Wonne in der Wanne? Mein Leben als Badespass-Bremse

„Wonne in der Wanne“ stand auf einer Häuserwand, an der mein Schulbus jeden Tag vorbei musste. Unter dem flotten Spruch ein Cartoon: Mit heraushüpfenden Brüsten schwingt sich eine Wuchtbrumme zu ihrem Gatten in den Zuber. Die Fünft- und Sechstklässler pissten jedes Mal Gurkenwasser vor Gekicher, wenn der Bus hier an der roter Ampel hielt.

Wonne in der Wanne? Dass Menschen nicht nur zu Reinigungszwecken baden, war zeitlebens ein Mysterium für mich. Es begegnete mir erstmals in Form einer Barbie-Wanne, aus der auf Knopfdruck  Seifenblasen kamen. Mit diesem Spaß-Mechanismus war es Barbie gelungen, mich von ihrer hohen sozialen Stellung zu überzeugen. Wo sonst wurde das Baden derart zelebriert? Ich kannte solche Ausschweifungen nur von Bildern in Märchenbüchern; eine Wanne auf Löwenpfötchen, aus der es rosa-opulent herausschäumt. Es nähert sich staksend der wohlgenährte König, um mit seinem dicken Zeh die Badetemperatur zu prüfen. Quel décadence!

Ich dagegen komme aus eher bescheidenen Verhältnissen, was mir wieder einfiel, als ich die „Niederungen“ von Herta Müller las. Darin beschreibt sie, wie die Mitglieder einer Familie am Badetag nacheinander in die Wanne steigen, um sich „die grauen Nudeln“ vom Körper zu reiben. Die Wanne bekommt erst einen gelben, dann einen braunen, schließlich einen schwarzen Rand, bis jeder seine Nudeln losgeworden ist. Erst dann wird die undurchsichtige Suppe zum Abfluss freigegeben.

Die Dusche als solche lernte ich erst in Deutschland kennen. Es war nicht sofort klar, warum ausgerechnet das Duschen Wasser sparen sollte. Es fühlte sich verschwenderisch an, wenn man nicht gerade zu fünft in der Kabine stand. Neu war auch Duschgel, etwa „Duschdas“, das Dusch-Ass. >:-(

Als Teenager, der am Kapitalismus teilnehmen wollte, bekam ich schnell mit, dass „Baden“ hierzulande ein DING war. Der Soziologe würde sagen: eine Praxis. Wie Grillen, Sauna und Tennis-Klavier. Ein Spiel mit eigenen Regeln. Man musste wissen, wie es geht. Ganze Drogeriemarkt-Abteilungen widmeten sich daher der Kunst des Badens. Neben Luffa-Gurken, toten Schwämmen und Peeling-Handschuhen gab es dicke Süßigkeitengläser mit Badeperlen in allen Farben und Formen, die in den 90ern ein beliebtes Geschenk für trendbewusste Mädchen waren. Da ich nicht zu dieser Spezies gehörte, musste ich mich selbst drum kümmern.

Mein erster Erwerb eines Badezusatzes war eine Enttäuschung. Es handelte sich um eine Badetablette von Kneipp, die mir große „Sprudelbad“-Versprechungen machte und sich dann doch nur als riesige Brausetablette entpuppte. Mit dem Unterschied, dass ich mir den dicken Puck nicht wie eine klassische Vitamin-Brausetablette auf die Zunge legen konnte. So saß ich also bitter in der Wanne, sah der Tablette beim Sichauflösen zu und bedauerte zutiefst, für so etwas Lahmes Geld ausgegeben zu haben.

Nebenbei stellte ich fest, dass Baden scheiße langweilig war. Und dabei habe ich echt viel ausprobiert. Baden mit Musik. Baden in the Dark, bei Disco-Beleuchtung und im Kerzenmeer. Baden mit Snacks. Mit Elektrogeräten. In Anwesenheit eines Haustiers. Nichts gab mir den Kick. Ich hielt es in der Wanne nie lange aus. Warum taten es bloß alle – und dann auch noch mit dem zeremoniellen Ernst, den man in der Fernsehwerbung sah?

Erst später habe ich mir bewusst gemacht, dass „genüsslich“ Badende eigentlich immer Frauen waren. Nun hatte ich einen Grund mehr, an meiner Weiblichkeit zu zweifeln. Die Badewanne wurde mir mit den Jahren zum Symbol für „Weiberscheiße“, mit der ich nicht in Verbindung gebracht werden wollte, wie das lustvoll-verschämt ausgelöffelte Nutella-Glas oder die vor der Wohnungstür ausgestellten 101 Paar Schuhe. Und so war es mir mehr als Recht, dass mir in meiner gesamten zweiten Lebensdekade keinerlei Badewannen zur Verfügung standen.

Menschen besuchten mich zwar, brachten Mitleid für mein winziges Bad mit, für die karge „Nass-Zelle“ ohne den Wohlfühlfaktor, dessen sich weibliche Badezimmer zu rühmen haben. Ich jedoch vermisste gar nichts, solange ich hin und wieder eine Spinne die Wasserrutsche runterspülen konnte. In Phasen großer Lethargie motivierte mich ein Entchen, das bei Temperaturwechsel die Farbe änderte, meinen lebensmüden Körper abzubrausen. Sich einfach in die Wanne legen, das wäre auch zu einfach gewesen…

Der Übergang in ein geregeltes Leben ging mit dem Auftauchen einer Badewanne einher. Nicht, dass ich darum gebeten hätte. Sie war in der neuen Wohnung mit drin. Und ich fand, ich war erwachsen genug, sie für mich zu reclaimen. Ich konnte schließlich längst selbst entscheiden, wie lange ich mit abgeschaltetem Hirn in der Sonne brutzeln oder eben in der Wanne aufquellen wollte.

Natürlich musste ich dafür alles ausprobieren, was der Markt hergab. Ich begann mit einem Zwei-Phasen-Bad. Die „Technologie“ der Bade-Globuli versprach ein unvergleichliches Farbschauspiel. Das Wasser sollte sich erst rosa, dann nach einer Weile lila färben. Der Trick war, dass die Hälfte der Globuli etwas länger brauchten, um sich im Wasser aufzulösen. Doch bevor ihre Zeit gekommen war, bohrte sich der Schotter einfach in meine Schenkel. Ein unvergleichliches Bade-Erlebnis fürwahr!

Zum Glück gab es Alternativen, z.B. Bade-Öle in kleinen Fläschchen, die epische Namen trugen (Mondenkind orientalischer Nächte, Passion im Mohnfeld, etc.), die sie aber auch dringend nötig hatten, weil ihre Farbigkeit eher an Wannen-Suizid oder Baby-Pisse denken ließ.

Ergebnis meiner monatelangen Experimente: Ich halte Baden als gescriptetes Ritual nach wie vor für kompletten Blödsinn. Außerdem frage ich mich, wie man darauf kommt, ausgerechnet ein Buch mit in die Wanne zu nehmen. Liest man das dann ernsthaft oder ist es nur das aufregende Gefühl, mit den welligen Fingerkuppen die Seiten nass zu machen? Oder tut man es, um sich vorzukommen wie ein Mensch, der in der Wanne ein Buch liest?

Ich gebe zu, dass ich nach einer Weile doch Gefallen am Baden gefunden habe. Mindestens einmal in der Woche lege ich mich mit Salzen verschiedener Geschmacksrichtungen in den Sud. Ich quelle auf und schwelle an, bis ich wie diese grotesken Babypuppen aus den 80ern aussehe. Krank! Für den zusätzlichen Kick sorgt ein e-Reader, den ich ohne Wasserschutzhülle benutze. Ich weiß zwar immer noch nicht, wie man „herrlich entspannt“, aber bei Muskelkater hilft’s. Bemerkenswert finde ich noch, dass Lifestyle-Baden nicht sauber macht. Jedenfalls klebe und rieche ich „wie ein französischer Puff“, wenn ich nach dem Bad nicht ordentlich dusche.

 

 

Von meiner Badewanne gesendet.

6 Kommentare


  1. // Antworten

    Selten noch findet man Texte in Blogs, die vor allem eins sind: wahr. Hinzufügen möchte ich, daß, wie es mir zwei-, dreimal im Leben passiert ist, sich die Absurdität noch steigern läßt. Wenn man als Mann nicht nur zum Lebens-, sondern auch zum Badegefährten einer solchen Badespaßbeseelten gelockt werden soll. Mit Glück hat man dann irgendwo ein Auto, bei Reifendruck und Batterie kontrolliert werden müssen, sozusagen als Sozialfluchtfahrzeug bereitstehen.


  2. // Antworten

    Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass man durch Baden ganz hervorragend die Papiersorten von Büchern testen kann. Manche wellen automatisch durch die feuchten Dämpfe, anderen ist es absolut gleichgültig. Man kann außerdem die mögliche Badezeit fast auf unendlich herauszögern, indem man einfach Hände und Füße möglichst lange aus dem Wasser heraushält (geht gut mit dem Lesen zusammen).



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