Wrint-o-licious!

22 Sep

Hier geht’s zur Sendung!

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WRINT trifft Dr. Sommer

1 Sep

Echte Dr. Sommer Fragen aus den Jahren 1980-1993! Wir haben sie noch einmal gestellt – und beantwortet.
Wo gibt’s denn sowas? Bei Holgi natürlich. Viel Spaß!

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Mein Leben als Pferdemädchen – Eine Verfallsgeschichte

31 Jul

Über meinen Lebenslauf kann ich nicht klagen. Ich war Fotomodel für Hamsterbacken, Jugendsprengmeisterin ‘94 und zuletzt Mutter eines massenproduzierten Äffchens. Gern und gründlich gebe ich mit meinen Errungenschaften an. Es gab jedoch eine Rolle in meinem Leben, über die ich bislang geschwiegen habe: Ich war ein Pferdemädchen.

Wo ich herkomme, kannte man Pferde nur mit gigantischen Hintern und quadratischen Lederbrillen; reizlose Heinos vor der Fuhre, die allenfalls von Fliegen umschwärmt wurden. In Pferde „vernarrt“ sein? Please. In Polen auf dem gemeinen Land so unvorstellbar wie Katzenklos und käufliches Hundefutter! Die Verwunderung meiner Eltern war also unendlich, als ich ihnen meine Liebe zu Pferden offenbarte und den Wunsch anmeldete, das Reiten zu erlernen.

Wie kam es zu diesem rätselhaften Verlangen? In den Tiefen meines Privatarchivs dümpelt das älteste Dokument zum Thema; die Oktober-Ausgabe der „Minnie“ (1991), eine Art Micky Maus für Mädchen in der Vorpubertät. Minnie schlägt mir, einer Viertklässlerin, ganz frech einen Beruf vor, von dem ich noch nie etwas gehört habe: Pferdezüchterin! Erfahren in der Zucht von Ranzen-Schimmel, lag der Sprung zum Gestüt für mich durchaus im Rahmen des Vorstellbaren.

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Wahre Begebenheiten bestärkten mich in meinem Vorhaben. Es trug sich nämlich zu, dass ich mich mit einem Mädchen angefreundet hatte, das neben Judo und Kinder-Yoga auch Pferdesport trieb. Der Tag, an dem sie mich auf den Pferdehof mitnahm, war der schönste meiner ganzen Grundschulzeit. Am lang ausgestreckten Arm ließ ich die viel zu großen Pferde von meiner Zitterhand Zuckerwürfel schlabbern. Ich sah meiner Freundin bei der Reitstunde zu, und danach durfte ich selbst aufs Pferd. Drei Runden an der Longe. “Die Stunde 25 Mark”, informierte der Lehrer mich nüchtern. Ich fiel zerknirscht aus dem Sattel. Mein Taschengeld variierte zwischen 50 Pfennig und 2 DM die Woche. Ich rechnete aus, dass ich mir von meinem “Jahresgehalt” gerade mal vier Reitstunden leisten konnte. Und das Geld brauchte ich für die Zeitschriften-Trias Wendy, Conny und Lissy – und natürlich für Pferde-Sticker-Tüten. Das Album war ja noch lange nicht voll, die Pferderassen samt Herkunft, Wampenumfang und Mähnendynamik längst noch nicht alle auswendig gelernt. Und zu allem Überfluss wurde im TV gerade für eine neue Heft-Reihe namens “Pferde” (Sammel-Ordner inklusive!) geworben, in der es richtig zur Sache ging:

Wo drückt der Huf? Wie ist ein Sattel aufgebaut? Welche Turnübungen kann man zuhause machen, um auf dem Pferderücken Pirouetten drehen zu können? Und wie heißen eigentlich all die faszinierenden Dingelhopper, mit denen man Scheiße und Dreck vom Pferd bürstet? Ich sag’s euch: sie hießen “Hufkratzer”, “Striegel” und “Kardätsche” und dieses Wissen gab mir nicht nur das Gefühl, die jüngste Pferdezüchterin Deutschlands zu sein. Ferne Ponys riefen nachts durch das Pferdekopf-Kissen in mysteriösen Elfenstimmen nach mir. “Wir brauchen dich! Du musst eine von uns werden!”

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Obwohl ich mittlerweile regelrecht selbst zum Pferd mutierte, fanden meine Eltern kein Verständnis für mich in ihren verkümmerten Herzen. Davon zeugt dieser von dicken Tränentropfen gewellte Tagebuch-Eintrag:

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Vielleicht das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass mein Vater mir vor nicht allzu langer Zeit eine vielversprechende Andeutung gemacht hatte.

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Zunehmend wurde ich der Familie zum Gespött. „Ein Pferd will sie haben – ahahah! – ein Pferd! Wo stellen wir das denn hin, hm? In die Badewanne vielleicht? Auf den Balkon?“ Nicht mal meine Träume von einer Karriere als Jockey ließen sie gelten. „Die Körpergröße für einen Jockey hast du überschritten als du 9 warst! Jockey will sie werden! Dieser Elefant! Bruahaha!“ Tränen liefen über meine Wangen, Tag und Nacht. Wie sollte es bloß weitergehen mit mir und den Pferden?

Nun, ich war nicht von gestern und blätterte heimlich in den Selfhelp-Büchern meiner Mutter, die alles von Louise L. Hay bis Anthony Robbins verschlang. Deshalb wusste ich: Wenn du kein Geld hast für eine Villa, kauf dir schon mal den Hammer. So sagst du deinem Unterbewusstsein, dass du es ernst meinst. Sag auch dem Kosmos bescheid, denn der Kosmos ist auf deiner Seite. Und dann such dir Leute, die an dich glauben. Zum Beispiel weil sie vier Jahre jünger sind als du und jeden Scheiß mitmachen, den die große Schwester vorschlägt. So nahm ich Kontakt zu meinem Bruder auf, mit dem bis dato nicht viel anzufangen war.  Wir bauten uns zwei Pferde aus Sofakissen, um die wir Bademantelgürtel festzurrten, das waren die Zügel. Wischmob-Aufsätze gereichten zu prächtigen Mähnen. Schlaffe Käppis der Marke „Werbegeschenk“ taugten fürs erste als Reitkappen. Als Hindernisse nahmen wir Bücherstapel. So ausgestattet konnten wir endlich Bibi Blocksberg Folge 47 – „Das Reitturnier“ – nachspielen.

So oft, wie ich diese Kassette gehört habe, hätte mir dieser ganz bestimmte Ton auffallen müssen, der da auf dem Reiterhof herrschte. Der warnende Ton der Zicke Cornelia und ihrer Freundinnen Vanessa, Melissa, Patrizia. Jener Ton der ausgrenzenden Überheblichkeit, der die Pferdemädchenszene bestimmt. Aber ich hörte ihn nicht.

Stattdessen machten meine polnischen Freundinnen und ich uns auf die Suche nach den echten Cornelias und Vanessas und bettelten würdelos um eine Anstellung als Pferdepflegerin auf ihren Koppeln. Die ließen sich nicht zweimal bitten. Wenn die dummen Aussiedler unbedingt Pferdeäpfel durch die Gegend karren wollten, bitteschön! Wir besuchten die Pferde also jeden Tag, kratzten ihnen die Hufe und misteten die Ställe aus, immer in der Hoffnung, mit einer winzigen Reitgelegenheit belohnt zu werden. „Bitte, Vanessa! Nur einmal draufsetzen!“ Aber die Vanessas und Melissas sahen gar nicht ein, warum sie uns auf ihren Pferden reiten lassen sollten. Wir *durften* dem Mist ihrer Lieblinge ganz nah sein, was wollten wir denn mehr? Und so ging auch diese Strategie nicht auf.

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In der fünften Klasse war dann Schluss mit meiner Geduld. Zum ganz persönlichen Wunsch nach Pferdenähe gesellte sich nun der Druck der Sozialisationsinstanzen. Mindestens vier Mädchen gab es in meiner neuen Klasse, die mit Gerten und Peitschen in die Schule kamen und einem Reiterhelm überm Arm. Weil sie gleich nach der Schule zum Reiten “mussten”. Dass diese Mädchen von allen Jungs ausgelacht und verarscht wurden, hatte keinen Einfluss auf mich. Schließlich las ich schon die BRAVO, ein Jugendmagazin, das die Jungs ihrer verzögerten Entwicklung wegen erst in zwei Jahren KAPIEREN würden, und da stand 1992 überdeutlich drin, dass Reiten GEIL ist.

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 Nach langem Suchen fand mein Vater endlich eine Reitschule, die nur 12 DM die Stunde verlangte. Das war immer noch irre viel für unsere Verhältnisse, aber ich schätze, dass es meinen Eltern wert war, schließlich bestand die Chance, dass mir das alles gar nicht gefallen würde, und in diesem Fall hätten sie endlich Ruhe von mir und den Pferden – für immer!

Vor der ersten Reitstunde fuhren wir ins Reitbedarf-Geschäft und kauften dort eine lange Gerte, die tolle Sausgeräusche machte, und einen Reithelm, dessen unattraktiver Kinnschutz mich ziemlich desilussionierte. Zudem hatten wir einen Kompromiss ausgehandelt. Meine Eltern würden für die Reitstunden nur aufkommen, wenn ich auf das professionelle, völlig überteuerte Reiter-Equipment verzichten würde, d.h. normale Gummistiefel statt Reitstiefel mit Sporen, und statt der Reiterhose mit schicken „Reiblappen“ an Arsch und Innenseiten nur eine etwas dickere Leggins. Dazu ein T-Shirt von C&A. Ich sah aus wie ein dahergelaufener Stallknecht, und das dürftige Outfit erfuhr keine Verbesserung dadurch, dass ich mein Haar mit einem regenbogenfarbenen „Scrunchie“ bändigte.

Zur ersten Reitstunde erschien ich mit meinem Vater, der sich gleich mit der Videokamera am Eingang zur Halle positionierte. Die Reitlehrerin verfügte über einen langen blonden Zopf und minimalistische Mimik. Ihre Wangen waren gerötet von der Strenge einer sportlichen Lebensweise und sämtliche Befehle, die sie meinem plumpen Körper erteilte, klangen nach Verärgerung und Enttäuschung. Ich spürte gleich, dass sie nie meine Mama werden würde, denn sie akzeptierte mich nicht als ihresgleichen. Das kleine Pferd, das die ganze Last meiner Ungelenkigkeit zu spüren bekam, ließ einige Äpfel fallen, mindestens zehn an der Zahl. Alles auf Video. Zuhause machten mein Bruder und ich uns einen Spaß draus, an dieser Stelle langsam zurückzuspulen und die Äpfel zurück ins Pferd springen zu lassen.

Nein, Reiten war nichts für mich, Reiten, das waren Kniebeugen zu Pferd. Ich wusste es nach der ersten Stunde, wollte mir aber keine Blöße geben, darum zwang ich mich noch einige Wochen lang zum Reitunterricht, ging die fünf Kilometer nach einem langen Schultag zu Fuß, und genoss eigentlich nur den Schluss, wenn ich das Pferd zurück in die Box führen, absatteln und putzen konnte. Mit hochrotem Kopf, einem seltsamen Ausschlag auf den Lippen, tränenden Augen und Dauerniesen wegen Heu-Allergie und gerümpfter Nase, denn wenn ich ehrlich sein sollte, roch es in den Ställen gar nicht so himmlisch, wie ich meiner dauerskeptischen Mutter immer weißzumachen versuchte.

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Der Abschied vom Hof fiel mir nicht schwer. Freundschaften hatte ich keine geschlossen, vielmehr fühlte ich mich jedes Mal wie ein lästiger Eindringling, der die eingeschworenen Zicken-Cliquen nur irritierte.

In den Sommerferien, nach meiner letzten Reitstunde, die die Reitlehrerin mit einem erleichterten Seufzer quittierte, fuhr ich auf eine Jugendfreizeit nach Frankreich, Biscarosse. Es war 1994. Ich machte Bekanntschaft mit Gruftis und Punks. Kurt Cobain war mit seinem Leben am Ende und ich mit meiner Liebe zu Pferden.

Habt ihr auch Erfahrungen als oder mit Pferdemädchen gemacht? Dann bloggt darüber!
Anne, die ihrerseits eine schmerzlich treffende Geschichte zu erzählen hat, wird alle Beiträge sammeln.
Und ich freue mich, wenn ich es soziologisch auswerten darf! :D

 

Wrintvieh

21 Jul

Willkommen im Spendentöpfchen!

Die spritzig-fräsche Sommerfolge gibt es bei Holgi! 

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Wrint-Ei von glücklichen Hühnern

7 Jul

Die leider vorzeitig verunglückte Folge vom Lande gibt es bei Holgi.

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Wrintheitsmonopol

23 Jun

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Die Folge gibt’s bei Holgi!

Wrintos – The Freshmaker!

9 Jun

Nach vier Wochen Stille wrintete es wieder sehr.
Hier hängt der Jutebeutel für liebe Spenden, die Folge gibt’s wie immer bei Holgi.

In other news: Mein selbstgehosteter Podcast “In trockenen Büchern” ist endlich da!

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Abrahams Wrint-Kesselchen

12 Mai

Dies ist der Junge.

Abb.: Militärischer Einsatz von Todesquallen!
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Afghanischer Wrint-Hund

28 Apr

Bei Holger liegt wieder eine neue Sendung.

Hier steht der Napf für eure Spenden. Mit jedem Klick äußert ihr Respekt für die abgebildete Hundesorte.

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Dieses Tier wurde Kolorationsopfer einer Asi-Friseuse. Ihr Name: Natur. >:-(

Ein warmer Fluss – Erinnerungen an Menschen und Twitter

20 Apr

In meiner Nähe gibt es einen künstlichen Teich. Er liegt zwischen Neubauten mitten im Grünen und bietet viele saubere Sitzgelegenheiten. Der Ort ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Ich bin auch gerne dort; allein, beobachtend und innerlich zerrissen. Wenn ich nah ans Ufer trete, sehe ich Bewegungen unter der Oberfläche, nur mein Spiegelbild rührt sich nicht. Manchmal, wenn mein Blick länger auf den Jugendlichen verweilt, fühle ich die Anwesenheit von etwas Vertrautem. Es ist so nah, dass ich es riechen kann. Eine Erinnerung, deren Intensität die Sinne verwirrt. Ich habe den Geschmack dieser unwiederbringlichen Zeit im Mund, als Freundschaft etwas Selbstverständliches war, und Kommunikation ohne große Anstrengung passierte.

Es war 1996 und ich war kein Kind mehr, was so viel bedeutet, dass mein MickyMaus Abo nicht verlängert wurde.  Als polnische Migrantin in Deutschland sehnte ich mich nach einem sicheren Ort zwischen den beiden Welten, in denen ich mich zwangsläufig bewegte. Die Tugenden und Ideale der einen waren die Laster und das Unerwünschte der anderen. Wofür ich in der einen Welt gelobt wurde, dafür wurde ich in der anderen bestraft. Es musste einen Zwischenraum geben, wo es erlaubt war, die Widersprüche der Sozialisation zu überwinden. Diesen Ort fand ich hinter Turnhallen, Schwimmbädern und Supermärkten, auf Hintertreppen und im wilden Gestrüpp. Nach der Schule traf ich dort meine beste Freundin. Tag für Tag, die Kippen immer in der verwaschenen Innentasche der Jeansjacke von Levis. Ein entwurzelter Baumstamm war für uns die Welt. Ein Baumstamm hinter dem Schwimmbad, am Fluss, im Gebüsch. Wir führten ein kleinkariertes Buch über unsere Gedanken, das wir einander täglich zum Lesen überreichten. Die Seiten waren so eng beschrieben, dass zwei bis drei Buchstaben in ein Kästchen passten. Wir füllten den ganzen Raum mit uns aus. Wir schrieben, wie wir redeten: ausufernd und überbordend, ohne Angst vor Begrenzungen. Mit jeder Zigarette sog ich das selbstbestimmte Leben ein, auf das ich zu Hause, wo Unverheirateten keine Privatsphäre zustand, nicht das Recht hatte. Heim gingen wir erst, wenn die Schachtel leergepafft war. Vor dem Schlafengehen bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor, indem ich das Buch unserer Freundschaft erneut füllte. Dabei war meine Freundin, aus rechtlichen Gründen nenne ich sie Marzena, ganz anders als ich. Sie konnte sich Naturlocken um den Finger wickeln, ich hatte nur dünne Fäden am Kopf. Alles an ihrem knochigen Körper sah „heiß“ aus, während ich in denselben Klamotten, im Spiegel der geteilten Umkleidekabine, eine einzige Mangelerscheinung war. Marzena hatte engstehende kleine Augen, eine spitze Nase, ein etwas zu stark hervortretendes Kinn. Die Zähne sehr ebenmäßig und gerade, Zeichen eines willensstarken, durchsetzungsfähigen Bisses. Und jede Woche eine andere Männerhand unter dem T-Shirt, in der Hose, immer andere Zungen im Mund. Im Park, im Kino, in den Schultoiletten an leeren Nachmittagen, in unserem Buch nahm sie mich mit. Bildschirmfoto 2013-04-20 um 20.22.56

Meine Augen waren groß, aber dadurch nicht ausdrucksstark, dafür bekam die Nase einen immer ausdrucksstärkeren Höcker. Und meine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hat später ein Klassenkamerad in einem Gedicht für mich gut zusammengefasst: „She loves guys with long hair / but for them she‘s only air.“  Die Freundschaft zu Marzena zog mich im selben Maß runter, wie sie mich aufzubauen vermochte. Aber unterm Strich wollte ich tot sein.

Ich wusste nie, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Meine Eltern sind von Natur aus keine Netzwerker, die große Parties veranstalten oder besuchen würden. Selbst wenn sie es wären: In Deutschland stand der Zähler sozialen Kapitals erst einmal auf Null. Und daraus folgte die Unsichtbarkeit, ein gesellschaftlicher Nicht-Status. Das dorfgemeinschaftliche Man-kennt-sich verlieh den Einheimischen und Alteingesessenen eine Selbstverständlichkeit, die wir als eingewanderte Familie nie haben würden und die ich, obwohl mit größerem Integrationspotenzial gesegnet als meine Eltern, auch nicht ohne Weiteres würde erreichen können. Wie denn auch? Dabeisein war nicht alles. Man brauchte eine Daseinsberechtigung. Und die hatte man aufgrund von drei Generationen Schützenverein und einem Reihenhaus in „guter Gegend“. Dementsprechend fehl am Platz fühlte ich mich auf Gartenparties und Übernachtungsbesuchen, auch wenn ich durchaus willkommen war. Hätte man mir sonst ein Yakult auf den Frühstücksteller gestellt?

Die neunte und zehnte Klasse habe ich irgendwie überlebt. Dann kam die Oberstufe. Von einem Tag auf den anderen wurden Gewissheiten umgeblasen. Als die Schulklassen aufgelöst wurden, um zu einer Stufe zu verschmelzen, erwies sich alles, was ich über die Unmöglichkeit von Zugehörigkeit gedacht hatte, als überdramatischer Teenager-Blödsinn. Vorher war jede andere Klasse ein anonymes, monströses Wesen, jeweils zusammengesetzt aus einer einzigen Menschensorte. Klasse A brachte nur Muttersöhnchen und brave Mädchen hervor, die nie aus ihren Kindercordhosen herauswachsen würden. In Klasse B schienen alle über 1,80 zu sein. Klasse C war die eigene und damit die einzige, die aus Individuen bestand, und in Klasse D waren die ganzen Asis mit Baseball-Jacken drin, frühreif und Bandenmitglieder. Nun, da alle zusammen in einen Topf geworfen worden waren und jedes Fach in anderer Konstellation stattfand, verpuffte alles, was man übereinander zu wissen meinte, im anbandelnden Schulhof-Geschnatter. Von den Real- und Gesamtschulen kamen Schönheiten mit grünen Augen, Kopftuchmädchen, frisch geschlüpfte Schwule und literaturbegeisterte Jungs mit dreistelligem IQ. Es kamen neue Lehrer, die nicht wussten, dass ich „aus Polen komme“ und mir eine Wertschätzung entgegen brachten, die ich nicht gewohnt war. Keine amüsierten, in ihrer Ignoranz bemerkenswert wissenden Klassenlehrerblicke mehr, die mich zum Dummkopf abrichteten und einen Mangel an Selbstbewusstsein für das Fehlen von Persönlichkeit hielten. Kein Erröten mehr, wenn ich etwas gefragt wurde. Ich trug das Herz am rechten Fleck, es rutschte mir weder in die Hose noch kam es mir pochend hoch. In den Pausen stand man cliquen- und klassenlos in der Raucherecke, teilte seine Zigaretten mit den Älteren wie mit den Neuen, und fragte sich unentwegt, wie einem diese wunderbaren Menschen, mit denen man jetzt leicht und locker ins Gespräch kam, nur so lange hatten entgehen können.

Ich weiß noch, wie der Gesang der Bäume sich in diesen wenigen Monaten veränderte. Am Anfang waren es graue Säulen, die so viel größer waren als ich. Ihre Äste unerreichbar, die Kronen rauschten bedrohlich, während der Wind mich in die Schule trieb. Als wir alle auf einmal begannen, uns dem Neuen und Anderen zu öffnen, hat das eine Stimmung geschaffen, die mich in einen anderen Daseinszustand versetzte. Die Bäume raschelten nicht mehr, als würden sie mich scheuchen, husch husch,was hast du hier zu suchen, lauf! Das Wogen der Äste hatte so viel Zärtlichkeit wie eine Hand, die einem über das Gesicht streicht. Die Bäume spendeten Schatten, die Blätter filterten das Licht, in dem ich gewärmt war, von dem ich umhüllt war wie von einer schützenden Decke. Nach einer durchgemachten Party, kurz vor den Sommerferien, schlief ich unter so einem Blätterdach, auf einer Brücke, die von der einen zur anderen Schule führte. Eigentlich war es nur ein hölzerner Steg über einen plätschernden Bach. Ich lag zwischen meinen neuen Freunden und ihren Rucksäcken. Wir verschliefen die ersten Stunden Bio-Chemie mit einer paradiesischen Gleichgültigkeit. Andere mögen uns mit verwunderten Blicken gestreift haben, aber wir rückten nur näher zusammen und berührten einander. An den Händen, an den Haaren. Alles war ein warmer Fluss, der mich trug, ein Leben auf Beruhigungstablette. Kein Kampf mehr, keine Flucht, nur ein selbstverständliches Fließen mit dem Strom guter Gefühle.

Denke ich heute daran zurück, kommen mir Tränen, die herrühren von der Erfahrung des Guten, das man zu lange entbehrte. Das erste Jahr in der Oberstufe war ein himmlischer Zustand, eine surreale Utopie. Ich hatte keine Gelegenheit, diese Empfindung zu entzaubern. Bald musste ich in eine andere Stadt ziehen.Meine Schlafträume führen mich immer wieder in diese Zeit und an diesen Ort und zu diesen Menschen zurück. Durch die saftgrünen Wipfel der Bäume falle ich aus meinem einsamen Leben in ihre offenen Hände. Ich spüre den festen Griff des Mädchens, das mich auffing, als ich betrunken war. Sehe das Funkeln in ihren Augen, weil ich „Wonderwall“ spielen konnte auf meiner Gitarre. Ich drücke mich an die Jungs in ihren Slipknot-Hoodies, schnuppere ihr Rasierwasser, rieche die Veränderung, das plötzliche Vertrauen zwischen uns.

Wenn ich aus diesen Träumen erwache, bin ich Kate Winslet neben der sinkenden Titanic, der die Hand des Geliebten entgleitet, bevor ihn die schwarze Tiefe verschlingt. Nur, kaum dass ich anfange zu knatschen und von der Frage erdolcht werde, wann ich denn das letzte Mal diese Art der Verbundenheit gespürt habe, kommt mir eine realtiv junge Erinnerung in den Sinn, und das ist mein Leben mit Twitter.

Zumindest am Anfang war dieser Kult der Twitter-Enthusiasten all das, was der Neubeginn in der Oberstufe verhieß: Neue Chancen für alle! Offenheit für alle! Liebe für alle! Wehmütig denke ich an die Twitter-Parties im kleinen Kreis (100-200 Leute) zurück, wo man sich nicht erst groß kennen lernen musste, weil man jeden bereits als „Idee“ kannte – und liebte. Der Vater dieser Parties war Huck Haas, “der erste Mensch auf Twitter” (Neueß Conversationslexicon). Da war die bezaubernde Muserine mit ihrem Emo-Witz, und Sir Schlenzalot trug wirklich Schlangenhosen! Man berührte, umarmte, küsste und liebkoste seine Vorstellungen von den „Charakteren“, die zugegen waren. Was nicht zur Idee passte, trotz aller Verschiedenheit durch das Menschsein verbunden zu sein, haben wir ausgeblendet. Nicht weil wir dumm waren, sondern weil wir es konnten. Es war eine Form der Großzügigkeit, ein Vorschuss an Vertrauen, der eine größere emotionale Ausdrucksfreiheit ermöglichte. Und das erzeugte eine Wärme im Bauch, dass man meinte, in einer Broschüre der Zeugen Jehovas zu sein.

Warum also sitze ich heute trübselig am Teich und trauere um meine Jugendjahre, wenn ich mich vor nicht allzu langer Zeit ähnlich gut aufgehoben gefühlt habe? Warum bedeutet „Twitter-Party“ nicht mehr Liebe, sondern Angstschweißen und Stress?

Vermutlich wäre es mir in der Oberstufe damals, wenn ich in dieser Stadt hätte bleiben können, ähnlich ergangen wie mit “Menschen bei Twitter”. Ein Budenzauber, egal von welcher Art,  kann oft von einem einzigen Kleingeist zunichte gemacht werden. Es gibt Neider, denen die Harmonie nicht passt und Menschen, die ihre Dummheit nicht für sich behalten können. Und auch wenn niemand den Miesepetern in ihrem Hass so recht folgen mag, ertappt man sich früher oder später bei Gedanken wie: „Wenn die da hingeht, geh ich da nicht hin.“ oder: „Ich geh nur hin, damit die nicht hingeht“, etc. und schon ist man wieder 14 und dümpelt in der Brühe emotionalen Elends. Danke, Party-Pooper! Die Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass es nahezu unmöglich ist, einem Twitter-User ein Geheimnis anzuvertrauen. Er wird es mit hundertprozentiger Sicherheit ausplaudern, und das ohne jeden bösen Willen. Die Offenheit, die am Anfang jeder Twitter-Begegnung steht, verführt dazu, sich gegenseitig kleine Geheimnisse und pikanten Gossip anzuvertrauen. Man meint, sich sehr gut zu kennen, schließlich trifft man sich öfter in der Timeline, als man seinem Partner in der Küche begegnet, da schaltet man automatisch in einen Dunkelmunkelmodus. Genauso leicht fällt es, die anvertrauten Geheimnisse auszuplaudern, denn so gut kennt man sich dann doch wieder nicht, dass man das nicht bringen könnte, so die Rationalisierung. Und was Internetbekanntschaft X mir über Internetbekanntschaft Y erzählt hat, kann ich doch auch den Anderen verraten, ohne dass es mir moralisch auf dem Magen liegt. „Ist ja nur Internet.“

Was machen aus den Erfahrungen mit Menschen und Twitter? Ist es naiv, an Offenheit und Liebe zu glauben, an Liebe durch Offenheit? Führt alles zu Enttäuschung und Schmerz? Sollte man den raren Augenblick einfach gedankenlos umarmen, weil die Momente, in denen alle nicht anders können, als OFFEN drauf zu sein, so selten sind?

Nach Menschen und Profilen habe ich mir jedenfalls wieder eine neue Glücksquelle erschlossen: die Tiere. Ich könnt sie alle so knuddeln!!!! For now.

Mal sehen…