Betreutes Lesen (9) – “Tag des Herrn”: Die Polen und der liebe Gott

1 Dez

Iberraschunck!!! Mein betreutes Lach- und Sachprogramm ist wieder da! Leser von „Sitzen vier Polen im Auto“ erfahren wieder Kapitel für Kapitel, welche schrecklichen Wahrheiten hinter der Textwand lauern. Heute ein Thema, an das jeder denkt, wenn er an Polen denkt: Der Katholizismus. Im neunten Kapitel besucht die polnische Familie zum ersten Mal eine deutsche Sonntagsmesse und es ist ein größerer Kulturschock als Wohlhabende in zerrissenen Jeans: „Papa drückte die Klinke herunter, und wir erschraken beinahe, als keine Wand aus schwitzenden Rücken uns zurückdrängte. War die Kirche etwa so geräumig, dass alle Gläubigen hineinpassten? Im nächsten Moment stellten wir fest, dass kaum jemand da war. Die Kirche war so spärlich gefüllt, dass manche Bänke komplett leer standen, und wo sie besetzt waren, da reckten kleine ergraute Menschlein ihre Schildkrötenköpfe nach uns, als wären wir die ersten Besucher seit Hunderten von Jahren.“

1989, als wir Polen verließen, war der Besuch der Sonntagsmesse weniger Muss als eine Selbstverständlichkeit. Dieser Teil der Woche war aber viel mehr als Ausdruck von Frömmigkeit. Der Kirchhof war ein Treffpunkt für Familien, Nachbarn, Freunde und Schulkameraden. Hier wurden Kontakte geknüpft, gepflegt und gestaltet. Das Kirchenschiff war ein Catwalk, auf dem man seine beste Kleidung präsentieren konnte, hohe Absätze klackten, damenhafte Duftwolken zogen durch die Gänge. Die Kirche bildete auch das Zentrum sozialer Kontrolle. Wenn einer mal fehlte, fiel das allen anderen auf. „Sie war nicht in der Kirche…“ war ein Satz wie „Ich habe gehört, dass sie Drogen nimmt.“ Es ging also darum, Präsenz zu zeigen. Jeder Messebesuch war auch eine Bestätigung an die Gemeinde, dass man Teil von ihr war und nicht ausgeschlossen werden wollte. Die sozialen Funktionen des Kirchenbesuchs in ländlichen Gegenden mit kleinen Ortschaften, wie sie in Polen nun einmal dominieren, müssen bedacht werden, bevor man leichtfertig von der befremdenden Frömmigkeit der Polen spricht. Obwohl es natürlich auch an Frommen, Ultras und Fundis nicht fehlt.

Meine Erziehung war aus heutiger und westlich-aufgeklärter Sicht eine religiöse Indoktrination, was ich freilich überhaupt nicht als schlimm empfand, weil andere Kinder (meistens von ihren Großmüttern) genauso erzogen wurden und die Alternative, an andere Götter oder gar an keinen Gott zu glauben, nicht zur Verfügung stand. Die folgende Zeichnung stammt von meinem dreijährigen Ich (Mutters Zitate-Kalender, 1984):

Links ein Kreuz, das unmissverständlich klar macht, dass es sich bei dem quietschfidelen Baby unten nicht um Däumelinchen in der Nusschale sondern das kleine Jesulein in der Krippe handelt, das schwungvoll von Maria begrüßt wird, während eine zeitgenössische Nonne das Geschehen gutheißt. Auf der rechten Seite der polnische Prinzessinnentraum, der schon von den Jüngsten gehegt wurde: Im weißen Kommunionskleid aus majestätischer Spitze und langer Kerze in der Hand zum Altar zu schreiten, einen Rosenkranz um den Hals, wie Marilyns Diamanten des Mädchens bester Freund.

Es fiel mir nicht schwer, ein frommes Kind zu sein. Jesus trug Matte wie die Hair Metal Typen auf den Postern der älteren Schwester meiner Freundin. Damit war Jesus eindeutig hot! Aus seinem Herzen kamen Laserstrahlen wie aus dem Schwert von He-Man. Und wer wollte nicht sein wie Maria? Sie war die wahre Königin des Universums, ihre Kronen waren noch prächtiger als die der Prinzessinnen in russischen Märchenfilmen. Sanft und wallend fiel das Gewand über den schlanken Körper der Jungfrau, und wo sie sich den Kindern zeigte, glitzerten Zaubersterne am Himmel. Auch die kirchlichen Feste waren berauschend. Die Enthüllung der Muttergottes der sieben Schmerzen, symbolisiert von sieben Schwertern, die ihr königliches, rotes Herz durchbohrten. Fronleichnam, wenn die Frauen Blumenteppiche vor ihren Häusern legten und Mädchen in chinesischen Puffärmel-Kleidern aus ihren Körbchen bunte Blüten hinter sich warfen. Die Christmette, für die eine 500 Jahre alte Schrotholzkirche geöffnet wurde. Sogar das gemeinsame Beten des Rosenkranzes mit der Oma und ihren Freundinnen bei Kerzenschein hatte etwas unwiderstehlich Anziehendes, wie eine Geisterbeschwörung. 

Natürlich war nicht alles rosig und funkelnd. Man drohte mir auch mit ewigen Qualen, fiesen Teufeln, Schmerzen die so groß sind, dass man sie sich nicht vorstellen kann. Riesige Kessel, in denen man gekocht wird, rasselnde Ketten, bohrende Stacheln, Mistgabeln, die ins Fleisch pieken. Aber vor alledem musste ich mich nicht fürchten, denn ich war ein gutes, ein braves, ein gläubiges Kind. Von den vielen kleinen Sünden, die sich nicht vermeiden ließen, würde ich im Fegefeuer schon ordentlich gereinigt werden. Ich stellte mir Zinkbadewannen vor, in denen statt Schwämmen kleine Igel darauf warten, zur Säuberung eingesetzt zu werden. Nach der Waschung würde ich in den Himmel kommen, ein regenbogenfarbenes Reich, wo Tiere miteinander plauschen, statt sich gegenseitig zu fressen und man alle Menschen wieder trifft, mit denen man sein Leben verbracht hat, auch den toten Großvater. Das klang alles in allem nach einem guten Deal.

In Deutschland hielt man es mit der Religion anders, das merkte ich schnell. Meine Klassenkameraden sammelten keine Andachtsbildchen, sondern Panini-Sticker. Nicht ein Kreuz gehörte in jedes Kinderzimmer, sondern eine Tigerente. Für den Religionsunterricht wurde die Klasse in “katholisch” und “evangelisch” geteilt. Die Kirchen beider Konfessionen entbehrten mit ihrer modernen Architektur und von Gold und Ornamenten befreiten Ausstattung jedoch aller Sinnlichkeit. Die Messen gefielen mir nicht mehr, auch wenn ich hier auf weichen Polstern statt splittrigen Bänken knien durfte. Die Orgel klang düster und bedrückend, nach Trauer und Tod. Jesus war kein Rocker mehr, sondern eine geschundene Leiche, die wegabstrahiert werden musste. Als ich dann feststellte, dass ich in der Sonntagsmesse der einzige Mensch unter 60 war, ging der Glaube allmählich flöten. Wenn man hier weder Freunde treffen noch eine Show erleben konnte, was war der Sinn? Meine Gebete kamen sowieso nicht bei Gott an. Wo blieb mein Barbie-Traummobil? Warum ließen sich meine Eltern nicht breitschlagen, mit uns nach Disneyland zu fahren? Andere Kinder gingen nie in die Kirche und doch hatten sie alles. Wir waren kaum ein Jahr in Deutschland und ich hatte mich völlig vom Katholizismus meiner Kindheit entfremdet.

Diese Geschichte soll illustrieren, dass Religiosität aus weit mehr besteht als dem persönlichen Glauben an Gott. Sie hängt davon ab, was andere glauben oder woran sie zu glauben behaupten, und ob die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft existenziell wichtig ist oder nicht. Was verbindet eine Gesellschaft mit Religion? Sind es Trauer, Horror, Rückschritt, Repression, pathologische Vernebelung des Geistes? Oder ist Religion sozialer Kitt, der Grund, Sinn stiftende Feste zu feiern, vielleicht auch eine Flucht aus dem Grau in eine farbenfrohe Sakralästhetik? Viel  hängt von solchen nicht-religiösen Faktoren ab, ob sich jemand einen überzeugten Katholik nennt oder nicht.

Entgegen dem Klischee sind die heutigen Polen keineswegs Freunde der Kirche. Sie mögen es nicht, dass sie sich in die Politik einmischt, in die Erziehung der Kinder oder das Eheleben. Sie sehen es nicht mehr als Pflicht an, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Trotzdem ist Polen noch weit davon entfernt, stolz auf die Entfremdung vom Glauben zu sein. In einer Erstfassung meines Manuskripts schlug ich bezüglich Glaube und Religion etwas härtere Töne an. Meine Familie, das Sittlichkeitslektorat, riet mir dringend davon ab, wenn ich nicht den Zorn polnischer Leser auf mich ziehen wolle. Ich habe mich lange geweigert, der Bitte nachzukommen, es erschien mir kein bisschen unangemessen, Protagonistin Ola vom Glauben abfallen zu lassen. So weit sollten die Polen schon sein, dass sie mit den Zweifeln eines Kindes an der Existenz Gottes zurechtkämen. Da der Druck auf mich aber nicht nachließ, recherchierte ich das Thema auf polnischen Freidenker-Websites. Mich interessierte, wie polnische Atheisten sich ihrer Umwelt präsentieren,  in wieweit sie öffentlich zu ihren Überzeugungen stehen und diese in aufklärerischer Manier vertreten. 

Die Beiträge, die oftmals von Universitätsprofessoren stammen, haben mich überrascht. Allerorten wird zu einem vorsichtigen, vor allem rücksichtsvollen Umgang mit dem Glauben Anderer geraten. Auch wenn man Religion nicht mit seinem Intellekt vereinbaren könne, sei es wichtig und klug, Andere in ihrem Glauben nicht zu irritieren. Das ist eine ganz andere Haltung, als ich sie aus Deutschland kenne, wo der organisierte Atheismus in einer Aggressivität auftritt, die meines Erachtens moralisch nicht mehr vertretbar ist. Die polnischen Intellektuellen wissen, dass man Religion nicht abschafft, indem man sie angreift. Sie muss sich selbst reduzieren, im Fluss gesellschaftlichen Wandels.

Hier lebende Polen: Wie haltet ihr es mit der Religion? Hat sie sich verändert? Wenn ja, wie stark? Gibt es einen Identitätskonflikt, wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt oder umgekehrt? Deutsche! Wart ihr schon mal in Polen und habt die Religiosität dort erlebt? Wie hat sie auf euch gewirkt? Ich freue mich über eure “Einsendungen”!

(*Unteres Foto: Die betörende Schrotholzkirche aus meinem Heimatort, Baujahr 1666)

Der Ekel oder Wie das Buch von Julia Schramm mich berührte

18 Sep

Ich habe mit den Tränen gekämpft, als ich mit “Klick mich” fertig war. Mit klopfendem Herzen lag ich wach, obwohl ich seit Wochen ruhig schlafe. Abgestandene Erinnerungen rollten vorüber. Verstaubte Emotionen erblühten im Schatten meiner Verstimmung. Sollte ein Buch, das als Manifest der Belanglosigkeit gilt, nicht auch mir sang- und klanglos am featherbottom vorbeigehen? Als ich im Blog darauf hinwies, dass Neid eine große Rolle in diesem Shitstorm spielen könnte, hatte ich das Buch noch nicht gelesen und wusste über die Person Julia Schramm zu wenig, um beurteilen zu können, wie angemessen die Kritik oder wie nötig eine Verteidigung war. Das Shitstorm-Phänomen trieb mich um, nicht die Politikerin. Nach der Lektüre von “Klick mich” muss ich mein Interesse nun aber doch auf die Person richten, denn ich fühlte mich noch nie von einem Buch so missbraucht.

1999, als Julia Schramm die Masturbation am Computerbildschirm entdeckte, unterhielt ich eine Mailfreundschaft mit einem Mädchen aus dem Young Miss Forum. „Ich habe einen neuen Mantel“, schrieb sie mir. „Darin fühle ich mich stark und schön. Hart und zart, verspielt und klug. Meine roten Locken fallen über die Schultern, wenn ich so dahinwirble, ich spüre meine ganze Weiblichkeit.“ Vielleicht waren es meine dünnen Haare, Schuhgröße 42 und das Fehlen eines Selbstbildes als Schaumbadprinzessin, die meinem Missmut über diese Zeilen zugrunde lagen. Wahrscheinlich sogar, in den letzten Jahren einer Pubertät, die von Minderwertigkeitskomplexen bestimmt war. Aber da war noch was. Das Gefühl, ausgesaugt zu werden, ein leeres Gefäß für eine fremde Eitelkeit zu sein. Ein Moment der Selbstzufriedenheit vor dem Spiegel ist in meinen Augen eine sehr intime Sache, und eine sehr peinliche, wenn es ungebetene Zeugen gibt. Entsprechend unangenehm berührt es mich, wenn mir jemand diese Intimität als Mitteilung präsentiert. Ich will keine bloße Spiegelwand sein, in der sich einer bewundern kann. Das kann nur ein Vertrauensverhältnis legitimieren.

Julia Schramm sieht das anders. Auf jeder Seite lässt sie uns wissen, wie hübsch, intelligent und „special“ sie sich findet. Das wirkt alles noch ekelhafter, wenn sie die Komplimente an sich selbst anderen Figuren in den Mund legt, um ihnen einen Anstrich von Intersubjektivität zu verleihen. Ekelhaft wirken auch ihre Versuche, durch akademisches Namedropping Intellekt vorzutäuschen und durch Befindlichkeitsfloskeln Tiefe.  Mein Kopf entwirft ein Mädchen, das sich aus Mangel an beschissener Kindheit mit rotem Filzstift “ritzt”. Denn Weltschmerz ist “awesome!”, aber es soll nicht weh tun. „Ekelhaft“ ist ein Wort, das häufig fällt, wenn über dieses Buch geredet wird. Ich benutze es gerade in der Überzeugung, dass es das treffendste Wort ist, wie sehr es mich gestern noch befremdete. Exhibitionisten, die nachts im Gebüsch stehen und ihre kümmerlichen Pimmel allen zeigen, die sie nicht sehen wollen, lösen in mir einen ähnlichen Ekel aus wie eine Julia Schramm, die ihr Innerstes ungefiltert nach außen kehrt. Nun mag man einwenden, dass es ihr als post-privacy Enthusiastin gerade darum gehe, alles offen zu legen und hier von einer mit konservativen Werten argumentiert würde. Nichts dergleichen, ich bin selbst Fan von post-privacy. Aber anscheinend aus ganz anderen Gründen. Post-privacy bedeutet für mich eine größere Bereitschaft, wertvolle Erfahrungen mit anderen zu teilen. Das kann das Tagebuch einer Depression sein, das Betroffenen helfen kann, aber auch die Website einer jungen Hipster-Familie aus San Francisco, die ästhetisch ansprechend ihren Alltag dokumentiert. Die Menschen, die post-privacy auf die Weise leben, wie ich sie verstehen möchte, nutzen das Internet eben nicht zur bloßen Exhibition ihrer inneren Schamteile, statt dessen versuchen sie, einen Mehrwert für Andere zu schaffen. Ich habe nichts gegen Narzissten, die sich Mühe geben. Ich habe etwas gegen Menschen wie Julia Schramm, die – wie mir scheint – die Leser nie mitgedacht hat. Die sich nie die Frage gestellt hat, die sich jeder Autor mehrmals am Tag stellen sollte: “Who cares?” Welchen Wert hat mein Text für jemanden, der nicht ich ist?

Ein Freund aus alten Tagen wurde an die schmutzigen Ufern meiner Erinnerung gespült. Ein selbstverliebter, emotionaler Vampir, der mir im Verlauf unserer Bekanntschaft nicht eine persönliche Frage gestellt hat. Seine Vorstellungen von gelungener Kommunikation waren Grundlage für ein “Spiel”, das er eines Nachmittags erfand. Er scrollte sich durch die Kontakte in seinem Handy und erzählte mir, was er von jedem Aufgelisteten hielt. Ich musste mir Geschichten und Reflexionen über Menschen anhören, die ich noch nie im Leben getroffen hatte. Für ihn war das glänzende Unterhaltung. Dass mich das langweilen könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Und ich verfluchte meine polnische Erziehung zur Höflichkeit. Nach jedem Treffen mit ihm war ich leer und kraftlos. Ich hätte nie gedacht, dass in der scheinbaren Sicherheit eines Buches dieselbe Wut, dieselbe Ohnmacht hochkochen könnten wie damals. Nun habe ich bei einem Buch den Vorteil, dass ich es jederzeit weglegen kann. Ich musste es überhaupt nicht lesen. Keine anerzogenen Hemmungen können mich an Ort und Stelle halten. Bin ich Masochistin? (Für “Shades of Grey” war ich’s nicht  genug. Nach zwanzig Seiten war die Schmerzgrenze erreicht.) Ich habe das Buch von Julia Schramm gelesen, weil ich nicht glauben konnte, dass die Kritiker fair argumentieren. Ich suchte nach etwas Gutem, nach dem Funken eines Bemühens vielleicht, aber ich fand nur schlechte Erinnerungen und dazwischen nichts als Ekel. Auf dem schleimigen Boden des Ekels ist auch dieser Blogpost entstanden, eine “Rezi”, mich zu entlasten und andere zu warnen. “Klick mich” ist nicht nur ein schlechtes Buch, es ist ein Buch, von dem einem schlecht wird. :’-(

Kick mich – Der Shitstorm um Julia Schramm

17 Sep

Den ersten Verriss von Julia Schramms Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin fand ich heute Morgen in der Süddeutschen. Wie das mit Grantelbesprechungen so ist, fühlte ich mich von den harschen Worten ganz gut unterhalten. Wenig später wurde mir ein Link zur vernichtenden SpOn-Kritik zugespielt, und die Lust am Verriss wich wachsendem Unbehagen über den “Eintopf”, der da zur Kräftigung der Niederträchtigen zusammengebraut wird. In der Einleitung wird der Kollege aus dem Kulturresort zitiert: „Ist nichts für uns“, soll er abfällig gesagt haben. Schülerzeitungsniveau wird dem Buch attestiert, ein Urteil, das Ausschluss bedeutet von allem „Ernsten“, Relevanten, von Kultur im feuilletonistischen Sinn.

Die Vertreibung aus der Sphäre des Bedeutungsschweren wird vor einer großen Öffentlichkeit inszeniert, als wäre Julia Schramm dort einmal zuhause gewesen. Dabei ist doch nicht nur anderen, sondern auch ihr selbst bekannt, dass sie ein liebes Plauderluder ist, das vielleicht allzu selbstbewusst in die Welt schüttet, was ihr Kopf gerade hergibt. Die Sau wird sozusagen von außerhalb geholt, um sie durchs eigene Dorf treiben zu können. Wer Julia Schramm aus dem Internet kennt, wird von ihrem Buch aber kaum erzählerische Finesse, philosophische Schwere oder scharfsinnige Gesellschaftsdiagnose erwartet haben. Wer sie nicht kennt, wird durch die frivole Aufmachung des Covers bestimmt nicht in die Irre geführt. Warum also diese Gehässigkeit, diese lustvolle Grausamkeit am Tritt nach unten?

Während ich darüber nachdenke, sehe ich, dass es bereits zwei Amazon-Rezensionen gibt. Mit jeweils einem Stern wird das Buch abgerichtet, und was mich daran am meisten beeindruckt, sind die Speedreading-Skills der Verfasser, die uns nur wenige Stunden nach Veröffentlichung an ihrem Hass teilhaben lassen. Inzwischen ist mir eingefallen, dass der auf Spekulationen beruhende Vorschuss von 100000 Euro in nahezu jedem Artikel über Julia Schramm, der in den letzten Wochen an mir vorbeiflog, prominent Erwähnung fand. Natürlich, der Neid. Der  hohe Vorschuss ist die eigentliche Frechheit, die Provokation, die das Gerechtigkeitszentrum zum Schäumen bringt, und die Rechtfertigung für Kritik, unsachliche Kritik und asoziale Kritik unter die Gürtellinie. Wem einfach mal so viel Geld zufliegt, tut allen weh, die glauben, die ehrlichere Arbeit zu leisten. Da soll der Gesegnete zur Strafe kräftig bluten. Und ist es nicht schön, dass man im Internet Steine werfen kann, weil man in der Anonymität ohne Sünde ist? Das ist der Zauber des Shitstorms. Diese befreiende Entladung! Die Kraft, die man aus der kollektiven Empörung schöpft, diese Wut, die für einen Moment die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben betäubt.

Nicht jeder wird meinen Vorwurf auf sich sitzen lassen wollen. Schließlich muss Kritik möglich sein, die ja eine legitime und notwendige Institution ist, nicht immer ist Neid der Antrieb, überhaupt will sich jeder, der im Auftrag von Kultur und Bildung die Spreu vom Weizen trennt, nicht von niederen Beweggründen getrieben wissen. Aber diese Kritik verfehlt meiner Meinung nach ihr Ziel, wenn sie sich an der Person Julia Schramm und der Seichtheit ihres Werkes abarbeitet. Woche für Woche erscheinen schlechte Bücher. Aus den schlechtesten werden Bestseller gemacht. Wer schreibt diese schlechten Bücher? Und warum? Was fällt ihr/ihm eigentlich ein?

Die schockierende Wahrheit ist: die Idee zu einem Buch hat heutzutage selten der Autor. Der Autor kann von seiner Autorschaft regelrecht überrascht werden. Agenturen sprechen Blogger an, Menschen, die wegen irgendwas im Rampenlicht stehen, Persönlichkeiten, von denen sie sich irgendwas versprechen. „Hören Sie mal, Sie sind doch der Blogger, der Mini-Quadrocopter aus Borkenkäfern macht. Haben Sie Lust, ein Buch über Wälder und Technik zu schreiben? Wälder trenden ja schwer in letzter Zeit, und mit Technik  kann man die Internetleute ködern. Also?“ – könnte man eines Tages von einer Agentur gefragt werden. Stellen wir uns vor, wir sind dieser Blogger und man hat uns soeben angeboten, ein Buch zu veröffentlichen. Ein Buch! Mit unserem Namen vorne drauf! In einem echten Verlag! Für Geld! Würden wir widerstehen können? Selbst, wenn wir genau wüssten, dass wir weder von Wäldern noch von Technik sonderlich Ahnung haben? Kann man sich ja notfalls anlesen. Will man glauben. Es geht schließlich um ein Buch. Ein eigenes Buch! Ja, der Glaube an den Glanz der Autorschaft ist genauso unausrottbar ist wie der Glaube an das Buch als Kulturgut. Die Verlage wissen das. Darum finden sie für jedes Thema einen Autor und drehen uns jeden Scheiß an, der sich im Plauderspektrum des Alltäglichen bewegt. Wir kaufen es nicht nur, weil das Format “Buch” Ansehen genießt, sondern weil wir so gerne über uns selbst lesen: wie wir Urlaub in Italien verbringen, 30 werden, Yoga machen, uns über die Bahn ärgern und eben auch Twitter nutzen. Autoren ohne literarische Ambitionen schreiben einfach auf, was wir im Rahmen unserer gewöhnlichen Existenz erleben, sie nehmen uns die Arbeit der schriftlichen Selbstreflexion ab. Das ist gefragt. Oder es wird behauptet, dass es gefragt ist. Wen solche Formen ärgern, sollte sich jedenfalls an die Verlage wenden. Sie schaffen die Stoffe, präsentieren sie, verteilen Vorschüsse, lächerlich hohe und skandalös niedrige. Der Autor fügt sich nur der Gelegenheit, die sich ihm bietet. Weil er nicht ahnt, dass es ihm gehen könnte wie Julia Schramm. Eines dürften wir gemeinsam mit ihr gelernt haben: Über Vorschüsse spricht man nicht. >:-/

Ein nachträglicher Disclaimer: Ich kenne Julia Schramm nicht persönlich, auch im Internet habe ich zu ihr keinen Kontakt. Was ich über sie weiß, ist wenig. Das Buch habe ich nicht gelesen, nicht einmal die Leseprobe, und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht so. Daher will ich meinen Text hier auf keinen Fall als Verteidigung der Autorin verstanden wissen.

“Dojczland” (2/2)

4 Sep

FUN FACT: Gestern vor 23 Jahren bin ich nach Deutschland emigriert. Das macht den heutigen Tag auch zum Jubiläum, war es doch der erste richtige Tag in RFN aka BRD, bei leicht bewölktem Himmel und vollem Bewusstsein. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erzählen, wie es wirklich war:
Der 3. September 1989 begann für mich in nebliger Frühe. Es war noch dunkel, als meine Eltern zum letzten Mal die Lichtschalter im Haus betätigten. Für die letzten Minuten war es noch “unser” Haus, nicht das Haus in Polen oder das Haus unserer Oma. Mama hatte uns “luxuriöse” Jogginganzüge im Pewex gekauft, die durften wir im Auto anziehen, denn wann sonst, wenn nicht auf der Reise unseres Lebens? Es waren aber keine MickyMaus-Anzüge wie im Buch, die lagen in den Koffern, Disney-Pyjamas, die mein Opa uns einmal aus Deutschland mitgebracht hatte. Mein Reise-Outfit war hellblau, mit bordeauxroten Gummizügen, mit einem Kegel und einer Bowlingkugel vorne drauf. Oma Greta begleitete uns nach draußen. Umarmungen, Küsse, Gute Reise, Gewinke, bevor sie das Tor aus dünnen schwarzen Brettern hinter uns schloss. Wir fuhren nicht allein, sondern mit Onkel Marek, der tatsächlich zwei Jahre vor uns ausgewandert war und den Weg gut kannte. Alle außer meinem Vater, der im Fiat 126p hinter ihm her fuhr, saßen im komfortablen Mercedes. Der erste Halt in Deutschland war für uns Hannover, wo meine Patentante, Onkel A. und Cousin P. wohnten. Wir kamen spät in der Nacht an, bekamen aber trotzdem noch ein festliches Mahl kredenzt. Am nächsten Morgen wandelte ich durch das Kinderzimmer meines Cousins und bewunderte sein Spielzeug. Mit Flüssigkeit gefüllte Kästchen, unten zwei Knöpfe, wenn man sie drückte, wurden Ringe nach oben geblasen die sich irgendwo zu sammeln hatten. Onkel Marek zeigte uns später einen Supermarkt und kaufte mir ein Kinderüberraschungs-Ei. Der Inhalt: eine Micky Maus mit Ghetto Blaster.

Danach fuhren wir auch schon nach Hamm, wo wir in einer Turnhalle unterkamen. Den ersten deutschen Spielplatz sah ich ebendort, im Maximilianpark. Viel mehr faszinierte mich aber der überdimensionale gläserne Elefant, in dem exotische Gewächse wucherten. Meine Eltern nannten das Tier “Eléfant”, mit Betonung auf der zweiten Silbe, und lange dachte ich, dass das sein Vorname wäre. Deutsche Spielplätze waren glatt, lautlos und sicher. Die Schaukelsitze aus Gummi, Ketten statt schiefer Stahlröhren, kein Rost, keine wackeligen Gerüste. Keine Chance, sich interessante Verletzungen zu holen. Hier eine typische sozialistische Schaukel:
einfach schön.

Im achten Kapitel heißt es über die ersten Eindrücke: Wie seltsam, dass alles, was in Polen überall gleich war, ob man nun in Krakau, Danzig oder Warschau lebte, in Deutschland andere Farben und Formen hatte. Gemeint sind die landesspezifischen Farben, derer man sich erst in der Fremde bewusst wird. Sie werden von Wegweisern, Straßenschildern, öffentlichen Einrichtungen und dergleichen mehr bestimmt. Have you ever noticed? In Deutschland dominiert Gelb, die sauberste aller Farben. Gelb ist die Post, sind Wegweiser, ist Lufthansa. Immer ist es das strahlende Gelb, dem Schmutz nichts anhaben kann. In Polen ist die Post rot. Krankenhäuser und Apotheken muten hellblaugrau an. Wegweiser sind dunkelgrün. Verkehrszeichen sind innen nicht weiß, sondern rotstichig-gelb. Ich glaube, dass auch Farben das Bewusstsein bestimmen.

Im Buch endet der erste Tag in Deutschland damit, dass Olas Mutter eine schockierende Entdeckung macht: Sie sieht einen Mann, der eine zerrissene Hose trägt. Bonus: ausgerechnet am Arsch verläuft der ärgste Riss. “Ich begreife das nicht. Deutschland ist doch ein reiches Land. Wie kann es sein, dass jemand in einer kaputten Hose auf die Straße gehen muss?” – Was Olas Mutter zum Zeitpunkt ihres mitleidigen Entsetzens noch nicht weiß, ist, dass zerrissene Jeans im Westen der letzte Schrei sind. Eine Mode auf dem Höhepunkt der Coolness. Interessanterweise ändert sich jedoch nichts an Mutters Irritation, als sie das erfährt. “Also, wenn das Mode sein soll, dann…” Nach 23 Jahren versteht meine Mutter diese Dinge immer noch nicht. Das Konzept “Vintage” z.B. ist ihr unzugänglich. Meine Vorliebe für Retro-Kleider und alles, was nach Flohmarkt aussieht, hält sie für weltfremdes Gebahren. “Wer trägt denn sowas?”, “Wer hat denn so etwas gesehen?”, “Das ist doch altmodisch!”, “So sahen alte Tanten aus, als ich klein war.” Die unerschütterbare Abneigung gegen alles Alte und Kaputte, alles Unzeitgemäße oder Anachronistische, lässt sich durch die Lebensumstände erklären, in denen meine Eltern aufgewachsen sind. Kleidung war kein Statement, sondern eine Notwendigkeit, und dazu knapp. Man trug die alten, mottenzerfressenen Klamotten der Tante, Sachen der Geschwister, in die man noch reinwachsen musste oder aus denen man schon rausgewachsen war, Umgenähtes und Selbstgestricktes. Doch wie minderwertig die Kleidung auch sein mochte, immer hatte sie “fein” zu sein. Eine Kunst, die jede Frau zu beherrschen hatte, war, selbst “stare szmaty” (alte Lappen) schick und ordentlich aussehen zu lassen. Ein Teil des polnischen Traumes,  das Land zu verlassen, der großen Sehnsucht nach dem Westen, war die schöne Kleidung, die man aus den Versandhauskatalogen kannte. Immer modisch, von bester Qualität. Daher das völlige Unverständnis, wie man FREIWILLIG etwas tragen kann, das das Gegenteil all dessen ist, um das man immer so emsig bemüht war. In einem Wohlfahrtsstaat, in dem tatsächlich niemand mit zerrissener Hose rumlaufen muss, verliert das Kaputte jede Assoziation mit existenzieller Armut und kann zu “Mode” deklariert werden. Dann trägt man Hosen, die ganz viel gekostet haben, weil sie aussehen wie alte Hosen.

In der Nächsten Folge:  All about Katholizismus! *grusel*

 

BETREUTES LESEN (8) – “Dojczland” (1/2)

31 Aug

Hallo Freunde und Verwirrte. Es geht wieder los! Für Neueinsteiger: „Betreutes Lesen“ ist eine Art Sekundärliteratur zu meinem Roman „Sitzen vier Polen im Auto“. Kapitel für Kapitel wähle ich alle paar Tage Themen aus, die ich „en blogue“ näher beleuchte, erläutere und bebildere, als das im Rahmen des Buches je möglich gewesen wäre. Der Gewinn? Vor allem Einblicke in die Popkultur des Ostblocks und die Köpfe der Menschen im sozialistischen System! Auf geht’s! (Eine klickbare Übersicht über die bisherigen Beiträge gibt es hier.)

Der senfgelbe Winzling hat es über die Grenze geschafft. Ola und ihre Familie sind endlich bei Onkel Marek aufgeschlagen, der ihnen sein „Dojczland“ zeigen will. Es ist Samstag, und Marek weiß, was Ola aus den Latschen kippen lassen wird: Das Kinderprogramm am Vormittag – Zeichentrickfilme auf allen Kanälen! Das hatte es in Polen nicht gegeben. Nicht an Samstagen und schon gar nicht so viele bajki am Stück. Bajki bedeutet „Märchen“ (pl.), wird aber als Synonym für Zeichentrickfilme, Stop-Motion-Filme und dergleichen Formate für Kinder verwendet. Es lief eine bajka pro Tag, und zwar als zehnminütige dobranocka (Gutesnächtchen), also ein visuelles Betthupferl für die Kleinen vor dem Schlafengehen. Das konnte “Bolek i Lolek” oder eine Folge des DDR-schen Sandmännchens sein („Opachen, liebes Opachen, wir wollen noch nicht schlafen“). Eine sehr beliebte polnische Produktion war „Miś Uszatek“. Auch heute noch herzzerreißend süß: “Miś Colargol“ (polnisch-französisch) – unbedingt ansehen!

Daneben gab es an Sonntagabenden den westlichen 20-Minüter. “Die Schlümpfe” (Smerfy) waren ein Riesenhit, und zurecht, die Synchronisation mit professionellen Schauspielern war phantastisch, mit der deutschen nicht zu vergleichen. “He-Man” lief bei uns auch, es war sogar meine Lieblingsserie. Aber eine bajka nach der anderen, und das an einem Samstagvormittag, wo von jedem polnischen Kind erwartet wurde, dass es den Eltern gleich nach dem Aufstehen beim Hausputz half, das war absolut neu und aufregend!

Doch die Verwunderung hört bei der Zeichentrickschleife nicht auf. Die Episoden werden unterbrochen von etwas, das Ola in hilfloser Unwissenheit als „animierten Quelle-Katalog“ bezeichnet: Werbung. Natürlich war diese kapitalistische Wettbewerbsmaßnahme im kommunistischen Polen kaum verbreitet. Zucker war Zucker, Joghurt war Joghurt, Rock war Rock. Marken gab es, aber nicht im uns bekannten Sinn. Neben dem Schokoladenfabrikanten „Wedel“ etwa gab es keinen anderen. Im Fernsehen sah man hin und wieder „Reklame“, in der Dinge des alltäglichen Bedarfs genau dann beworben wurden, wenn sie knapp oder nicht vorhanden waren. Kein Fleisch beim Metzger? Ja, aber wenigstens in der Reklame! Es war interessant, zu beobachten, wie sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Werbebranche in Polen zu entwickeln begann. Es gab keine ausgebildeten Werbeleute im Land, keine Generation von Mad Men, die gewusst hätten, wie Marktforschung geht. Zunächst wurden also blauäugig Werbeclips aus dem Westen importiert. Nicht besonders erfolgreich. Niemand konnte sich mit einer Frau identifizieren, die ein luxuriöses Bad von der Größe eines Wohnzimmers putzte. Ein männlicher Waschmittelvertreter, der eine Hausfrau belehren wollte, konnte nur zum Gespött werden. Durch Westimporte wurde an den Werten der polnischen Gesellschaft vorbeigeworben. Das sieht heute, über 20 Jahre später, natürlich anders aus. Die liebevolle Mutter-Kind-Beziehung ist ein häufiges, polentypisches Werbemotiv. Hier eine besonders amüsant-misslungene polnische Werbung aus der Zeit des Umbruchs. LOL!!!

Als die Familie nach einer langen Reise mit ungewissem Ausgang in Dojczland ankommt, begrüßt Onkel Marek sie mit Pizza, einem Gericht, von dem sie noch nie etwas gehört haben. Marek erzählt, dass die Deutschen nichts auf ihre Nationalküche gäben, viel lieber würden sie Italienisch und Chinesisch essen. Auch darunter kann Ola sich nichts vorstellen. Warum? Weil Deutschland diese kulinarische Vielfalt seinen Gastarbeitern und anderen Zugezogenen aus aller Welt zu verdanken hat. Polen ist ja eher ein Auswanderungs- als ein Einwanderungsland, und so waren fremdländische Gerichte innerhalb der Landesgrenzen nicht bekannt. Hinzu kommt noch eine entscheidende Sache: “Essen gehen” ist eine kulturelle Praxis, die in einem armen Land nicht erlernt werden kann. Restaurantbesuche kannte ich als Kind nur in der Form von Hochzeit oder Leichenschmaus. Das waren Ausnahmesituationen. Es galt als unvernünftig, außerhalb zu essen. Warum sollte man das tun? Warum sollte man für Essen mehr bezahlen, als für die selbstgezüchteten Kartoffeln und das selbstgeschlachtete Huhn mit Gemüse aus dem eigenen Garten? Der Gedanke, “Essen gehen” als Freizeitaktivität zu begreifen, lag den meisten Menschen fern. Ab 1990 schossen dann Fast-Food-Filialen aus dem Boden. Nach der Sonntagsmesse war es für die Kinder das Größte, wenn die Eltern sie zu McDonalds nahmen, auf eine Tüte Pommes, die angesichts der niedrigen Löhne ein absoluter Luxus war.  Zum Abschluss ein Zitat aus Zwölf Stationen von Tomasz Rózycki, in dem es um den Einzug von Fastfood in Polen geht:

(…) So aß man hier das Mahl der Armen, der Piroggen Fastenmahl, während ganz Polen weit und breit längst anders aß, erlesener und gesünder; um Himmelswillen reichere und bessere Delikatessen, Wurst vom Grill zum Beispiel, gründlich verkohlt mit Hilfe von Benzin, das auf die Holzkohle gegossen wurde, damit die Flamme ordentlich lodert; später kamen in den Restaurants die weichen und süßen Pommes an die Macht, zubereitet aus welken Kartoffeln, denen dieses Gericht seinen scheußlichen Beigeschmack verdankte; erwähnen wollen wir schließlich auch die berühmte Baguette überbacken, Königin der Busbahnhöfe, die sich im Plastikbeutel jederzeit erhitzen lässt; und noch die Hotdogs aus mehliger Brühwurst; und die Pizza á la Polska, eine an die heimischen Verhältnisse adaptierte Version der italienischen Pizza, ohne Tomaten, ohne Käse, ohne Oliven, ohne Kräuter und Knoblauch; und schließlich der vollendete Hamburger, ein Wunderwerk aus prachtvoll gedunsener Semmel, ohne Zusatz von Mehl hergestellt; gestopft mit einer Mehrweg-Einlage aus gemahlenem Übersee-Vieh, frei von freien Radikalen und Rinderwahn, auch wenn Form und Ausdruck der Semmel das Gegenteil nahelegten. Zum Nachspülen Fanta, Sprite oder Cola: Wunder der Technik, phantastische Getränke, nach deren Genuss enorme Lebhaftigkeit Körper und Geist erfasste, verdoppelte Energie den Schädel durchtobte wie eine leere große Halle, auf der Suche nach dem Ausgang, und, war er endlich gefunden, in Form eines Gas-Geysirs aus der Nase entwich, (…)

In der nächsten Folge: anständige Kleidung, spinatgrüne Wegweiser, sozialistische Folterschaukeln und Flachdachtristesse!

BETREUTES LESEN (7) – “Der Fluch der Klo-Hexe”

13 Aug

Das siebte Kapitel ist das letzte, das in Polen spielt. Olas Familie schleicht sich im Morgendunst aus dem Kastenhaus, zwängt alle Glieder, Graupenwürste und Gepäckstücke in den kleinen Fiat und macht sich auf den Weg hinter die Grenze, nach Westdeutschland, „wo Gummibärchen an Sträuchern wuchsen und die Straßen mit weißer Schokolade gepflastert waren.“ Was ist das Aufregendste an einer solchen Reise? Unser Gedärm findet: Die polnischen Straßen! Ihr katastrophaler Zustand ist vielzitiert und legendär. Viele Wege blieben ungeteert oder waren so verkratert, dass man sich im Auto an den Sitz krallen musste, wenn man sich keine Prellungen zuziehen wollte. Bürgersteige trainierten die Balance-Kraft unserer Füßchen mit wackligen Platten, tiefen Rissen und Stolperklumpen. Der Weg nach Deutschland führte durch eine öde Kiefernlandschaft über die „autostrada“. Die Betonplatten, aus denen sie bestand, waren alt, schief geflickt und unterschiedlich tief gesunken. Wir nannten die Strecke „Waschmaschine“, denn es schleuderte einen darauf so durch, dass man taube Finger bekam. (Betonplatten siehe Abbildungen der Grenze weiter unten)

An einer Raststätte begegnen unsere Helden einer alten Frau, die Ola an die “baba jaga” erinnert. Bei diesem Wesen handelt es sich um eine slawische Hexe, die vor allem aus russischen Märchen bekannt ist. Gemeinhin stellt man sie sich als hässliche, warzige alte Frau vor, die Böses im Sinn hat. So weit, so Hänsel und Gretel. Das Sonderbare ist ihre Behausung. Die baba jaga wohnt nämlich in einer Hütte auf Hühnerfüßen. Durch die Lüfte reist sie nicht auf einem Besen, sondern in einem Mörser. Im Polnischen wird “baba jaga” übrigens als Synonym für “Hexe” verwendet. Selbst eine typisch amerikanische Hexe mit spitzem Hut kann man baba jaga nennen. Weitere Bezeichnungen sind “wiedźma” (eine polnische Hexe, die in knorrigen Weiden lebt) und “czarownica” (Magierin).

Es gibt bestimmte Schlüsselerlebnisse, Kernerinnerungen, die alle Aussiedler gemeinsam haben. Fragt man sie, welcher Moment sich besonders in ihre Netzhäute gebrannt hat, sagen sie mit leuchtenden Augen: “Die Fahrt über die Grenze!” Das ist bei mir nicht anders. Ich kann mich noch genau erinnern, wie hell es war unter dem Wellblechdach, und wie viel heller die Scheinwerfer strahlten, als wir erst die Grenze zur RFN/BRD überquerten! Die Fahrt selbst empfand ich wie das Intro von Knight Rider. Ein einziger Rausch, dem goldenen Sonnenuntergang entgegen. Ich las neulich ein sehr gutes Buch. Es trägt den Titel Die undankbare Fremde, die Migrationserlebnisse werden aus der Sicht einer Heranwachsenden aus der Tschechoslowakei geschildert. Die Erzählung beginnt so:

Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. “Wie viel Licht!”, rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.

Auf dem Weg zu Onkel Marek trifft die Familie auf das Ehepaar Ogórek. Wegen einem Defekt am Fiat müssen Ola und ihre Mutter in ihrem Auto mitfahren, das den maluch am Abschleppseil bis an die Grenze schleift. Dorota Ogórkowa erzählt von ihren beiden Kindern. Sie heißen Isaura und Bajtek und Ola ist ganz aus dem Häuschen, dass die Mutter ihrer Tochter den Namen “des größten Fernsehstars aller Zeiten” gegeben hat. “Die Sklavin Isaura” war eine brasilianische Telenovela, die in den Achtzigern ganz Polen in Atem hielt. Im Buch heißt es, die Chirurgen ließen mitten in der Operation das Skalpell fallen, um sich den fiebernden Krankenschwestern im Fernsehzimmer anzuschließen. Die Serie wurde von absolut jedem geschaut. Selbst von mir, einer Fünfjährigen, die keine Ahnung hatte worum es ging, aber Isauras Frisuren immer wunderschön fand. Eines Tages kamen die beiden Hauptdarsteller zu Besuch in das Land, wo ihnen größere Verehrung zukam als in ihrer Heimat. Eine regelrechte “beatlemania” brach aus! Hausfrauen reisten aus ganz Polen in Warschau an, um Leoncio und Isaura winkender Hand und feuchten Auges begrüßen zu können!

Und nun zum Sohnemann der Ogóreks. Angesichts seines Alters von 9-10 Jahren ist es unwahrscheinlich, dass in seiner Geburtsurkunde tatsächlich “Bajtek” steht, denkbarer ist, dass er in Wirklichkeit “Bartek” heißt und die Eltern ihn im Scherz “Bajtek” nennen. Bajtek ist eine polnische Computerzeitschrift gewesen, an die ich mich bestens erinnere. Sie hat unsere ersten Gehversuche mit Atari und dem C64 begleitet und explizit Kindern und Jugendlichen (!) das Programmieren nahe gebracht. Als die Zeitschrift, die anfangs nur Beilage eines Jugendmagazins war, auch bei Erwachsenen zum Hit avancierte, hat man sie als eigenständiges Magazin herausgebracht. Trotz eines relativ hohen Preises wurde sie rege gekauft! Einmal rief die Redaktion eine Aktion aus, die meinen fiktiven Bajtek inspiriert hat: Alle, dir ihr männliches Neugeborenes “Bajtek” nannten und dies via Geburtsurkunde beweisen konnten, bekamen einen C64 geschenkt. Wer könnte für solche Aufrufe anfälliger sein als die opportunistischen Ogóreks? (Es mangelte tatsächlich auch nicht an Eltern, die ihre Töchter Isaura nannten.)

In der nächsten Folge: Haarsträubende Abenteuer in Deutschland! 

 

BETREUTES LESEN (6) – “Das Vermächtnis des senfgelben Winzlings”

7 Aug

Im sechsten Kapitel beklagen Olas Eltern die „alte Armut“ – ein feststehender Ausdruck, den man in Polen normalerweise auf die Frage „Wie geht es dir?“ entgegnet. Aber in den 1980ern war das nicht einfach nur eine Floskel. Es war das Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen. Legendär geworden und von keiner Volksrepublik-Komödie unthematisiert geblieben sind die absurd langen Warteschlangen vor den Läden. Man bezahlte mit Rationsmarken und war auf Tauschgeschäfte angewiesen. Klopapier gegen Zigaretten, Babybrei gegen Wurst. Es gab schwerwiegende Versorgungsengpässe, beispielhaft für die Misere ist das Bild der leeren Metzgerhaken (mehr dazu in Folge 12).

Als Onkel Marek 1988 versucht, die Familie zu einer Ausreise zu überreden, hat die Krise schon einen anderen Namen: Inflation. Es wird wieder mit Geld bezahlt, man steht nicht mehr stundenlang Schlange, in den Geschäften fehlt es an nichts. Aber das Geld verliert täglich an Wert, die Preise steigen ins Unermessliche. So viele Nullen auf den Scheinen! Jeder ist Millionär! Alles ist da, aber wer kann es sich leisten? Ein simples Nachthemd kostet plötzlich ein Monatsgehalt. Die meisten von denen, die jetzt auswandern, sind Wirtschaftsflüchtlinge, die den Glauben an eine Besserung der Verhältnisse endgültig verloren haben. Trotzdem ist die Erfahrung von Armut im sozialistischen Polen eine ganz andere als in kapitalistischen Gesellschaften. Es war ja nicht so, dass es Arm und Reich gegeben hätte. Alle hatten gleich viel, beziehungsweise gleich wenig. Aus der Not erwuchs eine ungeheure Erfindungsgabe, Improvisationskunst, gestalterisches Geschick, und Kinder hatten die Chance, eine blühende Phantasie zu entwickeln. Unsere Mangelerfahrung ging nicht mit Selbstwertverlust einher, weil es niemanden gab, der auf uns herabschauen konnte, oder in dessen Schatten wir uns hätten minderwertig fühlen können. Bei aller Knappheit von Spielsachen und Spezereien war meine Kindheit – und die vieler anderer Kinder meiner Generation – im Rückblick eine überaus glückliche.

Auf dem Tisch, unter dem Ola das Gespräch der Erwachsenen belauscht, wird Żurek gelöffelt: eine saure Mehlsuppe aus vergorenem Roggenschrot. Da die Zubereitung aufwendig ist und Tage in Anspruch nimmt, gab es in jedem Dorf Żurek-Frauen, die bei sich zuhause fertig gegorenen Żurek in Gläsern verkauften.  Nun war im Glas aber noch lange nicht die fertige Suppe drin. Was nicht fehlen darf, sind die Kartoffeln. Das können entweder Kartoffelwürfel sein, oder gestampfte Kartoffeln, mit denen man den Tellerboden auskleidet. Das macht das Süppchen behaglich dick. Wer will, kann ein ganzes Würstchen reinlegen, ansonsten wird auch dieses in Scheiben geschnitten und in die Suppe geworfen. Die Polen haben übrigens eine Vorliebe für saure Suppen. Genauso populär wie Żurek ist Gurkensuppe. Beide Suppen gibt es in Polen auch als Tütensuppe von Knorr. Mein Tipp: Żurek nur kosten, wenn er hausgemacht ist. Gurkensuppe von Knorr schmeckt lecker, wenn man ein Schnäbelchen Sahne hineinploppen lässt. Guten Appetit!

Mein Buch hat eine Bauchbinde, liebe Kindler. Darauf kann man einen Auszug aus dem Inhalt lesen: “Ein Fiat Polski, den der Volksmund liebevoll maluch nannte – Winzling – war ein lächerlich kleines Auto, das man durch Schieben zum Laufen brachte und dessen Bremsen am besten funktionierten, wenn man es sanft gegen einen Baum fuhr.“ Ich freue mich, dass ich mir das mit dem Schieben nicht selbst ausdenken musste. Dem Auto lag nämlich eine Gebrauchsanweisung bei, in der diese Methode ausdrücklich empfohlen wurde. Der Fiat 126p war bis zur Wende das Fahrzeug, das polnische Straßen fast konkurrenzlos dominierte. Neben dem Oval mit dem Landeskennzeichen PL klebte oft ein Kreis mit Ahornblatt auf der Heckscheibe. Der Sticker stand für “Fahranfänger” und ging nie wieder ab. Die unbeliebteste Fiat-Farbe soll grün gewesen sein, da Störche den Winzling mit einem Frosch verwechseln konnten. Auch rot war als Farbe nicht optimal, zu groß die Ähnlichkeit mit einem Briefkasten. Sonst aber ein super Auto, allein schon weil es keinen Parkplatz benötigte. Man konnte es sich einfach unter den Arm klemmen. Gewaschen wurde er in der Badewanne. Und wie wurden die Reifen aufgepumpt? Durch kurzes Hineinniesen!

Vor der Ausreise nach Deutschland kauft Olas Mutter MickyMaus-Jogginganzüge für die Kinder, die in ihrer phantastischen Pastellfarbigkeit selbst für die Sonntagsmesse zu schade sind. Erworben hat sie die Anzüge im „Pewex“, dem einzigen Ort, wo westliche Sachen verkauft werden dürfen – aber nur an die, die in Besitz von „Grünen“ sind (Dollars), also Touristen und alle, die sich als solche ausgeben. Die Pewex-Läden sind kleine bunte Bonbonschachteln im Grau der kommunistischen Städte. Hier gibt es westliche Zigaretten, Coca-Cola in Dosen, westliche Alkoholika, Milka-Schokolade, Haribo Goldbären, Lego und waschechte Barbies mit knickbaren Beinen. Frauen, die was auf sich halten, tragen die Pewex-Plastiktüte mit dem Schmetterling-Logo wie eine Tasche von Luis Vuitton. Aber zurück zu den pastellfarbenen Jogginganzügen. Woher die Vorstellung, dass dies die Kleidung ist, die man als Kind im Westen trägt? Die Antwort gibt ein italienischer Kinderchor namens „Piccolo Coro dell’Antoniano“, der zwischen 1987 und 1989 zahlreiche Auftritte im polnischen Fernsehen hatte – manchmal in pastellfarbenen Jogginganzügen. Im angehängten Video tragen die Kinder leider nur bunte Sweatshirts, dafür ist der Song repräsentativ für Schmackes und Lebensfreude, mit denen sie sich in die Herzen von Groß und Klein trällerten.

In der nächsten Folge: Klo-Hexen, Grenzerfahrungen, und Städte, die “Ausfahrt” heißen!

BETREUTES LESEN (5) – “Der silberne Stern”

2 Aug

Im fünften Kapitel weihnachtet es sehr. “Seit dem frühen Morgen drangen die herrlichsten Düfte aus der Küche und zogen verheißungsvoll durch alle Räume des Hauses. Es roch nach geschmorten Pilzen, nach Nüssen, getrockneten Pflaumen, nach Kokosflocken und geriebenem Mohn.” Was an keiner Stelle erwähnt wird, sind die “opłatki” genannten  Oblaten, die fester Bestandteil des polnischen Weihnachtsmahls sind. Kaufen kann man das geweihte Esspapier mit imprägnierten Niederkunftsmotiven in der Kirche, auch in Deutschland werden sie im Rahmen polnischer Messen feilgeboten. Wir erhalten bis heute unsere Oblaten von Oma mit der Post, in einer aufklappbaren Weihnachtskarte. Die Oblaten werden vor dem Essen gebrochen und mit der ganzen Familie geteilt. Aus dem geriebenem Mohn werden übrigens “Makówki” hergestellt, ein schlesisches Mohngericht mit in Milch eingeweichtem Zwieback, das es ausschließlich zu Weihnachten gibt. Und der Karpfen ist am 24. Dezember absolutes Muss. Man kauft ihn lebend und lässt ihn in der Badewanne schwimmen, bevor man ihm den Kopf abhackt. >:-(

Das folgende Foto aus meinem Privatarchiv dokumentiert eine typische Bescherung bei Leuten, die Kontakte zum Westen haben. Unter dem Weihnachtsbaum sieht es aus, als hätte jemand nen Einkaufswagen ausgekippt. Zu erkennen sind: Haribo Erdbeeren, Puddingtütchen, Backmischungen mit Orangeat und Zitronat, Bohnenkaffee, eine Dose Mandarinen, Nussschokolade… Wie man sieht, galten westliche Lebensmittel als vollwertige Geschenke, und die kleine Ola hinter dem anonymisierenden Puppenkopf schaut nicht minder ehrfürchtig in die Kamera. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit kamen die Pakete aus Deutschland an. In den meisten Fällen waren sie bereits von Zollbeamten geplündert worden, deren Kinder schließlich auch naschen wollten. Deshalb war es nicht selten, dass im Paket nur noch Rosinen, Kokos und Mandeln übrig waren, die HARIBO-Tüten, von denen im beigefügten Brief die Rede war, suchte man dazwischen vergebens.

 

In “Der silberne Stern” gelingt es Onkel Marek, Oma Greta mit einem Körbchen voll westlicher Kosmetik zu erweichen. Es darf vermutet werden, dass mindestens  Fa-Seife dabei war, denn das wellenförmig geformte Stück “Luxuskosmetik” war in Polen heiß begehrt und zum Händewaschen viel zu schade.
 Stattdessen legte man es in die Wäscheschublade. So konnte es als Alternative zu Motten-Kugeln für  träumerisch stimmenden Unterhosengeruch sorgen. Joanna Bator beschreibt in ihren grandiosen Roman Sandberg auch die Kulturpraxis, leere Kosmetikbehältnisse quasi-museal auf der Badewanne auszustellen.Übrigens war ein Duft besonders beliebt bei Shampoos, Seifen, Badeölen & Co: Grüner Apfel.

Für die Männer gab es weder Backzutaten noch Kosmetik unterm Weihnachtsbaum, sondern Technik! Olas Vater bekommt einen wahrlich faszinierenden Gegenstand von Onkel Marek geschenkt: Eine digitale Armbanduhr mit eingebautem Taschenrechner! Was Technik betrifft, war Polen bei weitem nicht so rückständig, wie man sich das aufgrund von “Deutsche Welle Polen” immer vorstellt. Zwar gab es in den Achtzigern in vielen Haushalten noch Schwarzweißfernseher, aber nicht, weil es keine “in Farbä und bunt” gegeben hätte, sondern weil man es sich schlicht nicht leisten konnte. Dass es nur zwei Programme gab, ist eine andere Sache, die allerdings auch nicht zu Fehlschlüssen verleiten sollte. Das Programm war geprägt von Kunst und Kultur, eine Art osteuropäisches, von politischer Propaganda erstaunlich unverseuchtes arte. Wir besaßen auch einen Atari und einen C64, einen Drucker und einen Videorekorder (Papa was a Rolling Nerd).  Diese Dinge gab es in Polen – mit etwas Geschick und den richtigen Kontakten – durchaus zu kaufen.

In der nächsten Folge: Abenteuer Wirtschaftskrise, Suppe aus gemahlenem Roggenschrot, alles über den Fiat 126p und MickyMaus-Jogginganzüge! 

 

 

BETREUTES LESEN (4) – “Aufbruch”

31 Jul

Polen rühmt sich seines „goldenen Herbstes“ wie New England seines „Indian Summer“. Der Wald steht in flammenden Farben, als Ola im vierten Kapitel beschließt, ein Wanderbündel zu schnüren und sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen „BeErDe“ zu machen. Der polnische Herbst gehört zu den wenigen Dingen, die mir in Deutschland wahrhaftig fehlen; dass die gefallenen Blätter bunt sind, und nicht bloß gelb, dass sie nicht gleich unter der Sohle zerbröseln, sondern aufgelesen und liebkost werden wollen. Die Buntheit der Landschaft rührt daher, dass es in Polen überwiegend Mischwälder gibt, keine Monokulturen. Man hat also Laub- und Nadelgewächse auf einem Haufen und kann sich am bunten Zusammenspiel der Vielfalt erfreuen. Birken, die als Nationalbaum der Polen gelten (wie in Deutschland die Eiche) verstärken durch ihre leuchtend weiße Borke den Glanz der herbstlichen Landschaft. Häufiger als in Deutschland ist auch der Anblick von Vogelbeerbäumen. Früher haben wir uns Ketten und Armbänder daraus gebastelt, indem wir mit einer Nadel einen Faden durch die getrockneten Beeren zogen. Natürlich war es auch Tradition, Kastanien- und Eichelmännchen zu bauen.

Ola wird von einem Polizisten aufgehalten. Die polnische Bezeichnung für diesen Beruf war nicht „policjant“, sondern „milicjant“. Ich habe dennoch den Ausdruck „Polizei“ gebraucht, da man sich hier unter „Miliz“ etwas anderes vorstellt als einen kugelrunden Torfkopf, der aufpasst, dass Kinder nicht die Schule schwänzen. Der Polizist war in den sozialistischen Jahrzehnten eine beliebte Zielscheibe für Spott und Hohn. Es gibt unzählige Witze, die sich auf Inkompetenz und Dummheit der Gesetzeshüter beziehen. In der Kult-Komödie „Miś” (Bärchen) von 1981 wird die Absurdität ihres Waltens vorgeführt. In der ersten Szene stellt eine Gruppe von Polizisten mitten in der Pampa Fassaden auf. Sie simulieren „bebautes Gebiet“, um von den Durchfahrenden Gebühren kassieren zu können. Die ersten zwei Minuten des beigefügten Clips zeigen, wie mit der Skepsis der Passierenden umgegangen wird. Das ist natürlich eine Satire, aber eine so treffende, dass der Film fast verboten wurde.  Ich habe deutsche Untertitel angeschraubt.

Oma Greta besitzt ein kleines, flaches Döschen, das eine stark riechende Salbe beinhaltet. Weltweit ist dieses chinesische Produkt unter dem Namen “tiger balm” bekannt. Die knallrote Salbendose erfreute sich einer ungeheuren Beliebtheit. Das lag mitunter an der Exotik des Produkts, das “Made in China” war. In meiner Kindheit habe ich gelernt, dass “Made in China” für Hochwertiges steht. Kinderaugen glänzten, wenn die Mama “chińskie kredki” (Buntstifte) ergattert hatte. Vorne drauf ein wunderbares Mädchengesicht im Mangastil, schrille Buntheit aus einer anderen Welt, wo die Buchstaben selbst wie kleine Zeichnungen aussahen. “Chińksie gumki” waren die Radiergummis, die so gut rochen, dass jeder wusste, wie sie schmeckten. Und “chińskie sukienki” waren Kleider, die mit Silberfäden bestickt waren und zauberhaft geraffte Puffärmelchen hatten, die in der Sonntagsmesse wie pastellfarbene Wölkchen schwebten. “Made in China” war “Made in Heaven”.

Made in Plattenbausiedlung waren polnische Mischlingswelpen, Nachkommen der Strolche und Schrebergärtensusis. Immer wieder verkündeten Freundinnen, sie hätten “Hündchen zu verschenken”. Auch ich hatte einen solchen Hund bekommen. Wie 50% aller Kinderhunde hieß meiner “Nuka”, die andere Hälfte hieß “Dżeki”. Dżeki und Nuka waren zwei Bären aus der japanischen Anime-Serie, die auf Deutsch unter dem Namen “Jackie und Jill – Die Bärenkinder vom Berg Tarak” bekannt ist. Wie lebte es sich als Hund in Polen? Ich mag gar nicht darüber schreiben. Auf dem Lande war es eigentlich unüblich, Hunde als Kuscheltiere zu betrachten. Einen Hund ließ man nicht ins Haus. Er wurde draußen in einem Zwinger angekettet, man fütterte ihn mit Resten vom menschlichen Mahl und sein Job bestand darin, Haus und Hof zu bewachen. Wer immer wann immer am Zaun vorbeiging (oder fuhr), wurde wild von schnappenden Kiefern angekläfft, die mit den Ketten rasselten und am Gitter rüttelten. Es war schrecklich.

 

In der nächsten Folge:  Esspapier mit dem Antlitz Mariä, Karpfen in der Badewanne, Mercedes-Wahn und Digitalarmbanduhren mit eingebautem Taschenrechner!

 

BETREUTES LESEN (3) – “Der Schatz in der Vitrine”

27 Jul

Hello Kittens! Heute geht es um merkwürdige Sachen aus einem Kapitel, das Lesefaule sich als Hörspiel aus der roser Soundcloud laden können. Wer es noch nicht kennt, sollte unbedingt kucken!

Unsere erste Station ist die Plattenbausiedlung. Wir schreiben das Jahr 1988  in den Dreck. Während Kinder, deren Familie ein Haus besitzt, mit einer Baumschaukel und einem eigenen Sandhaufen gesegnet sind, müssen Hochhauskinder sich mit einer Teppichklopfstange zufrieden geben. Dieses Gestell gibt es an mehreren Stellen der Siedlung. Selten sieht man eine Latschen-Matrone wahrhaftig einen Teppich drauf schlagen. Die Teppichstange gehört tagsüber den Kindern, abends den Jugendlichen. Man kann sich dran lehnen, während man auf seine Verabredung wartet. Man kann darauf sitzen, daran hochklettern, runterhängen vom oberen oder mittleren Rohr, sich überschlagen, wie ein Äffchen hangeln und herumschaukeln. Wer auf der Teppichstange hockt, dem gehört nicht nur dieses Stück glatzig verbrannten Rasens, sein ist das ganze Königreich aus schmutzig-pastellfarben bröckelndem Beton. Hinter uns in der Ferne, unter dem Gewicht der glühend herabstürzenden Sonne, Stoppelfelder, aus denen purpurne Disteln ragen. Sehnsucht zerreißt mich noch heute, denke ich an die staubtrockene Romantik ästhetischer Einheitlichkeit, die von Werbeplakaten und weltlichem Müll unverdorbene Urbanität, inmitten derer Kinder mit nichts als Träumen von Cola-Dosen im Kopf von Teppichstangen baumelten. (Cola-Dosen gibt es in Polen mittlerweile an jeder Ecke, aber die Teppichstangen haben ihre Beliebtheit bei den Kindern nicht verloren!)

Wer zum ersten Mal mit dem Auto nach Polen reinfährt, wundert sich vielleicht über die Häufigkeit der Werbeschilder, auf denen „MEBLE“ steht: Möbel. Ich weiß nicht, warum es in Polen so viele Möbelherstellungsbetriebe gibt. Wenn mir diese Frage jemand beantworten kann, der tue dies umgehend! In Zeiten der „polnischen Volksrepublik“ waren Möbel jedenfalls Mangelware. In den härtesten Phasen der Wirtschaftskrise, als man für alles mehrere Stunden anstehen musste, ohne Garantie, überhaupt etwas zu bekommen, war der Ausdruck „Sie haben (Produkt x) geworfen“ üblich. Es bedeutete, dass eine Warenlieferung eingetroffen war. Manchmal war es Klopapier, ein anderes Mal Strampelhöschen, und manches, das „geworfen“ wurde, war eigentlich zu schwer, um es zu werfen. Schrankwände zum Beispiel. Als eines Tages Schrankwände geworfen worden waren, machten meine Eltern sich sofort auf den Weg.  Der Kauf lief so ab: Die Verkäuferin zeigte meinen Eltern die in Packpapier gewickelten Möbel. Als sie drängten, mehr sehen zu dürfen, riss sie ein Stück vom Papier ein. Fünf Zentimeter lackierter Spanplatte mit Maserung wurden sichtbar. „Nehmen wir!“, riefen meine Eltern im Glück ihrer Anspannung, denn die Schrankwand gehörte zu den Dingen, auf die sie schon seit Jahren „warteten“. Die Schrankwand, damals Teil jedes Wohnzimmers, heißt auf Polnisch „meblościanka“ (wörtlich übersetzt etwa „Möbel-o-Wändchen“) und gehört heute zu jeder polnischen Ostalgie-Party dazu wie ein ausgestopfter Vogel. Die Schrankwände unterschieden sich kaum voneinander. Allen gemeinsam war ein sogenannter „barek“, eine Bar zum Herausklappen. Das Zentrum der Aufmerksamkeit und der allgemeinen Verzückung war aber die Glasvitrine.

Hier stellte man alles aus, was man an Schätzen besaß: Behältnisse aus Kristall, bulgarische Holzflakons, polnische Folklore in Form kunstvoll geritzter Ostereier. Doch nichts war so wertvoll wie die Status-Symbole aus dem Westen: leere Getränkedosen und Schokoladennikoläuse. Nahezu jeder sammelte Dosen.  Zwar gab es in Polen Cola, aber in Glasflaschen und so teuer, dass so ein kleines Fläschchen für die ganze Familie reichen musste. Wenn man schon echte Cola trank, dann nicht um den Durst zu stillen, sondern „für den Geschmack“. Cola in Dosen („Lux!“) gab es sowieso nur im Touristenladen „Pewex“, für Dollars, und unbezahlbar. Im ganzen Land gab es keine Getränke in Dosen, deswegen waren sie als Sammelgegenstände auch so begehrt. In Alben hingegen sammelte man Müll: Verpackungen von Milka-Schokolade, CapriSonne-Tütchen, Wickelpapier von Maoam. Als mein Onkel uns aus Deutschland Leckereien mitbrachte, habe ich instinktiv alles “Wertvolle” ausgeschnitten: Die Orange vom Aldi-Trinkpäckchen, den Bären von der Haribo-Tüte. Diese wundersamen “Bildchen” wurden dann in einem dicken Buch gepresst. Instinktiv, weil ich im Kinderalter noch  nicht wusste, dass Andere es genauso machten.

Mindestens so berühmt wie das zerkratzte Antlitz der Mutter Gottes von Tschenstochau ist in Polen die marienförmige Weihwasserflasche aus Lourdes. Ihre abgefahrene Krone ist ein Schraubverschluss. Auch sie stand in mancher Vitrine und gehörte zu den aufregendsten Devotionalien, denen ich vor Besuchen bei meiner anderen Oma entgegenfieberte. Mein Traum war, daraus Limonade, Tee oder Milch zu trinken. Nachdem ich den unfrommen Wunsch geäußert hatte, durfte ich nicht einmal mehr mit ihr spielen. Zum Trost hing über der Tür des Betzimmers, in dem ich schlief, ein Jesus, der im Dunkeln leuchtete; eine fluoreszierende Steinschleuder als Betthupferl. Brrrrr.

So unerreichbar wie die Muttergottes waren auch Südfrüchte. In beiden Fällen war die Plastikversion ein Trost. In vielen Haushalten stand auf dem Wohnzimmertisch ein reichlich mit Obst aus Plastik gefülltes Körbchen.  Ich erinnere mich an den Obstkorb einer Großtante, aus dem ich mir bei jedem Besuch etwas aussuchen und zum Spielen ausleihen konnte. Die Banane bedeutete mir nichts. Ich verliebte mich unsterblich in eine gelbe Traube, die, von fettigen Kinderfingern bearbeitet, wie eine echte Frucht glänzen konnte. Ich wollte sie nicht mehr hergeben und versteckte sie unterm Bett, behauptend, sie wäre unauffindbar und ich könne sie nicht zurückgeben. Leider fand Oma Greta (“halb Mensch, halb Besen”) die Traube sehr bald. Die Großtante ließ mich nur noch mit ihren Schuhlöffeln spielen.

 

In der nächsten Folge: Reisen ins “Rajch”, Modemarke “Made in China” und kettenrasselnde Killer-Köter!