groß kennen lernen musste, weil man jeden bereits als „Idee“ kannte – und liebte. Der Vater dieser Parties war Huck Haas, “der erste Mensch auf Twitter” (Neueß Conversationslexicon). Da war die bezaubernde Muserine mit ihrem Emo-Witz, und Sir Schlenzalot trug wirklich Schlangenhosen! Man berührte, umarmte, küsste und liebkoste seine Vorstellungen von den „Charakteren“, die zugegen waren. Was nicht zur Idee passte, trotz aller Verschiedenheit durch das Menschsein verbunden zu sein, haben wir ausgeblendet. Nicht weil wir dumm waren, sondern weil wir es konnten. Es war eine Form der Großzügigkeit, ein Vorschuss an Vertrauen, der eine größere emotionale Ausdrucksfreiheit ermöglichte. Und das erzeugte eine Wärme im Bauch, dass man meinte, in einer Broschüre der Zeugen Jehovas zu sein.

Warum also sitze ich heute trübselig am Teich und trauere um meine Jugendjahre, wenn ich mich vor nicht allzu langer Zeit ähnlich gut aufgehoben gefühlt habe? Warum bedeutet „Twitter-Party“ nicht mehr Liebe, sondern Angstschweißen und Stress?

Vermutlich wäre es mir in der Oberstufe damals, wenn ich in dieser Stadt hätte bleiben können, ähnlich ergangen wie mit “Menschen bei Twitter”. Ein Budenzauber, egal von welcher Art,  kann oft von einem einzigen Kleingeist zunichte gemacht werden. Es gibt Neider, denen die Harmonie nicht passt und Menschen, die ihre Dummheit nicht für sich behalten können. Und auch wenn niemand den Miesepetern in ihrem Hass so recht folgen mag, ertappt man sich früher oder später bei Gedanken wie: „Wenn die da hingeht, geh ich da nicht hin.“ oder: „Ich geh nur hin, damit die nicht hingeht“, etc. und schon ist man wieder 14 und dümpelt in der Brühe emotionalen Elends. Danke, Party-Pooper! Die Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass es nahezu unmöglich ist, einem Twitter-User ein Geheimnis anzuvertrauen. Er wird es mit hundertprozentiger Sicherheit ausplaudern, und das ohne jeden bösen Willen. Die Offenheit, die am Anfang jeder Twitter-Begegnung steht, verführt dazu, sich gegenseitig kleine Geheimnisse und pikanten Gossip anzuvertrauen. Man meint, sich sehr gut zu kennen, schließlich trifft man sich öfter in der Timeline, als man seinem Partner in der Küche begegnet, da schaltet man automatisch in einen Dunkelmunkelmodus. Genauso leicht fällt es, die anvertrauten Geheimnisse auszuplaudern, denn so gut kennt man sich dann doch wieder nicht, dass man das nicht bringen könnte, so die Rationalisierung. Und was Internetbekanntschaft X mir über Internetbekanntschaft Y erzählt hat, kann ich doch auch den Anderen verraten, ohne dass es mir moralisch auf dem Magen liegt. „Ist ja nur Internet.“

Was machen aus den Erfahrungen mit Menschen und Twitter? Ist es naiv, an Offenheit und Liebe zu glauben, an Liebe durch Offenheit? Führt alles zu Enttäuschung und Schmerz? Sollte man den raren Augenblick einfach gedankenlos umarmen, weil die Momente, in denen alle nicht anders können, als OFFEN drauf zu sein, so selten sind?

Nach Menschen und Profilen habe ich mir jedenfalls wieder eine neue Glücksquelle erschlossen: die Tiere. Ich könnt sie alle so knuddeln!!!! For now.

Mal sehen…

Wrintheit Folge Soundso

7 Apr

Heute mit Themen!

Die Folge könnt ihr euch gratis bei Holger abholen.

:-)

Und abermals krähte die Wrintheit

24 Mrz

Die dritte >> Wrintheit mit kranken Hauptdarstellern und einer Handvoll halbsteifer Fragen.

Zum Trost dieses ästhetische Foto von einem ermordeten Fisch.

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Wrintheit, die Zweite.

10 Mrz

Auch heute breite ich meine Schürze unter dem Himmel aus, an dem eure spendenwütigen Gesichtchen prangen.
Die Einnahmen dieser Sendung werden eines Tages meine Rhönrad-Geburt finanzieren.
Große Freude bereiten mir derweil ganz konkrete Gaben.

Elgeh,
Eure Alexandra

Den Podcast gibt es bei Holger.

Foto

 

PS: Mein wärmster Dank geht an alle, die mir nach der ersten Sendung schöne Sachen haben zukommen lassen. Ihr erfüllt mein Herz mit Knisterbrause und vernichtender Liebe

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Die neue Wrintheit mit Holgi und mir!

24 Feb

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“Hi, Fans!” Ich mache nun alle zwei Wochen eine reaktionäre Live-Sendung mit Holger Klein.
Dies ist der Hut.
Von euren Spenden kaufe ich mir anständige Kleidung.
Außerdem habe ich eine Wunschliste auf amazon.
Den Podcast gibt es hier.
Adieuse!

Knustpod: Gewäsch und Eitelkeit

22 Feb

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Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden. 


Mitschrift:

Seit uns das Fell abhanden kam, pflegen wir unsere Körper. Der Mensch – nichts als Eitelkeit und Gewäsch? Schon Aristoteles wusste: Worüber man nicht gleiten kann, darüber muss man pudern. Und heute? Sind Beautyblogs und Schminkvideos tatsächlich eine Erfindung des Internets, eine Krankheit der vernetzten Zivilisation? Auf den Schwingen der Kunst reisen wir diesmal zu den Ursprüngen reflektierter Körperpflege, in das Schönheitsgemach einer geheimnisvollen Unbekannten, die uns durchs Schlüsselloch einen Blick in ihr Badezimmer gewährt.

Alt und Neu gehen im Raum eine Symbiose ein. Zwischen Bodenfliesen mit Urzeitskrebschen und handgeknüpftem Duschvorhang-Prunk bricht sich die Moderne Bahn. Die Kloschüssel, die ihre profane Funktion hinter ausgefallenen Formen verbirgt, nimmt die beliebteste Kachelfarbe der 60er Jahre vorweg und verwandelt sich bei zugeklapptem Deckel in einen Frisiersessel mit Konsole. Das Badezimmermöbel gegenüber wurde eigenmächtig und schief zusammengeschraubt. Womöglich wollte der Künstler damit die Nachwelt vor Ikea warnen. Mit seinen Pfeilern aus Deko-Geschwür verweist der Schminktisch auf die Geringschätzung des Praktischen und den Vorrang des schönen Scheins. Dieses Badezimmer ist gewiss keine Wellness-Oase, und doch finden eine ganze Frau und ihr Modehund darin Platz. Dem Tier mit der Chabo-Frisur wurde jeder Jagdinstinkt ausgetrieben. Es hat nur ein Begehren: seinem Frauchen wohlrationierte Stücke Klopapier von der Rolle zu reißen. Dabei ist der  Schwanz demütig in die Leistengegend geklemmt, an seiner statt lässt der Hundling das Klopapier-Banner baumeln. Die junge Frau zollt dem kurzlebigen Tier Respekt, indem sie es mit Leopardenfell-Moden bekleidet.

Die Abgebildete ist Hedwig B. : Ein Teenager auf der Suche nach sich selbst. Seit einer Stunde wartet sie darauf, das die weiße Föhnhaube  mit den rot glühenden Signallämpchen einen modischen Lockenhaufen herausspuckt. Im unteren Bereich steckt das Haar in zwei silbernen Glätt-Röhren. Die Idee, gegensätzliche Zustände einer Frisur zu kombinieren, findet sich noch heute im schwarz-blonden Haar-Gefieder von Hühnerfrauen.

Hedwigs schminkgeiles Antliz ist voller Hingabe. Sie ist bereit, für die Schönheit zu leiden. Da ist es nur recht, dass der Künstler den Rundspiegel hinter ihr blind retouchiert hat, um uns Betrachtern und ihr selbst den Anblick eines temporär wenig ansprechenden Hinterkopfes zu ersparen. Wenn wir Hedwig nach ihren Plänen für den Abend befragen wollen, bleibt das Bild jedoch seltsam stumm. Bis wir entdecken, wie raffiniert der Künstler unter nichtssagenden Bade-Laken einen Hinweis für uns versteckt hat: Es sind die Buffalos, deren klobige Plateausohlen sich unter dem Faltenwurf deutlich abzeichnen. Die Situation ist eindeutig: Hedwig geht feiern! Mit der einen Hand schreibt sie noch ein paar Tweets für unterwegs vor, mit der anderen kratzt sie schon das Blattgold von ihrer Beauty-Bibel, in Wirklichkeit ein pfiffig integrierter Lidschatten, mit dem sie Akzente für einen glamourösen Auftritt setzt.

Gleich wird Hedwig sich ihrer problematischen Kinnpartie zuwenden. Die Schere, die auf dem Schminktisch liegt, ist gottlob nur ein prophetisches Symbol für die plastische Chirurgie, die erst im 20. Jahrhundert aufkommen wird. Noch ist das Wichtigste die richtige Körperpflege. Hedwigs Routine entspricht der Anordnung der Kosmetik auf dem Schminktisch. Erst sorgt die rote Badeperle für Wonne in der Wanne. Anschließend wird die grüne Apothekentinktur gegen Mitesser aufgetragen. Und rechts, auf einem angeberischen Sockel, steht ein Parfum-Flakon. Bevor sie das Haus verlässt, wird Hedwig einige Tropfen davon in den Kniekehlen verreiben, um im Schweiße einer durchtanzten Nacht Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Wir hoffen, sie feiert schön. Bis zum nächsten Mal, in einer neuen Folge von Kunst für Menschen, die im Museum negativ auffallen.

Lecko mio! – Die Zunge in unseren Lebensmitteln

16 Feb

Es fiel mir erst auf, als ich alleine wohnte. In einem kleinen Zimmer, der Kühlschrank gleich neben der Matratze. Manchmal, wenn ich nach einem Schläfchen die Augen aufschlug, wanderten sie versehentlich hinauf zu dem Regal mit meinen Frühstücks-”Poppies”, und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass das linke Eichhorn (Abb.1)  mich nicht jedes Mal in Angst und Schrecken versetzte. Ebenso erging es mir mit den ZiniMini-Schleckspacken (s.u.) und irgendwann sah ich sie überall: ZUNGEN in unserem Lebensmitteln!!!

Die Zunge ist ein Ärgernis, und es zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Besonders schauderhafte Masken primitiver Völker räumten der heraushängenden Zunge reichlich Platz ein. Was den Teufel und die Schlange seit jeher so böse machte, war ihr züngelndes Tagewerk, und wenn es ein Phänomen aus den 90ern gibt, das ich nicht vermisse, dann wohl den 16-jährigen mit Zungenpiercing, der mit weit aufgerissenem Maul ungebeten in jedes Foto springt.

Die Abscheu und Faszination für die Zunge als werbewirksames Gestaltungsmittel trieb mich neulich in einen großen Supermarkt mit der Mission, alle Zungen, die mir beim Einkaufen begegnen, fotografisch zu dokumentieren. Hier die Ergebnisse:

 

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“Trick or treat, smell my feet!” – Das Halloween-Hörnchen geht um. Selbst hartgesottene Weizenpoppies katapultiert es da vor Schreck aus der Schüssel.

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Wird Bärchenwurst eigentlich aus dem Hintern dieser Tiere gewonnen? Der freche Bär mit den Krawallbrauen scheint uns jedenfalls nicht ohne Grund sagen zu wollen: “Ihr könnt mich mal!”

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Wenn man von den schlichten Oma-Pralinen absieht, behalten Katzen ihre Zungen meines Wissens für sich. Ganz anders dieses Tier, das den Eindruck erweckt, es könnte auch bellen und hecheln.

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Echt doof: Jieper auf die eigenen Innereien haben und keinen Strohhalm!

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Die Zungen von Enten stellt man sich auch eher rudimentär vor, bei Donald Duck z.B. ist es nur ein winziges Dreieck hinten im Schlund. Umso beeindruckender, was diese Limonade aus so einem Schnabel alles rausholen kann!

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Diese Orange scheint ihre Gefühlswelt mit molligen Frauen zu teilen, die sich in Dessous und mit Rose zwischen den Zähnen im Fotostudio räkeln.

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Auch stark ergrauten Frauen verleiht eine keck herausgestreckte Zunge Pep und Jugendlichkeit (vgl. Albert Einstein).

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Monster Backe!MON-STER-BACKE!

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Heute Abend schon was vor?

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Hier führt die Zunge in die Irre. Aus Erfahrung weiß ich, dass linke Süßigkeit die Geschmacksknospen wegätzt. Die Traubenzuckerperlen an den Armbändern können nur mit den Zähnen “weiterverarbeitet” werden und was die Scheiße rechts soll, keine Ahnung, aber in den Mund will ich’s mir nicht gerade stecken.

paula

Hier hängt die Kuh am Bottich wie Narziss vor seinem Spiegelbilde. Farben einer Klärgrube, Inhalt: Euterpudding. Paula will nicht so genau hinsehen (Sonnenbrille). Ohnehin ist es leckerer, sich den Schlodder von der Nase zu schlecken.

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Anders als hier suggeriert wird, empfiehlt es sich nicht, bei Minusgraden die Zunge irgendwo anzudrücken.

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Das beliebte Gesellschaftsspiel “BRAVO Traube” aus den 90er Jahren heißt auf Englisch übrigens “Grape Escape”. Die hier abgebildete Traube glotzt mich so übergriffig an, dass ich längst über alle Berge bin.

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In einem besseren Universum könnte das “the war to end all wars” des Zungenmarketings sein.

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Wer lang hat, lässt lang hängen! Ausschlag und Aussehen egal!

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Nur ein Stellvertreter für alle übrigen Zerealien, zu deren Marketing die Zunge unbedingt dazugehört (Wölfe, Hunde).

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(So stelle ich mir mein überflüssiges Körperfett vor.)

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Geifer, Sabber! Hier sehen wir den grünen Lüstling beim “Abschleppen” seiner frechen Früchtchen. Blicken wir nun durch das Schlüsselloch des Etablissements!

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Mariahilf! O_O

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WAS FÜR EIN ORGAN!

Wie ich wegen Ada Blitzkrieg anfing zu trinken

17 Dez

It was a dark and stormy night. Seit ich 2005 in Marburg aufgeschlagen und mit den Worten „Hier bleibt niemand lange allein!“ begrüßt worden war, hatte ich das Haus nur zum Studieren verlassen, und mit Studieren meine ich Soziologie, und mit Soziologie meine ich gekrümmte Typen mit Hundefrisuren, vor deren Kapitalismuskritik mir grauste, war Coca-Cola doch wie eine Mutter für mich. Das Leben war also recht trostlos, obwohl ich 2009 von glücklichen Umständen mein erstes uneheliches Smartphone empfing. Die Freude an der Vogelstimmen-App war nur von kurzer Dauer, dafür hatte ich nun hier und dort lose Kontakte zur virtuellen Welt. Ich war gerade dabei, mir aus dem Aschenbecher was Schnelles zu zaubern, als eine junge Frau namens @brainqueen ihren Besuch in der Stadt ankündigte. Aus Langeweile aneinander gingen wir in ein Café.

„Kennst du eigentlich…“ zwitscherte sie lieblich, „Bäng-Po-weh-weh-weh-weh? Ich weiß nicht wie man das ausspricht.“

„Qué?“ Ich schwitzte, war total überfordert.

„Bängpoooooh…weh! Auf Twitter! Die Alte ist so krank! SO KRANK!!!“

In Kreisen, die mich akzeptierten, bedeutete das damals so viel wie „super“. @brainqueen patschte mit ihrem E.T.-iPhone-Finger auf dem Display herum und präsentierte mir die Twitterin, an deren verraucht-dumpfen Blick aus überdimensionaler Honecker-Brille ich mich noch heute erinnere wie andere Leute an ihre Koordinaten am 11. September. Wieder in der Sicherheit meiner kahlen Wände näherte ich mich vorsichtig den Tweets der verschrobenen Krokette – nur um feuchter Augen festzustellen, dass sie wirklich “krank” war. Diese junge Frau aus Berlin war nicht Teil einer Prenzelberger Hausbau-Gemeinschaft, sondern träumte davon, in einem ausgeweideten Wal ein Spielcasino zu eröffnen. Ein zur Hälfte schwarz angemalter Rettich gereichte ihr zur FreeWilly-Actionfigur. Sie genoss es, mit Straßenschuhen im Bett zu sitzen. Die Dinge in ihrem Fokus triggerten mich ins Reich meiner zugeschütteten Phantasie. Noch am selben Abend wanderte ich seltsam lebensdurstig zur Tanke und kaufte mir mein erstes Dosenbier.

Was mich an @bangpowwww am meisten begeisterte: Sie war originell. Nicht wie die Leute, die sich gern als Charlotte Roche von VIVA2 verkleiden. Nicht wie die Penner, die jeden Blogeintrag mit „Eigentlich…“ beginnen. Sondern wirklich so herausstechend eigen, dass @mogelpony, der folgenswerteste Twitterer Deutschlands, die Feststellung machte, @bangpowwww sei vielmehr ein Genre.

2012, kurz vor Weltuntergang, hat Ada Blitzkrieg (bürgerlicher Name) ihren ersten Roman veröffentlicht. DACKELKRIEG:Rouladen und Rap.

Wäre die Johannes-Apokalypse heute entstanden, Adas dicht bewachsener Schädel wäre der Schauplatz, und darin wimmelte es von ihren Missgeburten: Von mannshohen weißen Dobermännern, muskelbepackten Glatthaarspacken, Fischen mit geilen Blasemündern und 1,85 m großen Wellensittichen. Die Hure von Babylon trüge allerlei Köpfe, z.B die von Mutter, den Kiosk-Frauen und Dr. Best inkl. „Schwingkopf“. Ajaja, Coco Jambo. Selbst ich will auf diese Party! Ansonsten geht es um eine Jugend in den 90ern, die so mitreißend, skurril und skandalös erzählt wird, dass man es nicht wagt, auch nur einen Satz zu überspringen. Und obwohl jedes einzelne Kapitel Gag-Dichte-mäßig sättigt, wollte ich mich dringend überfressen und verschlang das Ding am Stück. dackelblitz-400-0

Ada schrieb das Buch ohne Verlag und veröffentlicht es als E-Book bei Amazon. Meine Erfahrung ist, dass diese Publikationsform nur wenigen gut bekommt. Die Texte sind zu schlecht für einen Verlag und werden nicht gerade dadurch aufgewertet, dass der Autor Comic Sans Terif als Titelfont wählt. Bei Ada ist es umgekehrt. Sie ist zu gut für einen Verlag. Denn die Verlage setzen in Sachen Unterhaltung auf „Bewährtes“, also Abgedroschenes, Altbekanntes, Durchschnittliches, im besten Fall ist der Stoff „ähnlich wie…“ oder passt in ein bestimmtes Segment, oder wird eben entsprechend passend gemacht. Das könnte sehr traurig sein, gäbe es nicht Menschen, die so mutig sind wie Ada und ihren zauberhaften Rotz trotzdem raushauen im Vertrauen, dass die Leser nicht so langweilig sind wie die Statistiktorten der Marktforschung und genau das schätzen, was ich als ihr herausstechendstes Markenzeichen empfinde: ihre Unvergleichbarkeit. Das Buch kostet 3,99€ und es macht schon wegen des fairen Preises Spaß, es zu laden. Probiert es aus!